Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

Lebenswert behindert sein

Monica Lierhaus sagte in einem Interview, dass sie heute verschiedene Entscheidungen anders treffen würde, als vor ein paar Jahren noch.
Wäre Frau Lierhaus nicht behindert, würde diese Aussage angehört und wieder vergessen.

Als Person aber, der eine Operation das Weiterleben ermöglichte und als Person, die in der Folge behindert ist, hat sie diese Entscheidung gefälligst nicht (öffentlich) zu bereuen und schon gar nicht hat sie ihr Leben danach als weniger lebenswert zu empfinden, weil das die Öffentlichkeitsarbeit anderer Behinderter untergräbt. So lese ich zumindest den Kommentar von Christiane Link in ihrem Blog.
Frau Link schreibt, dass sie öfter hört, Menschen könnten oder wollten an ihrer Stelle nicht leben und setzt dies in einen, vielleicht richtigen, vielleicht aber doch auch unvollständigen Kontext mit Bewunderung.

Und ich stehe neben diesem Disput und denke darüber nach, wann es denn erlaubt ist zu äußern, dass man sein Leben als behinderte Person nicht als lebenswert empfindet.
Darf man es äußern, wenn man nicht prominent ist? Darf man es äußern, wenn ein kleiner tragbarer Motor das eigene Herz ersetzt und man jede Woche zur Dialyse muss? Oder wenn der fünfte Versuch einer Behandlung mit Psychopharmaka zu massiven körperlichen Veränderungen und emotionaler Schmalspur verholfen hat? Oder einfach nie, weil das Leben so unfassbar kostbar wichtig ist, dass es, ohne jede Reflektion, jeden Preis kosten darf – und muss und soll?

Darf ich, wenn ich äußere, dass ich mein Leben als nicht lebenswert empfinde noch bitte selbst definieren was “Leben” und was “Wert” für mich ist? Darf ich bitte über meine Er-Lebensrealität und ihre Bewortung noch selbst bestimmen und nicht andere Menschen?
Darf in einer Zeitung auch mal eine beschissene Selbstansicht von Behinderten über sich selbst und ihr Leben stehen?

Warum ist es so wichtig, aus einer Behinderung etwas zu machen, was tragbar ist und, was das eigene Leben ja eigentlich nicht dann doch nicht behindert oder beeinflusst?
Manchmal ist sie das eben nicht.
Manche Barrieren und (Vor-) Urteile in Bezug auf das Leben mit Behinderungen gibt es auch im Kopf der Behinderten selbst und Interviews, wie das von Frau Lierhaus und auch der Text von Frau Link – genau wie meiner hier – tragen dazu bei, sie sichtbar zu machen.

Ich habe die abfällige Bezeichung “die Sonnenscheinbehinderten” für Menschen, die sich öffentlich ausschließlich so äußern, als wäre ihre Behinderung bzw. ihre chronische Erkrankung eigentlich gar nicht so schlimm. Und eigentlich auch gar kein Problem. Nie und nirgends und wenn doch: nicht lange und schon gar nicht unaushaltbar.
Für mich ist es so, dass ich mir an der Stelle denke: “Ah, okay cool – schön für diese Personen. Schade, dass ich es nicht auch so einstufen/erleben kann.”.
Was in etwa der gleiche Gedanke ist, wie ich ihn habe, wenn ich von hochbegabten Kindern in umfänglichen Förderprogrammen höre; von traumatisierten Menschen erfahre, die austherapiert mit ihrer selbstgegründeten Familie und halbwegs gesichertem Leben in den Sonnenuntergang schauen und von Menschen, die ihre Depressionen mit einer Tablette täglich als erträglich empfinden können.

Ich frage mich, was an mir falsch ist, dass ich nichts davon auch habe. Nicht mal nah dran bin.
Ich frage mich, was ich übersehe, welche Energie ich wo falsch hinpumpe, dass ich das nicht habe.
Ich schaue in unsere Gesellschaft und frage mich, was läuft da falsch, dass ich mich nicht glücklich optimieren kann– wo ist denn dieser verdammte Sonnenschein, der andere Behinderte in die Fernsehkamera lächeln lässt?!

