Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?

viel~e sein

~ Fortsetzung ~

Das Eine ist: da gibt es ein Wort – eine Diagnose. Das Andere ist: da gibt es etwas, das mit diesem Wort, dieser Diagnose benannt wird.

Wenn die Diagnose gestellt wurde, gibt es früher oder später dieses Moment, in dem man andere Menschen in unterschiedlichen Kontexten dieses Wort sagt. Und dieses Moment entscheidet darüber, wie sich der Kontakt entwickelt und auch, wie man selbst in der Zukunft damit umgeht, dieses Wort für sich zu haben, bzw. dass es Menschen gibt, dessen Selbst- und Umweltwahrnehmung mit einer Diagnose bezeichenbar ist.

Wir sind inzwischen ziemlich fatalistisch was das angeht. Da für uns nicht nur alle Züge in Richtung Zukunft abgefahren sind, sondern auch noch der Bahnhof dazu abgerissen wurde, ist es uns egal (weil es uns egal sein kann) wer weiß, dass wir viele sind.
Die Essenz unserer Erfahrungen, die Diagnose anderen Mensch mitzuteilen ist: Es ist scheiß egal, ob es jemand weiß oder nicht – denn das Wissen darum ist nicht entscheidend.

Wir haben unsere Diagnose Menschen mitgeteilt, damit sie uns helfen – sie haben uns nicht geholfen.
Wir haben unser Sein vor Menschen erklärt, von denen wir dachten, es gäbe den Wunsch mit uns in Beziehung zu sein – sie haben den Kontakt kaputt gemacht und Teile von uns gleich mit.
Wir haben die DIS als Behinderung angegeben, haben beim Jobcenter, bei Mediziner_innen und Betreuungspersonen die DIS erwähnt, erklärt, vermittelt – wie viel das gebracht hat, kann man ja sehen: 10 Jahre Hartz 4, ein GdB von 70 wegen “depressiven Störungen”, eine Allgemeinmedizinerin, die uns nach einer schwerwiegenden Diagnose alleine aus der Praxis torkeln lässt und Betreuungspersonen, die uns weder beim Ausstieg geholfen haben, noch in irgendeiner Form ihr Verhalten und seine Wirkung auf uns, reflektieren.

Am Ende geht es nicht darum, dass die wichtigen Menschen in einem Leben wissen, dass man viele ist, sondern darum, dass sie es begreifen und zwar nicht als eine Laune des Laufs der Dinge oder eine Entscheidung eines verwirrten Geistes, sondern als massive Entwicklungsstörungsproblematik und zwar auf die Entwicklungsstörung “massives, wiederholtes, komplexes Trauma in der frühen Kindheit”.

Wir haben letztes Jahr und dann auch noch dieses Jahr enge Kontakte zu Menschen beendet bzw. beenden müssen, weil nicht begriffen bzw. einem Begreifen folgend gehandelt wurde, was für eine massive, innerglobale Not das Verhalten dieser Menschen uns gegenüber ausgelöst hat.
Man erwartete von uns zum Beispiel Reaktionen, die existenzielle Bedrohungsgefühle, so wie kindliches Erleben von konkretem Überschwemmtwerden eigener Emotionen, Gedanken und Ängste, ausklammern, innerhalb von Konflikten, die genau das aber losgetreten haben.

Viele sein bedeutet einfach nicht nur: X hat einen Konflikt und Y weiß davon nichts.
Es bedeutet: X und Y plus eine unbekannte Anzahl anderer Innens versuchen verzweifelt A und B plus eine unbekannte Anzahl von Innens von dem Bewusstsein um einen Konflikt im Außen fern zu halten, damit der Alltag weiter läuft, während H I J K L M N plus noch wieder unbekannt viele andere schon längst in Wiedererleben stecken und das gesamte Inmitten lahmlegen – während die Umlaute einen Termin nach dem anderen abracken, und jederzeit irgendwo komplett neu anfangen können (und es in aller Regel auch tun).
Viele sein bedeutet: In einem Menschen passieren viele Prozesse gleichzeitig und autark nebeneinander her – und doch haben einzelne Ereignisse im Außen die Macht, sie alle mit einem Schlag zu beeinflussen, sobald es bestimmte Faktoren gibt, die mit existenzieller Bedrohung einhergehen bzw. so interpretiert werden.

