Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten

viele sein

Seit 13 Jahren wissen wir nun, dass wir viele sind.
Obwohl – diese Formulierung ist falsch. Seit 13 Jahren wissen wir nun, dass es eine Diagnose für unser Sein gibt.
Obwohl – auch diese Formulierung ist falsch, denn eigentlich wissen wir seit 13 Jahren, dass es ein Wort gibt, das unser Sein nach außen zu benennen versucht.

dissoziative Identitätsstörung

Das klingt in meinem Kopf wie eine Fehlermeldung, auf die ich nicht sagen kann:
„Techniker ist informiert“. Deshalb sagen wir “dissoziative Identitätsstruktur” oder “viele sein”.

Wir wussten schon vor der Diagnose bzw. der Bewortung allgemein, dass wir viele sind. Dass da “die Anderen” sind und, dass ganz grundlegend unsere Selbst- und Umweltwahrnehmung eine andere ist, als bei anderen Jugendlichen.
Wir waren 16, wurden 17 in dem Jahr, als die Diagnose gestellt wurde und hatten schon viele Wörter gehört, die unser Sein benennen wollten, aber doch nur unser so-sein streiften.

Ich weiß noch, dass ich oft nicht wusste, wie genau ich eigentlich auf Fragen zu “den Anderen” antworten sollte, denn ich habe eine Innen.ansicht und eine Außen.ansicht.
Probleme zu unterscheiden: “Was sehe ich aus meinem Innen heraus mit der Welt interagieren?” und “Was sieht das Außen, von meinem Innen, wenn es auf mich schaut?”, hatte ich nie. Aber es gibt bis heute diese Verwirrung im Sprechen übers viele sein.

Für dieses Blog und eine Karriere als Autorin ist meine Innensicht prima, weil es wie eine eigene Geschichte klingt, die da erzählt wird. Oft kippt die Rezeption dessen allerdings und am Ende sind Menschen verwirrt, wenn ich ihnen sage, dass wir Innens nicht agieren und einander auch nicht organisieren, als wären wir getrennt handelnde Körper oder rund ausgebildete Menschen.
Da beginnt die Außen.ansicht. Ich weiß, dass wir alle in einem Körper sind und, dass wir alle einen Menschen aus.machen. Einen Einsmenschen eben.

Als wir 16 Jahre alt waren, hatte unser Sein hauptsächlich ein Wort auf sich kleben: krank
Und jeder unserer Laufzettel enthielt unterschiedliche Wörter dafür. Schizophrenie, Borderline, histrionische Persönlichkeitsstörung – vor allem die Persönlichkeitsstörungen zogen sich durch und stellten nie die Frage, ob bei Menschen im Teenageralter die Persönlichkeits ~ empfindungs ~ einordnungs ~ okay- find’ ~akzeptieren könn’ –probleme nicht vielleicht doch irgendwie üblich sind und weniger eine Störung, die ein Eingreifen von außen, wie auf einen Virus oder einen Beinbruch erfordern.
Auf unseren Laufzetteln standen manchmal auch bloße Schlagworte wie Feststellungen: Ängste, Depressionen, Mutismus, Essstörungen, Anpassungsstörungen, selbstverletzendes Verhalten und ich frage mich bis heute, warum das manchmal so war.

Als wir dann in der Klinik, in der die DIS-Diagnose gestellt wurde, aufschlugen, war gerade die Schizophrenie dran.
Es gab einen Suizidversuch und niemals werde ich das Gespräch mit der diensthabenden Ärztin vergessen, weil es von vorne bis hinten falsch war.

Wir lagen in dem Bett, waren fixiert, verbunden, benebelt von irgendwas. Weil wir da schon Heimkind waren, waren wir dort auch irgendwie allein – zumindest erinnere ich keinen Besuch von Betreuer_innen. Wie hätte das denn auch gehen sollen.

Auf jeden Fall kam die Ärztin ins Zimmer und fragte, wie es zu dem Suizidversuch kam und ich verstand sie nicht. Was genau wollte sie denn jetzt wissen? Ging es ihr um den Grund für den Wunsch nach dem Tod oder um den Akt an sich?
Ich dachte, ich sage ihr einfach, was ich für relevant hielt und sagte, dass ich das, was J. sagte, nicht mehr aushaltbar fand.
Sie fragte, wer J. sei und ich sagte, J. sei einfach J. und fragte mich, wozu denn wichtig sei, wer J. ist, wenn mich doch nicht J. selbst stört, sondern die ununterbrochenen Hasstiraden, die sie ausstieß.
Die Ärztin fragte, ob ich sie jetzt auch hören würde und ich – naiv wie ich war ^^ – sagte: Ja.

