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Sie leert die Tasse in einem Zug und schleudert sie langsam an ihrem Henkel um den Zeigefinger herum.

“Seltsam ist doch, dass ich für jede Not einen anderen Außenposten habe. Doch für das Intime, das Persönlichstprivate – diese eine Sorte der inneren Lebensvorgänge nicht.”.
Sie rutscht bequemer auf die Sitzfläche und stützt ihre Füße auf die Sitzfläche des Gegenüber.

“Du hast deinen Seelenheilbalsam in der Idee gefunden, ich wäre glücklich in diesem Nichtbezug zu euch. In diesem Status der Unverbundenheit von Moral und Familienethik, die Leiden verbietet und Schmerz zur Basisimmanenz des Lebens zählt.
An Punkten, wie diesem hier fürchte ich, dass kein einziger der Menschen, die ich heute im Leben habe, eine grundlegend andere Haltung zu uns hat.”.

Sie stößt sich ab und setzt sich wieder an das Kopfende des Tischs.
Vor ihr liegt das Telefon wie ein Tor zu einer Welt, die ihr zu betreten so optional erscheint, wie das eigene Leben.

“Ich bin dieses Jahr 30 Jahre alt geworden.”.
Sie lächelt mit einem zarten Stolz wie eine gesprungene Christbaumkugel im Mundwinkel hängend.
“Und doch habe ich niemanden, den ich bedingungslos um meinetwillen hier bei mir sein lassen könnte.”.
So heiß es in ihren Augen ist, so kalt sucht sich eine Träne ihren Weg daraus hervor und kriecht die Wange herunter.

“Was ich tun kann, ist die 110 zu wählen. Eine offizielle Stelle, die verpflichtet ist und dafür bezahlt wird, meinen Hilferuf zu beantworten. Auch, wenn sie mich als Menschen und Person schrecklich finden.”. Sie schaut ihr Gegenüber an und bemerkt das eigene Weinen am verschwommenen Sehen.

“Wie glücklich glaubst du, kann ein Mensch über so eine Situation als Lebensstandart sein?”.