Autismus und DIS, DIS?, Fundstücke, Innenansichten

Fundstücke #49

Unser Bücherregal hat Jahresringe. Lebensphasenringe.
Während ich Titel um Titel in die Momox-App scannte, zogen sie an mir vorbei. Die Phase, in der wir Romane lasen, weil das “Ich lese gerne” bedeutet. Die Phase, in der wir Lexika lasen, weil wir unbeobachtet von irgendjemandem lesen konnten. Die Phase, in der wir überlegten Hebamme zu werden. Die Phase in der wir Handwerkskills gelernt haben. Die Phase, in der wir dachten, wir könnten unser Traumading auch ohne irgendwen lösen, wenn wir nur das eine richtige Buch dazu lesen.

Drei volle und versandfertige Kisten später, sitze ich im kalten Garten hinter dem Haus und spüre, wie an mir hochklettert, worin ich versinke.
Versagensangst. Zuvielzuvielgefühle. Ohnmacht. Diesen Scheiß werde ich nie los. Diesen Traumascheiß. Diesen Scheißscheißscheiß, der in an und mit mir verwachsen ist und an so vielen Stellen noch immer keine Worte hat.

Wir hätten der Therapeutin nicht sagen sollen, dass es kein Problem für uns ist erst irgendwann im September wieder einen Termin zu haben, denke ich. Und dann denke ich: es ist auch kein Problem. Was soll das denn ändern? In Sachen Traumascheiß ist die Therapie seit Jahren, wie eine Wüste mit einem Teelöffel von A nach B zu tragen.
Ist ein Fetzen sortiert, quillt ein weiterer hoch. Ist ein Komplex verstanden, wird spürbar, wo er sich mit einem anderen beißt.

Manchmal denke ich, da sei ein Ende denkbar. Da könnte es etwas geben, was bleibt und keine weiteren Termine mehr braucht.
Und dann ist sie wieder da. Irgendeine Angst, die mir sämtliche Fähig- und Fertigkeiten nimmt. Irgendeine Erinnerung, die ich als solche nicht einmal wahrnehme, weil ihr Inhalt so dissoziiert von mir ist. Irgendwas, was mir die Haut vom Inneren reißt und nackt in einer Reißnagelwelt zurücklässt. Einfach so. Nicht, weil ich irgendwas hätte könnte würde wenn besser oder anders machen können. Einfach nur so. Zack. Bäng.
Weils geht.

Und ja verdammt. Ich will nicht noch mehr lernen, wie ich damit leben kann, ohne mir alle paar Tage zu überlegen, ob wir nicht vielleicht doch besser für immer gehen, statt jeden Tag damit konfrontiert zu sein.
Ich will das weg haben. Ich will diesen scheiß Kompromiss nicht mehr okay finden müssen. Denn mehr ist das nicht.
Es ist ein Kompromiss. Ein “Ja gut, man kann hier nix mehr heil kriegen, aber wir könnens nett gestalten”.
Wie konnten wir uns je auf so einen Zynismus einlassen?

Wobei – naja. Wie wir uns darauf einlassen konnten, weiß ich schon. Es ist ja nicht so, dass man viel Auswahl hat, wenn es um sowas geht. Entweder du kommst klar oder nicht. Zack. Bäng.
Beimnichtklarkommen bleibt man allein, zum Lernendamitklarzukommen kriegt man eine handvoll Therapiestunden und je nach Performance noch Applaus von Zaungäst_innen, die irgendwas von sich darin finden.
Das ist doch abstoßend.

In unserem Podstock-Workshop zum Thema Trauma hatte Martin uns gefragt, wie es kommt, dass wir so einfach darüber reden können.
Meine eigene Antwort bringt mich jetzt zum Heulen.
Weil es einfach nur reden ist. Erklären. Fachliteratur in Alltagssprache übersetzen. Für uns ist das nicht viel mehr als ein Übersetzer_innenjob. Ein Wörterspiel wenn man so will. Wir reden in Workshops nicht über uns. Wir reden über den Traumascheiß über den in der Fachliteratur geschrieben wurde und nehmen Teile unserer Erfahrungen als Beispiel.

Wir wiederholen uns. Wir erzählen und erklären, was wir in den letzten 15 Jahren ständig irgendwelchen Betreuer_innen, Begleiter_innen, Interessierten oder Befreundeten erklärt und bewortet haben. Wir sind ein Traumascheißerklärungspapagei.
Nichts weiter.

Da heißt nicht, dass wir nicht sehen können, dass wir damit etwas für andere Menschen sein können, das ihnen hilft. Da heißt nicht, dass wir uns und unsere Kenntnisse abwerten. Denk mal über dein Verhältnis zu Papageien nach, wenn du das denkt. Blink Blink Karnismus Blink Blink
Aber es heißt, dass wir wissen, dass wir da etwas können, das mit uns nicht so viel zu tun hat. Und genau deshalb überhaupt nur funktioniert.

Im Garten ist es still wie in unserer Wohnung und nur deshalb fällt es mir auf. Auch nicht zum ersten Mal und doch so, dass es mich wirklich traurig macht.
Wie getrennt wir von der Welt und ihrem Lauf der Dinge sind. Und wie getrennt wir daneben auch untereinander sind. Und nur deshalb noch funktionieren. Immernoch. Nach all dem Traumascheiß.

Daneben haben wir ein Fädchen in der Hand.
Die Wörter.
Unsere Brücke zu Menschen. Das Fenster in ein Irgendwann, das so viel sein kann.

Das hilft.
Es hilft zu wissen, auch das zu haben. Auch das zu können. Immernoch. Trotz allem.

2 thoughts on “Fundstücke #49”

  1. Liebe Hanny C. Rosenblatts, danke für den Beitrag. Er hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich kann sehr gut nachvollziehen was du schreibst, da es mir oft genauso geht. Danke für deine offenen und ehrlichen Worte auch in den anderen Beiträgen, ich bewundere deinen Mut und bin froh dass es Menschen wie dich gibt, die mir den Mut geben, meine eigene Geschichte auch zu erzählen.
    Liebe Grüße
    Regenbogenwetter aus Hannover

  2. Liebe Hannah C. Rosenblatt, seit heute lese ich dein blog, bin berührt + froh, weil ich so viel wieder erkenne, und so viel schönes auch nicht kenne (btw, danke fur die komoot-app, kannte ich noch nicht). Vielleicht findest du es blöd, dass ich ausgerechnet diesen beitrag mag. Aber ich kann dieses wütende rasen über den zynismus des heilens so gut verstehen – macht mans nicht, gehts einem beschissen. Macht mans, kriegt man ne komische anerkennung, die sich fremd anfühlt weil so weit weg von dem inneren erleben von verzweiflung und angst. Und die deswegen auch zynisch wirkt. Und immer immer muss man da alleine durch, selbst wenn einem wer die hand hält. Und in solchen momenten am abgrund vergesse ich leider auch, was ich schon geschafft habe. (Vielleicht ist auch nur der anteil, der das weiss, dann grad nicht da.) vergesse, dass es wertvoll ist, dass ich inzwischen bestimmte dinge tun kann, die vor jahren undenkbar waren. Oder sie tun kann, ohne zu dissoziieren oder danach zu kollabieren. Und dass der heilungsscheiss eigentlich darum geht: schönes leben lernen. Immer mehr. und dass sich das verdammt gut anfühlt. Lebendig, wach. Da sein, einfach so. Ohne performance. Echt.

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