Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?

viele sein?

~ Fortsetzung ~

Eigentlich ist die Fragestellung “Bei mir wurde eine DIS diagnostiziert – was jetzt?” wichtig und gut. Leider wird sie selten so offen und breit gestellt, dass es Raum zum Austausch außerhalb bestimmter äußerer Rahmen geben kann.

Ich habe die Frage selbst erst gestellt, als die Diagnose an mir erneut gestellt wurde – und zwar der Therapeutin, die sie gestellt hatte.
Und heute frage ich mich: Wieso habe ich damals eigentlich nur die Therapeutin danach gefragt und nicht mich selbst oder mein Innenleben? Oder andere Menschen mit der Diagnose?
War ich eine von denen, die frag- und klaglos hinter Medizin und Psychologie her trottete und froh war, keine eigene Haltung haben zu müssen?
Hm, ich glaube schon an manchen Stellen und in Anbetracht der Tatsache, wie ich damals um mein Überleben kämpfen musste, ist es für mich heute auch so eingeordnet, dass ich mir das  vergeben kann.

Ich merkte, dass mir Antipsychotika, verhaltenstherapeutische Ansätze nicht halfen. Verloren hatte ich auf dem Weg bis zur Prüfung der DIS-Diagnose, aber schon die Instanz, die wirklich durchgehend ein wohl- bis mit-mir-mitwollendes Auge auf mich hätte haben können: meine Familie, meine Freunde, ein soziales Umfeld, das mich hat aufwachsen und entwickeln sehen. Niemand hätte für mich mit überprüfen können, ob das was da eigentlich in den 4 Jahren vorher passiert war, irgendwie vielleicht doch positive Auswirkungen hatte, die ich selbst nicht sehen konnte.

Was ich hatte, war mein Empfinden von: “Ey egal, was ich habe – eine Schizophrenie, eine Psychose oder eine Borderline-problematik, habe ich nicht.” und als die Diagnose der DIS bestätigt war, ich 12 Wochen lang in einem Umfeld war, in dem ich wirkliche Entlastungen erfahren konnte, war es mir am Ende auch egal, wie es hieß, was da in mir drin passiert.
Ich war froh darum, dass es einen Ort gab, in ich über J. und K. und C. und C. und all die anderen reden konnte, ohne, dass mir mein Bezug zur Realität aberkannt wurde. Ich war froh, dass mir endlich geglaubt wurde, dass es noch Gewalt in meinem Leben gab.

Heute und gerade in der Netzbubble zu Traumafolgeproblemen erlebe ich es so, dass es Menschen gibt, die mehr oder weniger Beweise für die DIS im Gegenüber sehen wollen und verlangen, dass niemandem fälschlicherweise diese Diagnose gestellt wird. So kann man die soziale Umgebung der Selbsthilfe-Austauschforen und –gruppen und was es nicht alles gibt, für sich kontrollieren und das kann wichtig sein.
Es wird aber an der Stelle problematisch, wenn man mitbeachtet, wie unterschiedlich die DIS an unterschiedlichen Menschen aussehen kann und auch, wenn man sich anschaut, wie schwammig bis fließend die Übergänge zu weniger ausgestanzten Formen komplexer dissoziativer Traumafolgeprobleme sind.
Und auch: dass Falschdiagnosen üblich sind. Es gibt keine Diagnose und auch sonst nichts im Leben, bei dem es nicht zu Fehlern kommen kann.

Für mich ist es am Ende tatsächlich egal, ob jemand mit einer tertiären DIS oder einer leichten DDNOS vor mir steht und mich fragt, ob ich zufällig von einer Klinik weiß, in der Traumafolgeprobleme der Seele gut, sorgfältig und im Hinblick auf die Wahrung der Menschenwürde achtsam, behandelt werden. Wer bin ich denn, erst mal eine Diagnose abzufragen oder zu argwöhnen, die Person wolle es sich im rosaroten DIS-Wunderland gemütlich machen?

Und überhaupt – wo ist denn eigentlich dieses rosa Wunderland für Menschen mit DIS?
Und wo sind denn bitte all die Vorteile, die sich da so angeblich erschlichen werden wollen, mit einer vielleicht sogar gefakten DIS?

Was ich sehe ist oft gezuckerte Ohnmacht, stellvertretende Wut, und ansonsten nicht als Mehrsamkeit.
Ja, vielleicht ist Mehrsamkeit toll und vielleicht ist das Ziel des Netzeskapismus von DIS-Faker_innen nichts weiter als das. Vielleicht sind DIS-Fakes nichts weiter als richtig traurige einsame Würstchen, die einfach ein zwei drei Mal am Tag den Kopf getätschelt haben wollen und hören müssen, dass sie toll sind und das Beste tun, was sie können.

