Lauf der Dinge

2016

Dieses Jahr hatte drei grobe Phasen.
Durchhalten, Aushalten, Festhalten.

Dazwischen gab es unzählbar viele Momente des Fragilen und Wundersamen.
Und der Momente, in denen wir Stärken berührt haben und sie als innere Konsistenzen verstanden.

2016 war ein Jahr, in dem viele Selbstverständlichkeiten auf den Prüfstand kamen.
Während wir unsere Entscheidung weiter am Leben zu bleiben von einem Klinikaufenthalt abhängig machten, verlieren jeden Tag tausende ihr Leben auf der Flucht vor Krieg oder Hunger.
Ein Apfel-Birne-Bezug und doch.
Es geht um nichts weniger als das Leben.

Es wurde weniger selbstverständlich für uns, sich wie der letzte Dreck zu fühlen.
War es früher obligatorisch um das Verstehen von Helfer_innen zu kämpfen und den Fehler bei sich zu suchen, wenn es sich nicht einstellte, eröffnete sich für uns in diesem Jahr ganz konkret die Option, es mit Menschen zu tun zu haben, die sich die eigene (berufliche) Daseinsberechtigung auf dem Rücken ihrer Klient_innen reproduzieren.
Das Thema Helfer_innengewalt wurde groß und die Unterwerfungs- und Gewaltdynamiken im therapeutischen Kontext benannt.
Natürlich ohne irgendetwas grundlegend zu verändern.
Und doch.

Für uns war das wichtig.
Wichtig um zu sehen, dass bestimmte Schwierigkeiten valide sind.
Wichtig um zu sehen, wie wenig wir von außen brauchen, um uns selbst sicher zu sein.

So starteten wir unsere Radtour an die Nordsee.
Wir zelteten in Brandschneisen, an Ackerrändern, auf Zeltplätzen. Fuhren durch einen Windpark, Naturschutzgebiete und die schönen Landschaften entlang der Ems.
Dann ging Pitti’s Gangschaltungslager unrettbar kaputt.
Wir schliefen eine Nacht auf dem Hof von Barbara und trafen Eisbär zum ersten Mal seit vielen Jahren des Emailkontaktes.
Dann kam Laura das neue Fahrrad und neue Herausforderungen, die uns fast glauben ließen, Emsdetten würde das Ende unserer Tour markieren.

Doch das Ende wurde Papenburg, wo wir NakNak* notoperieren lassen mussten, obwohl wir uns schon von ihr verabschiedet hatten.
Ihr Leben war uns nie so selbstverständlich, wie es für den Tierarzt selbstverständlich war, sie auch gegen unseren Willen zu behandeln.
Selbstverständlich war für uns, dass wir damit erneut aufgrund einer nicht von uns getroffenen Entscheidung finanziell überfordert sein würden.

Und dann kam die Unterstützung.
Wir wissen bis heute nicht, wer uns wieviel gespendet hat. Haben bis heute nicht den Dank aussprechen können, den wir aussprechen wollten.
Eure Hilfe war für uns so wenig selbstverständlich, wie überwältigend sie dann bei uns ankam.

NakNak*s Erkrankung und Genesung, auch durch unsere Fürsorge, öffnete uns Türen zu Erinnerungen und ermöglichte uns neue Einsichten.
Unsere Auseinandersetzung mit unseren Hilfe- und Unterstützungsbedarfen bekam eine Ebene dazu.
Wir entschieden uns endgültig, die Entscheidung um unser eigenes Leben bis auf weiteres auszusetzen.

Ein frischer Wind hielt bei uns Einzug.
Zufällig stellten wir unsere Ernährung um, trainierten Herz und Lunge mit täglichen Radtouren von bis zu 20 km und arbeiteten hart daran, uns in uns zu zentrieren, denn in diesem Jahr hatten wir mehrere ernsthafte Asthamanfälle.