Und was genau ist eigentlich der Lebenswert von dem da dauernd gesprochen wird? Wenn Leben so preislos anzunehmen ist – braucht es dann noch eine zusätzliche Aufladung mit Wert? Steht Leben dann nicht eigentlich absolut darüber und sollte gar nicht erst in einer Wortkombination mit “wert” erscheinen?

Mein Leben ist nicht wertvoll für mich und das habe ich schon 9 Jahren verstanden.
Man kann mich im Kopf erneut zum Opfer von Gewalt machen und sagen, in meinem Lebensumfeld hätte ich ja auch keinen Anlass gehabt davon auszugehen, dass das anders ist. Man kann mir aber auch glauben, dass ich durchaus auch von Menschen umgeben war, die mir vermittelt haben, dass es okay ist, dass es mich gibt.
Man darf mir auch zuhören und verstehen, dass es nicht andere Menschen sind, die mir definieren, was mir mein Leben wertvoll oder auch “lebenswert” macht.

Leben ist einfach, für mich. Leben will nichts und Leben braucht nichts. Es ist einfach nur da. Und, ob man sich damit verbindet oder nicht und wie man es für sich be_wert_et oder füllt, liegt an den Personen selbst und dem Umfeld, in dem sie leben.

Für den Lauf der Dinge (das Leben) ist es irrelevant, ob es mich gibt oder nicht.

Ich sehe mein Er-Leben nicht als wertvoll geschätzt für diese Gesellschaft. Ich werde als Person genauso weder gewollt noch gebraucht, wie ich einfach mit Lebensbewertungs-und –dankbarkeitszwang überfordert werde.
Ich bereue keinen einzigen meiner Suizidversuche, weil ich keine Schuld empfinde, etwas von mir zu nehmen, um das ich nicht gebeten habe.
Ich bewerte Dinge und Prozesse, die sind, nicht.
Entsprechend ist mein Leben für mich auch nicht lebens_wert, sondern lebbar, genau wie es nicht lebbar ist.
Diese Einordnung und ihre Definition, erlebe ich auch als Teil meines Lebens und meines Entwicklungsprozesses. Als etwas, was der Umstand zu leben eben auch impliziert.

Am Leben zu sein, bedeutet von einer Option definiert zu sein, die als einzige wirklich bedingungslos ist und in ihrer Entstehung unbeeinflussbar war.
Niemand kann etwas dafür geboren worden zu sein. Niemand kann sich dafür entscheiden geboren zu werden oder eben nicht.
Aber jede Person kann sich entscheiden, ob sie am Leben bleiben will oder nicht und wenn ja, wie sie das für sich bewertet.

Ich verstehe, dass es anstrengend und nervig ist, Menschen zu sagen, dass man das eigene Leben mit einer Behinderung nicht als Last oder Leidensquelle empfindet.
Doch meine Last daran, Menschen immer wieder klar machen zu müssen, dass es mir trotz viel psychiatrischer und psychotherapeutischer Hilfen und trotz viel beachtetem Potenzial in mir, eine Leidensquelle ist, eben doch nicht zu sein (und niemals werden zu können), wie Menschen, die diese Hilfen nicht brauchen um ihre Verbindung mit dem Leben auszuhalten und damit umzugehen, die wird genau in dem Moment ausgeblendet und zum Bedrohungsfaktor erklärt, wenn der Anspruch an alle heißt, niemals zu äußern, dass man sein Leben als nicht lebenswert empfindet.

Was ist das für ein mieser Schuldspruch, bei einer gesellschaftlichen und juristischen Sachlage, wie der, die wir aktuell in Deutschland und im Rest der Welt vorfinden? Was ist das für ein Anspruch auch an die Behinderten selbst, die jeden Unterstützungs- und Hilfebedarf über Nichtbehinderte definiert erfahren und daran nie eine Kritik äußern können, ohne ein bestimmtes (überlebenswichtiges) Anpassungslevel zu verlassen?

