Autismus und DIS, DIS?, Innenansichten

Körper haben – Körper sein

“Jede Gewalt trifft einen Körper.”. Das stellt Jan Philipp Reemtsma in seiner Gewaltanalyse heraus.
Es ist einer der Sätze, die uns am meisten dabei helfen, sowohl mit der Erfahrung der Gewalt an uns, als auch ihren Folgen umzugehen.

Denn, nicht für alle, doch genügend von uns, ist der Körper, den wir uns teilen, der kleinste gemeinsame Nenner.
Wir alle benutzen ihn. Manche versorgen ihn. Manche erleben sich durch ihn. Manche erleben sich in ihn eingehüllt. Manche sehen sich von ihm behindert. Für manche ist es eine quälende Abhängigkeit von einem Verräter mit ihm zu tun zu haben.
Für viele ist der Körper Mittel zum Zweck. Sprachrohr, Werkzeug, Zahlungsmittel.
Für manche ist er Zeuge und Zeugnis zugleich.

Eine der Spaltungen, die Gewalt immer mit sich bringt, ist die Trennung von Selbst und Erscheinung. Also von Ich und Körper.
Das ist keine bewusste Trennung. Keine Idee, der gefolgt wird. Es ist, was in Gewalt ausübenden Personen passiert, um überhaupt Gewalt ausüben zu können und von Personen, die zu Opfern werden, in sich hineingespiegelt wird.

Menschen, die Gewalt ausüben, konzentrieren sich nicht auf das Individuum an sich. Sie sind häufig nicht einmal ganz auf sich selbst als Individuum konzentriert. Wenn man so will, handelt es sich bei Gewalt um eine Art “aus der Balance sein”. Nicht bei sich oder dem Gegenüber sein, nicht im Lot, in der Mitte – an dem Punkt sein, an dem das eigene Handeln mit möglichen Konsequenzen in Kontext gesetzt wird/werden kann.

Manche Menschen entscheiden sich bewusst dagegen. Manche Menschen tun das nicht (mehr). Manche Menschen haben das noch nie getan und sind dissoziiert von dem Wissen um die Möglichkeit oder die Erfahrung dessen.

In einem Beispiel könnte jemand jemanden verletzen und glauben (wirklich glauben!): “Ich habe nie jemanden verletzt – ich habe immer nur meinen Punkt klar gemacht und durchgesetzt.”. Die Verbindung von “Punkt klarmachen und durchsetzen” zu “jemanden verletzten” kann Menschen, die Gewalt ausgeübt haben fehlen. Und zwar nicht weil sie bewusst ihr Opfer entmenschlichen oder sich selbst als Übermensch wahrnehmen und anderer Menschen Kosmen dazu ausblenden müssen, sondern, weil sie schon in der Situation selbst von dem Kontext der Menschlichkeit, der Situation, Zeit und Raum in all seinen Facetten dissoziiert sind und nur ihr stärkstes Gefühl, ihr stärkster Affekt, ihr eigenes Sein noch wahrgenommen wird/ werden kann.

Das schreibe ich hier nicht aus dem Blauen.
So geht es uns immer wieder, wenn wir Gewalt ausüben. Das kann verbale Gewalt genauso wie diskriminierende Praxis meinen, hat aber in der Vergangenheit auch schon körperliche Gewalt bedeutet.
Absichtlich zu verletzen ist neu für uns. Doch selbst dann, wenn wir jemandem absichtlich weh tun wollen, geht es nie um das Ich oder den Körper der Person, die wir treffen wollen. Es geht um uns und darum, dass wir in uns etwas befried(ig)en, das in uns akut dominant ist und (scheinbar) keinen inneren Widerstand oder Einspruch erfährt.

Körper und Ich der Person sind jedoch die Präsenz mit der wir es dann zu tun haben. Sie kriegen es ab und behalten die Abdrücke unseres Handelns in sich, nur, weil sie in dem Moment präsent sind. Niemals, weil sie sind.
Das muss man als von Gewalt ge.betroffene Person erst einmal verstehen.

Doch sich selbst als etwas zu begreifen, das nicht man selbst ist – sondern das, was andere (außenstehende) Menschen wahrnehmen, ist eine schwierige Angelegenheit. Es fordert die Fähigkeit/Fertigkeit, die Perspektive einer außenstehenden Person einzunehmen und sich von dem zu trennen (zu dissoziieren?) was man von sich selbst weiß und wahrnimmt. Man muss sich überlegen können, was eine andere Person wahrnehmen und denken könnte.
Welche Informationen sie aufnehmen kann und welche Rückschlüsse ihr möglich sind oder sein könnten.