Dann begann die Berufsausbildung und mit ihr die Phase des Festhaltens.
Wir halten uns, unsere Motivation, unsere Bereitschaft Hilfen anzunehmen.
An manchen Tagen fühlen wir uns damit einsam und ungesehen, an anderen Tagen gestört von jeder Anteilnahme daran.

In diesem Jahr haben wir uns der eigenen Rolle als früheres Opfer von Gewalt kritisch genähert und passende Abgrenzungen für uns gefunden.
Geholfen hat ein Workshop zu Täter_innenstrategien, den wir mit Claudia Fischer zusammen in Münster geben durften, die Teilnahme am MitSprache Kongress des Betroffenenrates und so ziemlich jeder Emailkontakt mit anderen Menschen, die sich in der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen früheren Opferschaft befinden.

Nachwievor hilft uns auch die Begleitung unserer Therapeutin und die unterstützende Begleitung des Begleitermenschen.
Manchmal denken wir sie beide als soziale Eltern und oft hilft uns ihr professioneller Abstand, einen Raum zu eröffnen, in den wir unsere biologischen und ideologischen Eltern stellen, um Vergleiche zu ziehen.
Eine Auseinandersetzungsform, die wir in über 15 Jahren mehr oder weniger durchgehender psychotherapeutischer Begleitung nicht gewagt haben.
Schließlich ist es selbstverständlich, dass in der Familie* bleibt, was in der Familie° passiert und keinerlei Berührung mit der Außenwelt erfährt.

Oder?

In diesem Jahr haben wir viel geschrieben, wenig fotografiert und noch weniger gezeichnet.
Verloren gegangen ist dadurch nichts und auch das ist eine der wichtigen Erfahrungen für uns aus diesem Jahr.
Wir haben konzentriert gearbeitet, weil wir es konnten.
Eine Fertigkeit, die wir unbedingt festhalten und in uns etablieren wollen. Soweit wie es möglich ist.

Nun ist der letzte Tag des Jahres 2016 und wir denken über Vorsätze und Ziele nach.

Wichtig ist uns die Struktur zu halten und eine bessere Selbstorganisation zu erreichen.
Wir haben gemerkt, wie viel besser es uns geht, wenn wir unsere Pläne ernstnehmen und achtsam mit unserer Zeit umgehen – auch wenn andere Menschen das nicht tun.

Unsere Kraft für Projekte und Alltagsbewältigung sind nicht selbstverständlich und frei für alle verfügbar.
Wir sind nicht frei verfügbar.
Das haben wir in diesem Jahr sehr bewusst wahrgenommen und wollen dieses Bewusstsein für uns bewahren..

Wir wollen in den Sommerferien 2017 unsere Radtour mit NakNak* nachholen.
Diesmal soll es jedoch direkt am Meer losgehen. Eine Idee ist eine Küstenradtour, die in den Niederlanden beginnt und so weit wie möglich in Norddeutschland endet. Eine Tour, die an der Ostsee beginnt und in Dänemark endet, ist jedoch auch attraktiv.

Wir wollen uns weiter mit Programmiersprachen und Webdesign befassen.
Vielleicht auch mal einen Workshop zum Thema Podcasting besuchen.

Der Rest sind Wünsche.
Wir wünschen uns weniger Kraftverlust an Dinge wie Hilfen- und Unterstützungsorganisation.
Wünschen uns den Mut für Körperarbeit, die über sportliche Aktivität hinaus geht.

Wir wünschen uns Möglichkeiten etwas zu geben, das jemand braucht.
Und die Möglichkeit auf Dinge zu verzichten, die uns weder nutzen noch glücklich machen.

2 thoughts on “2016”

  1. Ich freue mich wirklich sehr, dass – bei all den Wegen, die ihr dieses Jahr gehen musstet/ konntet/ durftet – sich unsere Wege mittendrin auch einmal gekreuzt haben 🙂
    Danke, dass ich einen kleinen Einblick in eurem Jahr hier lesen durfe!

    Ich wünsche euch von Herzen das Beste und Möglichkeiten, die sich eröffnen – aber das wünsche ich euch eh auch völlig unabhängig vom Jahreswechsel 😉

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