Wenn es heute noch Meinungen gibt, die besagen, das Leben von Behinderten wäre eine Last oder Behinderte sollten besser nicht leben, dann gibt es diese Meinungen zu allerletzt, weil Behinderte sich öffentlich zu ihrer Er-Lebensrealität äußern.
Menschen mit Behinderungen werden gehasst, ausgegrenzt, verachtet und zur Belastung erklärt, weil man es kann. Weil es dafür gesellschaftliche, wie bürokratische Strukturen und kulturelle Praxen gibt.
Um daran etwas zu ändern, braucht es Sichtbarkeit. Braucht es Ehrlichkeit. Braucht es Verstehen und Annahme von Unterschiedlichkeit.

Auch dann, wenn es anstrengend wird und eben nicht mehr nur der unproblematische Sonnenschein betont werden kann, der denen, die sich autark so weit selbst optimieren können, dass sie sich zur Norm erheben können, vermittelt es gäbe keine Unterschiede, wo doch permanent welche gemacht werden (müssen).

24 thoughts on “Lebenswert behindert sein”

  1. Bin ich nur frei von Leid, wenn ich darüber triumphiere? Und wenn ich es empfinde, ist dann mein Leben weniger lebens-würdig, missglückt? Muss ich alle Spuren beseitigen, die darauf schließen lassen, dass ich MIT einer Behinderung lebe, die ich auch als solche wahrnehme? Wieso soll ich mich gezwungen sehen, auf den Zug der Allgemeingültigkeit aufzuspringen, um Anpassung an die zu leisten, die „überwinden für alle“ ausrufen? Darf ich auch einfach ich sein, ohne meine Betroffenheit auf allen Ebenen abzugleichen?

    Eine Sunny

  2. Ich habe Frau Link einen Kommentar unter ihren Post geschrieben. Konnte nicht an mich halten.
    Du hast mit deinen Aussagen vollkommen recht und es hat eine große Berechtigung, dass man sich darüber Gedanken macht und es für sich reflektiert.
    Ich werde heute noch etwas über das Thema nachdenken.

  3. … ich wollt nur sagen: danke für diesen text und die anregung, sich darüber gedanken zu machen!
    das hat hier auch direkt zu eigenen fragen geführt 😉
    noch ne sunny

  4. Mich macht dieser Kommentar von Frau Link echt wütend.

    Und ich kämpfe auch immer wieder mit dieser Fragestellung.
    danke für dieses in Worte packen.

  5. Hat dies auf buildingsnbridges rebloggt und kommentierte:
    „Warum ist es so wichtig, aus einer Behinderung etwas zu machen, was tragbar ist und, was das eigene Leben ja eigentlich nicht dann doch nicht behindert oder beeinflusst?
    Manchmal ist sie das eben nicht.“

  6. Ja Hannah, mir geht es auch häufig so (bin auch behindert – vielfältig) und seit meinem körperlichen Unfall – neben den seelischen Wunden einer Vielen – finde ich mein (Über)Leben noch schmerzhafter und unlebenswerter. Und ich erlebe auch, dass wenn ich das ehrlich Freunden oder Bekannten äußere, dass dies auf Unwillen stößt.
    Die Leute erwarten, dass man der Held seines Leidens allzeit ist, doch wenn man einfach nicht mehr kann, dann ist man sozusagen ein Versager. Ich will einfach ehrlich sein, auch zu mir selbst. Will mir nichts vormachen und anderen auch nicht.
    Ich denke, dass die anderen sowas nicht gerne hören – weil sie nicht erinnert werden wollen an ihre Verletzlichkeit, dass sie vielleicht auch man in eine solche Situation kommen könnten.

