Lauf der Dinge

naja ¯\_(ツ)_/¯

Und manchmal erreichen wir so skurrile Punkte in unserer Hartz 4 – Zeit, dass ich mich so frage, warum eigentlich nur ich darüber so die Contenance zu verlieren drohe und nicht meine Sachbearbeiter_innen.

Wir haben keine Berufsausbildung und, obwohl wir das seit Jahren zu ändern versuchen, indem wir uns wie blöd (und tatsächlich wahrscheinlich einfach aus einer Blödheit heraus) bewerben, wo auch immer eine inhaltlich passende Möglichkeit aufgeht und immer wieder auch schauen, wo wir Unterstützungen beantragen können, um uns zwischen den Bewerbungszeiträumen weiterzubilden, nicht stehen zu bleiben, uns geistig satt zu machen, passiert formal exakt nichts, außer, dass wir dafür, dass wir Dinge tun, um Dinge zu tun, bestraft werden bzw. immer wieder in Situationen kommen, die bedeuten überzahlt zu werden und dann vor Nachforderungen zu stehen, die nicht zu begleichen sind.
Überraschend, ne – wie man aus Nichts Nichts machen kann – welch ein Versagen von mir!

So liebe Nicht-Langzeit-Hartz 4-Bezieher_innen macht man Behördenschulden: man agiert nicht kapitalistisch, sondern ehrenamtlich/altruistisch/ohne ausgelagertes Budget

Inzwischen sind wir 10 Jahre dabei. Unser GdB is bei 70% und wir stehen mit der neuen Diagnose nicht mehr an einer Stelle, an der man sagen könnte: “Arbeiten Sie mal an ihrer Gesundung und dann machen wir ne Rehamaßnahme.”. So lange das der Fall war, empfanden wir immer wieder große Dankbarkeit darüber, dass wir so viel Schonung und auch Freiraum erfahren. So schlimm und schwer es in den letzten Jahren auch war, hatten wir dieses kleine Lebensutopia, in das wir uns geistig, emotional hineintherapieren können.
“Eine Ladung Traumaverarbeitung und es gibt mehr Kraft für das, was eine (Vollzeit-)Berufsausbildung abverlangt. “

Jetzt ist klar: Das wird nicht reichen. Es wird vielleicht irgendwann auf eine andere Art ein Thema sein, wie viele Reize, wie lange auf uns einprasseln und wann, wo wie welche Art der Konzentration und allgemeiner Funktion von uns erwartet und verlangt wird – aber es wird als nicht zu unterschätzendes Thema immer da sein.

Ehrlich gesagt habe ich mich heute vor uns erschrocken.
Wir reden eigentlich nicht so viel und eigentlich reden wir auch schon gar nicht so ohne Grenzen, aber diesmal kam das einfach so raus: “Wir werden nicht “gesund” werden.” und “Ja, seit 10 Jahren wird mir gesagt, ich sei ja noch jung und ich hätte noch alles vor mir. Das hilft mir aber nicht”.

Gerade der vorletzte Satz erinnert mich an etwas, was wir in der letzten Klinik anhören mussten: “Sie sind ja noch jung und haben ihre Diagnose früh bekommen – es liegt noch so viel vor ihnen”.
Heute wie damals möchte ich darüber schreien, denn was anderen Menschen vielleicht eine Entlastung verschafft, macht mir einfach nur Angst, weil ich dieses “was alles noch vor mir liegt”, weder kenne, noch sehe, noch weiß, wie ich darauf reagieren soll. Meine gesamte Zukunft ist so furchtbar quälend ängstigend, weil wir hier einfach immer und immer und immer alles alleine stemmen, halten und tragen müssen. Alles und immer. Für immer. (Vielleicht.)
Es wurde in 29 Lebensjahren nie leichter – ich weiß nicht wie und was “leichter” ist und wie das gehen soll.
Wie kann man so etwas wie “Sie haben ja noch alles vor sich” denn bloß als erleichternd oder schön empfinden?! Es ist mir ein Rätsel.

Aber das ist, was uns Menschen an die Hand geben.
Sie finden es toll, dass wir noch machen und tun. Dass wir etwas lernen wollen, dass wir lernen, weil wir das für unsere emotionale Stabilisierung brauchen.
Und das ist wirklich auch ein Problem.
So viele Menschen finden es toll, wenn wir in einer Ecke sitzen und Wissen fressen.
Wären das Torten, würden sie uns verachten.
Ob meine gerade schon wieder an fast Zwanghaftigkeit grenzende Wissensreinfresserei vielleicht genauso leid_voll geprägt ist, wie andere selbstberuhigende Handlungen das sein können, wird da übersehen und das ist wirklich schlimm.

