Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?

kleine grüne Persönchen

okay okay – ja Ich verstehe das ja
echt
wirklich
Ich verstehe, dass Dinge in all ihrer Komplexität abzubilden schwer ist. Und anstrengend. Und vielleicht sogar ermüdend, weil … “ach wieso kann es denn nicht einfach leicht sein?!” Ich verstehe, dass es schwer ist, zu verstehen, was eine dissoziative Identitätsstruktur ist, was sie für Auswirkungen hat und wie schwierig es ist, darüber zu reden, ohne es “falsch” zu machen – vor allem, wenn man selbst ohne eine DIS funktioniert.
In Sachen: “Nichtbetroffene reden über Dinge, die sie selbst nicht leben” bin ich total tolerant.

Ich bins aber nicht, weil ich so ein großes Herz habe, sondern weil ich keine andere Wahl habe.
Wenn über die DIS mal gesprochen wird, dann überwiegend in bestimmten Kontexten. Entweder geht es um die “Krankheit” genannt: “DIS”  oder um das gesellschaftlich ignorierte Leiden genannt “DIS”.
Es gibt viele Menschen, die mit DIS leben, für die das völlig okay ist und passend und alles schick.  Yeay hurra- es ist nicht alles Scheiße

NOT ALL THE STELLVERTRETERSPRECHKACKSCHEIßE
Glitzer und Fanfaren!

Nur leider werden dabei Menschen vergessen und das ist traurig. Das ist vor allem deshalb traurig, wenn man sich die Prävalenz der DIS von ca. 1% in der deutschen Bevölkerung anschaut. Diese Zahl ist natürlich anzuzweifeln, weil die Diagnose zum Einen bis heute gerne auch einfach mal nicht gestellt wird, weil “DDNOS” oder “komplexe PTBS” einfach weniger abgedreht klingt oder auch ein Chef im Hause regiert, der Borderline und Hysterie- Fan ist und Prävalenzstudien in sich schon immer ein bisschen exkludierend sind – aber hey jetzt hier kein Riesenausflug in die special Welt der Wissenschaft.

Mein Kern ist: es werden Menschen mit DIS vergessen, für die ihre Identitätsstruktur das Ergebnis einer Entwicklungsstörung ist.
Nämlich der Entwicklungsstörung “Trauma”. Es gibt nichts, was die gesamte Entwicklung eines Menschen in jeder Hinsicht mehr stört als ein Trauma bzw. Traumatisierungen durch chronisch massiven bis toxischen Stress.
Much Erkenntnis. So neu.

Grund für meinen Grant gerade, sind Vorannahmen von nicht betroffenen Menschen, die sich das Thema “DIS” angenommen haben und etwas dazu sagen wollen und dafür dann Betroffene befragt haben bzw. befragen.
Ich hab mich erst darauf eingelassen, weil ich ein mitunter auch ein echt naives Hörnchen bin, das denkt: “Wenn ich das nur gut genug erkläre…”.

Ja ja.
Ich bin ja aber tolerant…
Ich fang jetzt nicht an zu heulen, weil ich frage, wann es denn jetzt endlich so weit ist, dass das Thema Trauma aus der Hollywoodstyle-Errettungsfantsieenecke heraus kommt und die Folgen erzwungener Anpassungstrategien endlich mal als dauerhafter Reiz-Reaktions-Fluss innerhalb absolut normhafter, weil üblicherweise auch möglicher Varianten menschlichen Existierenz betrachtet und aufgenommen und dargestellt wird.

Ich bin nicht krank. Ich bin nicht unnormal.
Ich lebe mit einer Selbst- und Umweltwahrnehmung aus Gründen der Notwendigkeit.
Nicht mehr – nicht weniger.
Ich habe so die Schnauze voll davon, einerseits angehuscht zu werden, weil mich so viele Dinge aus der Bahn werfen und überfordern könnten – eventuell vielleicht – und andererseits aber immer wieder so massiv niedergedrückt zu werden von pahologisierender Kackscheiße, die nichts an mir lässt, was als funktional, begründet, logisch, als Ressource in meinen Genen angelegt gelten kann, weil es sonst nicht mehr “behandelbar” ist.

Es gibt diese Gedanken und Vorannahmen, die an einem Punkt ansetzen an dem ich einfach nur …

Zum Beispiel die Idee, dass ich bis zur Diagnose bzw. dem Klinikaufenthalt, in dem die Diagnose gestellt wurde – total okay war. Voll gesund, glücklich, fidel über Wiesen hopsend.
Fuck off man- für wen auf diesem Planeten ist das denn so?! Was denken denn Menschen, wie schnell das geht, bis so ne Diagnose kommt? Wir haben vor der DIS- Diagnose mindestens 8 andere Diagnosen, 2 Jahre Hilfenodysee und so viel Helfer_innengewalt gehabt, dass die DIS-Diagnose so null den Megaumbruch dargestellt hat, wie man das irgendwie denken könnte und wie das zum Teil auch von uns erwartet wird.

