Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Lauf der Dinge

der Lebenslauf

So. Da flattert und flappt nun also mein erster ehrlicher Lebenslauf durch die deutsche Post.

Ich habe einen Artikel von mir für den Medienpreis der Kindernothilfe eingereicht.
Mit dem Gewinnen des Preises rechne ich nicht. Meine Mittel, Wege und Möglichkeiten sind einfach zu begrenzt, um in der gleichen Liga wie Redaktionen von richtigen Zeitungen und Hörfunk- und Fernsehsendern mitzuspielen. Aber gewonnen habe ich schon.
Ich habe zum ersten Mal eine Selbstdarstellung verschickt, in der ich “Hannah C. Rosenblatt” als so inexistent bezeichne, wie sie für diese Welt ist.

Es gibt keine „Hannah C. Rosenblatt“.
Sie ist ein Name ohne Physis. Sie ist Wert ohne Maß in dieser Welt und das auszudrücken hat mich etwas gewinnen lassen.
Nämlich die Erkenntnis, dass mein Ausstieg nach der Abkehr noch immer im Gange ist und zwar auf einer Ebene, die in meinem Fall immer wieder vergessen oder übersehen wird.

Wir werden oft gefragt, warum das mit der Berufsausbildung so schwierig ist und überhaupt mit jedem Lohnarbeiten.
Für uns ist es leicht zu sagen, dass es an der Art unserer Behinderung liegt; daran, dass wir an diese Stadt gebunden sind; daran, dass wir nichts anfangen wollen (und können), was wir abbrechen müssten, wenn wir krank, schwanger, stärker behindert werden würden. Hartz 4 – Leben schränkt ein und ein Leben in einer Berufsausbildung mit Ausbildungsgehalt würde das erst mal nicht ändern.
Eine Ebene ist aber auch, dass wir nun doch nicht einfach nur eine Person sind, die “es nicht leicht hat”.

Wenn man einen so allumfassenden Ausstieg hinter sich gebracht hat, wie wir und das eben auch in so einem Alter und auf dem allgemeinen Entwicklungsstand wie wir, dann ist das An-Knüpfen, das Ankommen im “und dann” eine Hausnummer, die niemand weiter nachvollziehen kann, als andere Menschen in der Lage.
Viele Menschen verbinden mit Aus-Bildung ein Weiterkommen – ein Vorwärts in einem normalen Leben. In Bezug auf uns, wird das dann auch gern als “der Weg in das normale Leben hinein” betrachtet und ja – solche Ohrfeigen (auch wenn sie unbeabsichtigt passieren), tun wirklich tief weh, denn unser Leben ist inmitten des “normalen Lebens™” passiert. Wir fühlen uns zwar ständig, als wären wir in einem Paralleluniversum geboren, Kind, Jugendliche und junge Erwachsene gewesen – doch tatsächlich war das nicht so.

Tatsächlich ist unsere Perspektivlosigkeit auf den vielen Arbeitsmärkten und die Erfahrung der allgemeinen Unverwertbarkeit in dieser Gesellschaft total normal und üblich. Aber das Bewusstsein darum ist es nicht.
Ich erlebe es so, dass es sich unangenehm anfühlt, von mir zu hören, wie mein Leben so ist. Wie das so ist, 13 Jahre lang nie mehr als das, was die jeweilige Bundesregierung für das hielt, was eine Existenz sichert, zu erhalten. Ich erlebe Menschen peinlich, schmerzlich, persönlich berührt davon, wenn sie von mir hören, wie viel Arbeit für mich hinter dem Begriff der Existenzsicherung steht.
Ein bisschen davon haben wir in der letzten Episode “Viele-Sein” erzählt.
Für mich ist es nicht peinlich oder schwer solche Dinge zu sagen. Schwer ist es für mich zu bemerken, wie schwer der Umgang damit für andere Menschen ist. Sie können das nicht einfach stehen lassen und meine Lebensrealität neben ihrer aushalten. Sie fangen an sich für mich zu schämen – und nicht für das, was letztlich zu meiner Lebensrealität geführt hat. Ich werde ihnen peinlich und auf eine seltsam verdrehte Weise gilt es dann als peinlich zu sagen, was ich sage.
It’s magic!

Und so kommt es, dass Aussteiger_innenrealitäten wie unsere unsichtbar werden. Manchmal sogar für jene, die Menschen dabei begleiten den Ausstieg zu schaffen oder eine innere Abkehr zu vollziehen. Manchmal aber auch für jene, die sich selbst in Zeiten abgewendet haben und/oder ausgestiegen sind, die schon länger her sind und mit anderen Bedingungen einhergingen.