Für uns ist das eine einzige große Rechenaufgabe. Ein Flussdiagramm, das wir in uns aufbauen und analysieren, um zu verstehen, was in dem Kontakt und Gespräch mit einer Person gerade passiert. Das Gegenüber zu verstehen ist für uns also eine grundsätzlich bewusste anstrengende Angelegenheit, die auf spezifische Schablonen des Begreifens zurückgreift. Denn wir sind viele. Meine Schablonen sind andere, als die eines Kinderinnen oder eines Teenagerinnens oder eines Innens, das sich dem aktuellen Jahr nicht bewusst ist.
Und! Die Schablonen des Gegenübers kennen wir nicht. Wir wissen nie auf welchen Hintergrund und welchen eventuell dissoziativen Zustand die Informationen fallen, die diese Person aufnimmt.

Deshalb ist Reemtsmas Formulierung für uns sehr hilfreich.
Zu verstehen: Unter Umständen sind/waren wir einfach nur ein Körper, der grad da ist/war – und nichts weiter.
Zu begreifen:  Wir haben keine Beobachtungs- oder Rechenfehler gemacht – da war ein Mindset im Gegenüber dominant, das vermutlich unheimlich begrenzt ausgerichtet und funktional war. Es gibt Dinge, die kann man nicht berechnen/vorhersehen.

An uns selbst zu reflektieren: Auch wir erleben diese Form der Dissoziation bzw. die Fragmentierung eines Gegenübers in Einzelteile, die wir dann auch noch hierarchisieren und in ihren Bedeutungen für die Person bzw. ihre Lebensrealität diskriminieren. Was dann überhaupt erst möglich macht, dass wir in die Situation kommen, das etwas in uns so stark wird, dass kein Raum mehr für anderes bleibt.
Was dann wiederum vielleicht als Gewalt bei der Person ankommt, ohne, dass wir uns dessen bewusst sind oder an.erkennen (können), dass es Auswirkungen dessen in/an der Person hat.

Wir haben also mit Awarenessarbeit an uns und unserer Mitwelt angefangen. Bewusstseinsarbeit.
Bewusst werden. Bewusst wahrnehmen. Bewusst sein. Bewusst bleiben. Bewusst entscheiden. Bewusst (am und im Leben) bleiben.

Viele Therapieangebote beinhalten Achtsamkeits- und Entspannungstrainings, um diese Arbeit an und mit sich selbst anzustoßen.
Für uns war das allerdings a) nie so wirklich klar, b) nicht machbar in Gruppensettings und c) war/ist unsere Wahrnehmung so fragmentiert/dissoziativ, dass die Bewortung  vieler Eindrücke massiv erschwert war/ist

Unser Zugang war die politische Auseinandersetzung. Themen. Fragen. Die konkrete Interaktion zwischen uns und der Welt.
Uns tun Menschen gut, die Lust an und mit Diskursen haben. Für die es wichtig ist, viel Zeit für Analysen und Reflektion freizumachen. Menschen, denen Verstehen genauso wichtig ist wie uns.

In politischen Kontexten liegt zudem auch eher wenig Augenmerk auf individuellen Eigenschaften. Der Mensch wird “Individuum” genannt und doch nur in größeren abstrakten Zusammenhängen als Teil des Ganzen betrachtet. Das ist ein Problem, das politischer Diskurs hat – uns aber die Tür öffnete, unser Viele-Sein als funktionierendes System zu betrachten.

Der Körper als unser Staat.
Die Systeme (von denen wir damals wussten) als Bundesländer (mit eigenen Regierungen).
Die Absprachen um Suizidalität, Selbstversorgung, Selbstschutz (nach innen und außen) und Hilfen/Bündnismanagment als das Grundgesetz.
Die innere Konferenz als dauernde Einrichtung.

Nach einer Weile aber sahen wir die gleichen Probleme der (“)Demokratie(”) außen, auch im Innen und spürten die Wiederholung der Gewalt an unserer Körperlichkeit, als Gewalt am Inneren.
So verließen wir das Stellvertreter_innen-Modell und trennten uns von der Hierarchie, durch die Informationen, Forderungen und Ideen es schaffen müssen, um eventuell vielleicht von allen aufgenommen zu werden.