Wenn Menschen sich bilden wollen ist das super – wenn sie gebildet sind (aka:  intellektuell sind), sind sie scheiße, weil tendenziell arrogant.
Wenn Menschen unter Hartz 4 arbeiten und sogar Geld dafür bekommen ist das super – wenn sie das aber nicht mit der richtigen Intension und innerhalb kapitalistischer Verwertungsdynamiken tun, haben sie halt Pech gehabt.

Es ist …
mir fällt nichts mehr dazu ein. Ich bin müde.
Aber ich weiß jetzt so ziemlich “alles” über Existenzgründung und diesbezügliches Steuerrecht und das ist doch supi.
Das wird mir sicher helfen.
Irgendwann.
Bei irgendwas.
Was man noch nicht weiß.

Weil ich ja so jung bin und noch alles vor mir hab.

Orrr
lol

Naja.
Egal.
¯\_(ツ)_/¯

9 thoughts on “naja ¯\_(ツ)_/¯”

  1. Ich wollte sagen, dass ich diese „Verärgerung“ (weiß nich, ob das das richtige Wort grade is) über diesen Satz: „Sie haben ja noch alles vor sich und sind noch jung“ gut verstehen kann.

    Unsere Situation ist zwar eine völlig andere, gerade was beruflich angeht. ich habe funktioniert.
    Seit ich mehr mitbekomme von innen, fällt es mir zunehmend schwerer, das aufrecht zu erhalten.
    Weil es mich (über)fordert. Und auch bei mir sagen immer alle. Du bist noch jung, du hast alles vor dir. Schau dir an, was du geschafft hast.

    Aber mir geht es da glaub ich so wie euch, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich habe Angst, große Angst: vor dem was kommt, vor dem, wie es ist.
    Weil die Welt, wie sie für mich bis vor ca 1,5 Jahren war gefühlt zusammenbricht, mehr „Wissen“ an mich rankommt. Keine ahnung, ob ich das so ausdrücken kann, und ob man das verstehen kann.
    Bis vor 1,5 Jahren habe ich (nach außen) so funktioniert, dass ich Studienabschlüsse geschafft habe und eben einen Beruf. Ich funktioniere nach außen hin grade immer noch so.
    Aber es bröckelt, und es wird zunehmend schwieriger irgendwie.

    Ich frage mich manchmal, warum Menschen, die diesen Satz sagen, automatisch davon ausgehen, dass es ja nur besser werden kann, und irgendwann (egal ob in naher oder ferner Zukunft) ja alles gut werden wird.

    Tut mir leid, ich glaub, jetzt hab ich ziemlich viel von mir/uns geschrieben.
    Eigentlich wollt ich nur sagen, dass ichs glaub verstehen kann, auch wenn die Situation ne völlig andere ist.

    Alles Liebe

  2. Kein Problem 🙂
    Verärgert bin ich nicht darüber, was sie sagen, sondern, dass sie es sagen ohne sich zu fragen, ob es etwas ist, womit ich wirklich gut zurecht komme oder nicht.

    Was du beschreibst ist übrigens worin ich mich oft auch so getrennt fühle.
    Wir hatten kein Studieren oder Arbeiten – so eine Art Selbstständigkeit bzw. die Art der Fähigkeit sich selbst zu organisieren und zu strukturieren (zwangsläufig zwar, aber eben doch da), gab es noch nie für uns. Diese Art „Ernst des Lebens“ die halt kaputt geht bei Menschen, die dann erst die Diagnose bekommen bzw. dann erst Symptome an sich bemerken, die haben wir noch gar nie gelebt in der Form.
    Es ängstigt uns also nicht nur, weil wir sehen, dass das was sein kann, das uns überfordert – sondern auch, weil wir keine Ahnung haben was da eigentlich passiert und wichtig ist – es gibt keine Strategie, keine Aussicht – nix.

    Wir kriegen das schon hin irgendwie zu merken: „Okay, die wollen uns da jetzt halt was Aufmunterndes sagen und sie können nichts dafür, dass sie uns eigentlich nur Angst machen“.
    Aber.

    Wie ist das denn bei euch? Glaubt ihr, dass ihr eine (Wieder)Eingliederung irgendwie und irgendwann mal schafft oder habt ihr eher den Eindruck, dass es auch mehr so dümpeln muss aus diversen Gründen?

    Viele Grüße!

