Mondfinsternis

Natürlich wusste ich, worauf ich mich einließ. Natürlich wusste ich, dass es weh tun könnte.
Doch genauso natürlich habe ich mich irgendwie mitgemeint gefühlt, als ich das Programm des Frauengesundheitskongresses las.

“Ich bin keine Frau”, sage ich oft, wenn ich mal wieder als solche einsortiert werde. “Ich bin eine queere Person.” schreibe ich in die noch viel zu selten eingepflegte dritte Option zur Frage nach dem eigenen Geschlecht.
Und doch.

Ich habe einen Körper wie die Menschen, die von der Mehrheit als “Frau” bezeichnet werden, ich mag feminines Sein und Wirken und sehe, dass vieles, das als weiblich benannt wird, etwas mit mir zu tun hat.  Aber ich bin keine Frau.
Selbst wenn ich wollte.
Selbst wenn ich mir für so einen Kongress vornehme mich ganz und gar nur auf meine weiblichen Anteile zu konzentrieren und zu beziehen, merke ich die Unaufrichtigkeit mir selbst gegenüber.
Ich merke einmal mehr: meine queere Identität ist kein Rollenspiel und hat nichts mit einer Ablehnung der “Frauen*rolle™” zu tun.
Ich bin einfach nur keine (Cis)Frau.

Ich kann schwanger werden und mit Glück auch Kinder gebären.
Mit noch mehr Glück lebende Kinder.
Mit noch ganz viel mehr Glück Kinder, die mich beerdigen, statt andersherum.
Das kann ich, weil in meinem Körper ein Organ ist, das das kann. Wenn die Umstände passen.
Ich mag dieses Organ. Ich mag aber auch meine Lunge und mein Herz. Vielleicht, weil ihr Beitrag zu meinem Leben ein klitzebisschen essenzieller ist, als der meines Uterus.
Aber wer weiß das schon.

In sozialen Blasen der “Heil- Kräuter-Lebens- und Kulturkunde” erscheint es mir manchmal so, dass dieses Organ entscheidend dafür ist, wer man ist. Ob man eine Frau, eine Mondin, eine Weise, eine mit der Urkraft der Welt verbundene Person ist – oder nicht.
Es ist als sei dort die Gebärmutter das Ticket für eine Reise zum Ursprung der Welt und des Laufs der Dinge, “wie er wirklich ist”.  Es ist wie ein Wahrhaftigkeitsversprechen, das einer langen Tradition folgend nur jenen gegeben wird, die ihm, im körperlichsten aller Sinne, gewachsen sind.

So fühlt es sich an wie ein Unwürdigkeitsbeweis, wie ich da so stehe, in mir umhersuche und außer einer Direktverbindung zum Schmerz dessen, was ich unterdrücke, um mich in dieser Umgebung passend zu machen und der zunehmend unbequemeren Frage danach, warum ich mir das hier eigentlich antue, nichts von dem finde, was doch in mir sein müsste.

Um konkreter zu werden.
Ich spreche hier nicht davon, dass ich herausgefunden habe, dass ich vielleicht doch keine Kinder möchte oder meine Menstruation gar nicht mal so geil finde, dass ich mir tiefere Gedanken dazu mache oder mich mit Gebräuchen und Erzählungen darüber auseinandersetzen will, oder, dass ich gemerkt habe, dass mir Räucherstäbchen und Meditationen im Wald vielleicht doch ein bisschen weniger gut helfen, um bei mir zu sein oder, dass ich Naturverehrung mit Gesängen zwar nett, aber politische Forderungen nach den Klimawandel abwendenden Maßnahmen noch ein bisschen netter fänd.

Ich spreche davon sich selbst zu respektieren und in den Aspekten zu ehren, oder zu achten, die man an sich selbst wichtig findet.

Ich kann es Menschen sehr gut lassen, sich in dem Umstand zu feiern, dass sie eine Gebärmutter haben und auch all ihre Aufladungen und Wertigkeiten.
Aber ich habe gemerkt, dass es im Gegenzug schwierig für mich ist, aus meiner Demut und meinen Auslieferungsgefühlen gegenüber meiner Körperlichkeit herauszugehen. Und noch schwieriger in so einem Stadium der Auseinandersetzung nicht gedacht zu werden, wenn ich mich in so einer Blase bewege.