So kam ich also zu meiner Schizophreniediagnose: Ich wurde gefragt, ob ich etwas höre, was die Ärztin nicht hörte. Und am Ende verbrachte ich eine ziemliche Weile auf einer Station mit Menschen, die ausrasten, wenn die geheimen Botschaften für die Weltrettung an den Stationswänden abgewischt werden.

Sie hat mich nicht gefragt, ob J. ein jemand ist, das für mich schon immer da war. Sie hat mich nicht gefragt, ob ich sie in mir drin höre oder wirklich als Außengeräusch wahrnehme.Nicht einmal die Frage, was “hören” an der Stelle eigentlich meint, war mir wirklich klar. Sie hat mich nicht gefragt, warum ich eigentlich in dem Heim lebte. Sie hatte mich nicht einmal gefragt, ob J. immer das gleiche sagte, oder nicht vielleicht doch auch inhaltlich auf das eingeht, was mit mir passierte.
Niemand wollte wissen, dass J. erst nach diesem Suizidversuch (und das war der, ich glaube, 7te) gemerkt hatte, dass ich auch sie umbringe, wenn ich mich umbringe. Über J. zu sprechen, war eine ganze Weile ein unausgesprochenes Tabu.

All ihre Not, die darauf folgte, wirkte sich aus auf mich und ich hatte keine Wörter dafür. Irgendwann merkte ich, dass sie auf alles nur damit reagieren kann, mich anzutreiben, Dinge zu tun, die ihrer Ansicht nach helfen, etwas worunter sie leidet, zu beenden. Wozu eben auch der Suizid gehörte. Doch mein Leiden hatte mit ihrer Existenz nichts zu tun oder damit, dass sie ein Teil von mir ist, der mir fremd und wie eine eigene Person vorkommt.

Mein Leiden basierte darauf, dass sie gelitten hat und keine anderen Mittel und Wege finden konnte, sich zu entlasten.

Ich bin über dieses Gespräch mit der Ärztin auch deshalb sehr wütend, weil der Bezug zu meinem sozialen Umfeld komplett fehlte. Wie gesagt hatte sie nicht gefragt, warum ich in dem Heim war. Es gibt eine Form der (traumabedingten) Abreaktion, in der zeitweise nicht unterschieden werden kann, was “wirklich” ist (auch Erinnerungen sind wirklich – denn sie sind ja – es gibt sie ja) und es gibt Formen posttraumatischer Belastungen, bei denen das “Hören” von Sätzen, die Täter_innen (immer) sagten, im Vordergrund steht.

Ich hatte damals (glaube ich) noch keine klassischen PTBS Symptome in dem Sinne. Vieles war leicht zu verwechseln mit allgemeiner Überlastung, denn hey – ich wurde zu der Zeit so oft hin und her gereicht, rumgeschubst und verlassen – wer würde das einfach so mal wegstecken?
Aber ein einziger Blick in die soziale Situation hätte den Raum für eventuell stattgefundene Vernachlässigung, Misshandlungen und auch Ausbeutung eröffnet. Mit 16 Jahren hat man eben noch keine 7 Suizidversuche gemacht, wenn alles okay ist.
Es gab die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine traumatisierte Jugendliche war und diese Wahrscheinlichkeit ist immer und bei allen Jugendlichen höher, als die Wahrscheinlichkeit mit 16 einen ersten schizophrenen Schub zu erleben.

Doch darüber mit einer Krisenversorgungsaufnahmepatientin im sedierten Zustand zu sprechen hätte mehr erfordert.
Wäre ich nicht sediert gewesen, hätte die Ärztin gemerkt, wie sehr mich das angebunden sein belastet. Wäre ich nicht fixiert gewesen, hätte sie mehr den Eindruck haben können, mit einem handlungsfähigen Menschen zu sprechen, der sowohl agiert, als auch reagiert.

Ich denke mir heute, dass gerade die DIS-Diagnose (wie jede andere posttraumatisch begründbare Diagnose) deshalb selten gestellt wird, weil sie viel Patient_innenbeobachtung erfordert.
Traumafolgen (traumabegründete Krankheiten*) sind Zivilisationskrankheiten und das bedeutet, dass man sie nur in zivilisierter Umgebung erkennen kann. Gerade, wenn Menschen von anderen Menschen misshandelt wurden, kann man von Verletzungen (und ihren Folgen) durch Menschenrechtsverletzungen sprechen und das bedeutet, dass es Räume braucht, in denen Menschenrechte, wie das Recht auf psychophysische Unversehrtheit und auch die Wahrung der Menschenwürde, nicht nur auf dem Papier existieren, sondern auch tatsächlich gewahrt werden.