Der Umbruch entstand für uns durch die Konsequenzen die mit dem Anerkennen der gewaltvollen Kontexte, in denen wir uns befunden haben, einher gingen.
Das krasseste WOW-Moment war das, in dem sich unsere Therapeutin vor uns gestellt hat und sagte, sie würde uns nicht an Menschen ausliefern, die uns verletzen. Wenn man 16 ist und x Helfer_innen vorher Arschleckendreifuffzich über dein Erleben sagen, dann ist das ein Hammer. Dann ist das der Beginn einer Veränderung – sprich: Therapie

Übrigens haben wir auch nach der DIS-Diagnose noch massig andere – teils sogar komplett andere- Diagnosen in den Laufzettel gedrückt bekommen, Helfer_innengewalt erlebt und jede Menge Situationen gehabt, von denen man denkt: “Oh also so soll man doch eigentlich genau nicht mit Menschen umgehen, die Gewalt erlebt haben.”.
Die Diagnose allein ist so viel wert, wie der Zettel auf dem sie steht. Du hast nicht erst ne DIS, wenn dir das jemand aufschreibt oder jemand anderes das zu dir sagt. Du hast die DIS in dir drin, wenn du sie in dir drin hast. Fertig aus.

Man kann sich überlegen, wie und wofür man das irgendwie schriftlich, medizinisch, psychologisch bestätigt haben muss, will, ge.braucht.
In Deutschland braucht man diese Identitätsstruktur schriftlich, weil man sonst keine medizinische, psychologische manchmal sogar pädagogischen Hilfen bekommt. Es ist die Psychologie bzw. die Medizin, die daran forscht und herum behandelt – aber gäbe es andere Strukturen, die das Gleiche vielleicht mit weniger Objektivierung und gesellschaftsnorminerendem Drive tun würde, dann bräuchte man das vielleicht nicht und könnte auch Hilfen erhalten, wenn man das möchte oder einfach so Begleitung bei der Auseinandersetzung mit sich und seiner Wahrnehmung und seinem Erinnern und Verarbeiten möchte.

Mich stört das Fehlen von Willen und Weg die Gesellschaft und ihre Normen zu hinterfragen., wenn man sich mit den Spätfolgen von chronisch stattfindenen Anpassungsreaktionen auseinandersetzt.
Eine DIS wird laut Forschung entwickelt, wenn bereits vor dem 5/6 Lebensjahr massiver und chronischer Stress (mit eben toxischen Spitzen) die Norm ist (und ein paar Faktoren gegeben sind, die das Dissoziieren zum globalen Reflex werden lassen).
Es geht hier also um die Folgen von einem Leben in einem Normrahmen, der die Grenzen des Normrahmen sprengt, in dem die Gesellschaft™ sich so wähnt und den sie nutzt.

So why the fuck sollte es irgendwie logisch sein, den üblichen Rahmen über Folgekomplexe, wie die DIS zu ziehen?!

Dass das passiert hat mit Bequemlichkeit zu tun. Mit Gewohnheit. Mit Vermeidungsstrategien. Bewussten wie unbewussten.
Es hat so ziemlich null damit zu tun, sich dem Ding wirklich und richtig zu nähern, um es zu begreifen und zu dem Teil der Norm menschlichen Über.Lebens zu machen, der es ist.

Ich verstehe, dass das so ist. Um neue Dinge zu erfassen, guckt man erst mal, wo die üblichen Schablonen drauf passen.
Aber am Rand lang abzuschneiden, statt diese Schablonen zu erweitern oder schlicht mal eine neue anzulegen, find ich scheiße.

Mit jedem Film, der kleine grüne Innenpersönchen im Universum Psyche porträtiert und das ganze “multiple Persönlichkeit” nennt, wird Mist in eine Gesellschaft geballert, den die konkret Betroffenen in der Folge erst mal wieder mühevoll aus den Köpfen ihrer Unterstützer_Innen, Helfer_innen und sogar Behandler_innen rauspopeln müssen.

Wisst ihr Unbetroffenen wie viel Kraft sowas kostet, wenn noch zig andere Sachen an einem fressen und wie Krebszellen durchs Inmitten eines Selbst wuchern!?

Aber ich versteh das.


Lieber irgendwas produzieren, bevor gar nicht drüber berichtet wird.

4 thoughts on “kleine grüne Persönchen”

  1. die letzte Einspielung zeigt in etwa mich in meiner Reaktion auf das Thema „kleine grüne Innenpersönchen“… Danke für Euren Text!!

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