Das Ding ist: ich will an manchen Tagen auch nur das. Und manchmal will ich auch monatelang nur das. Und ich will das – wie all die DIS-Fakes wahrscheinlich auch: aus Gründen.
Unsere Gesellschaft ist so brutal miteinander und die Welt da draußen ist so verdammt hart für so verdammt viele Leute – aber Hauptsache nur die Menschen mit ner echten DIS oder mit einer echt nachweisbaren Opferschaft im Hintergrund dürfen darunter leiden?! Gehts noch?
Na klar ist es scheiße, wenn sich Mitgefühl über Lüge und Betrug erschlichen wird, aber woher sollen Menschen wissen, dass sie sich auch ehrlich an andere Menschen mit einen Wunsch nach Mitgefühl und ja, vielleicht auch Mitleid und stellvertretend geäußerte Wut, wenden können, wenn es eine Erlaubtheitsskala für Leiden oder Not jeder Art gibt?

Ein Punkt der in den DIS-Diagnosenkampfolympics nämlich auch übersehen wird, ist der Zweifel.
Bin ich wirklich viele oder ist das alles unecht? Bin ich krank? Bilde ich mir das ein? Ist die Diagnose richtig oder falsch? Was bedeutet das jetzt eigentlich – es hat sich doch gar nichts verändert? Ich bin nicht so wie andere, die von sich sagen, dass sie viele sind – bin ich also nicht viele? Wenn ich “ja” zur Diagnose sage, sage ich dann automatisch auch “brutale Missbrauchsfamilie”, “satanistische Drogenmenschenhandelweltverschwörungssekte” und – das Schlimmste: “wehr-schutz-hilfloses kindliches verlassenes missbrauchtes zerstörtes OPFER” ?

So eine Diagnose wird einem nicht mit einem Ordnungssystem gegeben und das letzte, was in einer guten Traumatherapie passiert ist, dass die Behandler_innen daher kommen und ihren Diagnostizierten sagen: “So, also sie haben eine DIS, weil XY und wenn sie jetzt diesen “Ja, ich habe die Diagnose in mein Krankheitenstickeralbum aufgenommen”- Bogen unterschreiben, bekommen sie einen Gutschein für 3 mal täglich Kopftätscheln, einmal in der Woche dürfen sie ins Flauschbällebad für Missbrauchsopfer und einmal 50 Minuten Mitleid im Rahmen der ambulanten Psychotherapie.”.

Der Zweifel an der DIS-Diagnose ist eigentlich das, was die gesamte Diagnosefindung ad absurdum führen kann und nicht selten zu existenziellen Krisen führt. Wenn man bedenkt, dass es für viele Betroffene von zum Beispiel komplexer Traumatisierung durch nahe Familienangehörige, existenziell wichtig ist, das eigene Bewusstsein für sich selbst, sein Sein und Selbst abzuspalten, muss es zwangläufig nicht nur schwer, sondern auch bedrohlich sein, über zum Beispiel eine Diagnose, die das eigene Sein und Selbst benennt (oder dies versucht) an eine Überbrückung dieser Spaltung herangeführt zu werden.

Es gibt Menschen (like me), die verbringen viel Zeit  damit, vor dieser Überbrückung zum Selbst-Bewusstsein herumzuspringen, weil sie das starke Empfinden von Bedrohung haben. Das Letzte, was dann hilft, sind Leute, in deren Gruppe man gekommen ist, um sich zu versichern, oder zu hören, wie es Menschen geht, die diese Brücke genommen haben, die dann erst mal einen Beweis für etwas haben wollen, wovon man sich selbst erst einmal für sich selbst versichern und ja, vielleicht auch überzeugen muss.
Man kann Dinge, die man selbst nicht wirklich an sich überprüft hat, von sich weisen, als wären sie nicht da.

Auch deshalb sage ich den Menschen, die diese Diagnose erhalten haben, aber zweifeln und hadern und vor der Brücke umher schleichen bis hopsen, bis sich ein Lager davor aufgebaut haben, dass sie ruhig rüber gehen können.
Weil sie nur gewinnen können und zwar: die Chance, selbst zu überprüfen, ob es passt oder nicht.