Denn so läuft es in der Form der Demokratie, in der man in Deutschland leben muss.
Du musst deine Ideen und Forderungen jemandem erzählen und der (sigh) muss sie weiter nach oben geben. Vielleicht in eine Partei. Die sagt dann vielleicht: “Unterstützen wir – tragen wir weiter bis an die Spitze unserer Parteihierarchie.”. Die Partei sagt aber vielleicht auch: “Nee is Quatsch.”. Dann muss man weiter suchen. Oder einen Brief oder eine Petition schreiben, in der die Idee direkt zu den Entscheider_innen gelangt. Eventuell. Wenn Grund dazu besteht. Aus der Sicht der Menschen, um die Entscheider_innen herum.
Eine Idee oder politische Forderung einzubringen ist leicht. Aber die Person, welche die Idee hatte oder an der Forderung gearbeitet hat, spielt am Ende gar keine Rolle. Häufig spielt nicht einmal mehr die Idee/Forderung selbst eine Rolle, sondern das, was sich davon versprochen wird.

Was beim Handling eines ganzen Landes mit mehreren Millionen von Einwohner_innen noch sinnvoll sein kann (eventuell vielleicht), ist für uns im Staate “Einsmensch” nicht sonderlich hilfreich.
Die meisten von uns kennen nur das eigene System wirklich so, dass sie überhaupt in der Lage sind miteinander in Kontakt zu sein (und zu bleiben). Andere Systeme wurden und werden nachwievor selten aus direktem oder indirektem Mit_Erleben erfahren und mehr aus der Rekonstruktion eines Tages bzw. vergangener Tage, Wochen, Monate, Jahre abgeleitet.

Das heißt: Dass da andere (Systeme) sind und Dinge nach Außen tun, wissen wir Rosenblätter, die hier schreiben, meistens nur durch schon entstandenen Schaden oder awkward Momente, in denen Menschen Wissen oder Können oder Kenntnisse voraussetzen, die wir nicht haben.
Oder durch amnestische Löcher, die einem Muster folgen, das man rekonstruieren kann.

Das bedeutet für uns, dass wir die Kommunikation nicht hierarchisch sondern anarchistisch un.strukturieren.
Gerade, weil wir im Außen schon genug beschnitten und eingeordnet werden und selbst noch immer auf dem Weg sind das Bewusstsein darum zu haben und zu halten, was uns da jeweils abgeschnitten wird, sodass wir selbst gar nicht richtig zum Zug kommen, wenn es darum geht uns gänzlich irgendwo mit irgendwas einzubringen.

Denn das ist ein weiteres Problem der Demokratie, in der wir leben müssen. Selbst wenn es um unsere Themen geht, geht es nicht um unsere Leben. Geschweige denn um uns als die, die wir sind. Immer gibt es Begriffe, die uns mitmeinen, doch nur selten sind wir persönlich gemeint.
In dieser Demokratie tragen alle eine Verantwortung, die niemand persönlich nimmt, weil niemand persönlich angesprochen und einbezogen wird.
Und das ist ein Problem.

Das ist ein Problem, das wir in unserem kleinen Rahmen oft hatten und mit dem wir immer immer immer wieder rechnen müssen.
Innens, die sich an alle Absprachen halten, weil sie glauben, dass man das eben tun muss – nicht, weil sie selbst etwas davon haben könnten.

Viele-Sein funktioniert bei uns wie Wasser oder Soße.
Es ist die maximale Anpassung, das Umschlängeln und in alle Richtungen auseinanderwachsen. Das große Rhizom, der widerständige Löwenzahn. Immer kommt irgendwer an irgendwas vorbei. Überlebt unter schwierigsten Bedingungen und bringt sich selbst ein, um sich – in unserem Fall wortwörtlich – systematisch an die Gegebenheiten anzupassen.

Wenn wir im Innern eine Hierarchie aufbauen, entwickelt sich in 100% der Fälle eine andere Funktionsweise daran vorbei, um alles von der Hierarchie abgeschnittene zu erhalten.

Der Weg beginnt also im Konflikt, der die Abtrennung bewirkt.
Der Gewalt im Innen.
Die man von Außen übernommen hat.

Für uns ist es eine heilsame Erfahrung gewesen, bewusst zu bekommen, dass das Innen immer um Vollständigkeit und Kongruenz bemüht ist. Obwohl die Grenzen so weich, die Bereitschaft zur tiefgreifenden Dissoziation immer da und die Wahrnehmung generell eher fragmentarisch ist.
Immer ist da der Wunsch nach Erfassen von Kontexten, Verstehen, Begreifen. Nach “das alles irgendwie klar zu sehen”.
Wir erleben das als gemeinsamen Resilienzfaktor und sehen in dem Zusammenhang auch die Hochbegabung als etwas, das uns vermutlich bis heute überhaupt ermöglicht noch Therapiearbeitsbereitschaft aufzubringen.

