Lauf der Dinge

last note–Opfer_Diskurs

Es gibt eine Debatte und sie bewegt mich.
Es geht um die Worte, die Personen, die Gewalt erfahren haben, für sich haben, den Vorschlag darüber nachzudenken und den Anspruch anderer Menschen, dass die Personen, die um eine Selbstbezeichnung für sich ringen, die Verantwortung für den gesamten Diskurs um Anerkennung von Gewalt und Schuld zu tragen.

Ich habe einen Artikel geschrieben, in dem ich formulierte, wie ich darüber sprechen möchte. Da habe ich von der Freiheit gesprochen, alle Worte benutzen zu dürfen, die mir gut tun, mir wichtig sind, mir Kraft geben und helfen, anderen Menschen, aber auch mir selbst be.greiflich zu machen, was mir passiert ist und auch, was es aus mir gemacht hat.
Ich habe mir die Freiheit der Definitionsmacht und Worte für meine Erfahrungen gewünscht.
Aus Gründen und Logiken.

Der Diskurs, der sich so bedroht davon fühlt, wenn Menschen, die zu Opfern wurden, anfangen sich nicht mehr entlang der Sprachführung aus Justiz und anderen Schuldautoritäten zu definieren, ist der gleiche, der diese Autoritäten braucht, um Opfer(- und Täter_innen)schaft überhaupt zu definieren.
In diesem Diskurs gibt es keine Person in einem Leben mit Anfang, Mitte und Ende, sondern einen Rechtskörper, der Opfer ist und bleibt und damit das Material mit dem die nächste Aktion gezimmert wird.

Auffallend ist der autoritäre Ton.
Mir kommt es vor, als wollten uns Menschen die eigene Sprache verbieten, weil sie die eigene davon verfälscht sehen. Doch wir sprechen aus unterschiedlichen Standpunkten über unterschiedliche Ebenen.

Für mich ist es politisch, überhaupt über das Persönliche sprechen zu können.
Für sie ist es politisches Material, was ich und andere Menschen aussprechen.

Und das ist das Problem.

Sie sehen nicht uns. Sie sehen, was sie aus dem, was wir mit_teilen können, verarbeiten können.
Und das ist doch wirklich ironisch.
Wie wir alle die Gewalt und ihre Aus_Wirkungen auf uns verarbeiten. Verarbeiten müssen, denn wir alle sind davon betroffen. Wir alle sind davon berührt. Wir alle erfahren sie jeden Tag. Die einen so, die anderen so.

Alles passiert nebeneinander, doch wenn es um die Selbstermächtigung, die Selbstbehauptung, die Selbstdefinition geht, darf es dieses Nebeneinander plötzlich nicht mehr geben.
Da muss ein mehr oder weniger rein, ein aktiv und passiv, ein schuld und nicht schuld, ein schlimm und ein banal.
Obwohl sich davon nichts verändert. Jedenfalls nicht so, dass es verschwindet.
Michel Foucault hat dazu schlaue Dinge aufgeschrieben.

Vielleicht müssen wir das akzeptieren. Vielleicht ist es das weniger einer Ohnmacht, das dieses mehr einer Autorität auslöst.

Und daneben tut es weh.
Ja.
Da neben all dem was da gesagt, gefordert, gebraucht und erkämpft wird, tut es einfach nur weh.

Und wir leben weiter.
Erleben einfach immer weiter.

2 Gedanken zu „last note–Opfer_Diskurs“

  1. Ja. Aber es geht in beide Richtungen. Es gibt nicht die eine, unschuldige und die andere, schuldige Seite. (Immer wenn ich in euer Blog schaue, freue ich mich über schön geschriebene und ausgewogene Texte. Anderswo ist das leider nicht so.)

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