Manche Menschen brauchen Unterstützung bei dieser Überprüfung, manche müssen nur wissen, dass es ihnen nicht allein so geht. Manche brauchen im Außen jemanden, di:er ihnen sagt, dass sie bleiben, egal ob die Diagnose und all ihre möglichen Implikationen “echt” sind oder nicht. Und manche Menschen brauchen immer wieder die Erinnerung daran, dass es sich bei Diagnosen immer nur um den Versuch handelt, etwas zu erfassen un nicht um eine allmächtige Ordnung der Welt.
Und diese Unterstützung kann drei mal tägliches Kopftätscheln erfordern. Es kann bedeuten, dass Menschen erfahren müssen, was es bedeutet einen Umgang damit zu haben einmal zum Opfer von Gewalt gemacht worden zu sein.

Auf keinen Fall bedeutet es, dass man seine Not als frisch diagnostizierter, verunsicherter und belasteter Mensch vor anderen potenziell Unterstützenden beweisen muss. Zumindest nicht für mich.

~ Fortsetzung folgt ~

8 thoughts on “viele sein?”

  1. Diagnose als Beweis für irgendwas, nein, das sehe ich auch nicht so. Überprüfung einer „Echt-Heit“ (Glaubhaftigkeit) durch andere Menschen (egal ob virtuell oder sonst wo) über das Vorliegen einer Diagnose- unnötig, unzuverlässig, diskriminierend, irreführend. „Flausch und Bällebad“ für „Missbrauchsopfer“- wo gibt´s sowas denn?? In all der Unklarheit, die man mit sich selbst haben kann (und haben darf), ist „Ausprobieren“ und „in der Not auf bestimmte Weise handeln“ und „es nicht besser wissen“ völlig okay- aber für mich hat das auch Grenzen!

  2. vielleicht ist mein humor hier jetzt unpassend, aber bei den flauschbällebadausführen musste ich schon lachen, dank meines bildhaften vorstellungsvermögen. 🙂

  3. Danke für diese beiden starken Beiträge, vor allem aber den letzten Absatz in diesem Teil!

  4. Ich finde den Beitrag richtig klasse ich hab deshalb Angst mit viele Menschen privat Kontakt zu haben weil das abchecken ob man Fake ist machen viele und ich hab Angst das man mir sagt ich bin nicht DISgenug
    Lg Bärenclan

  5. Ich lese deine Beiträge übrigens auch gerne

    Mitleid/Respekt/Ernstgenommenwerden nur im Gegenzug für eine Diagnose ist ja auch irgendwo das Letzte. So ist unsere Gesellschaft leider. Schade, dass es nicht irgendwie selbstverständlich sein kann, jeden mit seinen Fähigkeiten und Problemen zu akzeptieren, egal ob es dafür nun eine Diagnose gibt oder nicht. Es scheint, dass es so ist, dass an alle irgendwelche Ansprüche an Normerfüllung gestellt werden und nur eine Diagnose als Ausrede gilt, sie nicht erfüllen zu müssen. Dabei dient die Diagnose gleichzeitig als Ausnahmegenehmigung wie als Abstempelung. So als ob sich alle ohne Diagnose ihre Probleme ausdenken würden und als ob man nur Probleme haben darf mit Diagnose und auch nur dann Hilfe bekommen kann. Wenn einer meinetwegen schlecht in Rechtschreibung ist, dann wird ihm das vorgehalten es sei denn er ist als Legastheniker anerkennt. „Das ist doch schizophren“, hätte ich bald gesagt.

    Aber wenn du Zweifel an deinem „Vielesein“ hast oder hattest, dann würde mich mal interessieren, wie sich das anfühlt. Hast du darüber schon geschrieben? Ist das gar nicht so eindeutig? Ich gebe zu, ich habe keine Ahnung. Wie hast du es denn gemerkt? Du scheinst ja Namen für die Persönlichkeitsteile zu haben (wenn ich das richtig verstanden habe). Kamen die erst nach der Diagnose?

  6. Mein Innenleben hatte schon immer Namen – wir Innens hatten schon immer Namen. Nur, dass andere menschen das nicht so haben, wurde uns erst bewusst, als da eine Diagnose draufgeklebt wurde.

    Hm und die Zweifel – tja. Ich glaube die fühlen sich für uns genauso an wie für andere Menschen auch, es steht nur (gefühlt) mehr dabei auf dem Spiel.
    In den nächsten Artikel gehe ich darauf aber noch mehr drauf ein.