Und das ist, wie wir es heute schaffen uns innerlich zu organisieren.
Wir erleben einander in Banden, Kollektiven, Systemen. Sehen: jede Gruppe bzw. jeder Verbund hat einen Fokus oder einen Aspekt des gemeinsamen Lebens im Blick oder im Griff.
Wir erwarten von keinem Innen mehr “funktionsferne Inhalte oder Tätigkeiten” anzunehmen bzw. auszuüben.

Heißt zum Beispiel: wir erwarten von Kinderinnens nicht, dass sie sich als die erwachsene Person sehen, die sie nach Außen durch die körperliche Erscheinung darstellen.
Unser Weg ist viel mehr der, ihnen die Wahlmöglichkeit zu geben, das Konzept von “erwachsene Person” zu verstehen und sich daran so zu beteiligen, wie sie das können oder wollen.
Das bedeutet nicht, dass wir okay damit sind, wenn Kinderinnens nach außen agieren – aber es bedeutet, dass wir okay damit sind, ihnen unser erwachsenes Handeln im Außen nach innen transparent zu machen, damit sie sich mit diesem Handeln verbunden fühlen können. Also: sich selbst als “beteiligt an erwachsene Person-sein” zu erleben.

Eine Hierarchie wäre an der Stelle hinderlich.
Zum Beispiel wäre ein Kinderinnensverbot in einer Selbsthilfegruppe so eine Hierarchie.
Es spricht einem Kinderinnen ab, eine für die Gruppe (das Sein, das mit dem Außen zu tun hat) hilfreiche oder gute oder nützliche Quelle zu sein und zwingt den erwachsenen (oder erwachseneren) Innens einen Konflikt auf – an dem sich vorbei sich erneut etwas vorbeischlängeln muss, um erhalten zu bleiben.
Eine Erlaubnis bzw. eine allgemeine Toleranz bzw. eine grundsätzlich libertäre Haltung zu Kinderinnens ermöglicht einen viel großen Durchfluss zwischen Innen und Außen.

Wir erwarten von einander Bereitschaft sich diesem Durchfluss zu widmen. Sich dafür zu öffnen, dass wir, obwohl wir uns anders wahrnehmen, akzeptieren, dass wir alle miteinander – so getrennt und fremd wir einander auch erleben – in einem Körper sind.
Ob wir wollen oder nicht. Ob wir das glauben oder nicht.
Das ist unsere Arbeits- und Lebenshypothese.

Zugegeben: wir haben dafür eine flache Akzeptanz. Wir akzeptieren, dass andere Menschen uns als Körper sehen und mit uns so umgehen, wie man mit Körpern umgeht. Doch wir selbst sind meistens einfach nur wir. Das was in anderen Menschen, das eine Ich ist.
Alles darüber hinaus wird schwierig und sehr individuell.

Das heißt auch: manche von uns akzeptieren vollständig, dass wir alle miteinander zu tun haben und also auch miteinander verbunden und so abhängig von (bedingungsloser) Solidarität untereinander sind. Manche aber können auch nur die Verbindung zueinander anerkennen und entsprechend andere Schlüsse ziehen. Zum Beispiel den, dass man einander beherrschen (also: trennen bzw. getrennt halten) muss.

Wiederum haben manche von uns eine stärkere Verbindung zur Körperlichkeit (und/oder Äußerem) und weniger zur Innerlichkeit. Und auch unter jenen gibt es manche, die die Verbindung von Körper und Innen akzeptieren können, obwohl es sich nicht so anfühlt (und dann in solidarisches Re_Inter_Agieren gehen) und manche nur akzeptieren können, dass sie etwas akzeptieren sollen, obwohl sie es nicht so erleben (Anpassung an Gewalt (as in “Anspruch, der das subjektive Empfinden abschneidet”).

Alles ganz schön kompliziert.
Und der Körper ist irgendwie immer mittendrin. Als Raum, als Fläche, als Organismus mit eigenen Gesetzmäßigkeiten.

So war es wohl auch kein Zufall, dass die Essstörung und selbstverletzendes Verhalten den Anfang unseres Weges raus aus der Gewalt markierten.
Doch zu sagen: “Ja klar, misshandelte Menschen haben eh auch ein höheres Risiko dafür” ist an der Stelle falsch.

