Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

Müll

Ich war dumm genug eine Frage danach zu stellen, wie andere Menschen mit den Auswirkungen ihrer Hochbegabung umgehen.
Stell‘ so eine Frage in dieses Internet und es dauert nicht lange bis irgendein ignorantes Arschloch um die Ecke kommt und dir einen Hammer in die Fresse kloppt auf dem steht: “Wenn du nur willst, dann kannste alles erreichen.”.
Wenn man das schon ein zwei mal im Laufe der letzten Jahre an verschiedenen Stellen erlebt hat, reagiert man nicht mehr darauf, in dem man “Fick dich” in ein Forum tippt. Man verlässt die Seite, löscht seinen Account, frisst sich an den Rand, kotzt drüber und denkt darüber nach, wozu es ein Leben gibt, das so falsch ist.

Ich hab mal was Neues versucht, weil es langweilig ist zu wissen, dass man mit seiner Annahme von Unpassenheit und Sinnlosigkeit recht hat, aber umgeben ist von Menschen, die außer reaktiver Potenzschutzideen erstmal nichts äußern (können/wollen/dürfen).
Es ist nicht die Frage, was Hochbegabung ist oder Intelligenz und auch nicht die Frage, wie man es schafft, seine Fähigkeiten so zu nutzen, dass sie passend sind. Es ist die Frage,  was und wem es nutzt, wenn man das anstrebt, umsetzt und sich auf eine Art angleichen kann, die einen befähigt im gleichen Kosmos wie andere zu leben. Sich also integriert. Fremd unter Fremden ist, aber auf dem gleichen Stück Land herummetabolisiert.

Und was, wenn man das nicht tut? Weil man es nicht kann? Weil Integration auch mit Privilegien und Fähigkeit zur Angleichung einhergeht und bestehende Definitionsmächte unangetastet lässt, was eine dumme Idee ist – sein muss, gerade dann, wenn die halbe Republik über Inklusion spricht und sich nicht mehr als *ist_in auf irgendeiner Achse bezeichnen lassen will.

Der Mensch hatte gesagt: “Man könnte fast sagen, was Ihnen ist passiert ist, könnte man auch ein psychiatrisches Verbrechen nennen”.
Während im Inmitten alles zuging, nickte ich und versuchte zu vermitteln, dass ich das weiß.  Und es immer ungesühnt bleiben wird. Aus Gründen.
Der erste psychiatrische Straftatbestand, war der erste IQ-Test, die ersten Gespräche in einer psychologischen Familienberatungsstelle um herauszufinden, ob und wenn ja, wann ich mich suizidieren würde.
Da war ich 13/14 Jahre alt und hatte mich in eine Lehrerin “verliebt”, dachte ich hätte einen Hirntumor, der meine Amnesien und Wahrnehmungsprobleme verursachen würde, war komisch, gewaltvoll, arrogant, allein und hatte keine Wörter an Menschen zu richten, die sie begreifen würden.

Es gibt Verbrechen, die entstehen, weil man Wahrheiten macht, die keine sind, weil es keine gibt.
In jedem Machtspiel gibt es Verlierer_innen. Im psychiatrischen Machtspiel braucht es sogar Verlierer_innen, weil die Rettungslogik sonst keine Basis mehr hat.
Es gibt Menschen, die halten Hochbegabungen für etwas, das positiv ist. Man folgt einer Art Rettungslogik und denkt, es ginge um ein Gutes in einem Menschen. Es ginge darum ein Potenzial zu finden, das urbar gemacht werden könnte. Warum? Weil man diesen Menschen ansonsten halt aufgeben müsste?
Wenn man sich anschaut, was heute mit Hochbegabungen verbunden wird, sieht man Kinder, die extrem spezialisiertes Wissen haben und anwenden. Schule, Universität, Leben fürs Wissen. Sie sprechen 3, 4, 5 Sprachen, können Bücher auswendig nachsprechen, sind Wirtschaftsgenies, sie lehren oder sammeln eine Auszeichnung nach der anderen.
Wer hochbegabt ist, ist nicht chronisch depressiv, misshandelt, arm, behindert, krank.  Wessen IQ die Grenze der 130 Punkte überschritten hat, ist ungenutztes und/oder ungeahnt (noch weiter) nutzbares Potenzial.

Besonderes Potenzial ist in unserer kapitalistischen Gesellschaft das, womit alles gerechtfertigt wird. Alles.
Auch die Ignoranz des Leidens unter Besondersmachung und Nichtentsprechenkönnen, von all dem was noch im Leben eines Menschen sein können soll, wenn er in einem Test eine bestimmte Punktzahl erreicht hat. Auch die Ignoranz der Dynamiken von Neid unbeteiligter Dritter und Annahmen eines Stolzes, der in aller Regel gar nicht da ist.

