Vor 12 oder 13 Jahren stand ich mit vielen anderen Menschen auf dem Jahnplatz von Bielefeld. „One Billion Rising“ hat uns dort zusammengebracht. Eine performative Aktion gegen geschlechtsspezifische Gewalt. „Wir tanzen und irgendwie macht der Tanz, dass es aufhört?“ Diese Frage bewegend, entdeckte ich in der Menge meine frühere Therapeutin aus der Klinik. Ich sagte so etwas wie „Sie hier“, ohne ein Satzzeichen dranzuheften und sie sagte: „Ja, also das musste jetzt sein!“, bevor uns wieder trennten.
Diese Therapeutin habe ich nie unpolitisch erlebt. Nie unsolidarisch oder Gewalt verharmlosend. Aber als möglicherweise selbst auch Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt und definitiv auch von patriarchaler Machtausübung betroffen, habe ich sie erst in dem Moment verstanden. Allein ihre physische Präsenz bei dieser Veranstaltung, ihr Mitmachen, ihre offensichtliche Unterstützung dieser Aktion, hat meiner Politisierung eine Tiefe gegeben, die vorher noch nicht da war.
Ich konnte aufhören anzunehmen, dass Protest und Beiträge zu politischer Arbeit für Opferschutz und gegen Gewalt möglichst wenig mit mir selbst zu tun haben müssen, um legitim zu sein. Ich konnte an immer mehr Stellen erkennen, dass Opferschutz, Kinderschutz, Frauenschutz – damals meine gesamte politische Bubble gegen sexualisierte Gewalt – von Stellvertreterinnen(*) dominiert war. Frauen, die ihre Betroffenheit nie benannten, nicht einmal unter Mitstreitenden. Oftmals auch Frauen, die innerhalb ihrer Gruppe ganz offensichtlich die Anführerin waren. „Bienenköniginnen“ sozusagen. Sie machen Piep und die ganze Gruppe sagt ihr, wie toll sie Piep gemacht hat und dass die Welt ganz dringend noch viel mehr von ihrem Piep hören soll und ob sie das nicht für sie organisieren sollen. Es geht ja schließlich alle an. Ist ja wichtig für alle. Und nur anständig. Solidarisch. Wir sind immerhin viele und als solche hat man ja wohl eigentlich den richtigeren Anspruch auf die Macht, die Täter_innen missbrauchen.
Mir wurde durch #aufschrei und dadurch angestoßene Debatten bei Twitter und in Blogs klar, dass ich diese Art Gruppen meiden muss. Allein schon, weil das feministische Piep solcher Frauen häufig von Untertönen begleitet ist, die Gewalt legitimieren. Etwa Transfeindlichkeit, Behindertenfeindlichkeit, Rassismus, Ableismus, Verschwörungsglaube – oder schlicht die Annahme, aufgrund einer selbst erschaffenen Reputation unantastbar für Kritik jeder Art zu sein.
Ich hatte gerade verstanden, dass ich ein eigenständiges Individuum bin. Dass ich mich nicht besitzen lassen muss, um sicher zu sein. Dass ich meine Stellvertretung selbst wählen und, wenn ich keine finde, Wege finden muss, wie ich selbst für mich einstehen kann.
Dazu brauchte ich keine flammende Rede einer Bienenkönigin, sondern ein soziales Umfeld, in dem meine Individualität adressiert und reflektiert wurde. Man mich danach gefragt hat, was ich denke. Man auf das reagiert hat, was ich geäußert habe. Mit mir diskutiert hat, um ein Thema zu bewegen, statt es festzuschreiben. Und zwar nicht, weil ich eine Perspektive als Opfer einbringen kann und auch nicht obwohl, sondern, weil Opferschaft existiert und jede Perspektive auf Gewalt und ihre Folgen beeinflusst. Sei es, weil viele Menschen bereits zu Opfern wurden oder sei es, weil Opferschaft ein nachteiliger, unangenehmer, belastender Zustand ist, der allgemein und völlig zu Recht gefürchtet bzw. gemieden wird.
Warum schreibe ich das auf?
– Weil ich ein bisschen Bewusstsein dafür wecken möchte, dass Demos gegen Gewalt kein Selbstzweck sind, sondern auch Teil des Problems sein können.
Seit Kurzem sind die Epstein-Akten öffentlich. Seit dem Prozess, den Gisele Pelicot öffentlich hat stattfinden lassen, gibt es immer mehr Berichte über ähnliche Fälle. Wir lesen von organisierter Gewalt übers Internet. Wenn der Insta-Algorithmus kickt, dann werden wir geflutet von Fakezahlen und irreführenden Darstellungen über verschwundene Kinder, ermordete Frauen und dass niemand etwas dagegen tut.
