ich nehme nicht ab, weil ich magersüchtig bin

“Anxiety” (im klinischen Rahmen “Essstörung” genannt) wurde im August 1999 geboren. Ihr Debüt gab sie im September des selben Jahres, nachdem uns unsere Musiklehrerin zu verstehen gab, dass wir ihr zuviel waren.

Eins zur Erklärung: seit dieses Gehirn des Lesens mächtig war, fraß es sich durch Bücher und erkor Lehrer zu Göttern, welche vor der Tür zur geistigen Auswüchsigkeit mit der Hand am Knauf stehen.
Diese Lehrerin hatte uns ein Buch geliehen, in dem es um ein Mädchen ging, dass ein schreckliches Geheimnis für sich bewahren musste und sich befreite in dem es sich an einen Erwachsenen wand… ja ziemlich durchsichtig, was dieses Buch mit uns machen sollte, oder? Nun- das hat es auch gemacht- einen besseren Kanal hätte diese junge Referendarin gar nicht erwischen können. Jemand war schwer in sie verknallt, wir haben sie mehrere Male in der Woche im Musikunterricht gehabt und es war ja schon so, dass klar war: “Irgendwie ist das hier alles schlimm- vielleicht…?” [Alter –voll krass- wir haben nich mal gedacht, dass die uns helfen kann oder so- echt das war nur so: “Naja vielleicht is da ja was so.. irgendwie was nich so schlimm is und irgendwie immer so gruselig und neblig”]
Und dann waren wir und die Ahnung des schrecklichen Geheimnisses, die ihr im Vertrauen gesagt wurde, zuviel. Und plötzlich war alles zu viel. Die Ahnung, sie als Person und ihre Ablehnung und deshalb- ganz logisch [nicht wahr Anxiety?]- der Körper.

Dass man selbigen strikt ausmessen und einkategorisieren kann und ihn getrennt vom Inhalt behandeln kann, war ja schon klar. Und als dann im September noch zum ersten Mal für ein Ballettkostüm die Oberweite ausgemessen werden musste und wir allein deshalb ein Erwachsenenkostüm bekommen sollten, klinkte es komplett aus.
Flashlight! Vorhang auf die Königin der irrationalst möglichen Pseudokontrolle und Möchtegernregulation.
Konfektionsgröße 40 bei 1,63m- alle anderen Mädchen hatten 34-40 bei max 1,65m “Auch!” grunzt Anxiety- kleiner sein, weniger Umfang haben… weniger Raum einnehmen
Das Gewicht lag bei 67kg… die anderen schwankten alle so zwischen 50 (!) bis 70kg- Anxiety achtet nicht auf Proportionen, Altersunterschiede, Muskelmasse, Funktionsfähigkeit. Sie sieht nur die Zahl und grummelt “Auch” dem kleinstmöglichen entgegen.
Dann die Kalorien, der tägliche Verbrauch, der tägliche Umsatz, alles soll weniger sein- egal wie. Egal was das bedeutet.

„Anxiety“ ist keine Essstörung in dem Sinne, dass sie das Essen stört.
Es stört das normale Denken, den normalen Blick auf die Zahlen die einen umgeben. Und diese Störung schafft es einen so zu verwirren, dass man dem unterliegt. Es ist eine so unlogische Logik, die aber immer unwiderlegbar erscheint. Die Lehrerin sagt “Also das ist mir zuviel”- total logisch muss das an dem Körperumfang liegen- nicht etwa an dem ausgesprochenen Verdacht der monströs großen Gewalt, die für diese junge Frau einfach nicht fassbar war. Man hatte keine Freunde, keine Verbündeten- gibt ja gar keine andere Erklärung als Konfektionsgröße 40!
Man war seltsam und machte dauernd und überall Probleme und war ungenehm- völlig klar- das kann nur an einer allgemeinen Übermäßigkeit liegen.
Was aber an sich sogar noch fast das Schlimmste war (also jetzt aus heutiger Sicht): als das Gewicht runter ging und man wirklich total knochig (aber im Kinderkostüm- was hatte man sich gefreut!) über die Bühne schwebte, gab es plötzlich Mädchen die Kontakt suchten! Plötzlich kamen die Menschen auf einen zu! Aber da hatte man ja schon seine Pseudofreundin-und man könnte ja alles verlieren, wenn man sie im Stich ließe…

