Bindungen Beziehungen und alles was (fest)-bindet

Mein letzter Artikel hier war sehr lang und doch berührte er nicht alle Bereiche, die wichtig im Zusammenhang mit (Selbst)Schutz sind.

Ich versuche also in der nächsten Zeit weitere Bereiche zu beleuchten und so ergänzend zu schreiben.

Sich zu binden heißt, “an Etwas oder Jemandem dran zu sein”. Dran sein ist gut. Nähe ist guuuut! Nähe ist mit Verbundenheit auf einer Stufe. Wir Menschen sind Rudeltiere (ich verwende bewusst nicht den Begriff “Herde”- dazu später mehr) und von der Evolution (auch) zu Gemeinsamkeit und die Fähigkeit zu Bindung und Beziehung hin-entwickelt worden.

Schon das erste “Gutschi Gutschi Atta Atta Knuffi-Baby”-Gebrabbel von Erwachsenen gegenüber einem staunend dreinblickenden Neugeborenen, zeigt uns immer wieder von Neuem wie unwillkürlich- wie ursprünglich der Wunsch nach Beziehung, Bindung, Nähe, Kontakt bei uns Menschen ist. Klare Sache: zum Kindermachen brauchts zwei (die sich im günstigsten Fall nicht nur physisch nah sind), zum Versorgen und “Groß kriegen” sowohl körperlich als auch geistig) alle, die zur Verfügung stehen. Damit das Ganze abgesichert wird und diverse andere positive Nebeneffekte hat, gibts gratis zur Baby-begluckung noch Prolaktin und Oxytozinhöhenflüge, die für Wohlbefinden bei allen Beteiligten sorgen.

Wird die Fähigkeit eines Kindes Beziehungen und (An)Bindungen einzugehen, zu gestalten und zu pflegen empfindlich gestört- etwa durch permanente Nichtbeachtung (des Kindes oder dessen Signale) oder widersprüchliche Reaktionen, ist es möglich dass das Kind als Erwachsener Schwierigkeiten bekommt, überhaupt die grundlegendsten Impulse an sich in Bezug auf andere Menschen erstmal ganz basal zu verstehen, anzunehmen und anzuwenden. Es gibt ganz interessante Bücher zu dem Thema- irgendwie scheint das grad so ne neue (Erziehungs)Trendkiste zu sein. Also man wird auf jeden Fall fündig.

Ich habe an mir bzw. meinem System gelernt, dass Bindungsfähigkeit etwas zu sein scheint, dass Kinder immer zu “können” scheinen. Und, dass sich diese Fähigkeit extrem anzupassen in der Lage ist. So war es bei uns lange nicht einmal ein Mensch der unseren wichtigsten Bezug zu uns, der Welt(sicht bzw. dem Verständnis selbiger), der körperlichen und sozialen Grundversorgung darstellte. Es gab niemanden anderes- also wurde der der am ehesten geeignet war genohmmen. Völlig pragmatisch und lebensrettend. Im Ausnahmezustand eine hervorragende Wahl und wieder hat uns unser genetischer Rucksack ein evolutionär angepasstes schweizer Taschenmesser mitgegeben.

Doch was passiert, wenn die Lage friedlich ist? Wenn da plötzlich Menschen sind, die perfekt in der Lage sind völlig normale Interaktionen zu beginnen? Wenn da auf einmal nicht die Grundfragen: “Hopp oder Top”- “Leben oder Sterben”- “Freiheit oder Gefangenschaft”-  so übergroß vor einem stehen, dass die Tragweite (oder- um Himmels Willen! gar die reale (nicht die angenohmmene) Intension des Gegenübers)  nicht überblickt werden kann?

Wir sind damit bis heute überfordert und neigen dazu zu idealiseren (oder auch: grenzenlos zu ver”wachsen”), wer nett zu uns ist und übermäßig abzulehnen und teils sogar komplett aus dem (Alltags)Bewusstsein zu nehmen, wenn jemand es nicht (mehr) ist. Ganz interessant ist es für mich zu sehen, dass es zwar nachwievor dauert bis eine wirkliche Anbindung an jemanden geschiet- aber dass es überhaupt noch möglich ist, verlangt mir in Anbetacht dessen, was manche von uns ertragen mussten, einen Kniefall ab.

