Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

slide of „Überlebenskampf“

Wir haben gestern an der Nähmaschine zu nähen gelernt und ich habe etwas verstanden.

Die ersten Ideen dazu kamen schon in den Überlegungen zu der Radtour, die wir für den Mai planen. Während ich keinen Anlass sehe zu lernen, wie man Regenwasser sammelt und aus jungen Bäumen eine Bettstatt baut, weil es Zeltplätze und überall* sauberes Leitungswasser gibt, sind Teile meines Innenlebens von 0 auf eine Zillion in Vollbereitschaft jetztgleichsofortzackzack ohne alles über Wochen und Monate draußen zu leben.
Für diese Innens gehts ums Überleben, obwohl es für uns andere als Reiz- und Menschendiät gedacht ist. Also genau ganz viel weniger Notwendigkeit in einem bestimmten Überlebensmodus zu sein.

Wir sind also irgendwie alle immer und immernoch im Überlebensmodus.
Die einen sehr auffällig aus Zeit und Raum gefallen, die nächsten sehr auffällig in Ängste und Sorgen gerutscht, die nächsten einfach wissbegierig, aber auch wissend, dass die Erkenntnis (nur/häufig) in Abhängigkeit von anderen Menschen kommen kann, was wiederum eine Bedrohung für die eigene Existenz bedeutet.

In der letzten Woche habe ich mich oft vor dem Innen gefürchtet, weil ich eine hohe Bereitschaft in suizidale Ideen zu kippen spürte, obwohl es keine fremden oder neuen Belastungen gab. Und nicht gesehen habe, dass ich mich in einem Überlebensmodus bewegt habe – ding ding ding Helferversagen und Hilfekrämpfe.
Ich hatte wieder einmal, weil von außen keine Bestätigung über die Berechtigung (und darüber eine Beruhigung) meines Empfindens kam, aufgehört darauf zu pochen entlastet und versichert zu werden und die Ärmel hochgekrempelt, um es selbst zu machen. Wie ich alles selbst mache. Weil ich es ja kann. Obwohl mein Inneres schreit und brüllt und krampft, dass es nicht kann.

Und jetzt hab ich auch noch gelernt zu nähen. Weil: dann kann ich mir ja so eine schwere Decke selber nähen und brauche weder den Begleitermenschen und seine schwere Turnmatte, noch den Antrag auf Leistungen aus dem FSM, die so eine Decke ermöglichen sollen.

Man liest so oft von den Vielen, die immer so verzweifelt ums Überleben kämpfen und übersieht dann die Kämpfe, nach Ausstieg, nach konkreten Verletzungs- Gewalterfahrungen, die eigentlich noch so viel näher liegen.
Selbst die Innens mit ihrem eingeübten Survivaltraining zum Überleben ohne Strom und fließend Wasser, sind keine versprengt desorientierten  Kinderinnens, die im übertragenden Sinne ihres Handelns nach Mami greinen, weil sie Angst davor haben zu verhungern.
Das sind die, die man im Fall der Fälle hoch achtet und sich ihnen überlässt, weil sie wissen, was warum und wie zu tun ist.  Das sind die, deren Kampf darin besteht, diese “von 0 auf eine Zillion –Jetztgleichsofortzackzackvollbereitschaft” nicht zu verlieren, weil sie für den Überlebenskampf “sich auf eine andere Person verlassen, die eventuell vielleicht (wenn die Gestirne recht am Himmel stehen und das Spagettimonster gekräuselte Locken hat) weiß, was zu tun ist” keinerlei Handlungsoption kennen.

Dann ist es plötzlich kein Kampf ums Überleben mehr, wenn man sich stellvertretend für Sozialarbeiter_innen, Helfer_innen, Mediziner_innen und Jurist_innen in ein intersektional-eklektisches Selbststudium wirft, aber Hartz 4 bezieht und nicht mal ein Abitur hat.
Das ist dann “ganz tolle Compliance”, “total gute (kostenlose) Hilfe”, “super engagiertes Ehrenamt” oder noch mit am schlimmsten: “Inspirationporn” für die, die sich selbst für schwach halten, weil sie “sowas selbst nie aushalten/ertragen/überleben könnten” bzw. glauben, sie könnten das nicht, gerade weil sie es nie selbst aushalten/ertragen/überleben mussten oder anerkennen wollen/können/dürfen, dass sie es sehr wohl schon mussten und auch konnten.

So wird aus dem Überlebenskampf eines Innens eine zugeschriebene Eigenschaft: “stark” und es gibt Dialoge wie:
“Es erstaunt mich wie so eine schwer kranke Frau noch nie hier auf unserer psychiatrischen Krisenstation war.”
– “Sie ist halt eine starke Frau”

Ja, an diesem Wortwechsel habe ich einen Dorn und inzwischen nicht einmal mehr, weil ich dachte, dass unserer Therapeutin einfach nichts anderes eingefallen ist, sondern dass ich argwöhne, ob sie noch mitzieht, wenn die Ärmel-hoch-K., die jeden und alle mit Worten und Intellekt an die Wand ballern kann, aufhört und ebenfalls ihre Löffel einspart, weil: suddenly Therapiefortschritte.
Was ist denn wohl, wenn man über uns als Einsmensch nicht mehr sagen kann: “Sie ist eine starke Frau – gucken sie mal, was sie alles kann und macht – es lohnt sich total mit ihr zu arbeiten, weil: es ist super befriedigend (und inspirierend)”.

Was ist, wenn wir schwach sind, weil wir schwach sind?
Wenn von all dem womit man eine DIS aufpusten und mysteriös spannend special machen kann, um sich in jahrelange Traumaverarbeitung against Richtlinie und gesamtgesellschaftliche Wertschätzung dessen zu motivieren, ein verletztes und dysfunktionales Ex-Opfer übrig bleibt, das nicht einmal in der Lage ist Hilfen anzunehmen, weil es das einfach gar nicht kann.

Ich glaube, es wird unterschätzt wie viele Fähigkeiten so eine (Psychotrauma-)Psychotherapie erfordert. Wie sehr Therapie und Hilfe nicht barrierefrei sind.
Unsere Therapeutin hätte sagen müssen: “Frau Rosenblatt kämpft ums Überleben.”

Aber vielleicht hatte sie das für einen Moment vergessen.

Und – wie ich ebenfalls in der letzten Woche lernte – merkt man uns (mir) nicht einmal dann das Kämpfen an, wenn ich es sage.
Wenn ich es auf meine Art rausschreie, brülle, krampfe.
Nicht mal dann.