Nunja- die ganzen Hochs und Tiefs will ich jetzt nicht ausbreiten, aber unterm Strich hatte man sich mit “Anxiety” eine Logik angelacht, die jederzeit eine Pseudowelt basteln konnte. Pseudosicherheit, Pseudokontrolle,Pseudoruhe, Pseudokontakte… alles da und jederzeit reproduzierbar.
Auf Kosten des Körpers den man eh nicht mag, der eh nie macht was er soll und der eh allen gehört- nur nicht dem der drinnen steckt. Also… ph!
Wir haben es inzwischen geschafft diese Pseudowelt für uns zu integrieren und als Selbstregulationsmittel zu betrachten. Madame hat ihr Machtgebiet und das ist die Besprechung des Körpers. Ihre Kommentare dazu sind immer da und sie werden wohl nie wieder verschwinden. Egal ob Kleiderkauf, Körperpflege, Krankheit oder gar körperlich gelebte Liebe- zu allem weiß sie etwas zu sagen und wir lassen sie. Wir wissen, was passiert, wenn man sie füttert, also achten wir darauf, das nicht zu tun.

Wovon sich “Anxiety” ernährt? Na- von allem was uns zuviel sein lässt- das so als Grundlage. Die Beilage sind Bemerkungen über die Körperlichkeit- eh total klar- also egal ob mir einer sagt, ich sei dünn oder dick: “Anxiety” hockt in meinem Kopf rülpst herzlich dazu. Was sie auch gerne mal nimmt- so als Snack oder Nachtisch, sind klar dürre Models und Geschichten von anderen Magersüchtigen.

Als wir dieses Jahr erst durch ein Beziehungsende, dann durch das “sich selbst sehen” beim Bürgerdialog im Fernsehen, dann durch den Ex-Vermieter und dann zur Krönung noch obendrauf von der zu dem Zeitpunkt möglicherweise- Therapeutin, die erst soooo offen und nett zu uns war, mit Spitzen in Richtung eines allgemeinen “zu viel seins” konfroniert wurden, hatte “Anxiety” schon Ausmaße eines kleinen Wals und quetsche auch noch das letzte bisschen Ratio zusammen.
Nun ist es ein Kunststück bei einem Gewicht von über 100kg schnell viel abzunehmen und schlanker auszusehen. Hey- ich fands selber voll geil endlich nicht mehr bei den Übergrößen gucken zu müssen.

Und dann kam der letzte Schritt in die Freiheit und die Ära der BÄÄÄMs begann.
Schon trainiert von “Anxiety” (die schon wieder erschlankt war- es war ja keiner da, der sie fütterte) ging es nun richtig los. Die BÄÄÄMs sind Meister der Selbst- s- Zerstörung- sie haben ja auch beim Meister gelernt
[ha wie Doppeldeutig haha]
Man hatte den letzten Schritt in die Freiheit gemacht- böse schlecht verboten- da muss sofort etwas getan werden! BadaBÄÄÄM! Schritt für Schritt wuchsen die Verbote aus dem Boden.
[oh was jetzt- wohin jetzt? Was darf- was nicht- was macht man mal lieber in Vorarbeit, um sich zu gewöhnen- man weiß ja was kommt- nicht mehr essen oder nicht mehr schlafen- such aus- mach- lauf lauf lauf- friere- hab es unbequem- lieber keine Privilegien- man weiß ja nie- vielleicht kommt ja doch…- es gelten die Regeln von…]
und so geht es seit inzwischen 4 Monaten in meinem Kopf zu. Die Arena ist der Körper.
Die Logik ist extrem griffig- sie ist krasser, klarer, sehr viel absoluter, als die der im Vergleich tatsächlich weichgespülten “Anxiety”. Und: im Gegensatz zu “Anxiety”- die ein reines Gedankenkonstrukt ist- langen die BÄÄÄMs im Zweifelsfall einfach selbst zu. Komplett autark, ob ich es will oder nicht, denn sie sind ein Teil meiner Persönlichkeit und können, so wie ich den Körper verwenden.