Die Menschen zu denen wir den Kontakt beendet haben, haben vergessen oder vielleicht auch nie wirklich begriffen, wie wichtig es ist uns immer und immer und immer – auch nach vielen gemeinsamen Jahren und Erfahrungen – zu vermitteln, dass es sich bei einem Konflikt oder allgemeiner: Schwierigkeiten nicht um existenzielle Bedrohungen handelt.
Ja, so blöd das klingt: Wir müssen sehr oft hören, dass wir an Dingen, die für andere eine Kleinigkeit sind, nicht sterben oder in unserer psycho-physischen Integrität verletzt werden.

Für uns ist es ein Akt gewesen, das zu fühlen und wissen und zu lernen. Und das Ende dieses Prozesses ist für uns, zu lernen, dass wir uns das auch selbst nach innen bringen können und uns das von dort innen auch geglaubt wird. Soweit sind wir noch nicht.

Womit wir beim nächsten Aspekt wären. Uns Rosenblättern wird oft sehr viel mehr Belastbarkeit und Stabilität zugetraut, als tatsächlich da ist und manche Menschen sind zutiefst enttäuscht von uns, wenn wir das nicht bedienen können.
Was wiederum bei uns alles mögliche anmacht und letztlich dazu führt, dass wir uns nach außen noch mehr anstrengen, noch härter machen. Ich denke, das passiert vielen Menschen und ist nichts, was speziell mit unserem viele sein zu tun hat.
Das Problem ist: Wenn man viele ist und sich nach außen hart wie Stein macht, dann hat man, wenn die Tür hinter einem zu geht und kein Außen in dem Sinne mehr da ist, keine Kraft mehr für die unversorgte Hölle, die in einem drin brennt.

Wir haben gemerkt, dass alte Bekannte wie die Suizidalität, der Drang sich zu verletzen (kaputt bis tot zu machen), die Essstörung und hinten dran natürlich: die Täter_innenintrojekte mit ihrem Hass, auftauchen und es zusätzlich erschweren offen zu legen und zu erklären, worum es beim viele sein geht.

Viele sein bedeutet nämlich in dieser Welt auch: viel sein.
Es ist belastend, nervig, anstrengend, wenn eine Person immer und bei allem darum bittet, (bitten und betteln muss), dass manche Dinge einfach nicht gehen, weil sie Dinge auslösen, die dann wieder irgendwas abverlangen und und und

Ich habe seit der Diagnosestellung durchgehend das Gefühl eine Belastung zu sein. Ein Fehler, ein Mensch, dem man sich aus moralischen und nicht aus positivem “Einfach so” – Grund widmet und die Stimmen, die mir schon früher gesagt haben, dass ich anstrengend und nervig bin, bestätigen das natürlich.
Die Störung, der wir als Einsmensch ausgesetzt wurden, zieht sich bis heute durch unser Leben und hat sich mit uns selbst vermengt.

Heute stören wir, weil die Störung unserer Entwicklung nicht folgenlos endete.

Viele Personen, die von uns erfahren, dass wir viele sind und dass das so ist, weil wir 21 Jahre lang auf allen Ebenen miss-be-handelt wurden, übertragen die Verbindung “viele sein” = “misshandelt worden sein” auf uns “Rosenblätter sein” = “Gewaltthematik”.
Und was machen Menschen, die die Wahl haben, ob sie sich widmen oder nicht, mit Gewaltthematiken? Richtig: sie verpissen sich, machen den Kopf zu, fangen an die gesellschaftlich anerkannten Vermeidungstänze aufzuführen – und lassen uns stehen.
Im günstigsten Fall hängt nichts an dem Kontakt – da können wir dann selbst auch gehen und trösten uns mit dem Gedanken: “Naja, wenigstens hat sie Person jetzt mal davon gehört.”.

Schlimm wird es bei Personen, die nah sind. Oder nah geworden sind. Oder wo es um Abhängigkeiten geht.
Die letzte KJP in der wir waren, hatte die DIS-Diagnose zum Beispiel negiert und uns als Hysterikerin (jupp – die gibts noch als Diagnose) behandelt, was im Großen und Ganzen bedeutet auf nichts (und niemanden) von uns zu reagieren. Was für uns einen Raum aufmachte, in dem wir 24 Stunden am Tag spürten, dass wir alleine waren. In einem fremden Bundesland, mit dem Wohnort Kinder-und Jugendpsychiatrie, in der ein Pfleger seine Position ausnutzte.