  3. Ja, ich glaub das war es auch, was ich sagen wollte. Also, dass sie es ja „gut meinen“, aber eben nicht darüber nachdenken.
    Ich weiß nicht, ob ihr diesen Ausspruch kennt: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.
    Ich habe festgestellt, dass das bei mir/uns oft zutrifft. Dass Menschen es gut meinen, aber genau das Gegenteil damit bewirken.

    zu deiner Frage: Ich weiß momentan nicht, wie es mit Arbeit weitergeht.Momentan arbeiten wir ja noch Vollzeit. Reduzieren würde auch gar nicht gehen, weil dann jemand zweites eingestellt werden müsste, und das nicht gewünscht/machbar ist.
    Es ist halt grade so, dass wir (noch) funktionieren. Wir haben grade frei, und ich merke, dass es schwierig ist. Weil.

    ich war eigentlich auch nicht symptomfrei. Also ich hab schon gemerkt, dass was nicht stimmt, es gab auch Therapien. wir sind seit 13 Jahren in Therapie, mit Unterbrechung.
    glaube, den Diagnosemarathon muss ich hier keinem erzählen.
    Aber für mich war das Leben so „normal“, bzw ich dachte, es wäre normal.
    Äh ja.. wirr.. ich verliere grade den Faden.

    Also nochmal so als Abschluss. Keine Ahnung, ob wir arbeitsfähig bleiben werden.
    Das wollen wir auf jeden Fall versuchen. Weil es für uns ein Stück Unabhängigkeit bedeutet.
    Aber wie sich das alles weiterentwickeln wird, können wir nicht sehen. Weil wir das Gefühl haben, jetzt schon an der Grenze unserer Möglichkeiten zu sein.
    ich rede zu viel 😡

  4. Das ganze System ist fürn Popo!
    Als ich schwanger (und ALG1) war, wollte ich mich über ein Fernstudium schlau machen und habe nach einer Bezuschussung gefragt. Nix gabs. Nur Hauptschulabschluss wird bezahlt. Na danke auch! Da will man Eigeninitiative ergreifen und nix ist… Ach egal! 😀

  5. Antworten, die mir bei so feinen Sätzen wie: „Sie sind ja noch jung, Sie haben ja noch alles vor sich!“, gelegentlich auf der Zunge brennen:
    – „Natürlich. Wenn ich Bedingungen a, b, c und d erfülle, Ausschlusskriterium e nicht vorliegt, aber nur, während ich noch ‚jung‘ zu nennen bin, weil meine Mängel sich nicht in Luft auflösen werden. Können Sie mir das als Formel geben?“
    – „Ein Alles noch vor mir? War das bisher Erlebte und Getane ein Nichts?“ (Mei, dann hätte mer uns die ganze Therapie aber doch auch sparen könne, gell?)
    – „Besten Dank, ich hatte grade begonnen, auf meine Fähigkeit zu Realitätsprüfungen zu vertrauen.“

  6. jetzt haben wir einige Tage überlegt, es sacken lassen, überprüft…
    wir beziehen seit zig Jahren Rente, gerade läuft die nächste Überprüfung für die nächsten 3 Jahre. Wir sind überzeugt davon, dass wir nie mehr Vollzeit arbeiten werden! So, jetzt ist es ausgesprochen! Wir sind 37 Jahre alt und beziehen schon seit ca. 10 Jahren Rente. Natürlich war immer die Hoffnung da, dass wir nur alles „aufgearbeitet“ haben müssen um dann „loszulegen“. tja, 10 Jahre danach die Ernüchterung: Es wird nicht gehen! Die Schädigung ist unüberwindbar!
    Die Mitmenschen denken, wenn wir das so sagen, wir hätten aufgegeben. Das sehen wir nicht so. Wir sehen die Realität. Natürlich können wir nicht in die Zukunft sehen und vielleicht gibt es irgendwann mal eine Form von Arbeit, die für uns stimmig und passend ist. Vielleicht…
    Aber was wenn nicht?! Ist dann das Leben weniger lebenswert? Das wird uns suggeriert (erst neulich, als eine blöde Arzthelferin beim Schmerzdoc mich ernsthaft fragte, was ich denn den ganzen Tag so mache und ich sei doch noch so jung und sie könne das ja nicht den ganzen Tag nichts tun…) und es trifft mich immer wieder.
    Mittlerweile versuchen wir dazu „zu stehen“, was echt fast nie möglich ist weil da so viel Scham ist. Und die Befürchtung, man könnte meinen, wir wollen nur nicht. Mhmm, irgendwie wollen wir auch nicht mehr. Nicht, nicht mehr leben, sondern nicht mehr funktionieren müssen, damit sich die Mitmenschen besser fühlen. Denn was heißt das denn? Es heißt, es hat eine solche Schädigung in unserem Leben gegeben, die es unmöglich macht, einen Arbeitsalltag zu bewältigen. Das wollen die Mitmenschen nicht sehen. Sie wollen nicht aushalten. Sie wollen Opfer nicht so. Man soll es schaffen, es überwinden. Aber Manches lässt sich vielleicht nicht überwinden…
    Sorry, wurde etwas lang.
    Ach ja, was mich auch sehr nervt ist der Satz: „Sieh doch was du alles schon erreicht hast“, aber das ist ein anderes Thema…
    lg
    Terriermaedchen

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