Ich sitze jetzt hier und habe den Bauch voller Honig, weil ich weiß, dass er nicht erbrechbar ist. Zucker und Energie ist aber nicht erlaubt, weil ich gerade auch endlich (nach, wie ich inzwischen weiß 72 Stunden ohne richtigen Schlaf) mal ein bisschen hatte. Was der Preis für noch bitte etwas mehr Entspannung und Erholung sein wird? Die BÄÄÄMs allein haben den Katalog in sich.
Alles was wir wollen und machen kostet. Und in letzter Instanz kostet es eben Lebenskraft, Blut und Haut. Integrität. Selbstachtung.
Und warum?
Weil wir keinen Zugang zu dieser Logik kriegen.
Weil es keinen Kontakt gibt.
Weil wir Angst haben.
Was ja auch wieder schräg ist: Wir haben Angst vor Innens, die aus lauter Angst in der Arena stehen und um Vergebung für unsere Freiheit kämpfen.

Nein- ich habe keine 45 Kilogramm in 5einhalb Monaten verloren, weil ich magersüchtig bin.
Sondern weil ich eine Scheißangst habe.
Eine Scheißangst die verdammte Hacke so gefühlt berechtigt und real ist, dass, wie es scheint, kein Blatt dazwischen passt.
Aber wie wir ja wissen, sind Scheißängste oft nur genau das:

Angst
Anxiety
und die haben wir ja schon einmal an die Hand nehmen können…

Täterkontakte, Selbstschutz, Ausstieg und persönliche Freiheit

Man wird multipel wenn man von Anfang an, immer wieder, massiver Gewalt ausgesetzt wird
– niemand hilft
– niemand tröstet
– niemand schützt
und niemand hilft das Erlebte zu verarbeiten.

Für viele Menschen mit DIS sieht der Weg zur Diagnose so aus:
Man lebt ein normales Leben, hat evtl. eine Familie gegründet, arbeitet gut und gerne in seinem Beruf, steht offenbar mit beiden Beinen im Leben. Bis “plötzlich” erste Symptome auftauchen.
Der Eine kann plötzlich nicht mehr schlafen, der Nächste merkt plötzlich: “Hä? Juli?! Ich saß doch gerade noch unterm Tannenbaum!”, wieder andere erleben von jetzt auf gleich eine Flut von Erinnerungen bzw. Bruchstücke davon.
Es gibt natürlich auch die Variante der “Betriebsirren” (also jemand, der schon sehr lange sehr falsch behandelt in einer Psychiatrie vor sich hin dämmert und nie eine Chance das Erlebte soweit weg zu drücken um ein normales Leben aufzubauen) oder der Frau, die IMMER irgendwas hat und JEDER unbedingt was davon haben muss.

Jedenfalls stellt sich irgendwann (dann endlich irgendwann beim richtigen Therapeuten/ der richtigen Klinik) die Frage nach Täterkontakten bzw allgemein der äusseren Lebensbedingungen in denen sich der schwertraumatisierte Mensch aufhält.

Manch eine Multiple ist mit einem Mann verheiratet der sie im Grunde genauso vergewaltigt und quält, wie es der eigene Vater damals tat. (Und “weil mans ja schon kennt” und entsprechend weiß was man tun muss- etwas, dass widerlicherweise sogar noch beruhigender wirken kann, als die Anwesenheit von einem Partner, der keine Gewalt ausübt- wird dieser Faktor als “normal” betrachtet von der Frau)

Manche Multiplen kommen tatsächlich aus dem organisierten Verbrechen und leben ein Leben zwischen Bankschalter und Sado-Maso-Dienstleistung (und die Alltags”personen” wissen das nicht einmal, denn sie funktionieren nachwievor, wie das Kind, dass sie früher einmal waren- und diejenigen, die die “Dienstleistung” ausführen kennen es nicht anders- haben evtl. noch nicht einmal irgendwann etwas anderes erlebt).