Anderes Beispiel ist die Jugendhilfe, die wir teilstationär danach in Anspruch nahmen. Wir sagten, dass wir viele sind und, dass wir Gewalt erfahren.
Die Diagnose wurde von einer Klinik für Psychosomatik dann bestätigt und [Trommelwirbel] NICHTS passierte. [TUSCH]
Wir wurden in unserer Wohnung überfallen – das Schloss wurde 3 Wochen später ausgetauscht.
Ostersamstag 2007 riefen wir den Hintergrunddienst der Betreuung an, weil wir nach einem Spaziergang, verletzt in unserer Wohnung gelandet waren, obwohl wir eigentlich untergetaucht bei unserer damaligen Gemögten lebten. Wir baten um Begleitung ins Krankenhaus. Spurensicherung, Anzeigeerstattung – hatten wir (schweinemutig wie nie zu vor!) im Kopf – der Betreuer im Dienst, hatte aber die Stadt verlassen. Wollte so gerne ein ruhiges Wochenende. Er bat um Verständnis – wir nickten, legten auf, zersplitterten.

Viele bunte Schimpfwörter haben wir heute dazu im Kopf.

Vor allem, wenn wir heute in Veranstaltungen wie der Fachtagung “Wir sind viele” letztes Jahr in Mainz sitzen und hören, warum so viele Betreuer_innen so viel derbe Kackscheiße mit ihren Betreuten machen: Sie haben einfach keine Ahnung oder keine andere Wahl und nicht zuletzt sind manche auch einfach ignorante Arschlöcher, die, weil sie Gewalt selbst nicht erlebt haben, keinen Grund sehen davon auszugehen, dass es sie gibt und eben auch nicht folgenlos bleibt.

Was mir unter anderen Menschen, die viele sind, daneben begegnet ist eine mich traurig machende Bereitschaft zu glauben, dass Betreuungspersonen oft deshalb keine Ahnung vom Umgang mit komplex traumatisierten Menschen haben, weil sie nur Faker_innen vorher betreut haben.
Eine ähnliche Abwertung passiert meiner Ansicht nach, wenn Menschen sagen: “Ja in Klinik XY kriegen ja alle, die wollen eine DIS-Diagnose und deshalb machen die da nur Bullshit, weil da sind ja nur Fakes, die davon profitieren.”.
Leute: Scheiße entsteht, wenn Scheiße passiert und was in unserer Gesellschaft und in unserem Gesundheits- und Sozialleistungssystem passiert, ist so widerwärtig stinkende Scheiße, über die man sich genauso aufregen kann – nur komisch: das passiert ja gar nicht.

Haben wir da etwa einen blinden Fleck, weil es sich leichter in Richtung einer konstruierten Autorität motzen und abwerten lässt, als sich zu solidarisieren?

~ Fortsetzung folgt ~

23 thoughts on “viel~e sein”

