Lauf der Dinge

Tag 18: noch ein Glück

Am Frühstückstisch kaue ich an einem Apfel und es knirscht in meiner Wange. Unvermittelt. Nah. Unausweichlich nah.

Der Backenzahn ist schon seit Monaten nicht mehr als ein Klecks Zement, der eine Ruine ausfüllt. Wir scherzen. Noch.

Beim Zähneputzen habe ich dann ein Stück des letzten Backenzahns im Mund. Das herabröckelnde Quentchen, dass mir alle Fassung raubt.

Die Panik rollt an. Vermischt sich mit der Angst vor der Zahnarztangst und dem dichten Wasmachichjetzt. Ich kann nicht mehr sprechen. Nicht mehr denken als die Idee, der restliche Zan würde am wackligen Stück entlang komplett aus meinem Kiefer brechen.

Ein Kind nimmt mich in den Arm. Holt seinen Papa. Der versucht zu verstehen. Versteht. Hilft. Macht einen Plan für uns. Lässt uns Zeit für Beruhigung.

Wir setzten uns zu NakNak*. Schauen dem Fidget Spinner-Lichtspiel zu. Ein anderes Kind gibt mir einen Grashalm. Die Mama spricht mir gut zu. Dann fahren der Papa der Familie und ich zum Zahnarzt.

Die Landschaft zieht an uns vorbei und das ruhige Summen der Reifen auf dem Asphalt beruhigt uns weiter. Er fragt wie er helfen kann. Hilft sehr. Erklärt. Fragt für uns. Spricht mit und für uns.

In der Praxis sind alle freundlich. Der alte Zahnarzt nennt sich selbst einen alten Sack und hat über dem Stuhl ein Unterwasserbild, in das wir ein ängstliches Kinderinnen hineinschlüpfen lassen. Er zieht nicht den ganzen Zahn. Mit so einer Wunde sollte man nicht unterwegs sein. Aber er zieht das wackelige Stück.

Erleichterung. Glück. Mit einem Schlag tiefe Müdigkeit. Sie lassen uns schlafen. Lassen uns etwas Mittagessen.

Später machen wir alle zusammen Gartenarbeit bis es regnet. Dann laden wir Fotos hoch. Veröffentlichen unseren Text.

Die Zeit vergeht, als wäre normal was wir hier gerade leben. Es ist schön.

Nach dem Abendessen lese ich eine neuerliche Unwetterwarnung. Heute schlafen wir gleich im Haus.

Morgen haben wir einen kurzen Weg zum nächsten Campingplatz. Sehr gut um wieder in den Radtouralltag zurück zu kommen.

Nun sitzen wir draußen. Neben uns NakNak*. Der Himmel steht in Apricot. Die Grillen schnarren. Der Bach rauscht. Es ist ein guter Abend für einen Abschied.

4 thoughts on “Tag 18: noch ein Glück”

  1. Wir hatten beim Lesen richtig Tränen in den Augen, weil es uns so berührt, dass ihr diesen Menschen begegnet seid. Wir freuen uns für euch, so soll es weitergehen 🙂

  2. Uns bleibt ihr mit der Familie in Kontakt? Scheint so als seid ihr einander näher gekommen – vielleicht könnt ihr mal wieder hin, wenn ihr mal aus dem Alltag raus möchtet. Es klingt wirklich richtig schön, wie sie mit euch umgehen. Hast du denn von eurem Vielesein erzählt oder ist das kein Rahmen dafür?

  3. Ja wir bleiben in Kontakt und wir besuchen Sie auch nochmal. Aber vom Vielesein haben wir Ihnen nichts gesagt. Das ist für uns ja nichts was wir für so wichtig für den Umgang mit uns finden, dass das alle wissen müssen.

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