Lauf der Dinge

Tag 34: Ankommen

Um kurz vor 7 wache ich auf. Es ist still. Kein Wind, kein Blätterrascheln. Ein Taubengruugruu ist alles, was die Stille berührt.

Alles dauert länger. Mit NakNak* draußen zu sein. Kaffee zu trinken. Zu spüren, dass dieser Tag nutzbar ist. Zu überlegen, was wann wie warum zu tun ist.
Das Telefon klingelt und Adobe ruft an. Es gab Rechnungsprobleme. Zum Glück nicht an unserem Ende.
Ich rufe bei der Zahnärztin an. Urlaub. Eine Woche Gnadenfrist.

Dazwischen stehe ich mit blauen Säcken und will am liebsten alles, was mir in die Finger kommt, hineinschmeißen. In dieser Wohnung steht so viel Scheiß und Mist und altes Zeug. Überall stehen schlechte Angewohnheiten und lauernde Trigger in Erinnerungsprozesse. Ich will hier nicht sein. Ich bin hier falsch. Mein Handeln schallt in den Räumen, von draußen hört man so gut wie nichts. Außer Autos.

Gegen Mittag können wir in die Fahrradwerkstatt. Die Gangschaltung einstellen lassen. Dann bringen wir Müll weg. Schmeißen die alten Routinen raus aus dem Alltag, dessen Reste hier überall kleben. Die Routinen, in denen wir Kram ansammeln, der uns nichts bedeutet und Zeug behalten, das wir nicht benutzen, weil es zu viel bedeutet.

Ich sollte die Betreuerin anrufen. Sollte mich um den Schulkram kümmern. Heute morgen stellte ich fest, dass mein Schulprofil in der App zum Stundenplan einer anderen Schülerin zugeordnet wurde. Mir wird schon wieder schlecht, wenn ich daran denke, dass genau das bald wieder losgeht. Jeden Tag eine Tagesplanüberraschung. Anstrengung. Schularbeit. Menschenarbeit. Daneben Traumatherapie.arbeit. Immer wieder ausgleichen, dass andere Menschen da sind. Fordern. Erwarten. Re.Agieren.

Und nein. “Das Positive sehen” geht hier nicht. Nein. Ich kann nicht sagen: “Ach, es ist doch noch Zeit bis dahin.”. Kann nicht sagen: “Ach, das wird schon nicht so schlimm werden.”. Denn es wird schlimm und keine Zeitspanne der Welt kann mir die Überforderungs- und Angstgefühle daran nehmen. Und: Es hilft einen Scheiß zu wissen, wofür wir das machen. Wir werden danach keinen sicheren Job, keine güldene Zukunft, keine weniger anstrengende Lebenszeit haben. Wir werden nur einen Zettel haben auf dem steht, dass wir etwas können. Und das bedeutet gar nichts. Es ist nur ein weiteres Stück Kram in einem Ordner voll Kram, den wir nicht für uns behalten.

In den letzten Wochen haben uns so viele Menschen gesagt, dass sie das nicht könnten. Wochenlang unterwegs sein. Draußen. Bei Regen und Sturm. Im Zelt. Allein mit Hund und Rad.
Niemandem haben wir je geantwortet, dass wir in Wahrheit nicht können, was sie tun oder getan haben. Was es für eine Erleichterung für uns ist, nichts weiter zu tun zu haben, als uns zu versorgen und weiterzufahren. Und etwas aufzuschreiben, wenn die Kraft und die Lust dazu da war.

Nichts von dem, was uns jetzt behindert, ist weg da draußen. Aber wir brauchen nirgendwo zu bleiben, wo es uns besonders stört und leiden macht. Die Zukunft ist 3 Tage lang und kennt nur das Wetter als die Gewalt, die alles bestimmt. Der Rest ist konkret. Kein Wenn und Aber. Keine schwammigen Eventuellvielleichtaberaber.ängste. Nur Hier und Jetzt und wenn nicht jetzt, dann wenn es geht.

Niemandem mussten wir sagen, dass wir beschäftigt und angestrengt sind. Der große Rucksack und die Tour als momentanes Ist, haben gereicht, um das zu sagen. Jetzt geht der ganze Scheiß wieder los. Ja – ich stehe hier und man sieht es nicht, aber doch: wir sind eine verwundete Person. Da ist Schmerz. Da ist 24/7 Anstrengung damit umzugehen. Da ist Heilung, die nie ohne Anstrengung passiert. Da ist die Suche nach dem Sein mit wir okay sein können. Da sind Be.hindernisse und da ist der Umstand, dass diese viel zu selten gesehen und anerkannt werden.

Das heißt nicht, dass alles andere – Gute, Schöne, Aufregende – weg ist. Das heißt aber, dass diese anderen Dinge nun weniger Platz haben, um zu wirken. Dass wir weniger Platz haben, diese Wirkung in uns arbeiten zu lassen. Egal, was wir tun.

Und ja. Ich weiß wie das klingt. Das klingt, als würden wir zum Opfer unserer Umwelt. Hilflos und ohnmächtig etwas ausgeliefert, das man Alltag, Leben, Lauf der Dinge nennt. Das klingt übertrieben. Nach Opfermimimi. Nach einer Herausforderung uns zu sagen: Stell dich nicht so an. Übertreib nicht. Du dramatisierst.
Aber. So fühlt es sich doch an. Es fühlt sich an, als hätten wir hier nichts im Griff. Null. Als wären die meisten unserer Entscheidungen die Art Kompromiss, denen man zustimmt und doch weiß: eigentlich wollten wir das alles anders – und doch ist genau das für uns einfach nicht drin. Nicht jetzt. Und vielleicht nie.
Das ist etwas, dem wir ausgesetzt sind. Immer und überall. Und nein: einfach weggehen und woanders anders machen, geht nicht. Nicht jetzt. Nur hoffentlich: irgendwann.

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