  1. vor kurzem habe ich folgendes in mein Tagebuch geschrieben: (passt irgendwie hierher glaub ich);
    …Sie verpassten mir im Laufe meines Lebens endlos viele Diagnosen – am Ende eine DIS – was da heißt „Dissoziative Persönlichkeitsstörung“. Nun denn, als was ich auch immer „eingeschrieben, bezeichnet oder eingeordnet“ wurde – eines stand fest: ich hatte eine Störung! Oh nein, ich hatte sehr viele Störungen. Ich störte dieses System, diese Welt – weil ich mich nicht zugehörig fühlte, weil ich nicht so wie die werden wollte, weil die da draußen mir zu ungerecht, zu brutal zu primitiv, zu langweilig, zu angepasst, zu nichtwissend, zu nichtmerkend, zu dumpf ……u.v.m. waren. Ich war zu ungenügend für sie, stimmte nicht, passte nicht – aber in Wahrheit war es umgekehrt. Um in dieses System zu passen war ich nicht angepasst genug. Ich hielt den Finger und meine Stimme auf das Nichtstimmende gerichtet, das störte viele kolosal.
    Ich hatte Glück! Man behielt mich nicht dauerhaft in der Psychiatrie, kam aus den Alkohol- und Betäubungsmittelorgien einigermaßen unbeschadet wieder heraus. Ich lernte so zu tun als ob, lernte allmählich nicht aufzufallen – glaubte es sogar phasenweise selbst, dass mit mir nichts weiter wäre, ich doch wie die anderen tickte, wenn ich mir ein wenig Mühe gäbe. Nun, die Mühe und der Preis waren eigentlich sehr hoch. Verdrängung von tiefsten Schmerz, Verdrängung von unaussprechlicher Not und Verzweiflung, Verdrängung des Spürens, selbst der körperlichen Befindlichkeit. Irgendwann funktioniert man eben, die Tumben, Tauben da Draußen merkten es kaum noch, es schien perfekt – sie spielen ja alle ihre Rollen und sind eigentlich auch lebende Zombies, waren leicht zu täuschen.
    Was bleibt ist die abgrundtiefe Verzweiflung über die ständigen erfolglosen Versuche, zerschlagenen Hoffnungen – aus eigener Kraft überleben zu können, oder gar ein kleines bisschen Zufriedenheit über sich selbst und seine Fähigkeiten sein zu dürfen – für irgend etwas nütze sein zu können in dieser falschen, kaum aushaltbaren Welt – die wenn ich die Augen öffne – mich zu einem Wutbündel macht ob solcher Verschwendung von Leben und Möglichkeiten, die ich nie wirklich zugestanden bekommen habe.
    Was tue ich eigentlich hier? Was tue ich eigentlich immer noch hier? Einige von meinen DIS Personen sind schon längst gestorben, andere werden folgen – bis der Letzte endlich gehen darf – gehen kann.“…
    Ich lese alle Deine „Nachrichten“ aus Deinem Innenleben. Bin so nah dran an Deinem Geschriebenen, kann soviel erkennen, spüren dabei…..Ich danke Dir!

  2. „Ich habe seit der Diagnosestellung durchgehend das Gefühl eine Belastung zu sein.“ Andersrum ist es sicher auch wahr: dass du unheimlich belastet bist und wurdest.

    „Uns Rosenblättern wird oft sehr viel mehr Belastbarkeit und Stabilität zugetraut, als tatsächlich da ist und manche Menschen sind zutiefst enttäuscht von uns, wenn wir das nicht bedienen können.“
    Das beeindruckt mich bei deinen Texten am meisten. Es strahlt irgendwie so viel Verletzlichkeit aus. Nicht dass ich hier sitze und denke: „Wow, verletzlich“, ich merke es nur, wenn ich einen Kommentar schreiben will, dass ich von Anfang an totale Angst hatte, etwas falsch zu schreiben. Das hab ich sonst nicht. Vielleicht hab ich ja schon ganz viel „falsch“ geschrieben.

    Es braucht bestimmt auch sehr viel Integrität, wenn man mit jemandem mit vielen Problemen umgeht, diese nicht als die eigenen anzunehmen und dann den anderen dafür wiederum verantwortlich zu machen – wer hat so viel Integrität schon? Ich meine, wenn einer verletzt ist, weil man etwas gesagt hat, was bei dem irgendetwas ausgelöst hat, dann ist das ein Problem des Verletzten. Ob der andere das nun auslösen wollte oder nicht, es ist nicht sein Problem. Er muss nicht damit klarkommen. Aber oft wird man wütend oder macht sich Vorwürfe, weil es einem leidtut und man will es nicht wahrhaben dann kommt es zu Verdrehungen und man vergisst, wer eigentlich das Problem hat und wer nicht und derjenige macht dem Verletzten meinetwegen Vorwürfe, sich nicht so zu haben, wird wütend oder keine Ahnung. Du weißt, wie die Leute auf dich reagieren, ich kann nur allgemein sprechen. Und dann stellen sie von außen Ansprüche an deine Belastbarkeit, oobwohl es ihnen egal sein kann und sie dich dabei nur noch zusätzlich belasten, dabei ist es am Ende nur ein unentfiezbares Missverständnis, durch das keiner durchblickt – nicht ohne die entsprechende Integrität oder auch Distanz, und viel logischer wäre es eigentlich, wenn du Ansprüche an die Belastung stellst, die sie dir zumuten, denn du bist ja die, die die Folgen tragen muss.

