Innenansichten, Lauf der Dinge

5 Jahre

Eigentlich brauchen wir gar nichts weiter darüber schreiben.
5 Jahre WordPress – 5 Jahre seit und 9 Jahre seit.
Unserer Zeitreise vom letzten Jahr gibt es nicht viel hinzuzufügen.
Oder?

Nun, eigentlich schon.
Obschon sich das Blog von Vielen selbst nicht in den Inhalten verändert hat, so gab es Veränderungen der Optik und unserer Haltung dessen gegenüber.

Seit letztem Jahr gibt es weniger Beiträge.
Zwischendrin ernsthafte Wünsche alles zu löschen und sich für den in Anspruch genommenen Raum zu strafen.
Unser noch sehr junges Selbstbild als freie Autorin und selbstbestimmte Person, die sich und ihre Themen selbst vertritt, wurde im Laufe des letzten Jahres mehrfach angegriffen, in Frage gestellt, lächerlich gemacht und damit auf eine Art zersetzt, die es für uns schwer macht dran zu bleiben.

Das ist alles nicht neu.
Wir wissen, dass es gerade in unserem Fall nicht schwer ist uns zu verunsichern, zu demütigen, zu kränken. Und auch, uns davon abzubringen, es für eine gute Idee zu halten zu bloggen, sichtbar zu sein und zu bleiben.
An guten Tagen können wir sagen: “Glückwunsch – haste fein gemacht sich an jemandem abzustoßen, der so viel weniger hat, um dich selbst zu erhöhen.”.
An schlechten Tagen können wir dazu weder etwas sagen, noch viel mehr denken als: “Ja… was haben wir denn auch gedacht…”.

Nachwievor finden wir den meisten Rückhalt bei Menschen, die auf ähnlich prekärer Basis und ähnlichen Limitierungen im Leben bloggen bzw. sichtbar sind.
Die Mehrheit versteht unser Dilemma nicht. Vermeidet die Auseinandersetzung, lässt uns allein und spuckt mit Pathologisierungen und victim blaming auf uns.
Man hat sich angewöhnt Menschen zu googlen und von ihrer Arbeit auf sie zu schließen, ohne sich kritisch mit den eigenen Annahmen auseinanderzusetzen.
Und wir können nichts dagegen tun.

Außer vielleicht hippy dippy –08/15-Scheiß zu schreiben und uns einzureden, dass uns das ganz viel weniger Ärger bereiten würde.
Oder den x-ten Text darüber schreiben, wie wichtig es ist, die eigenen Ideen von anderen Menschen zu reflektieren und zu falsifizieren.

Jedes Mal, wenn uns Menschen weniger zutrauen, weil sie in einem Text von vor 2 Jahren gelesen haben, dass wir überlastet sind, dass wir krank sind, dass wir Leiden im Leben haben – jedes Mal wenn Menschen glauben, ein Text könne alles abbilden, was es unserem Leben gibt – dann haben wir verloren.
Und wir haben im letzten Jahr viel und oft verloren.

Selbstvertrauen genauso wie Kraft und Mut sich selbst Texte und Themen zuzutrauen.
Aus dem Hunger nach Worten und Raum für sie, ist Angst davor geworden, etwas zu sagen und keine Kraft mehr für den Schmerz um anderer Leute falsche Annahmen, Beurteilungen und Wertungen zu haben.

Es hat einen Grund weshalb wir mehr und mehr darüber schreiben, mit einer Behinderung zu leben, als darüber, wie wir uns untereinander erleben und fühlen. Dass wir immer weniger übers Viele sein schreiben und darüber, was Traumatisierungen bedeuten.
Wir fühlen uns sicherer.
Die aktivistische Blase ist älter. Das Grundgesetz bestätigt unsere Forderungen.
Wer über das Leben mit einer Behinderung schreibt, ist nicht die Speerspitze einer Blase, die von alten weißen Netzwerken und gewaltvollem (weil pathologisierendem) Diskurs geprägt ist. So wie die Blase derer, die sich seit Jahren und Jahrzehnten mit dem Thema DIS und Gewalt auseinandersetzt.

Wir können das im Moment nicht. Und wenn wir ehrlich sind, wollen wir das vielleicht auch nie wieder.
Wir haben lange auf Rückendeckung, auf Nach- wie Mitmacher_innen gewartet. Hatten gehofft, irgendwann wären wir weniger allein mit diesem Thema, dieser Herangehensweise, diesen Wünschen eine Entwicklung anzustoßen, die von konkret Betroffenen selbst ausgeht.
Vielleicht sind zu ungeduldig.  Das hat ja alles auch Gründe.

Ganz sicher sind wir aber auch zu gekränkt und traumatisiert (im Sinne von “unverarbeitet verwundet”) von dem, was uns aus der etablierten Blase angetragen wurde und immer mal wieder auch wird.

An so einem Jubiläum wie 5 Jahre bloggen auf einer Plattform, sollte ich mich freuen.
Doch was ich in den letzten Jahren daneben noch gefühlt hatte, blieb in diesem Jahr aus: Stolz auf das Geschaffte, ein gutes Gefühl bei dem Geschaffenen, die Überzeugung etwas gemacht zu haben, das okay ist.

