DIS?, Innenansichten, Lauf der Dinge

Shopping

“Aff! Die solln einfach aff n gut”, er fuchtelt mit der Hand über seinen Kopf hinweg und schiebt seinen Widerwillen über den Prozess zum gewünschten “weg damit” von einer Wange in die andere.
”Ich will ma n paa Monate hier kein Killefit damit ham – einfach aff dafüä – schneidn se eenfach drau los”. Ich sitze in dem Drehstuhl vor dem Spiegel, betrachte meine uneingepackten Brüste über dem mächtigen Bauch und versuche den aufkommenden Ekel irgendwie an ihm vorbei runterzuschlucken.

Sein Dialektkauderwelsch lenkt mich vom zuckenden Unterlid ab, das ich bekam, als ich sah, dass er Geld vom Konto abhob und die Frage, was er damit anstellen will mit einem hingeranztem “Fresse!” beantwortete.
Erfahrungsgemäß bedeuten 100€ in der Hand von eher Kopf—>Wand – Innenteens immer irgendwas, was wir keine 2 Wochen später bereuen.

Bereut hatte er die Wahl des Friseurs, denn ihm wurden die Haare gewaschen und Hannah wand sich unter den Händen des Azubis auf ihrem Kopf.

Die Friseurin stupst wie ein Goldfisch gegen die Grenzen seines Denkens und versucht Small Talk, Witzchen und Shampootipps bei empfindlicher Kopfhaut.
Mein Gesicht ist so furchtbar rot, fleischteigig und fleckig. Mein Blick hat wenig mehr Chance als sich im Nebelrauschen zu verstecken. Es ist einfach alles so furchtbar. Wieso bin ich nur so furchtbar hässlich und ekelerregend für mich selbst?

Eine halbe Stunde später sind wir entlassen und haben das Haar so kurz wie zuletzt als 18 Jährige als der Halfcut keiner mehr war.

“Ich will ne Hose.”
”Du hast eine.”
”Die is 10 Jahre alt”
”Ist sie kaputt?”
”Nein.”
”Also gibts keine neue. Fertig aus – Alter du weißt doch wie das läuft!”

Er drückt die Kiefer aufeinander und stampft wie ein grantiger Sumoringer durch die Innenstadt.
”Wir brauchen noch was für den Vortrag in Heidelberg. Wenn du willst, kannst du was aussuchen, das wir dann anziehn.”.

“Boa bin ich nett. Wo kommt das denn her?”, denke ich und trauere im vorraus um die geplanten neuen Strumpfhosen und den neuen Rock, der schon vor 6 Monaten mal dran gewesen wäre. Ich merke, wie er mich mustert und mit seinen Antennen das “Aber” zu erraten versucht.
“Bubi das isn Lady*fest – hast du immer noch nicht kapiert, dass wir jetzt Genderconnections haben? Tob dich aus – wir können da mit Rock und Krawatte referieren und es wird okay sein.”. Er brubbelt sich was in den Flaum an seinem Kinn und richtet die Aufmerksamkeit auf die Geschäfte.

“Die Haare sehen aus wie abgefressen.”, mickere ich nach einem Blick in die Spiegelung neben der Rolltreppe, “Als wäre ein Schaf in der Nacht an mein Bett gekommen und hätte meine Frisur gesnackt.”.
Irgendwo im Innen lacht es. Irgendwo anders macht es Schafgeräusche.

“Zu klein, zu hässlich, zu kurz – hallo wer zieht denn sowas an?! zu klein, zu klein, zu klein – oh G’tt ich muss 30 Kilo abnehmen, wenn ich noch irgendwann in meinem Leben IRGENDWAS für mich bei H&M finden will – zu klein, zu kurz, kurzärmlig, kurzröckig, Kurzpulli, ohne Träger… “, mit jedem Teil, das durch unsere Hände geht, werde ich gefühlt 5 Zentimeter umfangreicher, hässlicher, mieser, ekliger, mehr und mehr Zumutung für die anderen Menschen im Laden.
Er schubst mich zur Seite und stiefelt in die Männerabteilung. 3 Blicke, zwei Zugriffe, größte Größe, fertig.
Für ihn ist es tatsächlich egal, ob das Hemd und der Pulli passgenau sind. Für ihn ist das keine Körperbekleidung. Er wird sich gut fühlen, weils ein Hemd ohne Mittenbetonung und Brüste-zusammenquetschfunktion ist und ein Pulli mit Kapuze.

Als er an der Kasse steht und ich überlege, ob meine 80DEN 1€-Nylonstrumpfhosen von KiK wohl gestopft werden können, fühle ich seinen Blick neben mir umherhuschen.

“Sin noch 56,78€ übrich. Füä dich.”