Ich habe nach dem Ergebnis damals gedacht, ich müsse zwangsläufig gut in der Schule sein – müsse noch sehr viel mehr müssen und können als ich konnte. Ich habe mich gnadenlos überfordert und natürlich alles allein zu lösen versucht.
Erst durch mein ebenfalls hochbegabtes Geschwist habe ich gelernt, dass es verschiedene Arten von Intelligenz gibt.
Dass meine Hochbegabung nicht darin liegt Inhalte zu kopieren, abzuspulen und innerhalb des Inhaltsesystems allein anzuwenden, sondern darin, Muster in unterschiedlichsten Komplexen zu finden, mit allem was mir begegnet zu verbinden und im Kopf zu aufeinander aufbauenden Komplexen weiter zu konstruieren.
Ich gehöre zu den Konstruierer_innen und nicht zu den Wiedergeber_innen und genau deshalb ist die klassische Schule, wie auch der tradierte Universitätsbetrieb kein Ort für mich. Genau deshalb finden mich Menschen komisch – spätestens dann, wenn ich in Fahrt und in so einem Modus des “einfach Los- und  Rauslassens” bin.

Wir leben nicht in einer Welt, die alle gleichermaßen mitgestalten dürfen und deshalb auch können, wenn sie nur genug wollen.
Unsere Gesellschaft ist – um es mit den Worten von John Lennon zu sagen: ein Haufen misshandelter Kinder, die sich immer wieder an Personen abgeben, die für und über sie bestimmen.
Es interessiert niemanden, was ein Kopf kann, wenn es der Kopf von jemandem ist, der das falsche Geschlecht (Gender/*), die falsche Klassenzugehörigkeit, das falsche Alter, die falsche Hautfarbe, den falschen religiösen, kulturellen, spirituellen Hintergrund, die falschen Absichten, den falsch interpretierten Geisteszustand, den als falsch funktionierend eingestuften Körper unter sich hat.

Ich habe Angst vor meinen eigenen Schlüssen über das, was wir Menschen, wir hier in unserer Gesellschaft tun und warum wir es tun.
Es gibt keinen Moment, in dem ich aus vollster Überzeugung sagen kann: “Das wird mal für alle gut (im Sinne von befriedigend und nachhaltig lohnenswert zu leben) enden.”.
Und im Gegensatz zum gefühlten Rest der Welt ist mir das nicht egal, oder mit dummen (im Sinne von “einzig sich selbst (re-)produzierenden/stützenden”) Dingen zu überlagern. Ich kann nicht glücklich sein, weil mich dumme Dinge nicht glücklich machen können. Vor allem nicht, wenn ich das mit dieser kapitalistischen Potenzialrettungslogik verbinden soll.

Lebe ich noch, weil ich höflich bin oder, weil ich ein misshandeltes Kind bin, das sich an Personen abgegeben hat, die für und über es bestimmen, dass es noch leben soll? Oder, weil es mich dann manchmal doch fasziniert am eigenen Leib zu sehen, wie wichtig gesellschaftlicher Müll auch sein kann, um Werte stabil zu halten?

18 thoughts on “Müll”

  1. Sorry. Ich kann nicht mehr anders und muss mich äußern.
    Ich bin hochbegabt, komme aus der liebevoll genannten Unterschicht, habe ein Großteil meines Lebens unter Mobbing (auch wegen der HB) gelitten, wurde zusammen geschlagen, diffamiert. Ich leide seit meinem sechsten Lebensjahr an Depressionen, habe einige andere körperliche Gebrechen und bin dazu Asperger. Ich bin offen bisexuell.
    Doch nie kam ich drauf, meine Wut und mein Leid so zu manifestieren, dass ich Pamphlete verfasse, weil alles so ungerecht ist. Verdammt, dass ist es! Und? Es geht darum, wie man selbst damit umgeht. Ich wurde von meiner überforderten Familie kaum unterstützt als ich aufs Gymnasium wollte und unbedingt Latein lernen wollte, nachdem mein Vater dann starb wurde alles schlimmer, ich war psychisch am Boden. Aber ich habe nie aufgegeben, einfach, damit DIE nicht gewinnen. Ich habe es geschafft alleine ein Studium zu finanzieren, habe schneller als normal und als eine der Besten abgeschnitten. Und weißt du was? Meine Intelligenz ist mir so egal, ich arbeite mittlerweile in nem Pflegeberuf, bin „überqualifiziert“ aber glücklich. Du hast alles ist der Hand. Vor allem, wie du Dinge siehst. Und wenn es hilft, dass Adonai irgendwo aufpasst, ein Gedanke der mir immer geholfen hat.
    Ich kämpfe mein Leben lang. Für was? Für mich. Auch wenn ich lange nicht wusste wer, was oder wie ich bin, weil so viele so sehr auf mir rumhackten. Ich weiß nicht was morgen kommt. Und das treibt mich an. Übrigens: ich konnte nie Instrumente lernen, weil wir zu arm waren. Aber ich habe mir im Laufe der Jahre Gitarre und Klavier selber beigebracht, weil ich es wollte.
    Du, liebe Hannah hast alles Recht der Welt zu leiden, denn das eigene Leid ist IMMER das größte, aber bei so manchen Äußerungen von dir fühle ich mich manchmal ein wenig beleidigt bzw. wütend, weil du manchmal für einige von „uns“ sprechen magst, obwohl das niemals möglich sein wird. Du hast die Wahl. Mach Schluss, wenn es nicht mehr geht oder kämpfe ohne diese Pseudoanalysen, mit denen du dir versuchst alles zu erklären. Sie erklären nichts. Die Welt, die Menschen sind unfair. Aber man selbst kann seinen Blick ändern.