  7. Ich kann Ihnen genau sagen, wo das Problem liegt: Mit ihrer Äußerung hat Frau Lierhaus nicht, wie behauptet, die Außenwirkung von Behinderten bei Nichtbehinderten „beschädigt“, sondern das _Selbstbild_ einer ganzen Reihe von Behinderten. Den Schutzwall, hinter dem sie sich verstecken und sich einzureden versuchen, dass jedwede Behinderung ja gar keine sei, sondern nur der Rücksichtslosigkeit der bösen Gesellschaft geschuldet. Das ist das eigentliche Problem, das viele Behinderte jetzt mit Frau Lierhaus haben. Zugeben zu müssen, dass Behinderung eben doch etwas mit physischem Defizit, ggf. Leid und eben individuellem Empfinden zu tun hat und nicht einfach auf die Gesellschaft geschoben werden kann.

    Frau Lierhaus hat somit das vielerorts propagierte und in gewissen Kreisen unantastbare Credo „Behindert ist man nicht, behindert wird man!“ untergraben und vom Kopf wieder auf die Füße gestellt. Behindert wird man a priori eben nicht, sondern man ist es. Denn man wäre es auch ganz ohne Gesellschaft auf einer einsamen Insel. Eher sogar noch mehr, wenn man mal ehrlich ist. Der Kaiser hat gar keine Kleider an, na sowas!

    Gut, dass da mal eine Tacheles gesprochen hat, wenn man mich fragt. Wenn sich nämlich Damen wie Frau Link mit ihren Forderungen nach Schönfärberei, Schuldumkehr und Unter-den-Teppich-Kehrerei durchsetzen, ist bald auch die Legitimation von Patientenverfügungen in Frage gestellt und zig Leute müssen ihre körperliche Selbstbestimmung den Dogmen solcher Fanatiker opfern. Das wäre eine ganz, ganz üble Entwicklung.

  8. Ich denke, Frau Lierhaus hat erstmal nur über und für Frau Lierhaus gesprochen und an dem Credo des behindert werdens ist nichts falsch.

    Ich erlebe mich auch behindert gemacht – neben meinem Sein als Person die behindert ist.
    Meiner Ansicht nach, kann man diese beiden Aspekte nicht voneinander trennen, geschweige denn von Kausalzusammenhängen befreien.

    Ohne Gesellschaft, die in behindert und nicht behindert trennt (weil sie es kann) würde so vieles anders anders werden, das können wir uns nicht vorstellen.

    Frau Link hat ihre Haltung zur Repräsentation Schwerbehinderter auch nicht aus heiterem Himmel. Es gibt genug Gründe dafür davon wegzukommen, Behinderte ständig als leidend und abhängig darzustellen und ihr Leben zu einem anderen zu machen, als das Nichtbehinderter.
    Für mich wird es schwierig, wenn das bedeuten soll, das man über bestehendes Leiden oder Reuen nicht mehr sprechen soll, um eine bestimmte Haltung nicht zu bestätigen, die völlig unabhängig davon entsteht.

  9. NUR bedeutet auf Suaheli Licht, habe ich mir mal sagen lassen. Ich bin meist noch nicht mal so weit, dass ich Kontext zweifelsarm zuordnen kann, zumal ich in diesem Gespräch auch nicht erkenne, ob es Fenske war, der den Aufreger triggerte. Hier in Dresden gibt es ein Pflegeheim, das sich Elsa Fenske nennt, dadurch prägte sich mir sein Familienname ein.

  10. *kotz* (sorry) Jeder Mensch hat das Recht zu leben und jedes Leben ist lebenswert!

  11. Und genauso hat jeder Mensch das Recht zu äußern, dass er sein eigenes Leben als schwer erträglich erlebt usw. …..Frau Lierhaus hat über sich selbst gesprochen und mit keinem Wort ein anderes Leben als nicht lebenswert bezeichnet.

