DIS?, Innenansichten

das Leben neben meinem Leben

Seit etwas über 2 Monaten besuchen wir nun die Kunstschule.
Es ist ein Vorstudium, für ein Studium, das wir allem Realismus folgend, nicht aufnehmen können werden, inmitten von Personen einer Gesellschaftsschicht, in die wir nicht mehr gehören. Vielleicht: auch nie wirklich gehört haben.

Und es ist schön.
Wir gehen Montags und Dienstags zum figürlichen Zeichnen, Mittwochs scheitern wir am Anlauf zum Kurs für Druck und Illustration, Donnerstags fotografieren wir oder schauen uns die Fotos von den anderen Kursteilnehmer_innen an. Freitags liegen wir zerschossen im Bett und am Wochenende beginnen wir zu begreifen, was uns in der Woche so geschehen ist.
Am Morgen jedes Tages sitze ich an meinem Laptop und schreibe einen Text. Manchmal vergesse ich, dass sich erneut ein Leben neben meinem her entwickelt ~~~ hat und ich verlebe meine Zeit ohne Angst.

Ich habe schön öfter davon gelesen, dass andere Menschen, die viele sind, sich im Innen absprechen, wer was wann macht und ich komme mir bis heute vor solchen Darstellungen wie eine Person vor, die das Viele sein falsch macht.
Wir haben uns noch nie abgesprochen und unsere Wechsel geplant. Wir versuchen uns anders herum zu sortieren bzw. die Wechsel zu beeinflussen, in dem wir uns in Kontexte begeben die okaye Wechsel auslösen und Kontexte meiden, die Wechsel auslösen, die eher nicht okay sind.
Das funktioniert ganz gut für uns – bringt mich aber zum Thema “Wechsel – sind sie wirklich unausweichlich?”

Für uns: Ja.
Sie sind unausweichlich. Selbst wenn wir das Haus nicht verlassen und viel allein sind, gibt es Wechsel und innere Überlappungen, die nah an Wechseln sind.
Werden wir von außen nicht zusammengehalten, schwappen wir mehr oder weniger “auf” durch unser Dasein und stoßen mit dem Bewusstsein der eigenen Existenz zusammen, was für manche unaushaltbar und für andere unerträglich ist, während wieder andere erleichtert aufatmen und sich der Welt um uns herum widmen wollen. Etwa in dem sie den Hund zum spielen auffordern, essen, trinken, Dinge berühren. Aus dem Fenster schauen und das Licht erfassen.

Wir haben eine ganze Zeit lang versucht uns abzusprechen. Haben uns Pläne gemacht und immer mehr Druck aufgebaut, sich daran zu halten. Und am Ende haben wir gemerkt, dass aus diesem Druck weitere Innens entstanden, die nach vorn diesem Plan entsprachen, aber innen hohl sind.
Solche Innens erzählen anderen Vielen dann, dass man nur bestimmte Ordnungen einhalten muss und “hübsch hübsch ist alles fein und gut”. Diese Innens wissen und hinterfragen nicht, warum es sie gibt. Sie sind da, weil sie da sind und manchen ist bis heute nicht begreifbar zu machen, welchem Ausmaß von Zwang zur Anpassung sie ihr Sein zu verdanken haben, weil sie keinen Resonanzraum für etwas, das ich “Empathie der Not” nenne, haben.

Wir haben im Laufe der Zeit erfahren dürfen, dass wir bereits eine Ordnung in uns haben, die sich so gut es geht an das Außen anpasst. An manchen Stellen ging und geht es bis heute eher darum, immer wieder zu prüfen welche Faktoren, was wie beeinflussen.
Es gibt kein Innen das einfach so auftaucht, weil es Spaß dran hat oder sich selbst dazu entscheidet. Oft taucht eher das Innen auf, welches  für das, was im Außen wahrgenommen wird, am besten gerüstet ist.
Der Haken ist: Manch eine Wahrnehmung wird von Traumareaktionen verschoben.
Nicht alles, was für unser Gehirn als bedrohlich erlernt ist, ist es heute tatsächlich noch und braucht entsprechend auch keine inneren Schutzmaßnahmen, wie früher. Die neue Ordnung im Wechselchaos der Zeit seit dem Ende der Gewalt, begann also mit Reorientierung und dem Lernen neuer Handlungsmechanismen.

Was für mich spannend ist, ist die Wucht von sozialen Gewalten, die nicht einfach wegzuberuhigen sind.
Letztlich erlebe ich mein eigenes Vorstudium nicht konkret, weil ich in der Schule so viel Angst habe, sondern weil ich “keine Angst haben” nicht mit “an einem fremden Ort sein”+ “mit fremden Menschen sein” + “produktiv sein” + “Zukunftsorientierung” verbunden und in mir allein zum Handlungsmechanismus gestrickt kriege.
Jeder dieser Faktoren verändert sich in einem stetigen Wechselfluss, der sich wie ein Rhizom ganz autark neben mir am Laufen halten kann.
Das Schulleben braucht mich nicht, um zu sein. Das Schulleben funktioniert besser, wenn es mich (sich) vergessen und mit der Umwelt gleichmachen kann.

Die Anderen befassen sich damit, sich irgendwie mit einer Begabtenprüfung oder sonst was für Mitteln und Wegen in ein Fotografie – Film – oder Gestaltungsstudium zu kommen, um “Mutti und Vati” einen Grund zum stolz auf sie sein zu geben und haben noch immer nicht klar, in was für ein Leben sie zurückgehen, wenn sie fröhlich beschwingt den Berg von der Kunstschule runterhüpfen.
Sie gehen nicht für sich in die Schule. Sie tun es noch immer für die, für die sie immer zur Schule gegangen sind und manchmal habe ich Angst davor, dass sie so weit im Heute orientiert sind, dass sie das nicht mehr tun müssen.

