Autismus und DIS, Innenansichten

shutdown

Dieses Jahr versuchte ich mich zu entspannen. Ganz dringend sehr schnell Ruhe zu finden und Kraft zu tanken, für all die Dinge, die zu tun sind. Allein mit meinen Büchern sein, zeichnen, das Hörbuch, das wir schon länger geschenkt bekommen hatten, anhören, Kekse essen, lange Runden mit NakNak* machen.
Nichts davon hat bis jetzt wirklich zu Entspannung geführt.

Am Morgen bin ich noch müde, denn Traumascheiß kennt keine Feiertage oder den Moment, in dem man nicht mehr nachtritt, weil jemand schon am Boden liegt. Mittags bin ich fertig mit den Nerven, weil ich noch keine Ferienroutine habe. Da sitze ich in der Küche und weiß: Ich habe Dinge zu tun – kann Dinge tun, die ich in der Schulzeit nicht tun kann – und weiß nicht wo wie womit wann anfangen. Und fange dann gar nichts an. Bleibe sitzen und starre Brandflecken in die Luft bis NakNak* kommt und mich nervt, damit wir rausgehen.

Draußen ist es kalt und nass. Draußen ist Weihnachten und ich laufe an Häusern vorbei, die entweder voll mit Familie sind oder leer, weil alle bei der Familie oder Freund_innen sind. Ich muss uns eingestehen, dass wir es nicht schaffen unseren Freund zu besuchen. Muss andere, hellwach überreizte Ichs hinter mir daran erinnern, dass wir keine Familie haben, zu der wir fahren wollen.
Merke, wie mir die zwei Wochen Ferien zu wenig sind, für das Ausmaß an Ruhe und Alleinseinbedarf, der direkt neben dem Wunsch steht, mit all dem nicht allein sein zu müssen. Der neben dem Wissen steht, dass wir das auch nicht müssen. Neben dem wiederum die Klarheit ist, dass genau das nicht aushaltbar ist, weil es zu viel erfordert und abverlangt.

Nach 3 Tagen weint es einfach aus mir raus und ich merke meinen Selbsthass wie etwas, das von meinen Schultern klettert, um mir durch Augen, Nase, Mund und Ohren in den Kopf hineinzukommen. Alles ist dicht, jeder zusätzliche Reiz zu viel. Meine Tränen brennen mir Schneisen ins Gesicht und es gibt nichts, das macht, dass es aufhört. Ich würde sagen, das ist ein Nervenzusammenbruch. Von nichts. Denn ich weiß nicht, woher es kommt.

Ich will, dass es aufhört. Das weiß ich schon. Ich weiß auch, dass es ein so traumanaher Gedanke ist, dass es gute Chancen auf einen alltagstriggerscheiß Zustand gibt, der latent mit dem Alltag mitschwingt. Aber ich weiß auch: ich bin gerade nicht im Flashback. Ich bin real überreizt von all dem Alles in einer Zeit, in der ich sehr viel Nichts brauche. Doch sobald ich zur Ruhe komme, kriecht das Trauma wieder hoch.

Ph und: “das Trauma” wie das klingt. Viel zu weich, um diesen baumstammdicken Schmerzreiz, der mir senkrecht durch den Rumpf schießt, um in der Mitte angekommen, eine schrille Kaskade nach der anderen loszutreten, zu beschreiben.
Es ist ein Horrorloop. Einer, bei dem es nicht reicht bei der Telefonseelsorge anzurufen, oder der Therapeutin zu schreiben, oder mit dem Begleitermenschen zu sprechen.

