Die Helfer_Innen und die Hilfe, Innenansichten, Lauf der Dinge

brachial sein üben

Und in den Worten an die Psychotherapeut_innen, die Autist_innen behandeln steht: “Nehmen Sie ihre Klient_in ruhig wörtlich” und hätte ich nicht ein längst leer geweintes Menschenköpfchen würde ich auch diese Seite volltropfen.

“Weil kann man nicht ändern diese scheiß was sie sagen ist unser Leben. Für uns ist wichtig, dass sie wissen und nicht vergessen, wir leben mit Furcht und Angst, mit Überforderung und Erinnern. Immer wenn wir sagen und versichern davon (egal wer, egal wie) sie machen ein Thema und reden eine Ebene davon.  Aber das ist nicht alles. Das ist nicht fertig und wird nicht fertig. Man kann nicht verstehen was man MACHEN soll oder könnte, wenn sie sagen nur „Sie fühlen…“, „Sie denken…“.
Merken sie nicht Unterschied von Verständnis und jemanden verstehen lassen?
Sie lassen uns nicht verstehen. Sie lassen uns verstanden.
Da wo wir stehen lassen sie uns und sagen: „Ich habe Verständnis für sie.“
Das ist schön jemand hat etwas für uns – aber es ist egal für was ist und wo wir stehen“

Wir räumen in der Wohnung herum und schmeißen Dinge weg.
Es gibt zuviel Zeug in unserer Wohnung, in unserem Leben, das uns anstarrt und uns suggeriert,  es gäbe eine Wahrheit, die unserem Erleben und Äußern widerspricht.
Wir werden aber nicht mehr in eine weiterführende Schule gehen. Wir werden aber keine Kinder bekommen, denen wir unsere mitgenommene Baby Born Puppe vererben werden. Wir werden aber H. nie wieder als Gemögte haben. Wir werden aber keine Klassenkamerad_innen aus der Heimatstadt mehr treffen. Wir werden aber nie wieder Klavier spielen. Wir werden aber nie Gitarre spielen lernen. Wir werden aber keine geklebten Puzzles an die Wand hängen. Wir werden aber nie die Fähigkeit bekommen unsere früheren Kunsttherapiesachen zu besprechen. Wir werden aber nie wieder unter 55kg wiegen.

Wir dachten, dass man das so macht. Dass es nicht genug ist, wenn wir die Dinge tun, die wir tun, weil wir sie tun wollen und können. Immer muss irgendwo ein verborgener Wunsch sein – irgendwo muss eine versteckte allumfassende Wahrheit sein, die wir nur nicht mitkriegen, weil wir nicht ganz dicht sind. Oder sie nicht kennen sollen. Weil frühere Gewaltopfer haben sowas.
Wir haben soviel Zeug aufgehoben von dem wir dachten, es wäre später vielleicht mal wichtig.

“Als Option doch gut zu wissen, weil man weiß ja nie und in Wahrheit möchte man es doch auch. In Wahrheit geht man doch davon aus, dass es ein Morgen und ein sicheres Bald gibt und man sich dafür alle Optionen offen halten will.
Du denkst jetzt es ist sinnentleerter Mist, weil du dich jetzt halt aus dem Leben, der Welt, dem Allem rausgerissen und entfremdet fühlst – aber in Wahrheit… aber in ein paar Jahren…”.

In Wahrheit bleibt es sinnentleerter Mist, weil er das schon damals war und man auf eine Wahrheit wartet, die nicht die eigene ist.

Wir werden nie eine Wohnung haben, die wir zum Wohnen benutzen, bis wir nicht verstanden haben, was “Wohnen” eigentlich ist.
Ich habe die besten Ideen, wenn ich mich verletze. Vielleicht weil ich mich in dem Moment auf vielen Ebenen berühre und dabei so roh bin, wie das Innen, das unserer Therapeutin geschrieben hat.