  12. Danke für euren Beitrag und das InWortefassen!
    Es ist sooooo ätzend, dass man als Nichtsonnenscheinbehinderte/r nicht auch einfach mal sagen kann, was man manchmal so denkt…

  13. danke dir

    Ich merke ehrlich gesagt erst jetzt wo der Artikel so rund geht, wie vielen anderen das auch so geht. Vorher dachte ich, es läge einfach daran, dass andere Behinderte ehrlich null Probleme an der Stelle haben und einfach besser in Sachen Anpassung sind, als ich.
    Es tut mir gut, von anderen bestätigt zu werden, selbst zu definieren für mich und mein Leben.

  14. Ich bin kein Freund von Frau Lierhaus, ich gebs ja zu… Aber wenn sie ihr Leben als schwer erträglich ansieht, wie findet sie dann das Leben von noch schwerer Betroffenen???

  15. Vielleicht habe ich es in den falschen Hals bekommen… aber manchmal hört es sich so an, als würden Leute die ihre Situation als schwer empfinden… ach, schweres Thema, was ich sagen will: Es war nicht auf dein Post sondern auf Frau Liermann bezogen. Tut mir leid, wenn ich dich in irgendeiner Weise gekränkt habe!

  16. Ich folge Deinem Blog schon seit einer ganzen Weile und hatte mir erst vorgenommen, nur zu lesen, aber bei diesem Text möchte ich fragen, ob es in Ordnung ist, wenn ich ihn reblogge. Ich würde auch ein paar eigene Gedanken hinzufügen, und zwar ungefähr die folgenden – ich hoffe, das ist okay:

    Als Nichtbehinderte gehöre ich zu denjenigen, die aus Artikeln wie denen von Lierhaus, Link oder Deinem Artikel etwas lernen zu sollen, oder die umgekehrt, wie Link befürchtet, aus Lierhaus‘ Artikel das Falsche lernen könnte. Aber wenn ich lese, dass Lierhaus im Nachhinein sich glaubt, dass es besser gewesen wäre, sie hätte ihre Zustimmung zur lebensrettenden Operation nicht gegeben, sondern wäre gestorben, dann denke ich nicht: Aha, das Leben von Behinderten ist also doch nicht lebenswert, sondern ich nehme das als Aussage einer einzelnen Frau, die gerade jetzt ihre Leben nicht als lebenswert empfindet. Vielleicht ist sie in zwei Jahren anderer Ansicht, vielleicht aber auch nicht. (Vielleicht liegt das einfach daran, dass ich eine Reihe behinderter Menschen kennengelernt habe, die ihr Leben als sehr lebenswert empfinden.)

    Ich finde es wichtig, dass auch Stimmen wie die von Frau Lierhaus oder Dir an die Öffentlichkeit gelangen. Wenn nur Stimmen wie die von Frau Link an die Öffentlichkeit gelangen, dann entsteht ein Bild vom Leben mit Behinderung, das so rosig ist, dass es auf mich unglaubwürdig wirkt. Warum sollen nicht auch Menschen mit Behinderung Zeiten der Verzweiflung erleben, genau wie andere Menschen auch, einschliesslich endgültiger Verzweiflung. Das ändert nichts daran, dass kein Mensch und keine Gesellschaft das Recht hat, einem anderen Menschen zu sagen, sein Leben sei nicht lebenswert.

    Der andere Punkt ist der, dass von Menschen heutzutage verlangt wird, immer optimistisch und zuversichtlich zu sein, „positiv zu denken“, das Beste aus der eigenen Situation zu sein und stark und tapfer zu sein. Ich habe jetzt ein Interview mit Barbare Ehrenreich herausgesucht, das zu ihrem Buch „Smile or Die“ geführt wurde: http://mondediplo.com/2010/02/11wpodcast Selbst Todkranken werde gesagt, sie sollten „positiv“ sein. (Das grenzt an magisches Denken.) Ehrenreich schreibt fordert auf, nicht positiv, sondern kritisch zu denken, und gegebenenfalls auch wütend zu sein.