  3. Auch beeindruckend geschrieben. Am Ende ist das, was ihr da habt, die Gabe, den ganzen Mist sehen zu können, der in der Gesellschaft passiert – was die anderen, wie du sagst, Taube/Tumbe/Zombies nicht können. (So les ich’s grad aus deinem Post heraus.) Der Nachteil ist halt, dass das ganze Sehen zur Folge hat, dass die Seele daran wortwörtlich auseinanderbricht in Viele. Die anderen legen sich halt diesen Schutzschild aus Taub- und Tumbheit an und können dafür besser funktionieren Ich will mich da nicht ausschließen, aber ich lerne. Ich werd langsam weniger taub und da ist mir vor Kurzem lustigerweise auch genau dieser Begriff für die eingefallen, die das gar nicht wollen: „Zombies“.

  4. schlim ists, finde ich, wenn Menschen sich mir gegenüber schwierig verhalten -ich ihnen sage: Hey das schwierig für mich – und sie sich verpissen – weils ja nicht ihr Problem ist.
    Ich denke, so geht achtsames Miteinander nicht – ganz egal, ob ich viele bin oder nicht oder what ever.

    Mir fehlt oft die Bereitschaft dazu nicht nur einmal Rücksicht zu nehmen, nicht nur einmal irgendwie zu überlegen: „Hm, wie kann mein Verhalten auf die Rosenblätter wirken (die mich dauernd fragen, wie ihr Verhalten, auf mich wirkt, weil sie sich für so widerlich halten und niemanden nerven wollen)?“
    Viele Menschen denken das vielleicht einmal, vielleicht auch zwei Mal und dann kriegen sie ihren Keks dafür und hören auf damit, weil sie denken, es würde reichen. (Und insgeheim vielleicht: „Naja, ist ja aber eh auch nicht mein Problem, wenn sie sich anstellen“ – aber das weiß ich nicht.)

  5. Wir sind nicht viele geworden, weil wir den Mist in der Gesellschaft sehen, sondern weil die Gesellschaft dafür (mit)sorgt, dass Mist passiert, der viele aus einem poteziellen Ich gemacht hat.

    Wir haben auch Zombieinnens (die hatte ich als Umlaute benannt).

  6. Hmm, ich dacht mir vorhin nur, ich bin noch relativ eins, obwohl mir auch Mist passiert ist, weil ich die Augen davor zugemacht habe. Aber das war wahrscheinlich eine blöde Theorie – man kann die Augen nicht vor etwas zumachen, was einem selbst, passiert ohne irgendwie einen mehr oder weniger abgespaltenen Persönlichkeitsteil zu schaffen. Wenn’s ganz schlimm kommt, dissoziiert man sie halt ganz. Das fiel mir nur vorhin so spontan ein. Kommen deine Zombieinnens einfacher mit der Gesellschaft klar als die anderen?

  7. Ich überleg mir das ständig, wie mein Schreiben auf dich wirkt. Es ist schon regelrecht schlimm. Man merkt es vielleicht nicht so, weil ich es nicht so schreiben möchte, dass es so furchtbar unsicher klingt, weil ich das auch wieder doof finde und das auch nichts einfacher macht. Auf der anderen Seite, kann man es ja auch nie wissen, wie etwas bei dem anderen ankommt, bis man es einmal ausprobiert hat. Man steckt ja nicht in dem anderen drin.
    Also, wenn ich so vorsichtig wäre, wie ich das Gefühl habe, dass ich sein müsste, dann würde ich vorsichtshalber gar nichts schreiben. Ich frag mich nur, ob anderen das dann nicht so geht, wenn es so ist, wie du schreibst.

    Auf der anderen Seite, kann ich es schon verstehen, wenn jemand lieber Abstand nimmt, wenn er merkt dass die Probleme zu groß werden. Die Gefahr ist, glaube ich, auch sehr groß, dass man fremde Probleme als seine eigenen übernimmt. Also bei mir würde das, glaub ich, ziemlich schnell passieren. Das wirkt bestimmt egoistisch – das Abstand nehmen – , aber wenn einer dann stellvertretend die Probleme des anderen löst, damit wäre ja auch niemandem geholfen, weil es nicht funktioniert und alles nur noch schlimmer macht. Damit will ich nicht sagen, dass Abstand nehmen die beste Lösung ist, aber wahrscheinlich wissen die Leute einfach keine andere – und da wären wir wieder bei der Gesellschaft und wie sie eben ist.

