drei Nummern größer oder alte Kontakte neu erleben

Vor ein paar Tagen schrieb ich es in einer Email: “Das sind die Tücken von Krisen: Man kann daraus auch so groß wieder herauskommen, dass man ein neues Paar Schuhe braucht haha “

Wir haben im Zuge des “den hyperaktiven Kraken machens” Kontakt aufgenohmmen zu Menschen die uns früher ein Stück weit begleiteten auf verschiedene Arten.

Und wieder einmal habe ich in verschiedene Fenster blicken können. Es gibt Menschen mit denen wir damals viel Zeit verbrachten und die absolut erschüttert über unser jetziges Leben sind. Und es gibt Menschen, mit denen ich weniger eng oder intensiv oder bei denen wir weniger Nähe zulassen konnten, die uns nun in Gänze sehen- die jeden Schritt- jeden gewachsenen Zentimeter an uns zu schätzen und zu würdigen verstehen.

Was für eine Erfahrung!

Zum Einen fühle ich mich bzw die Innenkinder-Jugendliche darin bestätigt, dass anscheinend wirklich nicht jeder unsere Not und unser Elend wahrnahm- aber zusätzlich kommt auch mehr Verständnis dafür auf, warum nicht. Was es natürlich nicht besser macht- aber es wird greifbarer und erklärbar. Echter. Es gibt uns mehr in die Hand, um jenen Innenkindern und Jugendlichen eine Art Trost zu reichen, der ihnen vielleicht beim (Nach)Wachsen hilft.

Da war zum Beispiel eine Musiklehrerin. Jemand von uns hat bei ihr Klavier gespielt und eine kleine Insel im Alltag gehabt. Dieses Jemand hatte kein Wissen von unserem Doppel-Dreifach-Vierfach- multidimensionalen Pseudoleben. Ob dieses Jemand viel mehr gesehen hat, als die “Musikwelt” in der wir aktiv waren, ist bis heute unklar. Was hätte das Jemand also der Lehrerin vermitteln können? Gequetschte Finger, Brandblasen, entzündete Nägel, später dann Wunden in Handgelenknähe- das war alles Unvorsichtigkeit eines Mädchens das halt wild ist und die Klavierstunden als Ausgleich und Konzentrationstraining braucht. Die Eltern dankens ja.

Wir sind heute ein bisschen traurig. Und enttäuscht. Vielleicht gekränkt, nicht genug wahrgenohmmen worden zu sein. Aber mal wieder auch sehr verständnisvoll. (Mensch-ehrlich wir müssen uns das abgewöhnen- so kommt man nie dazu auch der Wut Raum zu geben.)

Ich habe mit der Lehrerin gesprochen. “Wie du arbeitest nicht? Du hast doch soviel Potenzial! Was ist aus deiner musikalischen Ausbildung geworden? Du bist so begabt! Ich habe gern deine Kompositionen gehört! Wofür hast du das aufgegeben? Was ist passiert?!”.

Einen (ganz flachen) Austausch (“Ich bin erkrankt und das hatte mich aus der Bahn geworfen”) später ist klar, warum auch dieser Mensch für uns nie Rettung hätte sein können. Es fehlt das Wissen darum, dass es eine Hölle auf Erden geben kann. Zu behütet, zu weit oben im System, zu sicher, zu gefestigt.  Wir hätten- selbst wenn besagtes Jemand ihr etwas vermitteln hätte können- enorm an ihrem Weltbild rütteln müssen und sie hätte es zulassen müssen.

Das ist etwas, das unter Umständen sehr viel (Gegen)Wert erfordert. Wir haben uns damals (und viele von uns tun das bis heute nicht) nicht für so wertvoll gehalten, dass ein Kämpfen “die Sache” (von der ja nie klar war, was sie a) eigentlich ist und b) was sie bedeutet bzw. was ein Leben in ihr bedeuten könnte!)  wert sei.

So nehmen wir heute die Begegnung mit dieser Lehrerin auf als Bestätigung dessen, was uns unsere ehm. Therapeutin auf ihre Art versuchte zu verdeutlichen: Damals war alles anders- wir waren anders und wir haben auf die Art überlebt, wie sie einzig möglich war. Etwas Anderes von sich zu erwarten (bzw. wütend über das eigene Handeln damals zu sein) oder auch von (manchen) Anderen (nicht den Tätern) zu erwarten, wäre nicht gerecht. Wir würden mit unseren Riesenschuhen von heute, die Babysteps von damals niedertreten und die verletzten Innenkinder und Jugendlichen in ihrer Not bestätigen.

 

Wir haben auch Kontakt aufgenohmmen mit Menschen deren Wertschätzung unserer Person schon damals bewusst war. Die uns schon früher mehr angenohmmen haben, als wir uns selbst. Die uns die Art bedingungsloser Zuwendung schenkten, die jeder Mensch bekommen sollte. Damals war es in unserem Kosmos vermutlich  noch die blanke Überforderung und vielleicht auch Angst.

“Du bist nicht jeder Mensch”,

“Du bist [… Entwertendes…]”

“Deine Bestimmung ist es […Platz für Pseudoreligiösität…] “

Alles das ist um so vieles mehr verankert und eingeprägt als jede Wertschätzung und Zuwendung, dass wir früher noch nicht viel mehr tun konnten, als entweder abzuwehren oder nach aussen anzunehmen, um es dann in einem Akt der stellvertretenden Zerstörung von uns zu weisen.

Nun habe ich Kontakt aufgenohmmen zu zwei Menschen, die nie aufgehört haben uns zu vermitteln, dass wir ihnen nicht egal sind. Dass wir für sie von Wert sind. Dass sie uns mögen so wie wir sind- mit Allen und Allem drin. Obwohl uns soviele Jahre trennen und wir uns eigentlich gar nicht mehr kennen.

Was für ein Geschenk!

Kann es eine bessere Begleitung beim Einlaufen der neuen (größeren) Schuhe geben?

Wohl kaum!