Ich würde das Vorstudium verkacken. Deshalb habe ich solche Angebote nie angefangen oder für mich in Erwägung gezogen.
Und ich mag diese Wechsel zu nicht sehr orientierten Innens nicht. Deshalb habe ich auslösende Faktoren wie “fremde Orte” in Verbindung mit “fremde Menschen”, “produktiv sein” und “Zukunftsorientierung” immer vermieden.
Und jetzt habe ich ein drittes Leben in meinem Leben.

Okay – es ist bewusst in meine Richtung – das war früher anders. Aber …
Die Unsicherheit bleibt.
Was soll aus dem Vorstudium werden, wenn die Anderen weiter meine Therapie nutzen? Was, wenn sie sie richtig gut nutzen?
Und was ist, wenn ihr Leben zu meinem zu werden droht – etwa, wenn sie so gut werden, dass man uns für begabt genug für so ein Studium hält? [OhG’ttwasmachichdann?IchwilldocheigentlicheineEmilyDickensimStrandhauswerden]

Es wäre sehr praktisch, wenn wir uns absprechen könnten.
Es wär halt nur nicht unser (Viele) Sein.

6 thoughts on “das Leben neben meinem Leben”

  1. „Ich habe schön öfter davon gelesen, dass andere Menschen, die viele sind, sich im Innen absprechen, wer was wann macht und ich komme mir bis heute vor solchen Darstellungen wie eine Person vor, die das Viele sein falsch macht.“ – das zu lesen, lässt mich gerade sehr viel leichter atmen..!!

  2. Hört sich an, als hättet ihr Angst, dass das Funktionieren schlechter wird/nicht mehr klappt, wenn durch Fortschritte in der Therapie alte Ängste/Motivationen/Druck aufgelöst werden? Oder haben wir das falsch verstanden, sorry das kann auch sein :S Jedenfalls kennen wir die Angst auch sehr gut und haben allerdings bisher immer wieder die Erfahrung gemacht, dass wir, wenn wir solche alten Sachen bearbeitet haben, hinterher besser /für uns/ funktioniert haben und keine Fähigkeiten verloren haben, im Gegenteil. Das ist dann doch ganz beruhigend.
    Und nein, ihr macht das Viele-Sein nicht falsch. (auch diese Angst kennen wir…)

  3. Also, Angst davor Fähigkeiten zu verlieren haben wir nicht – aber, wir kennen es nicht, Erfolg zu haben auf so eine lange Sicht und Chancen, die wir tatsächlich nutzen und auch be-nutzen können, kennen wir nicht.
    Es ist mehr Angst vor dem Unbekannten und eine Angst dem, was kommt nicht gewachsen zu sein.

    Viele Grüße!

  4. „Sie gehen nicht für sich in die Schule. Sie tun es noch immer für die, für die sie immer zur Schule gegangen sind und manchmal habe ich Angst davor, dass sie so weit im Heute orientiert sind, dass sie das nicht mehr tun müssen.“

    Naja, nur weil man etwas nicht mehr tun muss, heißt es ja nicht, dass man es nicht doch weiter tun darf und möchte. Ich kenn es so mit den Veränderungen: das ist wie ein Pendel, was in einer Position zu weit rechts oder links festgehalten wurde. Sobald das „muss“ weg ist, wird es losgelassen und pendelt erstmal ins Gegenteil (vielleicht hier genau das tun, was Papa und Mama NIE wollten?), dann pendelt es zurück, aber nicht so weit wie vorher, wieder andere Richtung, wieder zurück..bis es sich irgendwann im „hier ist es ruhig und richtig für mich, hier möchte ich sein“ eingependelt hat.

    „Und was ist, wenn ihr Leben zu meinem zu werden droht – etwa, wenn sie so gut werden, dass man uns für begabt genug für so ein Studium hält? [OhG’ttwasmachichdann?IchwilldocheigentlicheineEmilyDickensimStrandhauswerden] “

    Du könntest zum Beispiel gucken, ob ihr dann das Studium auch noch wollt. Und wenn ja, ob Emily Dickens nicht vielleicht auch Illustrationen für ihre Bücher gut gebrauchen könnte oder Kunstwerke durch eingeflochtene Gedichte aufgewertet werden. Und wenn nein, ob ihr vielleicht dann noch einen Vorkurs Germanistik belegt, um ein Germanistikstudium zu beginnen. Oder ob ihr entscheidet, dass ihr gar kein Studium braucht, weil da schon so viel Wort in euch ist, dass ihr euer Eigenes zu eurem Stil macht und nicht das Gelernte. Oder ihr schaut, ob man studierter Künster UND unstudierter aber aus sich selbst heraus genialer Autor sein kann.

    Hm die Sache mit dem Strandhaus ist n bischen schwieriger als die mit der Zufriedenheit….da arbeite ich selbst dran, ohne Land zu sehen 😉 Is so glaube ich wie mit der ersten Millionen, die ist am schwersten, danach wirds leichter.

  5. Es ist einfach alles unrealistisch.
    Ohne Abi kein Studium – selbst diverse Nischen verlangen mehr Fähigkeit als wir haben. Die werden sich anstrengen ohne Ende, scheitern, kaputt gehen und wer bleibt sind wir.
    In dem Artkel ging es mir mehr darum auszudrücken, dass ich es schwierig finde. Und dass es mir Angst macht und wie Wechsel bei uns funktionieren.

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