Heute, 13 Jahre und viel Auseinandersetzungen (und auch dem Sprechen über Psychiatrie- und Helfer_innengewalt) später, wird mir klar, wie unmenschlich die Bedingungen waren, in denen viel der Diagnostik vor (und auch nach) der Klinikzeit passierte oder auch: passieren musste.

Das Blog von Vielen hat inzwischen eine für das Blog-Zielgruppenverhältnis große Reichweite entwickelt und es vergeht keine Woche mehr, in der mir nicht jemand schreibt: “Hier in dieser und jener Klinik wird mir nicht geglaubt, dass ich viele bin – weißt du, wo ich hinkann? Gibt es wirklich nur diese 3,4,5 Kliniken in Deutschland?” genauso oft wird mir aber auch geschrieben: “Ich wurde als Person mit DIS diagnostiziert – und jetzt? Wo kann ich hin? Muss ich jetzt etwas tun? Wo genau bin ich denn krank? Wie war das bei dir?”.

Es tut mir leid, dass es immer wieder genau diese Fragestellungen sind, die auftauchen.

~ Fortsetzung folgt ~

4 Gedanken zu „viele sein“

  1. Wie grausam – sediert, angebunden, nicht respektiert, nicht ernst genommen – Mega-Retraumatisierung!
    Und das von Leuten, die meinen, sich mit der Psyche auszukennen!

    Ich glaub aber, dass auch Schizophrenie oder was auch immer in die Richtung geht, nicht ohne entsprechende Erlebnisse entsteht – egal was die Schulmedizin dazu sagt. Das kommt auch nicht einfach so.

  2. Ich glaube, die Schulmedizin leugnet es inzwischen nicht mehr so vehement, wie umfassend manchmal der Faktor des sozaialen Umfeldes ist, wie noch vor sagen wir 50 Jahren.
    Das problem ist, das die Lehre von Psyche und Mensch bis heute eher so ist wie vor 50 Jahren und die Behandlungsoptionen sich ebenfalls kaum entwickelt haben – obwohl die Forschung natürlich weiter gegangen ist und es natürlich ganz viele Fortschritte gibt.
    Aber am Ende ist eben doch dann immer eher der Werbezettel eines Krankenhauses aktueller als der Behandlungsstandart und der Fortbildungsstandart des Personals.

    Viele Grüße!

  3. Kann sein, dass mein Kommentar als unpassend angesehen wird:
    Nicht nur die „Nicht-Diagnose“ einer bestehenden DIS hängt mit einer mangelhaften PatientenInnenbeobachtung zusammen, sondern auch die Fehl-Diagnose einer nicht-bestehenden DIS. Ich habe nämlich den Eindruck, dass die DIS-Diagnose heutzutage in bestimmten Klinik- und Therapeutenkreisen doch recht locker aus dem Ärmel geschüttelt wird, ohne genauer hinzusehen, ob nicht vielleicht eher eine andere dissoziative (Traumafolge-)Störung bestehen könnte (z.B. DESNOS).

  4. Für mich ist es so: Diagnosen sollten immer so sorgfältig wie möglich durchgeführt werden – entstehen letztlich aber immer entlang der Parameter, die letztlich genutzt werden. Wenn in einer Klinik die Nutzung von parameter X und Y genutzt werden, werden lockerer Diagnosen X und Y entstehen, als in einer anderen Klinik, wo das gleiche mit den Parametern A und B passiert.
    Letztlich ist es wurscht welche Diagnose man erhält – wenn die Diagnose passt, wird die entsprechende Behandlung helfen – so es diese denn gibt und die betreffende Person die auch nutzen kann – und eben auch: im Hinblick auf ihre Wirksamkeit überprüft (und überprüfen lässt)
    Ich merke bei uns zum Beispiel, dass uns die Schizo-Medikation absolut null geholfen hat – die Traumabearbeitungen hingegen sehr wohl.

    Ich finde es wichtig – und der Artikel ist ja noch nicht fertig – dass die Menschen selbst auch schauen, wie das, was zu dem, was sie empfinden, gesagt wird, auf sie wirkt und sich darüber mit denen, die ihr Empfinden da von außen beworten auseinandersetzen.

    Das eine ist die Klinik, die DIS- Diagnosen ausschenkt und DDNOS oder Faker:innen ausblendet – das andere ist Leute, die das annehmen und den Boden zur Behandlung anderer Menschen verbrennen, weil sie – sorry – das Maul nicht aufkriegen und sagen, was sie aber irgendwie doch anders oder nicht hilfreich erleben.

    Viele Grüße!

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