Essstörungen schlendern nicht durch Gegend und gucken sich die besonders empfänglichen Menschen aus, in denen sie sich für die nächsten Jahre einnisten.
Essstörungen können sich dort gut entwickeln wo die Trennung von Erscheinung und Sein besteht. Das können konkret körperlich misshandelte Menschen sein, aber auch Menschen, die permanent von Körperlichkeit ohne Geist und Seele (Bildern von Körpern in 2D) umgeben sind.
Obwohl letzteres eine arg strapazierte Theorie ist, so ist es unübersehbar, wie sehr der Anstieg der Mediennutzung (bzw. dem Ausmaß dessen, in dem man medialer Präsenz ausgesetzt ist) mit dem Anstieg der von Essstörungen betroffenen Menschen korreliert.

Wie man es auch dreht, hat man es in beiden Szenarien mit Dissoziation zu tun. Einer Trennung. Einer Kluft.
Essstörungen werden oft benutzt, um eine subjektive Balance (wieder) herzustellen.  Es geht also um einen Versuch der Kongruenz.
Und ist das nicht großartig?
Da ist ein Problem – und da ist ein Versuch es aus eigener Kraft zu lösen. Aus einem Impuls heraus, der ganz klar nur zum Ziel hat etwas rund zu machen. Sinn zu schaffen. Das Leben weiter zu machen.

Im Fall von Essstörungen,  aber auch selbstverletzendem Verhalten, fällt es Außenstehenden natürlich schwer das Ausmaß der Schädigungen in einen Kontext mit dem Versuch von etwas Gutem oder Gesunden zu sehen. Und doch. Der ursprüngliche Impuls bemüht sich um Verbindung – nicht um weitere Trennung bzw. Verluste durch Anspruch an Trennung.

Ich erinnere den Anfang meiner Essstörung nicht mehr sehr gut. Aber ich erinnere mich an die Momente, in denen mir der Gedanke, irgendwann ganz leicht und dann nicht mehr so (über- und dauer-) angestrengt zu sein, über sehr schwierige Stunden und Tage geholfen hat.
Auch an die Momente, in denen es mich beruhigt hat zu wissen, dass ich sowohl das nette Miteinander am Esstisch als auch das beruhigte (stille) Innere haben kann, wenn ich mich nach dem Essen übergebe.
Auch an die Moment, in denen ich die Krämpfe vom Abführmittel dankbar annahm, weil ich wusste woher sie kamen. Und wusste, dass ich sie selbst verursacht hatte. Weil ich das so wollte.

Mir ging es nie wirklich darum schön zu sein, beliebt zu sein oder besser zu sein, als ich war (und bin). Mir ging es darum ein schöneres, besseres Leben zu haben. Eines, in dem beliebt und schön zu sein etwas ist, worum mir Gedanken zu  machen, ich überhaupt Kraft und Fähigkeiten habe.

Meine Essstörung war/ist daneben auch eine (chronisch) suizidale Geste.
Ich wollte/will anders leben, weil das, womit ich 24/7 lebe zuweilen einfach unaushaltbar ist. Anstrengend. Schwer. Einsam.

Der Murks ums Essen hat mir aber auch ermöglicht viele Fertigkeiten zu entwickeln, die mir als fehlend früher gar nicht erst anerkannt wurden. Unser Problem mit Zahlen und Schrift zum Beispiel.

Wir haben Probleme damit Inhalte zu erfassen, wenn Texte/Inhalte so ausgedrückt sind. Als Gymnasiastin bekommt man mit so einer Macke spätestens im Biologie-, Chemie-, Physik- und Matheunterricht ab Klasse 8 ein ernsthaftes Problem. So wie ich.
Das Abwiegen, Ausrechnen und in Kontext setzen meines Lebensmittel- Mikro- und Makronährstoffinputs mit meinem Output und Verbrauch, hat mir jedoch geholfen ein, zwei Strategien zu entwickeln, es besser zu kompensieren.

Dazu kamen soziale Skills wie gezieltes Verheimlichen und Täuschen.
Dazu noch die Verbesserung der Motorik auch unter großem Stress und/oder Umgebungslärm, durch exzessives Sport treiben bei jeder Gelegenheit.

War ich vor der Essstörung eine Person die weird rumstolperte und unter den Lügen anderer Menschen litt, weil sie selbst nicht verstand, weshalb nicht die Wahrheit gesagt wurde, wurde ich unter der Essstörung zu einer Person, die wie ein Soldat mit beiden Füßen auf dem Boden steht und rundum gesichert ist.

Das war nicht schön. Aber es war besser. Und es war/ist großartig zu spüren, dass man sich Dinge selbst besser machen kann.