  8. Hm, ich glaube auch, dass Abspaltungen des selbst üblich sind eigentlich. Also auch so im Alltag ohne toxischen Stress – deshalb gibts ja auch so soziale Rollen, die manchmal unvereinbar erlebt werden.

    Den „Zombieinnens“ ist die Gesellschaft egal glaube ich. Die kommen, machen und gehen wieder weg. Gesellschaft ist ja miteinander – die Zombieinnens machen kein miteinander.

  9. Naja oder man macht das einfach so offen, wie du grad und akzeptiert, das (Schrift)Sprache mangelhaft ist (und zieht die Konsequenz entweder einander mehr kennenzulernen, damit man einander einschätzen kann oder so – da gibts ja viele Möglichkeiten)

    Ich finde hal wirklich ganz ganz ganz schlimm, wenn leute kommen, was sagen – merken ich bin verletzt oder wütend oder keine Ahnung was und sich dann verpissen, um nichts falsch(er) zu machen. Weil das ist Vermeidung und ein gesellschaftlich akzeptierter Weg dem Thema aber auch Konflikten im Sinne von Auseinandersetzungen auszuweichen.
    Da denke ich halt immer, dass meine Gefühle dann letztlich falsch (oder der Fehler im System sind), weil sie dazu führen, dass sich Leute so verhalten.

    (Themen nicht aushalten zu können oder zu denken: Uff, dem bin ich gar nicht gewachsen oder ich hab noch keine Meinung…. , finde ich dabei meistens gar nicht so schlimm – weil da kann man doch reden und gucken und lernen und sowas alles. Es ist ja nun auch nicht so, dass ich jeden Morgen eine Tüte Weisheit esse und deshalb bald mehr Gehirn als Bauch habe)

  10. Liebe Rosenblätter, es fällt mir auch manchmal schwer hier zu kommentieren. Du bist verletzlich, aber in deiner Wut und deiner Wortmacht wirkst du ganz stark, und ich möchte auch nichts schreiben was dich verletzt. Ich probiere es jetzt trotzdem: ich verstehe deine Ängste und die Schwierigkeiten mit Kontakten. Aber du unterscheidest sehr zwischen dir und den anderen, so als wären die „anderen“ heil und du, die Schwierige. Ich tendiere auch dazu das zu denken, ich mit meinen Schwierigkeiten und die anderen, die können doch alles und haben alles. Immer wieder merke ich aber, die anderen haben auch alle ihre Defizite, Ängste und Neurosen. Ich selbst habe kürzlich auch eine Diagnose erhalten, Dystymie (eine Form der Depression). Es schränkt mein Leben weniger ein als eine DIS und ich habe gelernt damit nach aussen perfekt zu funktionieren.

    Das erhofft man sich von Diagnosen, man kann sich ein Schild an die Stirn nageln, da steht dann „Vorsicht, ich leide unter ABC und habe DEF erlebt, GHJ macht mir Angst und dann reagiere ich mit XYZ.“ Vielleicht müsste jeder so ein Schild haben, aber nützen würde es wohl auch nichts… Ja, wir sind wohl alle irgendwie Zombies.

    Was ich sagen will: auch ich würde vermutlich nicht so reagieren können, wie es für dich gut wäre, könnte deine Emotionen nicht abfangen, da wäre vielleicht auch der Impuls wegzulaufen. Es hilft dir vermutlich nicht und macht nichts einfacher, aber vermutlich ist niemand wirklich heil und viele tragen grosse und kleine Dinge mit sich rum, die nciht sichtbar oder erkannbar sind, die es aber schwierig machen, mit anderen, eigenen und fremden Emotionen umzugehen. Ich sage damit auf gar keinen Fall, „stell dich nicht an, wir haben alle unsere Probleme“. Dein Leben ist schwierig und was du erlebt hast – ich hatte irgendwie gehofft und naiv daran geglaubt, so was gibt es nur in der Zeitung oder Filmen und weit weg von der Realität. Es ist selbst für mich Aussenstehende fast unerträglich zu verstehen, dass dir das wirklich passiert ist.