Und sie denken vielleicht ist Traumadummheit weil man will nach Hause ans Meer wo man freie Blick hat und nicht wie hier überall Berg und eng und laut und Leute die ungefragt anreden. Sie denken vielleicht ist Traumadummheit man will ein Baby sein, das erlaubt gar nichts muss oder soll und trotzdem nicht sterben muss – aber vielleicht sind wir nie eigentlich weiter gewachsen als Baby und später einfach eine dressierte Äffchen geworden.
Vielleicht sie haben vergessen, Innens sind Kunststückchen für dass man nicht stirbt.

Menschen machen Wahrheiten, wo sie kein Wissen haben.
Sie wissen nicht, dass wir sie nicht verstehen.
Deshalb glauben sie uns nicht.

Wir üben brachial sein.
Die brachiale Veräußerung, die vor 13 Jahren noch in einer Fünfpunktfixierung und Diazepamspritzen endete.

9 thoughts on “brachial sein üben”

  1. Liebe Hanna,

    ich bin durch Zufall auf deinen sehr guten Vortrag auf der openmind 2014 gestoßen.
    Für eine Außenstehende wie mich erschließen sich mir deine Seelenzustände ohne konkrete Beispiele nur schwer, ich kann sie zur Kenntnis nehmen, aber nicht nachvollziehen.

    L.G.

    Kosima

  2. Ich erwarte nicht, dass du es als Außenstehende nachvollziehst oder nachvollziehen kannst. Es ist okay, es einfach zur Kenntnis zu nehmen. es zu nehmen wie es ist.
    Ich tue nichts anderes.

    Viele Grüße

  3. „…meine Seele ist so wund, dass mir, ich möchte fast sagen, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut, das mir darauf schimmert“. (Heinrich v. Kleist)

    Ist es das, was du fühlst?

  4. Danke, das klärt es wirklich für mich. Sind dir denn die Ursachen deines Fühlens bewusst? Eigentlich ein Ding der Unmöglich, kognitiv sicher, aber emotional? Ich beschäftige mich gerade mit Kriegstraumata (Flüchtlingsarbeit, Kriegsvergangenheit meines Vaters) im Rahmen eines Buchprojekts, sorry ich will dir nicht zu nahe treten! Ich wollte dir nur sagen, wo ich gerade stehe.

    L.G.

  5. So ähnlich.
    Im Moment ist es mehr, dass ich das Fenster kaputt schmeißen wollen würde, damit es kein Licht mehr reinlassen kann (was unlogisch ist und trotzdem auf eine Art das, was ich will)

    So wie im Zitat habe ich mich zuletzt in einer Krise gefühlt, die von etwas anderem ausgelöst war, als das aktuell.

  6. Mir ist nicht immer bewusst wo meine Gefühle herkommen – oft ist es für mich auch nicht möglich die Frage „Warum fühle ich XY“ überhaupt zu stellen, weil ich erst Beruhigung, Versicherung, viel Okay von außerhalb brauche um mich in Ruhe zu widmen.
    Gefühle sind gefährlich – Kognition ist es nicht so sehr.

    (Es ist okay – wenn ich was nicht beantworten will, schreibe ich das)

    Viele Grüße

  7. ..vielleicht gibt es doch hie und da die Möglichkeit für Dich, so wie ich sie auch für mich finden will und so wie du sie hier schon ergreifst, doch und entgegen diesen vielen „Nicht“ etwas zu leben, was sich andere vorher noch nicht getraut haben, die aber letztlich auch davon betroffen sind.. diese Konstellationen in denen wir uns bewegen sind viel zu oft durch ein Entweder-Oder zusammengehalten, ein sowohl-als-auch, das weder noch die und die leidvolle Erfahrung „integrieren soll“.. da muss ich getraut werden zu leben… danke für diesen bewegenden Artikel..

  8. Ich erlaube mir mal etwas platt einfach nur zu sagen: Mir hat es mal weh getan, mich zu gründlich von allem möglichen Zeugs getrennt zu haben. Man kann ja nie wissen, ob man wirklich nie …. z.B. Gitarre lernt. Oder eineR kommt, der/die es tut. Oder oder oder. Nur meine Meinung.

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