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Sie streicht die Tischdecke glatt und rückt das Stövchen unter der Kaffeekanne so zurecht, dass ihr das Teelicht nicht weiter in den Blick hineinsticht.

Ihre knorrigen Hände umschließen die warme Tasse.
Wie ein Leuchtturm sitzt sie am Tisch und schaut aus dem Fenster auf einen gleißgrauen Himmel. Die ausgebeulte Wolkendecke zieht ohne Bezug zur Zeit über das Land.

“Für mich war es entwürdigend meine Familie gegen Menschen austauschen zu müssen, die dafür bezahlt wurden, die Dinge zu tun, die Familien tun. Unabhängig davon, ob sie es gut oder schlecht getan haben. Ich habe meine Familie nicht als gut oder schlecht bewertet, so sah ich nie einen Sinn darin, das Ersatzprogramm als gut oder schlecht zu bewerten.

Schlecht war der Ersatzcharakter. Schlecht war meine Rolle als Kostenfaktor mit Potenzial, das keinerlei tiefere Verbindung zu den Menschen als Ganzes eingehen durfte.  Niemals, jemals.”.
Sie schaut in das Rund ihrer Tasse und legt ihren Blick auf die Ebene der Flüssigkeit.

“Es gibt viele Menschen da draußen, die Heimunterbringungen oder Kliniken oder andere Formen der Begleitung durch professionelles Personal für die bestmögliche Alternative zu gewaltvollen Familien, Obdachlosigkeit, Verwahrlosung und völliger Isolation halten.
Interessanterweise würden sehr viel weniger dieser Menschen Obst in Konserven als genauso wertvoll wie frisches Obst bezeichnen.”.
Sie schaut hoch und lächelt. “Das ist doch wirklich interessant, oder?”.

“Für mich war es entwürdigend zu jemandem zu werden, dem bedingungslose Zuwendung absolut verwehrt bleiben musste, um “ausreichend”/ “professionell”/ ”fachlich kompetent”/ “angemessen” durch die Jugend und das Erwachsenwerden begleitet zu werden.
Es war, als wären mir die tief- und weitreichenden Wurzeln abgeschnitten worden, um mich in sterile Erde zu setzen, die um jeden Preis verhindern musste, dass ich mich mit ihr verbinde.”.

“Auf diese Art wird man zum Ideal der Ressource „Mensch“.”.
Sie greift nach dem Einkaufswagenchip und lässt ihn auf seiner Kante kreiseln.
“Absolut bindungslos und ganz und gar auf das angewiesen, mit eigen Fleisch und Blut bezahlbar ist.“. Ihre Stimme prägt die Stille wie eine Druckmaschine das Papier.

„Die meisten aller Jugendlichen mit Heim- und Jugendhilfehintergrund erhalten maximal den Realschulabschluß, weil die Ökonomie ihrer staatlichen ersatzfamiliären Legebatterie keine weitergehende Schul.ausbildung ermöglicht. Wenn sie überhaupt einen Schulabschluss in dem vorgesehenen Zeitraum schaffen.
Die Rettung und Aufzucht von jungem Menschenmaterial ist ein Geschäft, vor dem nur die eigene Familie schützen kann.

Das klingt abstoßend und schlimm – und wenn die Familie eine ist, die keinen Wert in dem vorhandenen Menschenmaterial erkennt, eröffnet sich eine dieser dramatischen Tragödien, die so schmerzhaft ist, das die Worte rar werden.”.
Mit einem subtilen Geräusch landet der Chip und die Stille mit Sekundentaktmuster legt sich über sie.

“Für mich war es schmerzhaft und demütigend zu bemerken, wie ihr euch eine Entlastung mit meinem Leben und seiner gesamten Zukunft erkaufen konntet.
Wie es euch etwas einbrachte, während es für mich sämtliche Chancen und Kontakte abschnitt, die man als Jugendliche haben kann, um zu einem Erwachsenen zu werden, der sich mit der Welt verbunden fühlt.”.
Sie nimmt einen Schluck Kaffee und vergeht in seiner Wärme.