  7. Ich finde das mit den Diagnosen immer zum Kotzen…Das ist ein Stempel,den man aufgedrückt bekommt und für „Müll,weg damit“ in der Gesellschaft steht.
    Ich habe auch in meinem Leben viel Gewalt erlebt und je nach Arzt/Therapeuten könnte man bei mir bestimmt auch wer weiß wie viele verschiedene Diagnosen stellen.Aber selbst wenn alle Diagnosen zusammen,die es da gibt,in meinen Akten stehen würde,würde es trotzdem NICHTS,aber auch wirklich gar nichts aussagen.
    Es ist so,dass niemand das Recht hat,uns überhaupt als psychisch krank zu bezeichnen,weil im Bereich Psychiatrie/Psychologie nichts irgendwas mit Wissenschaft zu tun hat!Das beruht alles nicht auf Fakten oder Tatsachen,was sie anderen aber weismachen wollen.
    Ich bin,was „Hilfe“ von irgendwelchen Therapeuten und Psychiatern angeht,sehr kritisch und vorsichtig (gibt natürlich auch gute,die man aber erstmal finden muss…).
    Ich merke es in den meisten Fällen sofort,wenn sog. Helfer Täterverhalten an den Tag legen und einen nicht ernst nehmen und ich kann dann auch mittlerweile was sagen.Ich weiß,was sie dann in dem Moment versuchen,und trotzdem triggert es natürlich. Die Gefühle sind dann stärker als vernünftige Gedanken…Ich komme da zwar wieder raus,aber es ist sehr schwer,sich von dem zu distanzieren.
    Deswegen setze ich mich dem lieber gar nicht mehr aus,wenn ich noch andere Möglichkeiten habe.Wirkliche Hilfe ist das bei mir noch nie gewesen.Ich habe übrigens auch schon 13 Jahre erfolglose Behandlung hinter mir,war auch 16,als ich das erste Mal bei einem Psychiater war…Und gebracht hat es mir überhaupt nichts!Bei mir wurde auch bisher noch nie wirklich die Gewalt thematisiert und alle „Fachleute“ waren ja immer sooo verzweifelt wegen mir.Also ich bin ja einfach nur so schwierig,dass sie überhaupt nichts tun können…Haha! Sie ahnen sofort,dass da viele dunkle Geheinmisse sind,mit denen sie sich aber nicht beschäftigen wollen. Wie Ihr schon geschrieben habt,deutet das ja auch auf Missstände in der Welt hin,die ja doch irgendwie gewollt sind…Das ist eine Schweinerei!

    Lasst Euch alle nicht so davon unterkriegen!Niemand hat das Recht dazu,uns wie Dreck zu behandeln.Wenn Ihr auf so jemanden trefft,sucht woanders Hilfe.Keiner muss sich dem aussetzen…
    Ich weiß selber,wie schwer das ist und dass man auch sonst ständig auf Widerstand stößt,vor allem auch,wenn man erwerbsunfähig ist und betteln muss,damit bestimmte Behörden einen nicht abkratzen lassen.Aber in Wirklichkeit haben die Leute,die sich so unmenschlich verhalten,überhaupt keine Macht….

  8. Danke für diese Worte!
    Wir setzen uns auch dagegen ein, „Faker“ entlarven zu wollen (am schlimmsten ist es, wenn Leute, die selbst Unos sind, DIS-Leuten das „faken“ vorwerfen :/ ) bzw die Glaubhaftigkeit immer überprüfen und alles auf die Goldwaage legen zu wollen. So viel Misstrauen und Druck. Als hätten wir nicht so schon genug mit Zweifeln zu tun! Als wäre uns nicht oft genug gesagt worden, das was wir fühlen, wer wir sind, wie viele wir sind, was wir wahrnehmen, was uns passiert ist – sei alles nicht war, gelogen oder wir wären arme Opfer unseres kranken Hirns! Das wurde uns von den Tätern ständig so gesagt. Andere Menschen, die zwar nicht Täter, aber oft auch nicht wohlmeinend sind, sagen oder suggerieren ähnliches. Eigentlich sind das die Botschaften, die unsere Gesellschaft durchtränken, wenn es um psychisches Leiden und Erleben geht, grade bei Traumafolgen.

    Und ja, es gibt auch Leute, die aus finsteren Gründen eine DIS faken. Zum Beispiel um sich in Foren oder so einzuschleichen und dann Gewalt-Überlebende mit Absicht zu triggern oder auszuhorchen. Aber bei diesen Leuten geht es doch nicht darum, ob sie echt Viele sind oder nicht („unsere“ Täter_innen waren übrigens ganz echt Viele), sondern ob sie anderen bewusst oder wiederholt fahrlässig schaden oder ob sie bewusst lügen. Das sind Gründe, sie auszuschließen oder wenigstens zu meiden – DIS hin oder her.

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