Das habe ich nicht mehr. Schon länger nicht mehr.
Und ja, es hat etwas damit zu tun als H.C. Rosenblatt zu schreiben und deshalb als Person XY abgewertet zu werden.
Und nichts dagegen tun zu können.
Ja, überwiegend nicht einmal darin gesehen und verstanden zu werden.

Wenn wir darüber schreiben, das Blog einzustampfen, dann tun wir das nicht, weil wir so dringend hören müssen, dass es für andere wichtig ist, weiter von uns zu lesen. Sondern um aufzuzeigen, dass wir begrenzt sind und vielleicht irgendwann wirklich aufgeben müssen.
Egal, ob das für andere einen Verlust bedeutet oder nicht.
Unser Verlust wäre größer.

Für Menschen wie uns gibt es so wenig Räume, in denen wir uns frei und ohne Urteile oder Wertungen ausdrücken können.
Das Blog von Vielen war unser Raum dafür.
Er begann zu schrumpfen, als wir bemerkten, dass man uns über unsere Texte stalkt und ist seit letztem Jahr auch grundlegend kaputt, weil man etwas in uns zerstört hat, ohne uns zu ermächtigen, etwas nachwachsen zu lassen.

Und trotzdem sind wir noch da. Schreiben immernoch.
Was nicht an großer Kraft und dickem Fell liegt. Wirklich nicht.
Es liegt daran, dass es unser einziger Raum zum Ausdruck ist.
Egal, wie viele Menschen das nicht verstehen oder glauben wollen, weil sie denken, Stift und Papier in einem geheimen Kämmerlein würde das Gleiche ermöglichen können oder, dass wir wer weiß wie eng mit Menschen in Kontakt sind, die uns Austausch ermöglichen.

Wir wissen nicht wie wir weitermachen werden und halten das für einen guten Status.
Denn wir spüren, wie nah wir an “Wir wissen nicht, ob wir weitermachen” sind.

12 thoughts on “5 Jahre”

  1. Ich bin jetzt sehr egoistisch und sage, dass ich hier am liebsten noch sehr lange lesen möchte, weil ich Deine Sprache und Sichtweise so mag, aber natürlich ist es immer Deine Entscheidung.

  2. Liebe Hannah, es tut mir leid, dass ich, obwohl ich mir vorstellen kann, welche Kraft Dich diese Arbeit kostet, Dir hier nicht schon mal gesagt habe, wie wichtig Dein Blog für mich geworden ist. Wir sind froh, dass Du viele Dinge vordenkst, nicht alle decken sich mit meinen Erfahrungen/ unserem Wissen, helfen aber, nicht allein mit sich zu sein. Wir durften Dich kurz beim Mitsprachekongress kennennlernen. Ich war eine von denen, der Dein Gedicht gefallen hat und es dir gesagt hat, die, die Euch im Seminar über Euren Podcast gesagt hat, dass meine Therapeutin Euch uns empfohlen hat und ich Euch meist abends höre, damit wir nicht alleine sind…ihr seid oft mutiger und tapferer als wir …Wir sind Eine von Vielen, die Euch sehen und hören und achten. Das wollten/müssten wir mal hierlassen. Viele grüßen.

  3. Jeder von uns braucht von Zeit zu Zeit mal neuen Mut…Wir würden uns freuen, wenn wir Euch ein bisschen zurückgeben können.

  4. Hey Hannah!
    Schade, dass die Menschen, die euch wegen eurer Texte be- und verurteilen, sich nicht öffentlich in den Comments melden. Das gäbe uns Lesenden, die wir hinter euch stehen, die Möglichkeit, auch öffentlich hinter euch zu stehen. Ihr solltet solche Kämpfe nicht allein austragen müssen, denn obwohl ihr den Blog für euch schreibt, haben doch eine Menge Leute etwas Positives davon, daran teilhaben zu dürfen. Wär gut, etwas zurückgeben zu können.
    Wir lesen euch gern, könnten aber auch verstehen, wenn ihr die Kämpfe leid seid, die mit Reaktionen von außen entstehen. [Mich hätte auch interessiert, ob die Erzählung, die ihr letztes Jahr beim NaNoWriMo-Projekt angefangen hattet, noch weitergeht.]
    Liebe Grüße von einer/vielen Lesenden!

  5. Ach, das ist das Buch, von dem ihr im Podcast berichtet habt! Wie cool! 🙂 Würde mich sehr freuen, wenn es die Erzählung irgendwann in irgendeiner Form komplett zu lesen gäbe! 🙂

  6. Hallo Lesende
    die NaNoWriMo-Erzählung ist inzwischen fertig geschrieben.
    Wir haben sie jemandem zu lesen gegeben – mit der Frage, ob die Person meint, ob es „was Richtiges“ sei. Also für einen Verlag. (Wenn wir mutig genug dafür sind)
    Für den Fall, dass wir es nicht sind (was sehr wahrscheinlich ist) bereiten wir eine Auflage von 50 selbstgebundenen und -illustrierten Exemplaren vor.
    Vielleicht geht auch beides. Aber richtig spruchreif und festgelegt ist davon noch gar nichts.
    Danke für deinen/euren Kommentar.
    Danke fürs Nachfragen