Der Weg dort hinaus- sei es aus einer gewaltätigen Ehe, einer sadistischen Gemeinschaft, einer sexuellen Ausbeutung durch Dritte oder auch schlicht der eigenen Familie ist kompliziert, schmerzhaft, gefährlich und natürlich in jedem Fall eine Belastung für alle Beteiligten. Aber: sie ist nötig um zu heilen. Es gibt keine Heilung, wenn immer und immer wieder die Seele eines Menschen erschüttert wird.

Man muss also a) erstmal merken, was da mit einem passiert.
Was glauben Sie wie schwer es sein kann so etwas zu bemerken, wenn man unter Umtänden nicht einmal sein eigenes Körpergeschlecht bemerken kann? Oder wenn man Schmerzen nicht bemerkt, oder wenn man ausserstande ist seine Umwelt wirklich richtig wahrzunehmen. Oder wenn man schlicht ein Leben führt, in dem die Erkenntnis von weiterführendem (oder auch früherem) Leiden dafür sorgen kann, dass der Mensch einfach nicht mehr leben könnte/ will/ SOLL?

dann muss man b) in der Lage sein (sich selbst so ernstnehmen/ sich selbst gegenüber so fürsorglich sein- bzw sich selbiges überhaupt erst einmal zugestehen/ zu erlauben) dieses Elend  (das man als solches auch erkennen/ anerkennen muss) zu beenden.Ganz für sich und vor sich allein. Jemand der denkt er wäre es nicht wert anders behandelt zu werden, jemand der eine Alternative nie kennenlernen durfte (oder kann, weil er von Psychiatrie zu Psychiatrie gereicht wird), jemand der das was passiert, als richtig, als identitätsstiftend, als Teil einer Arbeit an “Höherem” empfindet und sich über die Gewalt definiert (und damit bestätigt, beruhigt und nährt) wird sich hüten einem Therapeuten, Arzt, Sozialarbeiter und was es nicht alles gibt, um den Hals zu fallen und sofort mit dem Ausstieg/ Abbruch beginnen.

und letztlich muss man c) genau überlegen wie, wann und mit wem der Ausstieg bzw der Kontaktabbruch passieren kann.
Hier ist es fundamental, dass der Klient den Weg bestimmt- nicht der Helfer! Um diese Aufgabe zu schaffen braucht es ein Maß an Selbsttrost, Selbstfürsorge, Mut und innerer Kraft, dass von aussen nicht “reingeschüttet werden kann”. Es braucht ein sicheres, starkes, flexibles, soziales Netz und: Gewaltfreiheit als erstrebenswertes (und auch “den Schmerz wertes”) Ziel.

Wir haben inzwischen einige Therapeuten kennengelernt und damit einige verschiedene Herangehensweisen.

Es gab eine Therapeutin, die sich wie eine Löwin vor uns stellte und Menschen aus unseren Zusammenhängen auf den Kopf zu sagte, dass sie den Kontakt verhindert, weil sie erkannt hat, dass sie Täter an uns geworden sind und wir nicht in der Lage waren uns allein vor ihnen zu schützen. Gut- damals waren wir noch minderjährig und waren allgemein eher überfordert mit dem, was hinter unseren Problemen stand. Aber es gibt auch Therapeuten, die sowas machen, wenn der Klient erwachsen ist. In so einem Fall handelt der Therapeut nur nach aussen hilfreich. Sowas wirkt in der Regel wie ein Stück Brotpapier: durchscheinend und nur einmal nutzbar, denn der Rücken der hier breit gemacht wird ist der der Therapeutin- nicht der des Menschen der sich um seinen Schutz bemühen muss. (Ich lasse hier jetzt einfach mal noch die div. Abhängigkeiten und Übertragungen raus die mit sowas einher gehen- es  gibt nämlich oft genug auch “Innenpersonen”, die so einem Therapeuten derartig dankbar sind, dass sie sich bis aufs Äusserste ans Messer liefern würden um so eine Aktion zu vergelten. Oder diejenigen, die das mal so gar nicht wie die Therapeutin sehen…) Hier will der Therapeut in erster Linie (vielleicht auch nur sich selbst) zeigen, dass er nicht hilflos ist und sich wehren kann und seinen Klienten “retten/schützen/bewahren” kann.