Die Unterstützungsangebote für Menschen in gewaltvollen Kontexten oder organisierter Ausbeutung (Gewalt) waren nie besonders vielfältig und fest verankert.
Bis heute werden Menschen, die bereits als Kinder organisiert ausgebeutet wurden, einfach vergessen.
Diese Menschen sollen als Erwachsene im OEG-Verfahren Beweise für Gewalt an sich darbringen, die sie zu sichern gar nicht in der Lage waren. Diese Menschen sollen ihre Erfahrungen gleichsetzen mit Menschen, die von Personen im direkten Umfeld misshandelt wurden oder mit Menschen, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, Ausnutzung spezifischer Not und schlicht: Lügen, verkauft und entrechtet wurden und sich dann als Opfer (Ware) von Menschenhandel bezeichnen lassen müssen.
Sicherlich gibt es Überschneidungen und Grauzonen, die diese Gleichstellung rechtfertigt und nötig macht, doch die Not ist eine andere. Die Sozialisierung, die Entwicklung, die Folgen einer Anpassungsleistung ist eine andere und diese wird damit verunsichtbart.

Mein Ich – mein Sein – ich muss mir vorkommen wie ein Einzelfall. Wie die ewige Que(e)rschlägerin, mit Anpassungsproblemen. Ich muss und ich soll mir vorkommen wie ein Fremdkörper, der im “normalen Leben™” herumstolpert, weil es keinerlei Andockstationen für mich gibt.
Ich bin ein Einzelfall, weil ich überlebt habe, was ich nicht hätte überleben sollen und falls doch (eine Hintertür gibts immer): anders

Es gibt Menschen, die überleben diese Art der Gewalt und schaffen es die Üblichkeit des Lebens in sich aufzunehmen. Sie schaffen es einen Beruf zu lernen, eine Familie zu gründen – sie schaffen es im Dunstkreis der Norm, des Üblichen – des gesellschaftlichen Konsens zu sein. Vielleicht sind sie da auch nicht glücklich, vielleicht erleben sie sich selbst nicht passend und desintegriert, aber es gibt eine Andockstation.
Was ich bei diesen Menschen sehe sind Wahlmöglichkeiten, die mehr umfassen, als bei uns, wo es immer immer immer um uns selbst und die ureigenen Ressourcen geht, die einer Umgebung feilgeboten werden müssen, die sie nicht will, nicht mag, nicht braucht, peinlich findet.

Ich mag übliche Dinge. Ich würde auch gern üblich sein. Ich mag es in einer Masse unterzugehen und mir Gedanken um meine Ränder zu machen.
Sie verändern sich, wenn ich im Außen mehrsam bin. Es ist anders über mich nachzudenken, wenn ich mich von anderen Menschen abgrenzen kann und doch weiß: Wir sind verbunden.
Wenn ich mich jetzt abgrenze, spüre ich nach mir das Nichts der Wertlosigkeit und Unverbindlichkeit am Rand der Norm, der Gesellschaft und ihres Lebens. Wenn ich jetzt über meine Ränder und Begrenzungen taste, dann ist da der Zweifel, ob meine Abkehr und mein Ausstieg, nicht doch die Abkehr von der Norm und ein Ausstieg aus dem Lauf der Dinge des “normalen Lebens™” war.

Wir wollten ein Leben ohne diese Art Gewalt und haben – wie bereits vor Jahren geschrieben – keine einzige klare Vorstellung davon entwickelt, für was für ein Leben wir das eigentlich auf uns genommen haben.
Unser Hartz 4 – Leben ist aber ein Leben. Es ist ein normales Hartz 4 Leben. Es ist auch Teil des “normalen Lebens™”.
Und es ist auch Teil eines Lebens, nach einem anderen. Einem, das uns bis heute bestimmt und definiert, obwohl wir schon lange keine Gewalt mehr erfahren.

Unser Ausstieg begann nicht mit dem Überleben des letzten Gewaltaktes an unserem Körper.
Er begann auch nicht mit dem ersten Antrag auf Hilfe zum (Über)Leben. Das ganze “unter dem Einfluss und Handeln unterdrückender Personen stehen und leiden” endete nicht in dem Moment, in dem wir eigene Entscheidungen getroffen haben, weil wir das, als Hartz 4 – Abhängige nachwievor erleben.
Unsere innere Abkehr dauert bis heute an und heißt in diesem “normalen Leben™” nichts weiter als “erwachsen* werden”.

Als ich heute den “Lebenslauf” schrieb, überlegte ich, warum man bei Bewerbungen überhaupt einen Lebenslauf schreiben soll und kam zu dem Schluss, dass es vielleicht darum geht, die Intensionen der Menschen einzuschätzen, indem man sich ansieht, wie sie sozialisiert sind.
Ich habe einfach gleich meine Intensionen für mein Handeln aufgeschrieben.

Und es fühlt sich gut an.
Ehrlich. Ungedeutet.
Auf eine Art “gleich mit allen Menschen” und während andere Menschen genau das nicht wollen, mag ich dieses Empfinden gerade gar nicht loslassen.

*Erwachsen im Sinne von “autonom” und “selbstbestimmt”

2 Gedanken zu „der Lebenslauf“

  1. Sehr stark. Da ist es schon fast nebensächlich, ob ein Gewinnen passiert.

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