  2. Ich schreibe nicht aus der Überzeugung heraus für andere Menschen sprechen zu können (oder zu müssen) und ich danke allen, die dies nicht beim Lesen vergessen.
    Quelle: „über dieses Blog“

    Ich spreche nicht für dich. Aber ich freue mich für dich, dass du so viel schaffen konntest.
    Alles Gute

  3. Der Disclaimer ist mir bekannt, ist aber keine Antwort, meine Meinung nach. Aber gut. Meine Intention war an sich auch keine, ich wollte lediglich meine Gedanken äußern.
    Und danke, es wird alles gut.

  4. hallo Aramane,

    ich möchte gerne etwas zu deinem Kommentar schreiben.
    Nicht, weil ich das Gefühl habe Hannah in Schutz nehmen zu müssen, nein.
    aber ich finde deine Art und Weise, wie du dich hier äußerst, irgendwie unfair.

    Jeder Mensch hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern. Hannah greift niemanden an, es sind die Gedanken, die sie hat. Und was gibt dir/ uns das Recht, das als „falsch“ anzusehen, oder als Pseudoanalysen abzutun?
    Wenn es hilfreich ist, sich Dinge bewusst zu machen, warum darf „man“ das dann nicht?
    Das heißt ja nicht, dass das mit deiner Weltsicht/weltbild übereinstimmen muss.

    Mich macht dein Kommentar wütend.
    Natürlich kann der Blickwinkel verändert werden. Ich weiß nicht, wieviel du von dem Blog hier gelesen hast. Ich selbst lese noch nicht lange hier.

    Ich empfinde die Artikel weder als Pamphlet (diesen Ausdruck finde ich schon sehr grenzwertig für mich) noch als Manifestierung von Leid.
    Es sind Dinge, die sich für mich so lesen, wie sie eben gerade sind.
    Und ich finde, niemand hat das Recht, jemand etwas abzusprechen oder in dieser Weise anzugreifen.
    Und ich empfinde das auch überhaupt nicht so, dass Hannah hier für andere spricht.

    Bei mir ist das Gefühl, dass du gar nicht weißt, was es heißt, viele zu sein.
    Und von dem Versuch, etwas nachzuvollziehen, will ich gar nicht reden, wenn ich ehrlich bin.

    Du schreibst von dir, das ist dein gutes Recht, das will ich dir auch gar nicht absprechen.
    Aber so etwas wie du schreibst: Mach Schluss, wenn es nicht mehr geht.
    Das geht in meinen Augen gar nicht!!!

    Und die Aussage, „das recht zu leiden“.. Entschuldigung… da krieg ich ne vollkrise….
    Ich glaube nicht, dass irgendjemand leiden will, oder sich dafür entscheidet zu leiden.

    Und es tut mir leid, wenn du dich jetzt angegriffen fühlst. Aber es wäre vielleicht gut, mit mancher Wortwahl auch etwas vorsichtiger zu sein.

    @Hannah: tut mir leid, dass ich da so dazwischenfunke, wenn der Kommentar nicht ok ist, dann einfach nicht freischalten.

    Liebe Grüße

  5. Deine Gedanken verletzen einige bei uns, bestätigen aber meine aktuellen Gedanken über uns und unser Leben.
    Ich lese daraus, ich müsse mich mehr anstrengen, weil du es mit viel Anstrengung geschafft hast.
    Ich bin aber nicht du.
    Deshalb schreiben wir nicht im Namen anderer Personen und an niemanden gerichtet.

    Wenn du uns verletzen möchtest, kannst du das natürlich tun. Du kannst aber auch einfach die Seite verlassen. Es ist deine Wahl.

