Autismus und DIS, Lauf der Dinge

zum internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen

Was gut ist: ich lese immer seltener “die Behinderten” und auch journalistische Negativglanzleistungen wie “leidet an [medizinische Bezeichnung eines körper-seele-funktion Umstandes]”.
Das ist alles, was gut ist und das liegt wahrscheinlich an mir selbst.

Ich habe mich radikalisiert. Ich lese kaum noch Artikel über behinderte Menschen. Konsequent und so radikal, dass es meine Leseliste um 90% verschlankt hat, lese ich nur noch behinderte Menschen, die über, von und mit behinderten Menschen schreiben/filmen/anders berichten.
Das mache ich nicht, weil das der Journalismus ist, den ich mir wünsche, oder weil behinderte Menschen, die besseren Berichter_innen sind – ich mache das, weil für mich jeden Tag „internationaler Tag der Menschen mit Behinderung“ ist.

Ich habe lange geglaubt, die Gewalterfahrungen, die ich machen musste, hätten mich als schwerbehinderte, kaputte und damit weniger werte Person zurückgelassen.
Das war gut, um die Ungerechtigkeit der Gewalt an sich und ihrem Wirken an und in mir überhaupt erfassen zu können. Das war wichtig, um in einen Trauerprozess um all die Optionen zu kommen, die es für mich hätte würde wenn eventuell vielleicht hätte geben können, wenn nicht …

Leider war das auch ein Ausdruck der opferfeindlichen und ableistischen Kackscheiße, die ich internalisiert habe und als ich dann, vor etwas über einem Jahr so sicher wie es in meinem Fall sicher sein kann, erfuhr, dass es all dieses hätte würde wenn, mit großer Wahrscheinlichkeit selbst ohne die Gewalt, die mir in der eigenen Familie passiert ist, nicht für mich gegeben hätte, war es einer dieser Momente, die weh tun, weil sie von einem kaputten Selbstbild und dem Verlust der eigenen Positionierung in der Welt herrühren.

Ich bin keine behinderte Person, die danach strebt ihre Behinderungen “nicht so schlimm” zu finden oder “zu sein, wie alle anderen Menschen”.
Ich will normal sein.
Und nein, das ist kein Widerspruch – das ist eine Kampfansage an die Norm.

Vor inzwischen 9 Jahren habe ich mich dazu entschieden aus einem Kontext auszusteigen, der mich über kurz oder lang das Leben gekostet hätte.
Ich gab es auf, eine Familie zu haben und wurde zu einer Waise, deren Eltern noch leben. Ich gab es auf, einen Lebenslauf zu haben, den ich ohne kosmetische Totaloperation zu einer Bewerbung tackern kann. Ich akzeptierte, dass die bürokratischen Strukturen des Landes, in dem ich lebe, weder Biografien, noch daraus hervorgehende Bedürfnisse und Behinderungen kennen, noch angemessen zu behandeln in der Lage sind. Ich tat einen, zwei, drei Schritte von meinen mir per Gesetz zugesicherten Grundrechten zurück und spürte, wie ich endlich etwas richtig machte.
So soll das nämlich sein, wenn man aus etwas hervorgeht, das nicht vorgesehen ist.

So schwere organisierte und häusliche Gewalt zu überleben, ist nicht vorgesehen. In dieser so gestalteten Welt nicht so funktionieren zu können, wie die Mehrheit der Menschen, ist nicht vorgesehen. Plötzlich nicht mehr zu funktionieren, ist nicht vorgesehen. Plötzlich anders zu sein oder sich Stück für Stück anders zu entwickeln oder für immer und trotz allem anders zu bleiben und Worte, Gründe und eigene Werte daran zu haben, ist nicht vorgesehen.

Und was nicht vorgesehen ist, das gibt es nicht.
Und wenn es etwas nicht gibt, dann ist völlig klar, dass man sich damit weder gut noch schlecht fühlen kann. Dass man sich fern von allem (= der Norm) zu positionieren hat und ergo niemals von irgendetwas, das passiert, angesprochen und mitgemeint fühlen kann.

