Die Helfer_Innen und die Hilfe

Helferversagen führt zu Langzeitschäden

“Ach, wir werden uns da bestimmt nicht offiziell beschwert haben.”, dachte ich letzte Woche noch.
Dann habe ich das Abschlußzeugnisoriginal gesucht und fand: eine Reaktion auf eine Beschwerde an die Zentrumsleitung unserer ambulanten Betreuung im Jahre 2011.

Es ist nämlich so: Wenn man ganz viel Unterstützungsbedarf hat – damals waren es 7,25 Fachleistungsstunden in der Woche (ja: in_der_fucking_W O C H E_ ! ja nein sorry das muss man sich in den Kopf tun – ohne Quatsch jetzt) – dann ist das ein grober Fehler des Betreuungsanbieters, dem mit einem Termin wöchentlich, der dann circa 1-2 Stunden in Anspruch nimmt zu begegnen.

Manchmal fürchte ich, unser Helferding könnte sich lesen, als wären wir einfach irgendwie komisch verkabelt und hätten ein Problem damit anzuerkennen, dass wir immer wieder eher fragil stabil sind und sehr viel Unterstützung brauchen. Tatsächlich ist es so, dass wir unser fragiles Stabilsein eher als normal empfinden und wissen, dass Menschen ganz allgemein – egal ob das Helfende, Gemögte, Bekannte oder Fremde sind – mit allem was sie tun immer wieder daran rütteln und auch zu Instabilität beitragen.
Sind wir allein sind wir stabil. Nur leider eben auch: allein. Mit allem. Auch in den Momenten von Heilungsschmerz und damit einhergehenden Instabilitäten.

Uns ist durch verschiedene Dekaden des Helferversagens ein wirtschaftlicher Schaden entstanden. Und wenn man den zusammenrechnet (ja, das haben wir mal gemacht, weil wir dachten: Irgendwann petzen wir das mal an prominenter Stelle und dann wird alles anders  (süß ne? Ja. Naja.)  kommt man auf einen 4 stelligen Betrag. Und ja: Wir zahlen immer noch.  Nicht etwa irgendeine Versicherung, die genau für solche Schadensfälle da ist. Oder der Träger durch dessen strukturelle Misswirtschaft es überhaupt nur dazu kommen konnte.
Nein nein – das zahlen wir. Von Hartz 4 und Honoraren für Vorträge und Zeug.

Mit jedem Mal, das es um Betreuung und Hilfen für uns geht, machen wir uns nicht in die Hose, weil wir Angst davor haben, Dinge könnten sich für uns verändern. Vielleicht sogar zum Positiven. Sondern vor Angst, es könnte sich gar nichts geändert haben. Vor Angst, es passiert wieder oder noch schlimmer.
Vor Angst, dieses Gefühl so ein durcheinandergezerrtes Leben zu haben, das nie irgendwo wirklich reinpasst – in kein einziges Formular – in keinen einzigen Verwaltungsablauf, nie wieder loszuwerden.
Vor Angst wieder und für den Rest des Lebens diejenige zu sein und zu bleiben, die
“den Profis ™” eine Inspiration und Wissensquelle zur Verbesserung des Brotjobs ist und selbst nichts mehr davon hat, als eine Chance, die eventuell vielleicht dazu führt genau die Unterstützung zu erhalten, die gebraucht wird.

Was uns fehlt ist das Privileg des “Es nicht wissen”. Uns fehlt die Unkenntnis darüber, dass Hilfe für uns auch ein Geschäft ist. Dass es Menschen gibt, die ihr Dach über dem Kopf damit finanzieren, uns die Haare aus dem Gesicht zu halten, wenn ich mir Erinnerungen aus dem Leib kotze oder uns eine Hand hinzuhalten, wenn wir allein zu instabil sind, um in Balance zu sein.
Was uns fehlt ist die Bereitschaft, uns erneut zum Gegenstand einer Verwertungsmaschinerie machen zu lassen, der es am Ende egal ist und verdammt nochmal egal sein darf, wie sehr das weh tut. Wie groß der Schaden auch Jahre später noch ist. Wie kaputt sie uns gemacht hat und in ein Leben spuckt, das nichts mit uns anfangen kann.
Und ja – hier ist etwas vermischt, was nur allzu gerne getrennt betrachtet wird, um sich selbst niemals mit Täter_innen in organisierten Gewaltkontexten verglichen sehen zu müssen.

Mir tut das leid. Aber diese Parallele ist da. Und eigentlich ist es ein megasuperoberguter Therapiefortschritt von uns diese Parallele zu sehen und trotzdem dran zu bleiben. Trotzdem eine Trennung im Bewusstsein zu verankert zu halten, die es uns ermöglicht nicht zu vergessen, dass es ja vielleicht doch eventuell irgendeine Möglichkeit gibt, uns so zu unterstützen, dass uns Menschen nicht mehr so arg instabilisieren.

Was uns außerdem fehlt ist, uns rausziehen zu können aus diesem Prozess. Das spüre ich seit dem Anruf am Donnerstag sehr deutlich.
Wenn wir in den letzten 2 einhalb Jahren etwas verloren haben, dann ist es die Fähigkeit den Hilfe-ranhol-Schmerz zu tolerieren und über die Stiche der formalen Sprache über uns als Mensch hinweggehen zu können.
Wir schaffen es nicht mehr zu sagen: “So ist eben diese Verwaltungssprache.” oder “So sind die da halt in den Behörden.”, weil es uns vorkommt, als würden wir damit die Gewalt an und über uns an der Stelle legitimieren.

Nicht zuletzt auch, weil die Beschwerde, die ich gefunden habe, damals ja auch nichts gebracht hat. Da waren wir so badass of the doom und schreiben an die Leitung: “Hallo hier Riesending” und das abschließende Übereinkommen hielt: 2 Monate.
Es hatte nie wieder jemand danach gefragt. Keine Zeit, Dienstplan kacke, neue Betreuer, die von nichts wissen und und und

Wie geil wär das, wenn wir uns endlich einfach mal nur darauf konzentrieren könnten, Angst davor zu haben, es würde sich irgendwie komisch neu etwas zum Guten hin verändern. Wie krass wär das denn bitte?!