Momente mit Glitzer drin

die Zeitreise ~ Teil 8 ~

Langsam beruhigten sie sich und nahmen einen weiteren Schluck aus ihren Tassen.

K. scrollte im Beitragsarchiv durch das Jahr 2013. Überflog Beiträge. Griff ab und zu in uns hinein betrachtete etwas, ohne es zu halten.
“Wir haben eine Menge geschrieben.”, stellte sie mit schiefem Lächeln fest. “Ich weiß gar nicht, welche Aspekte eigentlich so “eigentlich wirklich” relevant sind.”. Sie scrollte noch ein bisschen. Prustete auf: “Tshehe ich bin ja froh, wie viele von meinen pauschal weltumfassenden Ausrastungsbeiträgen inzwischen nicht mehr öffentlich zu lesen sind.”. Sie kicherte zwischen zwei roten Ohren hervor und schob die Seite weiter.

Der kleine Zeitreiseleiter hopste von seinem Kissenturm herunter und trat neben sie, um auch auf das Display schauen zu können.
“Sie haben irgendwann aufgehört von den [BÄÄÄMs] zu schreiben.”, stellte er Mitte 2014 fest. “Warum?”.

Meine Überlegungen ließen K. vor meinen Füßen zerbröseln. Eine andere, neben mir, legte ihren Kopf an meinen. “Ich glaube, weil wir reifer wurden und Therapiefortschritte gemacht haben. Und vielleicht auch insgesamt fester in Bezug auf unsere Grenzen wurden.”. Ich überlegte noch ein bisschen und griff nach der Kaffeekanne auf dem Tisch.
Während ich meine Tasse füllte, ging Kurt wieder zurück zu seinem offenbar sehr gemütlichen Kissengebilde und sah mich an.

Ich wickelte mich in eine weiche Decke und setzte mich zurück in die Hängematte, deren sachtes Schwingen meine Gedanken in einen ruhigen und gleichförmigen Strom brachte.

“Wir haben durch #Aufschrei bei Twitter viele neue Follower_innen bekommen. Das Blog wurde von mehr Menschen gelesen. Wir begannen mehr nach außen zu gehen und merkten dabei schnell, dass wir nicht dazu gehören. Beziehungsweise, dass wir nicht sind, wofür wir gehalten werden oder, womit wir benannt werden.”, ich stieß mich ein letztes Mal vom Boden ab und ließ den Körper ganz in die Bewegungen der Matte fallen.

“Ich würde heute sagen, dass wir in den folgenden Monaten viel Definitionsarbeit für uns gemacht haben. Abgrenzungsarbeit in ganz viele Richtungen nach Außen und wenn wir mal die Kraft hatten, haben wir uns überlegt, was anderen helfen könnte. Aber schon damals war uns klar, dass wir keine klassische Öffentlichkeitsarbeit leisten wollen und können, weil uns zu wenig daran liegt für andere Menschen sprechen zu wollen.”, begann ich zu erzählen.
“Aber sie haben sich schon für oder gegen bestimmte Dinge ausgesprochen – warum?”, fragte Kurt und ließ mit einem Fingerschnippen kleine Blasen vor mir aufsteigen, in denen ein paar Beiträge zu sehen waren.

Mein Blick folgte den Blasen und irrte ein wenig umher, als diese auf meine Antwort hin platzten. “Ja”, antwortete ich, “das meinte ich mit ‚Definitionsarbeit‘. Wir haben uns in vielen Artikeln damit auseinandergesetzt, wie wir zu bestimmten Dingen stehen und haben sie ins Blog gestellt, um nachlesbar zu sein. Und in manchen Entscheidungen vielleicht auch nachvollziehbarer.”.
Die Andere neben mir wandte dem kleinen Wesen ihr Gesicht zu. “Verstehen Sie eigentlich was für ein geniales Dings wir da gemacht haben?”.