Dann gibts noch die: “Sie müssen da sofort raus, sonst…(Therapieende, Beziehungsende, Lebensende…)”- Leute. Ende Ende Ende “Oh Himmel! Wir werden alle steeeerben!!!! Die Welt wird untergehen und wir werden alle nicht mehr sein.”

Sowas finde ich persönlich immer etwas albern und dumm. Natürlich ist Gewalt schlimm. Gewalt zerstört, prägt und krankt. Aber: sie ist überlebbar. Es fühlt sich nie so an. Es dauert immer endlos (im Gefühl). Es ist immer verheerend und schrecklich. Aber: sie wurde überlebt und sie wird es von vielen in der Phase noch immer überlebt. Manchmal muss man das Geschehen so runterbrechen auf diesen einen Satz, sonst wird man noch verrückt von der Angst dieser Leute. Ich weiß nicht wie sich bei manchen Menschen so eine überschießende Panik entwickelt.  (Obwohl naja: alle Therapeuten/ Helfer, die ich mal kennenlernte und die so waren, hatten selbst teils erhebliche eigene Traumata erlebt oder waren allgemein immer total schnell eine “Einheit mit uns” (hatten also im Punkt der professionellen Distanz komplett versagt). Auf jeden Fall vergessen diese Menschen immer eines: nämlich dass es sich bei ihrem Klienten um ein Wesen mit eigenem Denk- und Handlungspotenzial handelt. Dass es Ressourcen gibt. Dass es eine Eigenverantwortlichkeit gibt. Dass diese Klienten leben und dass sie überhaupt zur Therapie/Begleitung erscheinen! (Ich verstehe nicht wie sowas vergessen werden kann: Wie kann der  wohl größte/ “frevelhafteste”/ mutigste/ schonungsloseste/ eigenverantwortlichste Schritt den der Multiple bis zu dem Zeitpunkt jemals gemacht hat- nämlich den sich Hilfe zu holen, obwohl er nie Hilfe erhalten hat (also ein Verhalten, dass sich bis dato nie als “richtig” oder (mit angenehmer) Konsequenz beladen erwiesen hat), einfach vergessen werden? Wie passiert es, dass diese Tatsache nicht erstmal in aller Ruhe gewürdigt und als positive Ressource “festgetackert” wird?

Meiner Meinung nach, schürt so ein Verhalten von Helfern grundsätzlich die Abhängigkeit des Klienten und untergräbt bzw verhindert von vornherein die Entwicklung des “Für sich selbst eintreten”-Könnens. Wir haben uns phasenweise auch total auf solchen Menschen ausgeruht (teils erwische ich sogar nachwievor “Innenpersonen” die das tun bzw. zu tun gedenken). Aber sowas macht klein (“Ich bin zu klein/ zu schwach/ zu ohnmächtig/ zu hilflos/ zu krank, um XY zu tun”- das ist ein Phrasencocktail von früher: “Ich bin zu klein um mich zu wehren”; “Ich bin zu schwach um zu schreihen”; “Ich bin ohnmächtig und kann gar nichts tun”; “Ich bin hilflos und kann nichts ändern”; “Ich bin zu krank um ein Opfer zu sein (ich bin schon immer so) “ Das sind innere Wahrheiten, die nichts in der Gegenwart zu suchen haben- Helfer ganz allgemein, sollten ihre Klienten in der Trennung von Früher und Heute unterstützen- nicht ihnen das Gefühl geben, dass diese Wahrheiten nachwievor gelten (müssen- sonst wäre es ja nicht so wie es ist).