Selbstverletzendes Verhalten war bei uns schon als Kind dokumentiert.
Was mit Nägel kauen im Kindergarten begann, entwickelte sich bis zu Verletzungen, die wenns schlimm gelaufen wäre, nur noch mit Hauttransplantaten hätten versorgt werden können.
Erst seit dem traumainklusiven Therapieansatz verstehen wir dieses Verhalten als unsere Form der inneren Kommunikation und Selbsthilfe mit posttraumatischer Belastungsreaktion (also auch: dissoziativem Erleben, Unter- und Übererregungszuständen).

Bis dahin war es ein einfach irgendwie notwendiges Ding. Und manchmal auch das Üben für den Ernstfall, denn – so hart das jetzt auch klingt:  um sich die Pulsadern aufzuschneiden, braucht es ein bestimmtes Set an Fähig- und Fertigkeiten. Einfach nur Not reicht nicht, wenn man sicher gehen will.

Ich bin mir heute nicht sicher, wie sehr das Außen und seine Reaktion auf unser Verhalten für uns wichtig waren.
Es ist ja nicht so, dass die Menschen nett und lieb, verständnisvoll und übermäßig hilfreich reagieren, wenn sie mit Selbstschädigungen und/oder “krankhaftem” Essverhalten konfrontiert sind.
Wie die Suizidalität war es eine undankbare, freche Geste sich nicht normal zu verhalten. Derart auffällig zu sein. Und alle alle alle haben uns immer nur gesagt, wir sollten doch damit aufhören. Selbstverständlich, ohne sich damit auseinanderzusetzen, was sie da eigentlich von uns verlangen. Und wofür. Und für wen.

Erst in den letzten Jahren – also etwa 17 Jahre nach Beginn der Essstörung und noch mehr Jahren der Selbstverletzung – sind wir an dem Punkt, unsere Belastungen durch die direkte Umwelt und die sozialen Kontexte, in denen wir uns bewegen, auszudrücken und aktiv mit- bzw. umgestalten zu wollen.
Es hat in unserem Fall keinen Sinn gegen Verhalten anzusteuern – wir sehen unser Verhalten heute als Re- und Interaktion auf bzw. mit dem, was uns umgibt und weniger als individuellen Ausdruck, der wie ein Ausrufezeichen in der Landschaft steht und auf seine Entdeckung und Beachtung wartet.

Wir haben das schon oft hier geschrieben: Wir sind kein passives, eher ätherisches Wesen, das sich subtil und zart durch die Welt bewegt.
Waren wir noch nie.
Entsprechend ist uns auch heute sehr wichtig, dass unsere Essstörung, genauso wie selbstverletzendes Verhalten oder rigide Verhaltensmuster, niemals als stiller, passiv-aggressiver Appell an unsere Umwelt verstanden wird, sondern als das, was es für uns ist: akute Selbsthilfe und der Versuch des Ausgleichs tiefgreifender Dissoziation.

Hat der Körper dadurch Schaden genommen? Ja.
Und doch: es ist nicht die gleiche Art Versehrung, wie jene, die uns durch die Gewalt in Familie* und Familie° passierte und auch nicht der Schaden, mit dem umzugehen heute am meisten Raum einnimmt.

Die Zähne sind kaputt, der Stoffwechsel einer, der auf eine ausgelassene Mahlzeit mit sofortigem Reptilien-Stoffwechsel reagiert. Wir vermuten, dass unser Herzquirk etwas mit der Kombination aus Medikamenten und Mangelernährungswirtschaft zu tun hat. Außer an Gesicht, Hals und Füßen gib es keine Körperregion ohne Narben.

Und doch erleben wir das nicht als schlimm oder denken an der Stelle irgendwas mit hätte würde wenn… Diese Dinge sind geschehen, weil wir uns dafür entschieden haben. Das ist vielleicht schwer anzunehmen, gerade, wenn man uns als die abhängige Person in der Art vermeidbaren Not sieht, die wir waren.

Aber: ein anderer Schaden sind Nervenschäden durch die Gewalt früher.
Wir können nicht fühlen, ob und wann wir pinkeln müssen. Es gibt mehrere Stellen am Körper, die einfach taub sind, als wäre Lokalanästhesie gespritzt worden.

Wir wissen nicht, ob man da was machen kann oder ob das jetzt einfach unser Normal ist. Und ganz sicher, ob es nicht vielleicht doch nur ein Wahrnehmungsverlust durch dissoziative Phänomene ist oder nicht, sind wir auch nicht.
Denn niemand traut sich da ran. Die einen, weil sie keine Ahnung von Trauma haben, die anderen, weil sie keine Ahnung von Medizin haben. Und beiden Parteien ist gemeinsam, dass sie weder Ressourcen noch Mehrwert daran haben irgendetwas daran zu ändern und zu helfen.

