Fundstücke, Innenansichten

Seelentod

Dass ich gestorben bin, habe ich erst 20 Jahre später gewusst.
Da war ein gleißender Schmerz, ein dumpfer Ruck und dann ein Nichts, das im Rascheln unter mir zerrieben wurde.

Es gibt Menschen, die nennen die Vergewaltigung eines Kindes auch “Seelenmord”, weil sie dieses eine Sterben zu benennen und zu kontextualisieren versuchen.
Der spezifische Tod danach hingegen bleibt unbewortet, weil auf diese Art zu sterben in unserer Gesellschaft auch bedeutet zu verschwinden.

Manche verschwinden unter Scham und Schulddynamiken. Manche verschwinden unter dem Hass der Täter_innen, der sich seinen Weg bis in die tiefsten Winkel des Selbst derer, die zu Opfern wurden, frisst. Manche verschwinden, weil sie als Erwachsene keine Kinder mehr sind. Manche verschwinden, weil sie vergessen wollen. Manche, weil sie vergessen werden wollen. Manche, weil sie ignoriert werden.

Manche verschwinden unter der Unbewortbarkeit ihres Todes.
Was keine Worte hat, ist nicht.

Mein Tod war das Nichts.
Mein Tod war das “Es ist nichts – mir geht’s gut.”. Das “Mir fehlt nichts.”. Und das “Sie hat nichts.”, das meine Kinderärztin diagnostizierte. So wie das “Sie kann nichts.”, das heute zwischen den Zeilen der Gutachten zu meiner Arbeitsunfähigkeit und Schwerbehinderung steht.

Nach meinem Tod lebte ich neben der Welt und schwamm im Lauf der Dinge umher.
Fassungslos. Grenzenlos. Allein.

Ich dachte lange, es gäbe so etwas, wie eine Wahl darum, wie tot man ist, wenn das Herz schlägt, doch die Seele klitzeklein und leichenstarr in seinen Kammern herumklappert.
Ich dachte, mein Seelentod sei ein Geheimnis, wie der Mord an ihr.

Ich dachte lange, es wäre falsch von einem Tod zu sprechen, weil die Menschen sich auf das Sterben konzentrieren, um es an anderen Menschen zu verhindern.

Doch erst mit der Erkenntnis ihres Todes, berührte ich meine Seele.
Mit der Akzeptanz ihres Todes, getraute ich mich, sie mir genauer anzusehen.
Mit den Einsichten, die ich gewann, kamen die Worte.
Und als ich sie, betrauert und in warmer Zuneigung beerdigen wollte, erfüllte sie mein Herz.

20 Jahre nach meinem Tod, bekam ich eine Idee vom Leben.

*mein Beitrag zu “tausend Tode schreiben” – es werden noch bis zum 15. 9. Texte angenommen, die keiner Nachbearbeitung mehr bedürfen.
Alle Rahmenbedingungen stehen hier

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