Wir hatten und haben viele HelferInnen, eine Freundin (diese diese Bezeichnung erst jetzt nach einer Beziehung und knapp 7 gemeinsamen Jahren erhalten hat) viele “Bekannte” (was aber bei uns soviel heißt wie: kenn ich- trau ich zu 52,5% übern Weg- darf sogar näher als andere an mich dran treten-aber Vertrauen oder sowas geht irgendwie nie) und die Menschen in meinem winzigen Miniforum mit denen eine ganz besondere (weil rein virtuelle) Beziehung aufzubauen nachwievor spannend ist. Aber dieses ganz freie, unwillkürlich natürliche “Auf andere Menschen zu  gehen” fehlt bei uns.

Die meisten Interaktionen lösen doch immer irgendwo tief innen (Todes)Angst, Unruhe, Misstrauen und Abwehrspannung aus. Wohingegen aber Gesten von Nettigkeit (und das beginnt für manche schon bei: “Von dann bis dann darfst du mir die Schuhe ablecken (anstatt selbige dich tretend zu erleben)”.) oft Anstürme von Dankbarkeit, Errrettungsphantasien, Devotheit und der Bereitsschaft zur Selbstopferung auslösen.

Das ist die erste Instanz. Natürlich muss obendrauf dann noch die Selbstzensur greifen und selbstverständlich darf diese nicht selbst-fürsorglich (nachsichtig) sein. Nein nein- ganz logisch muss sich wie ein Perpetuum Mobile die Gewaltspirale im Inneren fortbewegen:

– Verachtung (weil klar- Mitgefühl für….?! Woher denn?!) für Dauerpanik (weil nichts anderes kennengelernt wurde)

– Verärgerung über diese Verachtung (weil “man ja in der Therapie gehört hat….”),

-Hilflosigkeit über dieses Dilemma (weil diese Variante irgendwie nie besprochen wird in der Therapie oder durch selbige irgendwie (be)handelbarer wird)

und als Reißleine über alles dann das, was immer und zu allen Zeiten wieder Ruhe in den Bau gebracht hat: Aggression/Manipulation am Körper, welche dann nach allen Regeln der Unterwerfung doch wieder HelferInnen “gebeichtet” wird,

was wiederum eine Spirale von diversen “Draufkloppern” braucht…

Um sich sowas zu sparen haben wir irgendwann wohl aufgehört soziale Interaktion wahllos und direkt zu betreiben. (Ich fürchte fast sogar, dass die verschiedenen Pseudotherapieen die die Selbstverletzung als Symptom im Fokus hatten, das sogar noch verstärkt haben.) Ein kurzer Blick über einen normalen Tag (ohne Freundes/Bekanntenkontakt) zeigt eigentlich unübersehbar, dass wir es hinkriegen unter 100 Menschen zu sein- aber mit niemandem direkt in Kontakt zu treten- obwohl jemand von uns gerade spricht und 100 Menschen mit uns in Kontakt sind! So ist es perfekt. So müsste es immer sein. Ist es aber nicht.

Die Menschen kommen. Die Menschen gehen. Manche bleiben länger und selbst bei uns baut sich ein Gefühl von “okay- also sie ist okay- also ich trau der so 60% übern Weg- das geht- steht sie noch an der Stelle wo ich gesagt hab: Nich weiter?- Ja!- Boa!- Okay… ja sie ist okay….”, aber auch die müssen irgendwann gehen. Sie wollen es vielleicht nicht- vielleicht doch. Wir wollen es nie. Aber müssen- wie immer und alle anderen Menschen auch.

Der Halt den man in anderen Personen findet kann der Haken sein, an dem man sich festtackert, wenn das System in eine Richtung zieht und zerrt, die aber die Selbstzerstörung darstellt. So war es für uns im ersten Schritt sehr oft die Freundin die uns als mit der stärkste (und widerhakigste) Haken, dann eine zeitlang ein therapeutischer Kontakt und jetzt ein ganzes Netz von Menschen, Orten und Tieren das sich wie eine Haihaut gegen den Strich aufzustellen vermag und wie ein Reißverschluss in unsere Verzweiflungstatbestrebungen eingreift.

Ganz genau wie es ein Rudel(chef) in der Regel macht. Wer Blödsinn im Sinn hat, kriegt nen Schauschnapper neben die Schnute (denn er könnte alle gefährden). In Herden ist es leider so, dass das dümmste Schaf die erste Mahlzeit wird- der Rest hat sich nämlich derweil verpieselt.