  6. Alles okay Drachenkinder. Danke, dass ihr euch die Mühe gemacht habt aufzuschreiben, was wir, vielleicht manchmal zu naiv, bei Kommentierenden an Mitdenken vorraussetzen.

    Und das Mitfühlen. Danke dafür. ❤

  7. nich dafür 🙂

    wir waren nur einfach sehr wütend (oder sind es noch), weil wir da auch das rausgelesen haben, dass man sich „einfach nur anstrengen“ muss und dann schafft man alles.
    Ist ja schön, wenn das bei manchen klappt.
    Aber warum geht man dann davon aus, dass das bei anderen auch so ist und die nur „zu faul, zu dumm oder sontwas“ sind, dass sie das nicht hinkriegen?
    So kommt das hier zumindest an.
    und das macht wütend!
    Und das darf es glaube ich auch.

  8. ..hey! ich finde die Rüberbringweise gelungen, weil wie soll mit soviel Leid anders umgegangen werden so dass es auf seine Weise beredt wird.. Danke dafür, mich bewegt dies und dies immer mehr, möchte fast sagen, Sie schreiben gut den Leuten aus der Seele, so: das war mal pathetisch, aber auf mich trifft s zu! LG

  9. ich möchte rückmelden, dass ich aus Aramanes Kommentar nicht herausgelesen habe, dass es einfach nur um „etwas mehr anstrengen“ geht. Es könnte zu bedenken sein, dass Worte motivierend gemeint sind, oder einfach als Aussage dastehen, ohne zwischen den Zeilen zu sagen „Es ist deine Schuld! Streng dich an! Mach´s besser! …“… Das eigene Selbstbild, die eigene Selbstabwertung, der eigene innere Druck können manchmal sehr hineinfunken in Kommunikation.

  10. Ja, man könnte sich aber natürlich auch fragen, ob es angebracht ist sich motivierend und mit dem eigenen Leben vergleichend zu äußern.
    Aber hey. Nehmen wir wohl alles ein bisschen falsch wahr gerade. ¯\_(ツ)_/¯

  11. von „falscher Wahrnehmung“ habe ich nicht geschrieben.
    wenn „motivierend“ oder „aus der eigenen Erfahrung heraus“ nicht angebracht erscheinen, frage ich mich, welche Art von Kommentaren für Dich/Euch denn „angebrachter“ sind?

  12. Unter einem Artikel in dem ich beschreibe, dass ich Dinge nicht kann, brauche ich nicht hören, ich solle diese Dinge doch tun, anstatt zu äußern, wie es mir damit geht und was ich mir dazu denke.
    Die Frage ist nicht, was ich für Kommentare für okay halte – sondern was Menschen für okay halten mir an den Kopf zu werfen und zu unterstellen.

    Etwa ich würde Dinge falsch verstehen, weil mein Selbstbild gerade scheiße ist
    oder ich würde einfach nicht den Arsch hoch kriegen, wie andere das schon geschafft haben.

    Ich verstehe nicht, warum ihr das jetzt so derailen müsst, aber bitte.
    Hab wohl gerade ne Verzerrung im Kopf. Passiert. ¯\_(ツ)_/¯

  13. Sondern? Wolltet ihr auch einfach mal ein paar Gedanken, die mich verletzen da lassen weil meine Verletzung eine subjektive ist und mal objektiv bewortet werden musste, oder was?

  14. nein, ich wollte keine verletzenden Gedanken dalassen. Es ist meine Sichtweise auf den Tenor in Aramanes Kommentar, so wie ich ihn wahrgenommen habe. Ich dachte, diese Sichtweise könnte Euch nützen oder ggf. einen Blickwinkel erweitern. Ist offenbar nicht so angekommen. Schade. Es lag keine Verletzungsabsicht darin.

  15. Nur Interesse halber: Wie hoch ist dein IQ Test Wert beim Psychologen ausgefallen? Wie willst du deine Intelligenz dazu einsetzen, diese Welt ein Stückchen besser zu machen? Siehst du es ein, dass du als ein einzelner von ca. 7 Mrd. Menschen nicht das komplette System indem wir Leben umkrempeln kannst?

  16. Das Testergebnis hat das Spektrum ausgereizt (ging über die Auswertungstabellen hinaus und wurde ab da ein rechnerisches Ergebnis).
    Ich frage mich, wie ich meine Intelligenz dazu einsetzen könnte, um die Welt zu verändern, wenn jene Welt zum Einen immer nur in „gut“-„schlecht“- Dualismen (Binärität allgemein) arbeitet und mich und meine Möglichkeiten nur braucht um sich selbst zu erhalten.
    Ich weiß, dass ich die Welt nicht ändern kann.
    Die Welt ändert sich nicht für oder wegen Einzelheiten.

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