Für uns bedeutet das: keine Chance auf auch nur einen einzigen Tag, an dem wir den Genitalbereich des Körpers einfach nur so in seinem üblichen Funktionieren wahrnehmen können, ohne kurz daran erinnert zu werden, das manche von uns dort verletzt wurden.
Es bedeutet auch, niemals einfach nur mit dem Haustürschlüssel in der Hosentasche rausgehen zu können. Wir leben als wären wir inkontinent, obwohl wir es nicht sind.

Und wir erleben daran immer wieder innere Gewaltwiederholungen.
Täter_innenintrojekte, die Kinderinnens anschreien, demütigen, quälen. Immer wieder hochquellende Überzeugungen und Wahrheiten aus Gewalterfahrungen. Und das nur, weil da eine Nervenrückmeldung nicht passiert oder ankommt oder richtig interpretiert wird oder umgesetzt wird.
Also etwas, was sehr weit außerhalb eigenen Willens und Wollens liegt.

Auch das ist etwas, das den Körper für uns zu etwas macht, das uns fremd und autark erscheinen lässt. Manchmal ist da die Idee, dass er auch ohne uns einfach funktionieren könnte und sowieso immer macht, was er will. Egal, wie wir dazu stehen.
Es hat sich aber als gut herausgestellt sich zu widmen und zu beobachten.
Denn trotz aller Autarkie, die so ein Körper hat, reagiert auch er oft genug einfach nur auf die Bedingungen unter denen er funktionieren soll.

Das ist inzwischen unsere Verbindung zu ihm. Unsere Gemeinsamkeit, die wir erforschen und mit bzw. an der wir arbeiten.

Was macht was – was fühlt sich wie wann wo an – wie gut funktioniert X unter Umstand A, B, C – welche Leistungen sind wann zu erwarten…
So gehen wir heute vor und lernen uns dabei sogar untereinander besser kennen.

Heute können wir essen und wissen, was wann in welchen Konstellationen als innere Resonanz zu erwarten ist.
Was alles sein kann, wenn sich sehr anorektisch/bulimisch strukturierte Innens deutlich bemerkbar machen. Was es braucht, damit ihr Einsatz für uns nicht nötig ist.
Wir können Sport machen und merken, wann er gut tut, wann er Ventil für Anspannung ist und wann wir in den Bereich kommen, eine Leistung zu erbringen, die wir an anderen Stellen nicht schaffen.

Was noch schwierig ist, ist körperlich-soziale Interaktion.
Wir meiden es anderen Menschen die Hand zu geben oder einander zu umarmen. Erleben Friseur_innenbesuche oder Termine bei Mediziner- und Physiotherapeut_innen als sehr anstrengend bis unaushaltbar unangenehm (schmerzhaft). Sport in der Gruppe, körperliche Nähe oder Sex mit einem Menschen ist ein einziger Kraftakt.
Bei diesen Dingen gibt es für uns (zu) viele Dinge, die wir berechnen und zu viele Reize, mit denen wir umgehen müssen.

Hinzu kommt der Aspekt der Übung bzw. der Gewöhnung und manchmal auch der Bedeutung der Interaktion.
Wenn ich eine Begrüßung oder Verabschiedung in ihrer Bedeutung für mich unterstreichen will, dann sage ich, dass ich gern die Hand geben möchte.
Wenn wir in einer Beziehung sind, in der Sex eine soziale und körperlich befriedigende Rolle spielt und da eine gewisse Regelmäßigkeit entsteht, dann gibt es weniger zu berechnen. Wir können uns darauf einstellen und das Kraftpaket dafür vorbereiten bzw. auch mit einen Zugewinn an Wohlbefinden und Kraft rechnen.

Aber alles, was nur dann und wann mal vorkommt und/oder keinen erkennbaren Sinn hat ist schwierig.
Und das hat sich in den letzten Jahren auch nicht verändert. Egal, wie viele Erlebensqualitäten und andere Rohdaten des körperlichen Empfindens in Zusammenwirken mit unserem Re_Agieren wir gesammelt haben – manches ist wie es ist und unser Umgang damit kann dann erst mal nur Trial and Error sein.

Doch auch darüber haben wir schon viel gelernt.
Körper können viel ertragen. Sind sehr belastbar. Aber auch nur bis zu einem bestimmten Punkt.
Und diese Punkte für uns allein herauszufinden ist nachwievor manchmal spannend, aber auch schlimm.

