Lauf der Dinge

wert_los

Am Morgen las ich, dass es typisch für manche autistische Menschen ist, eher ärgerlich als depressiv zu wirken und fühlte mich seltsam entlastet.

Es ist das Eine zu wissen: „Mein Trauma war es, gerettet zu werden und das als überwältigendes Eindringen ins eigene Da_wo man ist_sein zu erleben“ und sich damit zu erklären, warum man im Grunde nie etwas anderes getan hat oder wollte, als dass Menschen gewisse Abstände einhalten.

Das Andere ist, in dem Umstand erkannt zu sein, dass man es nicht ertragen kann, wenn jemand so nah ist, dass es nicht nur zu nah, sondern auch zu viel Ein_Druck und Anspruch ist.

Etwas anderes ist die Idee, hinter „lautem Verhalten“ (wie Aggression zum Beispiel) stecke „eigentlich“ ein niedriges Selbstwertgefühl und die Depression. Uns wird ständig ein niedriges Selbstwertgefühl attestiert. Sei es, weil wir bloggen, weil ich Leute weghalte, weil wir XY tun oder nicht tun. Der Umstand, dass meinunser Selbst vielleicht nur für ebendiese Menschen keinen Wert hat, bleibt ausgeblendet. Denn: das kann ja gar nicht sein.

Vielleicht hat mein Ausdruck weniger mit mir zu tun, als mit dem worum es mir geht. Mindblowing, hm? Vielleicht ist so mancher Menschen Dreh- und Angelpunkt nicht das soziale Universum der emotionalen Zwischen_Menschlichkeit, sondern der Interaktion an sich.

In meiner Auseinandersetzung mit „meinem Autismus“ fällt mir auf, dass mein Problem öfter ist in meiner „eigentlichen“ Interaktion gestört zu werden und zwar von Menschen.

Menschen, die meinen man könne nicht mit Dingen, Dynamiken, Zufällen, Reihenfolgen, Abläufen sozial interagieren. Für sie sind die Dinge, die mir wertig sind, weil sie etwas in mir machen und bewegen, nicht gleichermaßen wichtig, wie ein laut_sprachiges Reden oder andersähnlich Miteinander zu tun haben. Für sie bedeutet „sozial“ = „Menschen“ und nicht „Uneinsamkeit“.

Im Moment erleben wir eine depressive Episode. Eine überfordernde Mischung aus Erinnerungen an Gewalt, die sich durch das Netz der dissoziativen Barrieren drücken; unseren ganz eigenen Bewältigungs- und Umgangsstrategien damit und dem Alltag, in dem wir versuchen zu wachsen und zu lernen. Auch über uns.

Ich schreibe das nieder, weil ich mir bewusst halten will, mich oder uns nicht für „eigentlich wertlos“ zu halten. Das tue ich nicht. Das habe ich nie getan. Wohl aber fühle ich mich und das, was mir wertig ist, als wertlos von Menschen wahrgenommen. Meine Abwehr ist mir wertvoll, meine Einordnung von dem Moment, in dem mir etwas oder jemand zu viel wird, ist wertvoll. Selbst dann wenn jemand das als „Vermeidungsverhalten“ oder als „Noncompliance“ oder als „narzisstischen“ Persönlichkeitsquirk betrachtet und damit so ziemlich alles ausblendet, was ich überhaupt an mir habe.

Es geht darum, dass wir ein anderes Wertesystem haben oder präziser: andere Dinge (auch) bewerten.

Das ist wichtig zu verstehen. Sonst missversteht man mich und uns. Und gibt uns das Gefühl wert_los zu sein oder mit etwas in Kontakt gehen zu müssen, dem wir wertlos sind, weil alles, was es in uns zu sehen und zu finden glaubt, für und aus sich selbst heraus kommt. So jemand oder etwas braucht uns nicht. So jemand oder etwas hat kein aufrichtiges Interesse an uns. Da geht es um Bestätigung von Annahmen oder Überzeugungen.

Da geht es um Grenzen, die nicht (gut genug) eingehalten werden.

3 Gedanken zu „wert_los“

  1. Mir wurde viel zu oft gesagt, ich würde das Trauma als Ausrede benutzen, oder für Aufmerksamkeit oder für Wichtigkeit, man glaubte immer ich wäre es, die es benutzt, die Rede war von Krankheitsgewinn, und dem Versuch, Nähe und Hilfe unrechtmäßig erschleichen zu wollen- dabei hatte ich nie in meinem Leben Trost erfahren, es hat sich nie jemand wirklich um mich gekümmert, nicht einer. Es hatten immer alle mir bzw meiner Vermeindlichen „Schwäche“ und den damit assozierten Eigenschaften (Abhängigkeit, Überempfindlichkeit usw) die „Schuld“ gegeben. Sie waren Retter und oder Richter über mein Schicksal, sie ermächtigten sich selbst über das Geschehen indem sie einen Grund bei mir für meine Ohnmacht suchten und sie somit leugneten, eine perverse Schuldumkehr vollzogen. Das ein Opfer garnicht „schwach“ ist, kam ihnen nicht in den Sinn, es wäre zu beunruhigend gewesen….Genau so, wie ich es viel zu lange tat. Und irgendwann glaubte ich es, ich glaubte schwach zu sein, ich glaubte unbewusst eben doch manipulativ zu sein, ich leugnete die Ohnmacht, ich leugnete meine Unschuld, und ich vermied so die Trauer. Ich versteckte mein wertloses ich18 Jahre vor anderen Menschen, arbeite mich fast zu Tode um mir zu beweisen, daß ich doch nicht „schwach“ war. Bis ich begriff, daß nicht einer dieser selbsternannten Richter die Kraft gehabt hätte, soetwas zu überleben, daß ich stärker war, als sie alle zusammen. Das jeder der Täter selbst entschieden hatte zu tun, was er tat. Vielleicht ist es das was ihnen solche Angst macht, die Grauzone, in der sie selbst sich bewegt hatten, indem sie mich verurteilten stigmatisierten sich über mich erhoben, mich abwerteten, selbst zu Tätern wurden oder sich zumindest mit den Tätern solidarisierten indem sie ihnen die Verantwortung für ihr Handeln absprachen und mir aufdrückten. Irgendwann kam die Erkenntnis, schmerzhaft we befreiend ( dummerweise mitten im REWE), was ist, wenn es wirklich immernoch soviel Macht über mich hat, wenn es nicht „Hysterie“ oder „Schwäche“ ist, was ist, wenn ich ein verdammtes Recht habe, mich Scheisse zu fühlen, wenn ich getriggert werde.

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