  17. Ich erlebe es auch wichtig positiv zu denken – für mich schließen sich sagen wir mal „nicht katastrophale/dystopische Gedanken, Haltungen, Einstellungen, Ansichten“ und „hippydippy yeah yeah immer überall“ auch nicht aus. Das impliziert mir der Anspruch an sogenanntes „positives Denken“ oft.
    Außerdem gibt es gerne Vermischungen von „positiv denken“ und „ein guter Mensch sein“ – was mich manchmal und gerade bei abhängigen Personen (wie z.B. Behinderte) dazu verleiten mag von einem Menschenrecht auf auch Arschloch sein zu sprechen, um zu verdeutlichen, wie einengend so manche Haltungen zu Positivität alias Selbstoptimierung sich auch auswirken können.

    Wenn du Arikel rebloggen möchtest kannst du das gerne machen. Wenn ich Kraft hab, lese ich auch gern deine Gedanken dazu.

    Viele Grüße

  18. Danke!
    Ich war ein paar Tage nicht da und antworte daher erst jetzt. (Und ich habe auch erst jetzt Zeit zum Rebloggen.) Ich habe auch ein wenig darüber nachgedacht. Ich glaube, das Ideal müsste sein, dass man die Welt realistisch einschätzt, also weder absolut katastrophal noch durch eine rosa Brille. Das ist natürlich nicht immer einfach, und unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Ansichten darüber, was im konkreten Fall realistisch ist, aber es lohnt dann, darüber zu streiten.

    Das andere ist die Vermischung von „positiv denken“ und „ein guter Mensch sein“. Für mich sind beides zwei sehr verschiedene Dinge. Ausserdem ist „ein guter Mensch sein“ nicht das gleiche wie „nett sein“. Manchmal heisst es auch „die Wahrheit sagen“, auch wenn sie nicht besonders angenehm ist. (Das meinst du möglicherweise mit „Arschloch sein“.

  19. Hat dies auf susanna14 rebloggt und kommentierte:
    Schon seit einer Weile folge ich schon „Ein Blog von VIelen“, dem Blog von jemandem mit dissoziativer Identitätsstruktur. Ich habe bis jetzt noch nicht „rebloggt“, weil mir das Blog sehr verletzlich vorkommt, aber jetzt ist dort ein Text erschienen, der mich zum Nachdenken über ein Thema gebracht hat, das allgemeiner Natur ist, nämlich dem Druck, positiv zu sein, das Leben als gut darzustellen und keine Verzweiflung zuzulassen. In dem Text, den ich reblogge (ich bin mir noch nicht sicher, wie ich dieses Wort der deutschen Grammatik anpassen soll) geht es vor allem um behinderte Menschen, konkret um zwei Texte von zwei Frauen, von denen die eine schreibt, dass jetzt im Nachhinein möglicherweise nicht mehr ihre Einwilligung zur lebensrettenden Operation geben würde, während die andere die erste dafür kritisiert: Sie habe den Behinderten, die intensiv dafür eintreten, dass Menschen das Leben von Behinderten als lebenswert ansehen, einen Bärendienst erwiesen.

    Hier erst einmal die Links zu den beiden Texten:
    http://web.de/magazine/unterhaltung/stars/samuel-koch-monica-lierhaus-schutz-30775572
    http://blog.zeit.de/stufenlos/2015/07/18/der-baerendienst-von-monica-lierhaus/

    Als Nichtbehinderter geht es mir so, dass ich denke: Warum sollen Behinderte nicht auch hin und wieder verzweifelt sein, so wie alle anderen Menschen? Und warum sollen sie nicht hin und wieder auch über ihre Behinderung verzweifelt sein? Und warum soll sich für manche Behinderte nicht auch ihre Behinderung zur Quelle einer andauernden Verzweiflung anwachsen, mit der sie nicht mehr klar kommen? Warum sollen ausgerechnet Behinderte immer glücklich und positiv sein und jederzeit in der Lage, Interviews zu geben, die Nichtbehinderten Menschen ein positives Bild vom Leben mit Behinderung geben?