  7. Hallo Ihr ❤
    ja, ihr seid wirklich die einzigen Blogger*innen, die ich "kenne", die so benennen, was ist. Das hat (z.B.) über die Zeit bei uns dazu beigetragen, dass sich unser Denken über manches verändert hat. Wir finden öfter mal Worte für Zusammenhänge, erkennen eher, was Bewertung mit uns macht und wo wir Bewerten. Hinterfragen leichter Strukturen und das Helfer*innen Netzwerk. Es hat uns geholfen mehr zu verstehen und zu benennen.
    Es hat aber nicht wirklich etwas verändert. Was auch nicht stimmt. Es ist unendlich Mühsam, anderen zu erklären, was gerade ist. Zumindest, wenn ich möchte, dass es etwas be-wirkt. Das eigene SoSein und/oder die Bereitschaft/das Vermögen der anderen – das jeder Worte unterschiedlich befüllt/versteht/Missversteht. Die vielen ungewollten und gewollten Verletzungen. Nicht in Schubladen zu passen, die einfacher sind für andere. Wenn nicht hilft was hilft. Ich mich nicht so anpassen kann, dass es mir damit gut geht.
    Dafür müssten viel mehr schreiben oder reden wie ihr.
    Im Kleinen geschieht das sicherlich auch (Dank Euch und denen, die Verstehen und wirken). Es reicht aber lange nicht, um Strukturen zu verändern. Vielleicht noch nicht.
    All das was ihr schreibt, um zu schreiben – für Euch – wirkt bei anderen, die lesen. Leider auch oft so, dass ihr Bewertet werdet, angegriffen, missverstanden. Viele können nicht aushalten was es macht und glauben sich wehren zu müssen. Leider.
    Ich finde sehr nachvollziehbar, dass ihr an dem Punkt seid, nicht zu wissen, ob ihr weitermacht. Hier im Blog (oder auch sowieso?). Ich meine zu verstehen, auch, dass dieses der einzige Raum zum Ausdruck ist.
    Wir schreiben jetzt seit etwa 2 Jahren nicht mehr – haben anders geschrieben als ihr – aber es war (und ist) auch für uns der einzige Raum. Wir haben jeden Tag das Bedürfnis zu schreiben und ich weiß nicht wirklich warum es nicht geht. Ich glaube, weil wir erlebt haben, dass das Schreiben eine Wirkung auf jemanden hatte, die hilfreich für uns war. Und jetzt, wo der Mensch aus unserem Leben weg ist, es eine neue Wirkung hat. Nicht mehr zu schreiben, nicht mehr sichtbar zu sein, diesen Raum nicht mehr zu haben, aber auch nicht mehr die Auseinandersetzungen die mit dem Sichtbarsein einhergehen, hat uns alleiner gemacht. Es erleichtert nicht, nicht zu bloggen. Uns nicht. Es fehlt einfach nur Raum. Auseinandersetzung mit Menschen ist vielleicht weniger geworden oder hat sich verlagert, aber es macht nicht, dass irgendwas besser oder leichter geht. Bei uns nicht.
    Wir hoffen, dass wir wieder schreiben – jeden Tag und wir hoffen, das ihr weiter schreibt – letzteres sicher aus Eigeninteresse, aber auch mit der Hoffnung, dass es für euch gut ist.
    5 Jahre dieser Blog, echt schon so lange wieder? Ein Danke an Euch! Auch wenn wir das mit dem Sichtbarsein (und damit Rückmeldungen geben) nicht so gut hinkriegen, ihr würdet uns wirklich fehlen!
    Wahrscheinlich zu lang dieser Text. Ich hoffe ein bisschen, das wir ihn nicht nur für uns geschrieben haben, sondern das er irgendwie auch für euch passt.
    Ganz herzliche Grüße von uns ❤

  8. Ich versuche, zu diversifizieren, um mich zu verstecken und zu schützen. Das, was raus muss, über möglichst viele, möglichst getrennte und inhaltlich getrennte Kanäle voneinander zu senden. Das fühlt sich auch nicht ganz an, aber so kann ich zumindest noch etwas senden. Es gibt inzwischen trotzdem so unendlich viel mehr Tabus als früher und die Schere im Kopf ist eklig und allgegenwärtig. Ich hätte so gerne einen realen Menschen zum Austausch. Aber das geht schon rein logistisch nicht. Ich wünsche Euch Alles Gute auf allen Wegen!

  9. Und solltet Ihr das Blog aufgeben,hoffe ich, Euch irgendwo wiederzufinden. Es gibt nicht viele Menschen mit deren Texten ich mich spontan so weitreichend identifizieren kann.

  10. Liebe Frau Rosenblatt,
    bitte sei herzlich eingeladen, den Rücken gestärkt zu bekommen. Es gibt auf dem LaDIYfest in Kiel einen Raum, in dem viele Fragen sind und wenig, was feststeht. Wenn Du Interesse hast, schreib mir bitte.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Miaco

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