Es ist eine Ecke von “nichts hilft”, der man nur wahrnehmend zunicken, aber keinesfalls um Halt ersuchen darf, weil man sie erkannt hat.
“Nichts hilft” ist das Medusenhaupt der Traumascheiße. Du darfst wissen, dass du das gerade fühlst und es dich gerade anschaut, aber du musst die Augen schließen und warten. Augen zu und durch_über_leben. Du weißt nicht, wie lange das dauert und wie schlimm es noch wird, aber irgendwann geht es nicht mehr darum, was hilft, sondern, dass es vorbei ist. Das traumatisierende Moment, genauso wie das Loophole aus PTBS-Symptomatik und dem Dauerlauf der Kompensation dessen. Irgendwann kommt es bei uns immer und es ist immer eine Frage von Zeit und Raum. Der Shutdown. Das Moment, in dem nichts mehr rein und nichts mehr rauskommt.

Es hat keinen Sinn dagegen anzukämpfen. Es vielmehr so, dass dieser Zustand etwas für uns erkämpft, in dem er uns zum Aufhören zwingt.
Also hören wir auf, mehr als die Basis zu wollen oder zu müssen.
Mehr von uns zu fordern, als weiter am Leben zu bleiben.

6 Gedanken zu „shutdown“

  1. Das Geschriebene und Deine Gedanken sind mir so vertraut – in den letzten Tagen ein stetiger Kampf – die Ferienzeit – das Außen – das Überleben – das Weitermachen – Und so gerne würde ich Euch einfach ein paar mutmachende Worte senden, aber ich weiß, wie schwer es ist, dass solche Worte einen erreichen und nicht abprallen und vor einem zerschmettern – Wenigstens ist Weihnachten nun fast überstanden, vielleicht wird es dann schon wieder etwas leichter…

  2. Danke liebe Hannah, für einen Beitrag, dessen Inhalt uns auch sehr bekannt vorkommt.
    Alles Gute dir und dass es bald besser wird. Auch das Beste für 2018 möchte ich dir wünschen. 🍀🍀🍀
    Liebe Grüße
    „Benita“

  3. Ich hab heute schon gemerkt, dass es geholfen hat, dass wir nirgendwo hinfahren oder mehr als das nötigste machen. Irgendwie hat dieser Anspruch alles nur noch mehr befeuert… Mal sehen wie es sich in den nächsten Tagen ausmacht.
    Vielleicht müssen wir an Silvester mal alles richtig rausheulen 😉

  4. Liebe Hannah,
    schon lange eine stille Mitleserin mit großer Bewunderung für deine Stärke und die Worte, die du unbeschreiblichen Gefühlen immer wieder – und so auch mit diesem Beitrag – einhauchst. Danke für deine Zeilen, deinen Blog!
    Das zerissen-Sein zwischen „Sehnsucht nach Familie“, „Wissen, dass man diese Familie so aber gar nicht aushalten könnte“ und der Wunsch „endlich Kraft und Ruhe zu finden“, hat mich auch sehr umgetrieben diese letzten Tage. Dein Beitrag hat mir eben gezeigt, dass ich mit diesem Gefühls-Wirr-Warr und dem vernichtenden Geschwür, in mir sitzend, was sich kontrolliert, außer meiner Kontrolle, ausbreitet, in dem einen Wort „Trauma“ erfassbar sein soll, aber dennoch so viel mehr unfassbares, unbegreifliches und unaushaltbares darstellt, als je ein Wort fassen könnte, nicht alleine bin. Genau eben diese „Basis“ und nicht mehr als diese zu erwarten, wie du im letzten Absatz schreibst, ist vermutlich die Lösung, wie man diese dunkeln Stunden, Sekunden, Minuten voller Selbsthass, Lähmung, körperlicher Starre, verbunden mit einer innerlich übermäßig großen erdrückenden Flut aushalten kann.
    Ich, alleine, muss mich selbst aushalten. Auch wenn ich nicht glauben kann, dass dies gerade möglich ist, muss ich mich an dem Wissen festklammern, dass ich es bereits 20 Jahre, mehr als 7320 Tage, 176000 Stunden geschafft habe – dagegen muss diese eine bevorstehende Stunde ankommen – auch wenn die Hoffnung im Moment nicht da ist.
    Ich schicke dir viel Kraft auf diesem Weg und tiefe Dankbarkeit.

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