Es kann sein, dass ich einfach gar nicht fit genug für diese Veranstaltung war. Viel zu dünnhäutig und überanstrengt von dem Lauf der Dinge, der im Moment ist. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass mir die Enttäuschung zunehmend mehr weh tut und ich es mehr spüre, seit ich weiß, dass ich “queer” zu dem sagen kann, was ich da merke, wenn ich darüber nachdenke, was ich (neben vielem anderen) bin.

Ich merke, dass es als ausgedacht, nicht echt, ein Quirk, eine Unnatur oder Ergebnis einer tiefen Verdrängung gilt, weder Mann noch Frau zu sein.
Das macht es für mich fast undenkbar meine Identität als queere Person jemals so aufzuladen, wie es die weiß alternative Kräuterbrigade für CisFrauen und in Teilen auch für CisMänner tut.
Was es für mich noch einmal schmerzlich macht.

Um es nochmal  zu sagen: ich finde es toll, dass diese Aufladung gibt. Ich sehe wie wichtig und hilfreich es für viele Menschen sein kann, auf einen kulturellen und spirituellen Fundus zurückgreifen zu können, der sich auf ganz verschiedene Aspekte des Lebens bezieht.

Aber ich sehe auch, wie ich aus dem Kongress hervorging und wusste, dass ich, wenn ich von meinem Uterus Gebrauch mache, wie ich es für mich in Kongruenz mit dem was ich bin, für richtig und gut halte, auf gar nichts zurückgreifen kann, außer biologistische Auseinandersetzungen und spirituelle Weisheiten, die Identitäten wie mich negieren.

6 Gedanken zu “Mondfinsternis

  1. Nicole schreibt:

    Für mich ist es seltsam, sich als Frau – oder eben nicht – definieren zu wollen. Ich bin mit weiblichen Organen geboren und sehe ungefähr aus wie eine Frau. Aber ob ich mich gerade mehr oder weniger als Frau fühle oder als Mann oder als Kind oder als Schneeleopardin oder als Teil einer Wiese oder sonstwas – da muss ich mich doch nicht festlegen.
    Ist das zu einfach?
    (Es würde mich wahnsinnig nerven, auf einem Kongress zu sein mit „Frauen-Frauen“.)

    Liebe Grüße

    Nicole

  2. Hannah C. Rosenblatt schreibt:

    Wenn es für dich ok, dich nicht festzulegen ist das ok für dich, dich nicht festzulegen.
    So sehe ich das.
    Aber ich finde es schwierig von zum Beispiel „weiblichen oder männlichen Organen“ zu sprechen. Weil: was genau ist denn „weiblich“ oder „männlich“?
    Ist der Uterus eines Transmannes auch ein „weibliches Organ“? Oder ist er nicht schlicht ein Organ, das zugeordnet und mit sozialer Rolle oder allgemeiner: kultureller Praxis aufgeladen wird?

    Ich merke, dass, mich nicht zuzuordnen immer nur so lange okay ist, bis ich mit Menschen zusammen komme, die ihrerseits ständig zuordnen. Selbst dann, wenn sie glauben es nicht zu tun oder versuchen es nicht zu tun.

    Viele Grüße

  3. Benita Wiese (Pseudonym) schreibt:

    Ich finde deinen Text und Kommentar sehr interessant. … Es geht ja auch um den Unterschied zwischen biologischem und sozialen Geschlecht. … Aber einen Einwurf habe ich: meines Wissens haben Transfrauen keinen Uterus. Sie haben eine Vagina, die zum Körper geschlossen ist. Dies haben auch Frauen denen z. B. bei einer Krebserkrankung Uterus und Eierstöcke entfernt wurden. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie entwurzelt ich mich damals fühlte. Eine enorme innere Leere. Und das obwohl ich meine Gebärmutter nie als besonders wahrgenommen hatte und mit diesem erdverbundenem „Kräuterfeministinnen“ -denken nie etwas anfangen konnte. Erst als mir der Uterus genommen wurde hatte ich eine Idee, was diese meinten.

  4. Hannah C. Rosenblatt schreibt:

    Ich finde es wichtig Transfrauen als Frauen anzuerkennen. Auch wenn sie keinen Uterus haben.
    Das ist mein Punkt: ein Organ zu haben oder nicht zu haben macht das Geschlecht nicht aus. Weder das soziale noch „das biologische“ (was auch immer das ist).
    Wenn mir die Milz, ein Lungenlappen, ein Blinddarm entfernt wird, werde ich dadurch ja auch kein neues/anderes biologisches oder soziales Geschlecht

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