Kurt hielt mitten im Kauen eines Kekses inne und schüttelte den Kopf.
“Wir haben innere Kommunikation gemacht. In a way:  die öffentlichste Art unserer Zeit ein Selbstgespräch zu führen, um sich kennenzulernen. Und in unserem Fall: “zu bemerken, dass man nicht nur “die Rosenblätter” ist, sondern tatsächlich noch viele andere, die sich als “die … hm hm hm’s” bezeichnen“.”, sprach die Andere, die nun in mein ganzes Vorn vereinnahmte und sich erneut vom Boden abstieß.
Sie angelte im Vorbeischaukeln eine Handvoll Kekse und redete weiter. “Ausgerechnet wir, die es über Zeiten ewig nicht geschafft haben, ein Tagebuch zu führen, oder konsequent mit Listen und der Begegnung der Notizen und Impulse von anderen Innens umzugehen, waren und sind bis heute ultrakonsequent, wenn es darum geht, sich das Schreiben bzw. das Bloggen zu bewahren, weil es sich zu einem ganz eigenen Zentrum der Reflektion entwickelt hat.”.

Kurt knautschte das Gesicht und sie sah ihn fragend an.
“Ich weiß nicht genau, ob ich Sie richtig verstehe.”, sagte er langsam, “Sie müssen verstehen – ich kenne mich mit DIS und alle dem überhaupt nicht aus.”.
Sie nickte und dachte kurz nach. “Hmmm – die dissoziative Identitätsstruktur bedeutet für uns ein fragmentarisches Erleben des Hier und Jetzt, genauso, wie es das bezogen auf ein Früher und ein HätteWürdeWenn bedeutet. Mit so einer Wahrnehmung – ganz allgemein – ist es schwer sich zu positionieren. Egal, worum es geht. Eigene Versorgung, eigene Werte, politisches Weltgeschehen, Lauf der Dinge… G’tt. Nichts hat Bezug zu einem selbst und wenn sich Bezüge – also Assoziationen – auftun, dann ist es etwas, das unkontrolliert, überbordend, zerreißend, ermordend ist, weil alles, was ist, zu allem, was je war, wird und am Ende doch wieder nichts hinterlässt, weil die einzige Art dem zu begegnen die Dissoziation ist.”, sie schaute Kurt an und biss wieder in einen Keks.
Dieser nickte und deutete ihr weiterzusprechen.

“Wir haben bemerkt, dass wir, wenn wir solche Gedanken haben, solche Momente der Assoziation, die so überbordend werden, oder vielleicht auch allgemein in schwer greifbaren Zuständen sind, die Lautsprache zu etwas immer schwerer werdendem wird. Die Motorik wird unzuverlässig, die soziale Kompetenz ist dann meistens überhaupt nicht mehr gegeben. Wir werden zu einer Art “nur Kognition” oder auch “nur Wahrnehmung” und in so einem Moment kann man keinen Stift mehr halten, geschweige denn Buchstaben malen.”, ihr Blick wanderte in Kurts Richtung und stieß auf einen wieder sehr aufmerksam zuhörenden Zeitreiseleiter.

“Alles was wir zum Bloggen können müssen ist, die Empfindung der Tastenschläge auf den Fingerspitzen auszuhalten. Mehr nicht. Alle anderen Kanäle eröffnen sich dann nach und nach. Irgendwann fällt dann das Geräusch dazu auf, irgendwann fällt auf, wie das Schriftbild ist, und irgendwann fällt der unbequeme Stuhl auf… aber dann ist der Artikel fertig. Die Dissoziation als das Bewusstsein extrem fragmentierender Zustand ist vorbei. Und was dann inhaltlich dort steht ist manchmal das, worum es in den Assoziationen geht, manchmal aber auch eine Reaktion von einem Innen auf das Überflutet werden eines anderen.
Und manchmal ist es dann auch so etwas, was wir nur finden und erst einmal noch gar nicht verstehen können. So ist die Kategorie “Fundstücke” entstanden.”, sie nahm einen weiteren Schluck Kaffee und biss in einen Keks mit knackiger Schokoladenglasur.