Es gibt Innens, die durch tiefe Täler gingen, als sie feststellten, dass sie sich niemals hätten körperlich wehren oder die vernichtende Rache ausüben können, die sie sich vorstellen. Viele von uns nähern sich dem Begreifen der körperlichen (wie kognitiven und seelischen) Überforderungen mit denen sie konfrontiert wurden.
Manche Innens loten noch heute aus, wie viel größer und stärker das ist, was sie heute be.nutzen können, um Dinge zu tun. Muskulöse Beine, eine kräftige rechte Hand, eine geschickte linke. Augen, die mit einer Brille unterstützt werden. Zähne, die saniert wurden. Ein Mund ohne wunde oder offene Stellen.

Wie sich die Feindschaft und Kriege mancher Innens mit dem Körper dabei entwickeln, können wir nur schwer beurteilen.
Wir leiden alle mehr oder weniger stark unter dem Umstand, dass der Körper mit Krampfanfällen auf (nerven)systemische Überlastung reagiert. Es ist schwierig diesen Schutzmechanismus nur als solchen zu sehen und sich nicht in negativen Gefühlen dazu zu verstricken.
Durch das Engagement für Inklusion und Menschenrechte, haben wir oft die Gelegenheit an uns zu reflektieren, wie ableistisch wir uns selbst gegenüber häufig noch sind. Gerade in Bezug auf das Symptom, das unsere Schwierigkeiten häufig auch zu einer sozialen Schwierigkeit macht.

Aber: wir sind davon weg, es als psychischen Ausdruck für irgendetwas zu sehen und machen mehr Fortschritte mit dem Modell die Anfälle als Reaktion auf etwas anzunehmen. Das macht uns auch den Zugang zum sozialen Umgang mit dieser Behinderung leichter.

Körper haben – Körper sein, heißt dieser Text, denn für uns sind das die Punkte, die wir inzwischen verstanden haben.
Auch in Bezug auf die Gewalt und wie sie möglich wurde.

Heute erleben wir eine Debatte um Menschenhandel und denken an Fleischmarkt. An Körperhandel. Und daran, wie logisch es ist, dass Menschen so miteinander umgehen, gehen sie doch mit allen anderen Lebewesen, Ressourcen und Gedanken/Kulturgut auch so um.
Es ist moralisch und ethisch falsch – und doch passiert es.

Meistens nicht einmal, weil die jeweiligen Körper sind wie und/oder wer sie sind, sondern weil sie sind. Weil sie Körper sind, sind sie anfassbar, präsent, etwas, das Resonanz in einem anderen Körper auslösen kann.

Wir haben verstanden, dass wir für Familie* und Familie° vermutlich von Anfang an nur Körper waren und bis heute auch nur einen Körper hätten, wären wir bei ihnen geblieben.

Jetzt arbeiten wir daran zu spüren wie das ist auch ein Körper zu sein.
Für uns und für andere.

 

*Text als PDF zur freien Weitergabe

4 thoughts on “Körper haben – Körper sein”

  1. Ich bin echt beeindruckt von Eurer (inhaltlichen und umfangreichen) Schreibleistung momentan! Danke für die „Mitnehm-Möglichkeit“ per PDF.

  2. Darf ich fragen ob ich daraus schließen kann, dass ihr in einer Partnerschaft, also mit jemandem liiert seid? Wenn das jetzt zu persönlich gefragt ist, dann müsst ihr darauf natürlich nicht antworten 🙂

    Ich wüsste auch total gerne, wie ihr es schafft, rein praktisch betrachtet, so einen umfassenden Text zu schreiben – ihr setzt euch doch nicht einfach hin und schreibt das so runter, oder? Schreiben mehrere von euch abwechselnd über mehrere Etappen daran und einer formatiert das dann am Ende zusammen oder wie muss ich mir das vorstellen? An einer Stelle wechselt ihr zur Ich-Form, der übrige Text ist in der Wir-Form, das hat mich zu dieser Frage gebracht.
    Liebe Grüße aus dem verregneten Berlin

  3. Wir sind nicht liiert.

    Rein praktisch holen wir uns eine Tasse Kaffee, setzen uns hin und schreiben das runter. Jede_r für sich an den anderen vorbei oder mittenrein. Ich-Formen lassen wir am Ende drin, wenn es sich für uns Rosenblätter „Hannah-kongruent“ anfühlt. Also wenn es etwas ist, von dem wir alle wissen und es als uns zugehörig empfinden. Andere Ich-Passagen nehmen wir raus. Genauso wie die Textabschnitte, die hier nicht stehen sollen.
    Das sind dann insgesamt mehrere Etappen und mehrere Tage.

    Viele Grüße

Kommentare sind geschlossen.