Derzeit ist feststellbar, dass es aber bei aller Verfügbarkeit von Haken ganz erheblich an uns hängt eine wahrhaftige Schlaufe zu bilden und sich dran zu hängen. Eine Schlaufe die komplett und in Gänze jemandem einzig und allein gilt, weil wir demjenigen gehören, ist eine andere als die, die man zeigt, weil man Gefühle nicht verletzen will oder denkt man müsste eine bestimmte Grundhaltung vorschützen, weil man sonst… (namenloses Elend). Und beides hat nichts mit dem zu tun, was langfristig und vernünftig auch haltbar ist.

Wie scheiße ist das bitte?! Wie verstümmelt ist der Instinkt, wenn man nur noch sowas hinkriegt?!

Allen Informationen zum Trotz habe ich keine Literatur darüber gefunden (oder konnte verheißungsvolle Titel dazu nicht bezahlen) ob Bindungsbereitschaft und Beziehungsgestaltungsverhalten/- Empfinden von frühtraumatisierten Menschen komplett und rund wieder hergestellt werden kann.

Werden wir uns damit abfinden müssen alle sozialen Beziehungen immer dem Radar auf “Verkorkstheiten” zu unterziehen? Uns immer wieder “auf die Finger zu hauen”, wenn wir jemanden auf einen Thron heben oder aus dem Bewusstsein stoßen (wollen)? Uns immer wieder in haltlosen Zeiten wie jetzt fragen müssen: “Ist das hier grad “Kontakt” oder Kontakt? Reicht das hier jetzt als Haken oder ist der Sog zu altbekanntem gerade doch wieder hilfreicher/hakiger, weil bekannt und damit sicher und damit wieder eine Art Kontakt die “kontrollierbar” (haha) ist?”

Werden wir also ein “Anti”- der Überlebensstrategie leben müssen, weil sie inzwischen “krank” ist oder lebt sich irgendwann das auch bei uns ein, was man halbwegs spontan und geund nennen kann?

Ich werds mal sehen.

Am Hundhaken hängende Grüße aus dem derzeitigen Chaoswirbel genannt: “das Leben der C.”

0 thoughts on “Bindungen Beziehungen und alles was (fest)-bindet

  1. Das kommt mir ziemlich bekannt vor liebe Rosenblätter, ich habe mich auf eine ähnliche Überlebensbeziehungsart eingelassen – und dennoch sehr verschieden. Ich teile mich auf unter meinen Beziehungen und zeige ihnen nur das was sie nach meiner (blitzschnellen und guten) Einschätzung von mir aushalten oder verstehen können. So habe ich viele Freunde – alle verschieden – und erwarte nicht besonders viel von den einzelnen (kann also auch nicht tiefgehend verletzt werden). Aber wehe es taucht ein Hoffnungsgestalt auf – die mich und meine „Störungen“ vielleicht tatsächlich aushalten könnte (weitgehend zumindest) dann geht der Kampf los (Du schreibst es so schön „festgetackert“ das trifft es wirklich gut). Dann fangen sie alle da drin in mir an verrückt zu spielen, alle wollen gesehen und gehört und geliebt und wer was was noch alles und es genügt nie und das alte System ist wiederhergestellt und man wird wieder enttäuscht, nicht erlöst…….
    Im Buch von Fonagy über Mentalisierung habe ich einiges darüber gefunden, was mir vieles erklärt hat – wie ich ticke und vor allem warum.Aber leider ist verstehen nicht besonders hilfreich – bei mir zumindest. So oft versuche ich mich durch Verstehen (was dann in die Lesesucht mündet) zu beruhigen, aber lange hält das nicht an.
    Mein Kommentar ist jetzt ziemlich lang geworden. Ich weiß gar nicht ob das hier erwünscht ist….
    Alles Liebe für Dich!

    1. Hallo Zorinna,
      der Artikel ist über 2 Jahre alt, ich würde heute anders darüber schreiben 🙂
      Ich konnte inzwischen die Erfahrung machen, das Verstehen mancher Reaktionen im Innen, sie oft vorhersehbarer macht und dadurch besprechbar und dadruch lösbar (wenn man ein Außen hat, dass da mitzieht) oder veränderbar.
      Kein Verstehen kann sofort etwas verändern. Aber später manchmal.

      Alles Gute!