An der süßen Krümelmasse vorbei sagte sie: “Es ist aber nicht immer nur so ein Schreiben. Manchmal steht am Ende von so einem Zustand auch nur “Schreibst du das auf?”, was eine verabredete Frage für uns alle ist. Manchmal geht es darum etwas zu dokumentieren und zu bewahren. Aber nicht so, dass jemand äußeres es wegmachen kann. Manchmal gehts da um eine ganz sichere Art der Echt-Machung dessen, was wir so erleben. Also alle. Oder als Einsmensch.”.

Sinnend schaute sie in den Himmel über sich. “Wir erleben das Internet irgendwie nicht stofflich. Da ist immer das Gefühl, unsere Texte und Bilder und alles das, ist dort drin, aber niemand kann einfach hingehen und es wegnehmen oder behaupten, es sei gar nicht da. Es ist so ungreifbargreifbar und das ist die perfekte Art für uns einander über die Worte wahrzunehmen – vielleicht auch: einander zu begegnen. Als Tagebuchform – so richtig in Papier und Tinte – ist es erschreckend. Jedes Mal kostet es unheimlich viel Kraft und Zeit über den Schreck hinweg zu kommen, dass man ganz greifbar Zeit und Raum nicht unter Kontrolle hatte.
Im Blogdashboard kann man sich langsam herantasten und irgendwie auch darauf verlassen, dass nichts verschwindet oder ausgesprochen wird, was nicht ausgesprochen werden darf oder allgemein gefährlich für uns werden könnte.”.

“Sie haben also auch eine Zensurpolitik!”, unterbrach Kurt ihre Gedanken abrupt. Ich musste lachen. “Hm, nee. “Zensur” ist ein staatliches Ding.”, antwortete ich und fürchtete dann doch, er könnte beleidigt sein über diese Richtigstellung. Doch das kleine Wesen zeigte keine Beleidigungsanzeichen, sondern Interesse. “Wir haben innere Systeme, für die es sehr wichtig ist, dass bestimmte Dinge nicht gesagt werden. Egal wo und wem gegenüber. Entsprechend haben wir eine Politik darüber entwickelt, dass sie kontrollieren, was wir schreiben und anmerken, dass sie das nicht wollen, wenn wir doch mal etwas geschrieben haben, was sehr nah oder auch zu nah an das kommt, was sie nicht wollen. Ohne mindestens einen Blick aus diesem System geht kein Text oder Podcast online.”.

Ich beugte mich weit zu ihm hin und flüsterte “Und ich würde sagen: das ist fast sowas wie “innere Zusammenarbeit”.”. Ich zwinkerte dem kleinen Wesen mit der grünen Haut awkward lächelnd zu “Therapeut_innen fahren voll auf sowas ab” und kullerte vor lauter unterdrücktem Grinsen fast vornüber aus der Hängematte.

Kurt lächelte mich an und goss sich eine weitere Tasse Tee ein. “Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet, oder? Wie kam es, dass sie nicht mehr von “den [BÄÄMs] geschrieben haben?”.
“Hm.”, machte ich und drehte mich nach innen. Dort standen die Feuerlöwin K. und die immer leicht geduckte R., die Andere, das Kinderinnen, das unsere Fotos macht, und lauter andere, die im Laufe der Zeit von bloßen Präsenzen eines pathologischen Markers in einem Er_Leben, zu Namen, Eigenschaften, eigenen Geschichten, eigenen Er_Lebenswelten geworden waren.

“Weißt du, als wir anfingen so ganz ganz regelmäßig zu schreiben, haben wir sie so wahrgenommen. Unsere Wahrnehmung von einander war genau so grotesk und abstrus – so eingeschoben und fremd und ganz ausgestanzt in dem, was wir so als “unser Rosenblätter-sein” wahrnahmen. Und heute wissen wir, dass sie Namen haben. Und eine (unheimliche, uns massiv ängstigende, fremde, grotesk, absurd empfundene) Geschichte.”.
Ich atmete ein und versicherte mich über ein Nicken von innen.

“Sie sollen sich willkommen fühlen.”.