Die nächste Variante der Ausstiegsbegleitung ist das Vorgehen nach Lehrbuch. (Wobei- ich mir nicht vorstellen kann, dass das was ich gleich beschreibe wirklich irgendwo genau so steht).     Kein Telefon, kein Handy, kein Internet, keine Post, keine eigene Wohnung, kein eigenes Konto, ausschliesslich eigenes Eigentum (also keine Geschenke oder so) keine Kontakte ausser therapeutisch wertvolle; dann klappt das schon mit dem Ausstieg.

Über sowas kann man eigentlich mal herzlich lachen. So ein Vorgehen ist lebensfern und abhängigkeitsschürend. Es kann hilfreich sein abgeschottet zu sein, wenn massives Stalking, offene Bedrohnung und direkte Gefährdung von Leib und Leben vorliegen. Logisch. Als ERSTLÖSUNG kann es wirklich gut sein, sich erstmal zu fangen, zu sortieren (evtl. mit dem Therapeuten) und Boden unter die Füße zu bekommen. Daran gibts nichts zu rütteln. Aber: es gibt Menschen, die meinen für Menschen aus dem organisierten Verbrechen oder sadistischen Gruppierungen sei dies die einzig wahre Möglichkeit einen Abbruch bzw. Ausstieg durchzuhalten und zu schaffen. (Quasi das Eremitendasein als einzige Möglichkeit sich zu befreien)

Wir haben so eine Phase gehabt. Wir lebten bei einer Freundin und hatten nichts eigenes mehr. Weder mussten wir uns um die Lebenssituation noch um die Seelensituation kümmern. Für 2 Wochen war das wirklich gut und hilfreich. Wir hatten keine sichere Alternative woanders- aber gesucht haben wir auch keine. Nach den 2 Wochen kam die große Depression. So umfassend, dass sogar kleinste körperliche Bewegungen Schmerzen auslösten. Eine weitere Fessel an die Abhängigkeit.
Als es aufwärts ging (nach 4 oder 5 Monaten) waren wir soweit, dass wir uns der Freundin in genau der gleichen Art und Weise verpflichtet fühlten wie den Tätern. Und das bedeutet: auf Gedeih und Verderb.

Nun hatten wir das Glück, dass unsere Freundin nicht doof ist und niemals in irgendeiner Form von unserem Leid profitiert hat. Dass sie einfach nur nicht weggucken wollte. Aber wir hätten auch Pech haben können und uns an jemand anderen binden können. Wo würden wir dann heute stehen? Wir wären eine Art Haustier mit nichts anderem als Lebensrealität als dem was in der Wohnung bzw. im direkten Umfeld selbiger möglich ist. Und vermutlich würde unsere Freundin inzwischen ausgebrannt und unglücklich sein.  Der Preis der Freiheit? Mit nichten!

Das Coole an Freiheit ist, dass sie kostenlos sein muss um als solche zu gelten.

Die letzte Möglichkeit für äussere Sicherheit (durch Kontaktabbruch/ Ausstieg) zu sorgen ist auch die, die uns bisher am Besten geholfen hat, da sie umfassend ist.
Langsam, rational begründet, allein auf uns und unsere Fähigkeiten aufbauend und flexibel.

Es gab bei uns eine Zwinge aus äusseren und inneren Faktoren die immer wieder zu Täterkontakten führten. Da wir einige äussere Faktoren nicht ändern konnten (Ämter bzw. die gesetzlichen Regelungen drum rum und die direkte Abhängigkeit von staatlichen Leistungen etwa) war klar, dass der veränderbare Schenkel dieser Zwinge nur wir selbst sein können.