  11. Nur kurz: ich hoffe, dass ich nie so eine Person bin, die sagt, alle Menschen sollen Rücksicht auf mich nehmen, weil ich eine Diagnose habe.
    und: ih schrieb nicht, dass ich krank bin und andere gesund – ich schrieb, dass ich mich mit dem Thema bzw. dem Ursachenkomplex um die Entstehung meiner Selbst- und Umweltwahrnehmung vermischt erlebe und Menschen sich deshalb entfernen. Ich bin nicht die Gewalt, die ich erlebt habe und sehe das auch nicht so.

    ich finde es schwierig, wenn mir Menschen auf meine Texte sagen: Du machst X – du machst Y, weil erstens: der Text ist noch gar nicht fertig und zweitens: ich mache folgendes: ich schreibe und weiter nichts
    ich „mache“ gar nichts

  12. Wollten nur mal sagen, dass wenn ihr solche Sachen schreibt, dass uns das richtig gut tut zu erfahren, dass es nicht nur uns so geht. Nur dass ihr mal wisst, dass es was Gutes, was ihr da tut.
    Danke dafür

  13. Hey, darf ich fragen, wie ihr darauf kommt, dass die Helferpersonen meistens mit „Fakern“ gearbeitet haben müssen? Wie kommst du darauf? Woran machst du das fest? Wir wissen nur, dass die Zahlen die die false-memory-Syndrom -Organisation veröffentlicht , nicht der Wahrheit entspricht. Und die ganze Organisation ist „Täter -durchsetzt“. Sie ist ja eher eine Gegenbewegung zum „Glauben“ und „Gesetze anpassen“.
    Bedeutet deine Aussage auch (du hast das schon öfter geäussert), dass du glaubst, dass die meisten Menschen denen du begegnest, „etwas vorspielen“? Also nicht „echt“ sind. Denkst du, dass all diese Personen lügen? Was haben sie davon? Warum soll sich jemand eine PTBS oder eine DIS „zusammen dichten“? LG L.

  14. Ich sage das nicht – lies bitte die Texte noch einmal genauer.
    Was ich schildere ich, was mir begegnet und das sind eben solche Aussagen oder inneren Haltungen.

    Ich kann mir denken, dass es verschiedene Aspekte von Reaktionen auf Gewalterfahrungen oder eben auch das viele sein gibt, die für manche Menschen rechtfertigen auch schlicht eine DIS vorzutäuschen oder ihren Behandler_innen eben nicht zu sagen, was sie wirklich empfinden, weil sie glauben, das Verhältnis sei gefährdet oder ähnliches.
    Ich weiß, dass es solche Menschen gibt – ich weiß aber auch, dass ein DIS – Fake nicht zwangsläufig eine rosa Wattebällchenbiografie bedeutet oder eine „böse“ Absicht.

    Ausführlicher werde ich in den folgenden Artikeln darauf eingehen.

  15. Nein, das wollte ich damit nicht sagen, dass du so eine Person bist und dir auch nichts in den Mund legen, was du so nicht gemeint hast. Aber das die Menschen Ursache und Wirkung vermischen, liegt eben denke ich an den Voraussetzungen, die jeder Einzelne mitbringt. Oder eben auch das Ausblenden der Ursachen, was du ja auch schon beschrieben hast. Eigentlich kann ich mich Betas letztem Kommentar anschliessen, den ich noch nichts ganz gelesen hatte. „Damit will ich nicht sagen, dass Abstand nehmen die beste Lösung ist, aber wahrscheinlich wissen die Leute einfach keine andere“. Dem will ich nur hinzufügen: Du denkst deine Gefühle sind falsch, wenn du sie jemandem zeigst und er wendet sich ab, aber vielleicht hat der andere ein ganz eigenes Problem, das mit dir (als Ursache) nichts zu tun hat. Ich hoffe, ich konnte es so besser formulieren, bin nicht sicher.

  16. Ich weiß, dass ihr nicht über die FMS geschrieben habt. Aber das ist die einzige Organisation, die Zahlen zu diesem Thema veröffentlicht (auch wenn viele Menschen sehr klar machen, was sie von diesen Zahlen halten). Ich lese mir gerne andere Quellen durch. Ich frage mich einfach wirklich, wie du darauf kommst oder wo diese „Erkenntnis“ her kommt? (Ich habe gelesen, dass du es am Verhalten der Helferpersonen fest machst. Aber ich verstehe es nicht. Deshalb das Nachfragen.) Triffst du die „anderen“ die diese Helferpersonen betreuen? Hier ist es z.B. so, dass das ABW auch „Ausflüge /Treffen“ organisiert. Warum sollte man (ich) denken, dass diese Menschen diese Hilfe nicht „brauchen“? Bzw nicht bekommen sollten, weil sie nicht „krank genug sind“? (Ich habe keine anderen Worte.) Glaubst du nicht, dass die Helferpersonen erkennen wer welche Hilfe braucht? (Und ich bin mir bewusst, dass nicht alle Helferpersonen wirklich hilfreich sind. Das kommt sicher auch immer auf das Engagement des Einzelnen an.)