Es ist so leicht wie nie zuvor, anzunehmen, dass es Gruppen (Eliten) gibt, vor denen gewarnt werden muss. Dass es nötig ist, allzeit bereit für Widerstand und kraftvolles Auftreten gegen oppositionelle Kräfte zu sein.
Dieser Kraftschwung, dieses Gefühl von „Jetzt aber“ – „Ja, also das musste jetzt sein!“, ist so wohltuend in einer Zeit, die von Druck und Ohnmachtsgefühlen voll ist.
Aber.
Es ist immer sinnvoll, nochmal zu prüfen, wofür die Energie, die man in eine Demo, eine Aktion, eine Kampagne, eine Gruppe steckt, genutzt wird.
Was außer der Erinnerung an einen emotionalen Rausch und ein außerordentliches Zusammengehörigkeitsgefühl wird übrig bleiben?
Können (politische, soziale, ökonomische) Forderungen konstruktiv adressiert werden? (Ist jemand anwesend, die_r qua Amt und Würden verantwortlich ist?)
Wer unterstützt die Sache und womit? Sind das Organisationen oder Vereine, die schon länger im Thema aktiv sind und tatsächlich etwas einbringen (Material für Plakate, Texte, Orga, Shuttle für Leute, die nicht mit Öffis kommen können etc.) oder sind es Bienenköniginnen bzw. Machmacker und Influencer_innen, die bisher eher unpolitisch aufgetreten sind, deren Anwesenheit oder Redebeitrag die Aktion „unterstützen“/„stärken“ soll? Sind diese Personen tatsächlich ansprechbar und Teil der Gruppe oder steht nur ihr Name dran?
Gestern gab es in Berlin eine Demo „gegen Kindesmissbrauch“. Kann aber auch was „gegen die Epstein-Files“ gewesen sein oder für Gerechtigkeit für Opfer. Oder gegen Merz. In meiner Bubble machte vorwiegend die Runde, dass es eine Demo sei, damit Opfer gehört werden, weshalb sich Opfer zusammengeschlossen hätten und dann da sprächen.
Schon diese Gemengelage der Interessen muss abschrecken. Da muss allen klar sein: Wenn ich da auftauche und spreche, steht zwei Meter weiter der Schwurbel, der meine Opferschaft ausnutzt für den eigenen Punkt. Egal, mit wie vielen anderen Opfern ich da stehe. Egal wie berechtigt mein Punkt ist. Egal, wie politisch sinnig überhaupt ist, sich vor ein Regierungsgebäude zu stellen und auszusprechen, was man jederzeit und überall aussprechen kann.
Demos sind performative Akte. Durch das Zusammenkommen vieler Menschen entsteht eine Bühne, auf der (politische) Meinungen und Forderungen dargestellt werden können. Das macht sie so stark und schwach zugleich.
Denn natürlich sind die Bilder, die durch eine Masse entstehen, beeindruckend. Bestimmte Themen werden dadurch sichtbar. Bestimmte Interessen. Aber mehr als Bilder werden sie nur durch Diskurs. Durch die Antworten von Verantwortlichen. Durchs Bewegen des Themas, durch Reflexion und stetige Wiederaufnahme aller Punkte im Alltag. Da, wo sie tatsächlich gebraucht werden, um zum Beispiel Kinder und Opfer und Frauen und alle zu schützen.
Soweit ich das überblicken kann, gab es keinen Diskurs nach dieser Demo. Es gibt einige Handyvideos und einen komplett erwartbaren Fokus auf Herrn Naidoo.
„Blöd gelaufen“, so dachte ich damals auf dem Jahnplatz, weil ich den Tanz nicht konnte. Heute denke ich, dass ich richtig blöde überhaupt dahin gelaufen bin. Ich hatte mich nur von meinem Wunsch leiten lassen, nicht allein zu sein. Ich wollte meine Opferschaft sichtbar machen, weil ich den Eindruck hatte, dass über sexualisierte Gewalt nie opferinklusiv gesprochen wurde. Ich wollte irgendwie, irgendwo abbilden, dass Opferschaft verkörpert und Teil einer aktiven Masse ist, die Willen und Kraft hat.
Ich habe nicht einen Moment darüber nachgedacht, dass mein Körper und was ihm passiert ist, erneut ausgenutzt werden könnte. Für Scheiß, gegen den ich genau da stehe.
Mir hat damals niemand gesagt, worauf ich achten könnte, um mich zu schützen. Heute sage ich es hier.