Momente mit Glitzer drin

die Zeitreise ~ Teil 3 ~

Offenbar war Kurts Geräusch eine Art “Hüja!” für die Schleiereule, denn diese begann sich aufzurichten und sich flatternd abzustoßen.
Ich presste meine Beine an den Eulenrücken, als würden sie davon anwachsen und schlang aus Versehen meine Arme um den grünhäutigen Fremden.

Der lachte und fragte, kurz nachdem unser Flug in ein ruhigeres Gleiten übergegangen war: “Na? Bin ich nun eine Halluzination oder nicht?”.
“Tättääää! Peinlich!”, landete ein Ziegelstein von der Schamgrenze in meinem Kopf in meinen Gedanken. “Ähm … ‘tschuldigung.”, presste ich raus und ließ ihn los.
“Ach Hannah…”, hinter mir raschelte es aus tausend Daunen heraus, “Er hat dich reingelegt. Er muss sich entschuldigen.”. Ich zuckte die Schultern. Wusste nicht so recht was ich denken sollte und neigte mein Gesicht in den weichen Streichelwind von vorn.
“Nee ja – ich hab mich zu entschuldigen – ihr Schwan hat schon recht. Mir ist nur auf die Schnelle nichts Besseres eingefallen.”, unser Zeitreiseleiter drehte sich halb zu mir um und lächelte schief, “Und – nun ja wir sind verpflichtet Ihnen klar zu machen, dass Sie bei vollem Bewusstsein durch Ihre Reflektion gehen.”.

“Oh’ kayyyyy?”. Ich dehnte meine Antwort so weit wie möglich um die Dimension meines keine Ahnung habens zu verdeutlichen. “Und jetzt?”.
“Jetzt sagen Sie mir, wann ihr erster Artikel veröffentlicht wurde.”, antwortete Kurt und öffnete eine kleine Lasche im Leder der Zügel, hinter der sich ein Display mit Tastatur verbarg.
Nach einem Blick in meiner WordPress-App sagte ich: “Am 26. November 2010”. Flink tippte das kleine Wesen vor mir in die Tasten und mit einem zarten Pling eröffnete sich vor uns ein irisierender Ring in der Luft, durch den wir ins Jahr 2010 glitten.

Wir flogen über Wiesen und Felder direkt auf das Haus zu, in dem wir damals gewohnt hatten.
“Herr Kurt – bitte nicht anhalten, ja? Nur drüber fliegen bitte.”, gab ich eine Bitte aus dem Inmitten an ihn weiter. Mir wurde schlecht und ich versuchte mich auf die weichen Federn unter mir zu konzentrieren.
“Ah – ich sehe schon warum. Das war kein heldenhaft geplanter Blogneu_beginn, richtig?”, fragte er und schaute durch ein kleines Einauge in unser früheres Wohnzimmer, wo wir in unserem eigenen Zigarettenrauch hockten und fassungslos eine übergriffig gemeine Email nach der anderen lasen.
“Unser erster Shitstorm.”, nickte ich. “Hat uns am Ende eine Beziehung, von der ich wusste und eine Beziehung, von der ich damals noch nichts wusste gekostet.”. Wir kreisten über dem Haus mit bei Regen überschwemmten Keller und umringt von mittelaufrichtigen Nachbarsblicken.

“Sehen Sie das?”. Ich deutete auf die Wiesen und Waldabschnitte um die kleine Straße herum. Alle 20min fuhr hier ein Bus entlang in die Stadt. Wenn er denn fuhr. Der nächste Supermarkt war 4 Kilometer weit weg, ein kleines Stadtrandghetto in der Nähe. Bis in die Stadt brauchte man eine gute Stunde und damit fiel für uns so ziemlich alles flach. Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen, Gemögschaften. Wir waren froh um jede Person, die sich die Mühe machte zu uns zu kommen. Außer Menschen, die dafür bezahlt wurden, machten das nur wenige und das viel zu selten.
“Außer ein Blog neu zu starten, konnten wir damals überhaupt nichts wirklich neu anfangen.”, seufzte ich.

Kurt drehte an seinem Fernglas.
“Wir mussten in den letzten Wochen feststellen, dass es sich nicht immer lohnt angepasst und still zu sein. Zu denken, dass andere irgendwann sicher den Blickwinkel etwas verändern, sodass ein Konsens gefunden werden kann.
Wir haben uns überlegt, dass wir hier beschreiben wie WIR sind.
Wie WIR leben.
Und wie WIR über manche Dinge denken.
Wie WIR unseren Weg gehen und gestalten wollen und auf welche Hindernisse wir dabei stoßen.”
“Das klingt auf jeden Fall schon sehr nach H. C. Rosenblatt.”, lächelte er  und ich schmunzelte mit ihm. “Dabei war unser Nickname damals noch “inneres Stimmchen”… oh mann…”. Ich wurde rot. So viel Pathos. Meine Güte. Wieder traf mich ein Ziegelstein mit der Aufschrift “Peinlich!”.

“Dabei wollte ich das Blog damals so ganz seriös machen.”, klinkte sich eine andere ein. “Weißt, so wie eine Seite, dessen Inhalt man glaubt. Also – eine Seite, der ich damals geglaubt hätte. Siehst? Da.”, sie deutet auf einen Artikel, den sie vor 5 Jahren geschrieben hatte, während ihr eine selbstgedrehte Zigarette im Mundwinkel hing.
“Hm.”, machte Kurt, “Sie waren recht freigiebig mit Ausrufezeichen, wie ich sehe. Und mit Links zu medizinischen Texten.”.
Sie zuckte mit den Schultern. “Damals hab ich noch nicht gewusst, was “Pathologisierung” ist und ich dachte, außer Anja und Co gäbe es niemanden sonst, di_er bloggt und eine DIS hat. Und!”, sie grinste sich selbst zu, “Wir waren damals bis zum Hals voll mit Ausrufezeichen. Alles war schlimm Ausrufezeichen Alle waren gemein Ausrufezeichen Die Welt Ausrufezeichen Wieso war die Welt bloß die Welt Ausrufezeichen Ausrufezeichen Ausrufezeichen”

“Okay und wie ging es dann weiter?”, unser Zeitreiseleiter schielte auf das Smartphone in unserer Hand auf dem das Blogarchiv aufgeklappt war. Ich scrollte ein bisschen nach vorn. “Naja, wir haben danach erst mal eher plätscherweise geschrieben. Schauen sie mal – hier ist eine Lücke von einem halben Jahr. Und hier wieder ein paar größere.” . Kurt drückte auf einen Knopf in seinem Zügel und unter uns raste die Erde im Schnellvorlauf dahin. Der Unfalltod der Welpin, Beziehungsdrama, Tierschutz, Ausrufezeichen, Ausrufezeichen, Jobs, Not, Trauer, Ausrufezeichen, Einsamkeit, Ausrufezeichen, der große Bruch.

Vor uns eröffnete sich erneut ein irisierender Ring durch den die Eule mit uns auf dem Rücken hindurch flog.