    Ich vermute, ich bin nicht die einzige Nichtbehinderte, die beim Lesen des Interviews mit Lierhaus nicht denkt: „Aha, da ist mal eine, die ehrlich sagt, dass manche Behinderungen schlimmer sind als der Tod“, sondern „okay, das ist die Meinung von Lierhaus, aber nicht die von allen Behinderten, und möglicherweise denkt auch Lierhaus in zwei Jahren ganz anders über ihr Leben mit Behinderung.“ Ich habe im Laufe meines Lebens genügend Menschen kennengelernt, die ihr Leben mit Behinderung als lebenswert empfanden.

    (Und was völlig klar sein sollte: Niemand darf über das Leben eines anderen sagen, dass es nicht lebenswert sei. Es ist immer die Person selbst, die das sagt.)

    Mich hat das auch an die Diskussionen über positives Denken erinnert. Es ist jetzt einige Jahre her, dass ich in der Stadtbücherei ein Buch „Positives Denken macht krank“ von Günter Scheich gefunden hatte, indem er die Schmalspurpsychologie und die Lügen der Propheten des positiven Denkens kritisiert. Im Prinzip handelt es sich um magisches Denken und um Immunisierung gegen Kritik: Wenn ich immer positiv denke, werde ich erfolgreich und glücklich sein, und wenn meine Hoffnungen sich nicht erfüllen, liegt es daran, dass sich ein paar negative Gedanken eingeschlichen haben.

    Barbara Ehrenreich hat positives Denken auf ähnliche Weise kritisiert. Ihr Buch habe ich nicht gelesen, aber ich habe ein Interview mit ihr gefunden: http://mondediplo.com/2010/02/11wpodcast Auch sie kritisiert den Zwang zum positiven Denken und fordert, dass wir nicht positiv, sondern wieder kritisch denken. Am perversesten ist es, wenn todkranke Menschen dazu aufgefordert werden, positiv zu denken. Sie hat die Methode kennengelernt, als sie an Brustkrebs erkrankt ist.
    (Im Prinzip handelt es sich beim Positiven Denken nur um eine Variante der Botschaft „wenn es dir schlecht geht, bist du selbst schuld“.)

    Also, als Fazit: Menschen dürfen „negativ“ sein, sie dürfen wütend und verzweifelt sein, sie dürfen der Ansicht sein, dass sie ihr Leben nicht lebenswert sei – und sie sind auch dann genauso wertvoll wie andere Menschen auch.

    Jetzt noch ein paar Worte zu dem Beitrag, den ich reblogge. Am besten, ihr lest ihn ganz. Aber hier erst einmal ein Zitat, das, glaube ich, eine typische Haltung unserer Zeit in Worte fasst:

    Ich frage mich, was an mir falsch ist, dass ich nichts davon auch habe. Nicht mal nah dran bin.
    Ich frage mich, was ich übersehe, welche Energie ich wo falsch hinpumpe, dass ich das nicht habe.
    Ich schaue in unsere Gesellschaft und frage mich, was läuft da falsch, dass ich mich nicht glücklich optimieren kann– wo ist denn dieser verdammte Sonnenschein, der andere Behinderte in die Fernsehkamera lächeln lässt?!

    Wenn es jemandem nicht gut geht und er oder sie unglücklich ist, ist die Frage ganz schnell: Was mache ich falsch, dass ich unglücklich bin und mich nicht in meine Situation einfinden und das beste aus ihr machen und optimistisch in die Zukunft blicken kann?

    Und die Antwort ist: Nichts machst du falsch. Manche Situationen sind eben so, dass man nicht mit ihnen glücklich sein kann. Manche Situationen sind so, dass jeder Mensch, der seine Sinne und sein Urteilsvermögen bei sich hat, wütend werden sollte. Der Zwang zum Positiven Denken kann im schlimmsten Fall zu einer Form des Victim-Blaming werden: Nicht diejenigen, die Gewalt ausgeübt haben, sondern die, die Gewalt erfahren haben, aber nicht damit klar kommen, machen etwas falsch.

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