Behinderte Menschen sind nicht vorgesehen. Egal, um welche Art der Behinderung es sich handelt und, egal wie hoch das Maß des Funktionierens innerhalb normalisierter Umstände und Umgebungen ist.
Sämtliche Strukturen sind darauf ausgerichtet die Norm zu erkennen und mit ihr umzugehen. Für “den Rest” gibt es Sonderstrukturen und wir hier im Westen haben das Glück in einem Kapitalismus zu leben, der daraus noch Gewinn erzielen kann.
Es gäbe keine Pflegeheime, Förderzentren, Sonderschulen, Werkstätten und Spezialtechniken, würde man damit kein Geld machen können.
Es ist kein Akt der Menschlichkeit und schon gar nicht der gelebten Inklusion, Sonderstrukturen zu haben, zu nutzen oder mit Altruismus zu erklären (und zu legitimieren).

Behinderte Menschen werden durch die Option dieser Sonderstrukturen zu einer wirtschaftlichen Ressource.
Das ist wie mit Müll.
Niemand will ihn in der Wohnung haben – aber der Typ, dem die Müllabfuhr-, der Typ, dem die Halde-, der Typ, dem das Recyclingwerk- , der Typ, dem die Firma für aus recyceltem Material gemachtem Zeug — gehört (und seine vielen Angestellten, sowie der Staat, der deren Steuern bekommt), die finden Müll so richtig geil.

Diese Metapher ist schmerzhaft, ne? Es ist aber die Art schonungsloses Bespiel, das die Verachtung und Entmenschlichung, mit der behinderte Menschen jeden – wirklich jeden! – Tag umgehen müssen, am deutlichsten aufzeigt.
Und es ist die Metapher, die mir am meisten hilft für meine Grund- und Menschenrechte einzutreten.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.
“Würde” bedeutet: jeder Mensch ist wertvoll.
Auch dann, wenn er nicht mitbedacht, nicht vorgesehen ist.

Menschenrechte gelten universell und niemand braucht mehr als die eigene Menschlichkeit um zu dieser Party eingeladen zu sein.
Niemand braucht mehr als das, um ganz üblich in seiner Würde und seinem Wert unangetastet zu sein.

Wenn es jedoch um den normierten Alltag geht, wird eine andere Party gefeiert, denn hier muss niemand über die eigene Menschlichkeit nachdenken.
Hier sind alle Menschen, die nicht vor der Treppe am Eingang, der Beschaffenheit der näheren Umgebung oder dem sozialen Code zum Einladungserhalt (und vielem mehr) gescheitert sind.
Es ist schwierig sich als gleichartiger Mensch zu erleben, wenn man permanent gezwungen ist, eine Subparty vor der Haustür oder im Begegnungszentrum drei Blocks weiter zu veranstalten und sich selbiges auch noch schön zu reden, weil „es ja auch schlimmer sein könnte und man ja niemanden zwingen kann, die Party einfach grundsätzlich woanders zu starten“.

Es ist diese fatale Normalität des Ausschlusses und der Abgrenzung, die mich unnormal macht und mir aufbürdet mich einzugliedern und anzupassen, um als Mensch anerkannt zu werden.

Ich will nicht normal sein, um besser und wertvoller zu werden, als ich jetzt bin.
Ich will normal sein, um von Staat und Gesellschaft als Mensch anerkannt zu werden und den täglichen Kampf um Gleichberechtigung, Partizipation und Selbstbestimmung beenden zu können.

Am „internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen“, geht es darum, genau das deutlich zu machen.
Egal, ob jemand ausschließen will oder nicht – egal, ob jemand behinderte Menschen ausgrenzen will oder nicht – egal, ob jemand “nichts gegen Behinderte hat” oder vielleicht doch – egal, wie gut oder schlecht eine nicht dauerhaft und global behinderte Person einer behinderten Person das Leben ermöglicht – der Ausschluss und die Entmenschlichung behinderter Personen ist real und passiert jeden Tag.

Das aufzuzeigen und/oder in Erinnerung zu rufen, ist alles, was so ein spezieller Tag leisten kann.
Etwas dagegen zu tun und die Universalität der Menschenrechte in die Lebensrealität aller Menschen gleich zu implementieren, das ist etwas, das mehr braucht.

Man muss es aber gewähren wollen.
Ohne selbst etwas dafür zu verlangen.

2 thoughts on “zum internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen”

  1. hilfreich und weiterführende gedanken.
    „Leider war das…“ habe ich in der logik allerdings nicht verstanden.
    jedenfalls ist es an der zeit, die machtfrage zu stellen

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