Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?

Ambitionen

“Tut’s sehr weh?”.
Die Frage brandet durchs Telefon um die Ohrmuschel. “Geht.”, antwortet er und legt seine freie Hand auf den Brustkorb des Hundes neben ihm.

“Wir waren im Tierpark und haben sie getroffen.”, sein Gesicht lächelt an die Zimmerdecke.
Er atmet an etwas in seinem Hals vorbei. “Sie hat ein Kind geboren.”.
“Oh. Hast du das gewusst als ihr euch verabredet hattet?”. Das Rauschen wird leiser. Fast ist es, als würde sie neben ihm auf dem Bett liegen und ebenfalls den Knick der Dachschräge mit den Augen nachzeichnen.
“Hmm. Ja.”.

“Habt ihr euch verglichen?”. Ihre Frage sticht in ein offenes Feld hinein und lässt das Innen auflodern.
”Ja.”. Sein Blick fliegt über das Inmitten und wendet sich zurück nach draußen. “Mir ist aufgefallen, dass ich erst Mutter werden müsste, um meinem Kind ein Vater zu sein.”.
Er schluckt und hält die Luft an. Wartet auf das unausweichliche Missachten seines Seins in diesem Körper. Wartet auf das Weh im Ich und das Moment, in dem ein Rauschen aufbrandet und ihn gegen Felsen wirft.
“Oh.”, antwortet sie, “Das ist ein interessanter Gedanke.”.
In der Küche knackt etwas. Die Nacht drückt gegen die Fensterscheiben.
“Ich wusste gar nicht, dass der Kinderwunsch für dich auch ein Thema ist.”.

“Ich habe ja auch keinen Kinderwunsch. Glaub ich. Ich hab einen Vater sein – Wunsch. Irgendwie.”. Er wird rot und die Scham drückt seine Mitte zusammen. Er atmet ein. “Ich weiß ja, was die Leute so über Eltern, die sie so als “psychisch krank” bezeichnen, denken. Wahrscheinlich gebären wir nie ein Kind, weil wir diesen Scheiß von außen nicht aushalten wollen, aber ich … “, er nimmt noch einmal Anlauf und schubst die Worte aus dem Mund: “Irgendwie denke ich, dass ich das schon gut hinkriegen könnte.”.

“Weißt du was? Ich habe absolut keinen Zweifel daran, dass du und die anderen auch, es hinkriegen könntet, einem Kind ein gutes Elter zu sein.”. Ihr Lächeln rinnt durch den Hörer und tropft in sein Ohr.
“Aber.”, sagt er.
“Aber.”, bestätigt sie.

Sie schweigen nebeneinander her.

“Es kotzt mich so an, dass nichts leichter geworden seit damals.”, er schluckt. “Dass nichts aber auch wirklich gar nichts wirklich vorbei ist, obwohl die Zeit vergangen ist und sich viel verändert hat.”. Er verschiebt das ICE Pack auf seinem Rippenbogen. “Ich hab mich heut irgendwie noch mehr verkleidet gefühlt als sonst. Aber nicht wegen der Klamotten oder so, sondern wegen allem anderen und jetzt denk ich, vielleicht liegt das daran, dass ich nur anders überleben wollte und weiter nichts. Ich hätte vielleicht was anderes für mich wollen sollen. Vielleicht wärs dann anders gekommen.”. Er stößt das Weinen hinter sich gegen die Kehle, wo es langsam die Speiseröhre herunterrinnt.

“A. willst du hören, was ich darüber denke?”, fragt sie mit einer Stimme, die weite Wellen hat. Er zuckt mit den Schultern. “Ja. Von mir aus.”.

”Ich denke, es ist nicht deine Aufgabe – eure Aufgabe als Jugendliche, die ihr Leben rettet, weil es die Erwachsenen um sie herum nicht tun, etwas anderes zu wollen, als das bloße Überleben. Ich glaube, das Beste oder besser gesagt: das Bestmögliche für euch zu wollen, lag bei denen, die für euch gesorgt haben und denen ihr euch anvertrauen musstet, weil ihr euch noch nicht alleine versorgen konntet.
Ich habe neulich mit K. darüber gesprochen, wegen des Nachwachshauses. Sie hat gesagt: “Das größte Geschenk, was man Menschen in Abhängigkeiten jeder Art machen kann ist, das Bestmögliche für sie zur Basis zu machen und nicht nur das, was ihr Existieren sichert.” oder so ähnlich. Ihr habt dieses Geschenk nicht bekommen. Das ist traurig und eine sehr bittere Wahrheit über das, was “Hilfe” für viele Menschen bedeutet. Man hat euch so sehr verletzt und geschadet. Dass ihr als Jugendliche und junge Erwachsene nie Ambitionen nach dem Bestmöglichen für euch entwickelt habt, ist kein Fehler oder ein Beweis dafür, dass die Ambition oder der Wunsch heute falsch ist.”

Er dreht sich zur Seite und legt seinen Kopf in das Halbrund, das der Hund  mit seinem Körper macht.
Und legt seinen Arm, um das weinende Mädchen neben sich.

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