  17. Lies den Text oder auch das Blog bitte nochmal durch.
    Was wir glauben und denken und einschätzen, steht da und was nicht da steht, das steht da entweder aus Gründen nicht oder, weil wir es eben nicht so glauben und denken und einschätzen.

  18. Ich habe es gelesen. Es geht u.a. um diesen Satz „[…]deshalb keine Ahnung vom Umgang mit komplex traumatisierten Menschen haben, weil sie nur Faker_innen vorher betreut haben.[…]“
    (Aber eigentlich denken wir, dass euch ja bewusst ist, was wir meinen.)
    Und all die Fragen, die wir oben gestellt haben, beziehen sich darauf. Es sind Fragen, deshalb die „?“, keine Feststellungen.
    Es muss ja einen/mehrere/viele Gründe haben, dass SO auszudrücken (u.a. das „NUR“).
    Wir kennen solche Sätze ansonsten nur von Täterseite (was keine „Zuschreibung“ ist, sondern eine Erläuterung, warum wir so etwas schwierig finden).
    Meine Erklärungen oben waren Versuche Situationen zu erfragen (deshalb ja die „?“), in denen man zu solch einem Eindruck kommen könnte (nicht mit aufgezählt waren natürlich „online-Bekanntschaften“, weil wir denken, dass man darüber sowieso nicht „feststellen“ kann, was eigentlich wie wer gemacht hat).
    Deshalb die Fragen, an was man das festmacht, warum man davon ausgeht, warum man denkt, dass das Helferpersonen so „beeinflusst“, usw usf.

  19. „Was mir unter anderen Menschen, die viele sind, daneben begegnet ist eine mich traurig machende Bereitschaft zu glauben,…“

    du willst jetzt also von mir etwas, hören, was ich glaube, was andere (Betroffene, wie deren Verbündete) glauben, weshalb ihr Glaube/ihre Erklärung für beschissene Betreuungen so sind, wie sie sind, oder wie?

  20. Du hast da etwas falsch verstanden.
    Dieser Satz
    „Was mir unter anderen Menschen, die viele sind, daneben begegnet ist eine mich traurig machende Bereitschaft zu glauben, dass Betreuungspersonen oft deshalb keine Ahnung vom Umgang mit komplex traumatisierten Menschen haben, weil sie nur Faker_innen vorher betreut haben.
    Eine ähnliche Abwertung(…)“
    sagt ja gerade nicht, was Hannah glaubt oder nicht glaubt. Sondern Hannah sagt, sie begegne anderen Viele-Menschen, die daran glauben, dass das Unwissen von Betreuungspersonen aus der Begegnung mit Faker_Innen zu erklären sei. Und „ähnliche Abwertung“ impliziert ja gerade, dass es sich um eine Rationalisierung handelt, die die Schuld auf anderen Betreuten/Patienten/… ablädt, statt von Arzt- und Betreuungspersonen informiertes, mitfühlendes und verlässliches Verhalten zu erwarten.

  21. Meistens kommt am Ende dabei raus, dass grade die selbst am meisten Betroffenen sich gegenseitig helfen (müssen), weil andere es entweder nicht können, nicht wollen, oder sich nicht zuständig fühlen… Viele, die selbst schlimmes erlebt haben und leiden, geben dann das letzte bisschen Kraft noch her um andern zu helfen. Dabei können natürlich auch ganz wunderbare Freundschaften entstehen und ich finde es auch gut und wichtig, sich gegenseitig zu helfen, es ist ja auch nicht nur ein „geben“, sondern die Erfahrung anderen beizustehen „gibt“ ja gleichzeitig auch ganz viel – nur sollten sich die weniger/anders Betroffenen/Leidenden nicht so oft aus der Verantwortung ziehen, bloß weil sie es können… (Wir selbst versuchen z.B. auch diese Verantwortung in anderen Kontexten zu übernehmen, so gut/schlecht wir eben können)

Kommentare sind geschlossen.