Wir haben nach dem direkten Akt der Verfügbarkeitsverweigerung gegenüber der Täterschaft alles an Stabilierungsangeboten angenohmmen was sich uns bot. Von Klinikaufenthalten bis Beratungs/Stabilisierungsgesprächen in Beratungsstellen, einer psychotherapeutischen Begleitung und natürlich auch der Freundschaft zu zwei Menschen in unserem Umfeld. Wir haben uns versteckt, wurden entdeckt, haben uns versteckt, wurden entdeckt…. etc Bis wir wirtschaftlich am Ende waren und einfach auch klar wurde: Hallo- die bringen uns dazu immer wieder zu ihnen zu kommen- wir verhalten uns wie Marionetten, dabei gibt es keinen Hinweis darauf, dass auch nur eine der Drohungen wahrgemacht wird bzw wahr gemacht werden kann ohne “aufzufliegen”. Irgenwann drang diese Information zu genug von uns durch, dass wir aufhörten uns zu verstecken, zu verkriechen, Verantwortung bzw Versorgung von Schutzbedürfnissen auf andere zu übertragen. Wir hatten endlich bemerkt, dass wir uns durch die Angst anderer (“Die könnten euch überall kriegen”), völlig irrational zu verhalten begannen. Natürlich fuhren wir auch folgende Schleife: “Ja wenn sie uns überall kriegen können, dann gibt es gar keine Sicherheit- wir sind ausgeliefert für immer!”

Quatsch! Ja: es gibt nie 100%ige Sicherheit. Ja: Man kann immer gefunden werden aber Nein: Deshalb ist man aber nicht (schutzlos) ausgeliefert (wie früher)!

Wir sind inzwischen an einem Punkt an dem wir sagen: Es ist egal wie oft und in welcher Form Täter mit uns Kontakt aufnehmen- wichtig für unseren Schutz ist nicht, wie wir uns fühlen, sondern wie wir uns verhalten! Egal wie verunsichert wir sind, egal wie groß der Drang (eingefolterte Zwang), der Wunsch oder die Liebe zu den Tätern ist: das was zählt ist, wie wir handeln. (Natürlich spielt hier eins ins andere rein und so strikt wie die Trennung nun bei uns ist, war sie früher auch nie. Und ganz sicher ist das nicht der Topf am Ende des Regenbogens!). Wir haben noch nie mit täterloyalen Anteilen arbeiten können. Das war bisher nicht möglich und ich denke im Moment ist es auch genau gut so. Mit diesen Impulsen umzugehen erfordert denke ich sehr viel mehr inneren Zusammenhalt und der hat sich bei uns erst in den letzten paar Jahren entwickelt. Irgendwann werden wir es sicher aushalten können zu sehen, was geschehen ist und irgendwann werden wir sicher auch aus dem rational wahrgenohmmenen “XY ist ein Täter” ein gefühltes und angenohmmenes “XY ist ein Täter- ganz echt und wirklich” machen können.

Aber das steht für uns nicht an erster Stelle (was manche Therapeuten ganz fürchterlich finden- doch wie gesagt: Der Klient muss bestimmen was wieso und wann angegangen wird. Es bringt nichts wenn der Therapeut sehr viel (naürlich verständliche, nachvollziehbare und berechtigte) Angst hat, diese auf seinen Klienten überträgt und dieser versucht eine (aber nicht seine!) empfundene Angst zu beschwichtigen (zum Beispiel mit div. “Ausstiegsmanövern”)- aber mit den Folgen (z.B. massiven Suizidimpulsen, Panikattacken, Schlaflosigkeit etc.) nicht auch allein zurecht kommen kann. Die Therapie der Wahl bei Multiplen ist die ambulante Psychotherapie- wenn der Klient aber von Krise zu Krise taumelt, kann der Therapeut ihn nicht mehr auffangen. Die Arbeitsbeziehung leidet (“Meine Klientin saugt mich aus”; “Mein Therapeut hilft mir gar nicht“ (mehr)” ) und wo endet so eine Schose im Allgemeinen? Für beide nicht im Bereich des Befriedigenden. (Wir haben uns am Ende von sowas in der Intensivstation wiedergefunden- die Helferin musste sich wegen Burn Out in Behandlung begeben).

Anerkennen, nachdenken, hinfühlen und dann geplant und kleinschrittig handeln (lassen)- das war das was geholfen hat. Wir haben Freunde, die auch die Täter anerkennen- sich aber nicht einschüchtern lassen, haben therapeutischen Kontakt, der das genauso handhabt und haben so die Möglichkeit genau diese Einstellung bei uns selbst zu verfestigen.

Wir hatten immer als grundsätzliches Ziel, dass wir wissen wollen wie “Leben geht”. Nicht: “endlich Ruhe (vor Symptomen, Ängsten, der eigenen Geschichte) haben”. Entsprechend waren die Therapieziele eher die Integration von Alltags”personen” um am Leben mit anderen (unbelasteten) Menschen überhaupt erstmal teilnehmen zu können (und nicht permanent wie ein Kaninchen vor der Schlange zu hocken z.B. wenn einfach nur ein Passant nach der Uhrzeit fragt, die Kassiererin im Supermarkt den Lebensmittelpreis sagt, die Straßenbahn voll ist, der Lehrer jemanden an die Tafel bittet…).

Dieses Ziel hätten wir auch mit noch bestehendem Täterkontakt erreichen können. Aber so wie wir es jetzt gelöst haben ist es perfekt- für uns! Es ist innen klar, dass es kein Zurück mehr gibt- das warum, wieso, weshalb; das tiefe Gefühls-Identitätschaos dazu wird seinen Platz bekommen- aber erst wenn wir es auch komplett (er)tragen können.
Bei all dem haben uns immer mehr die Helfer und Therapeuten geholfen, die nicht retten wollen, sondern begleiten und damit helfen.

Ein paar Hinweise für Betroffene, die sich durch Ämterdschungel, emotionale Abhängigkeit, ökonomische Abhängigkeit, physische und psychische Abhängigkeiten nicht in der Lage sehen “einfach zu gehen”:

Es gibt den “weißen Ring e.V.” der Opfern von Kriminalität hilft- auf verschiedene Art und Weise. Dazu gibt es in fast jeder Stadt eine (psychologische) Frauenberatungsstelle. Hilfreich kann ein Gespräch mit einem Mitarbeiter schon allein deshalb sein, weil man sich schon damit signalisiert: “Ich kümmere mich jetzt um mich.” Völlig gleich ob dann direkt eine lebensverändernde Wende erreicht werden kann oder nicht: Irgendwo innen bemerkt irgendjemand oder irgendwas, dass sich gekümmert wird.

Anrufen, hingehen, gucken wie es sich anfühlt.
Erwarte keine Retter- erwarte Begleiter!

Weiterhin kann es hilfreich sein sich mit den Statuten rund um Hartz4, Integrations- und Eingliederungshilfen auseinander zu setzen. Oft genug wird der Datenschutz verletzt, Antragssteller beim Jobcenter auf Abläufe verwiesen, die in akuten Notsituationen nicht angezeigt sind (z.B. kann ein Antrag auf Hartz4 bzw. die Gründung einer eigenen Bedarfsgemeinschaft nach Trennung vom gewaltätigen Ehemann mündlich bzw. formlos und sogar ohne Termin erfolgen und entsprechend auch zügig eine Einmalzahlung zur Sicherung des Lebensunterhaltes) oder auch Hilfen nur gezahlt wenn eine Bindung zu dem Ort in dem man zur Zeit des Antrags lebt bestehen bleibt. Man braucht für diese Dinge wirklich starke Nerven und die hat man schlicht nicht immer. Ein Gang über eine gesetzliche Betreuung oder die Zusammenarbeit mit einem SozialARBEITER (keine Sozialpädagogen!) oder auch einem Sozialverband lohnt sich also immer. (Wir kennen sogar jemanden der mal sagte: „Teils war ich richtig dankbar einen Widerspruch nach dem anderen verfassen zu müssen und dem Amt so richtig in den Arsch treten zu müssen- es war ein guter Einstieg erstmal gegen das Amt zu rebellieren. Statt gleich mit den Tätern zu beginnen“)

Ich wünsche allen die heute noch Gewalt erleben müssen ihren persönlichen Moment. Den Moment in dem die Erkenntnis: “Das will ich nicht mehr!”, das erste Mal aufblinken und sich aufmachen kann von etwas in ihnen genährt zu werden. Um letztlich zu einer Kraft zu werden, die über viele emotionale Täler hinwegtragen kann.

Bis zu diesem super coolen Sonderangebot, dass es kostenlos und überall auf dieser Welt geben kann:

Freiheit