Lauf der Dinge

Teilhabe am gesellschaftlichen Leben

Der Weg zum ersten Mal auf diese Art teilzuhaben war toll.
Ich machte einfach, was ich immer mache um mir die Welt anzusehen, in Bildsprache auszudrücken, was mir in dem Berg auf meinem Herzen liegt und irgendjemand anderes nennt das dann Kultur. Dann werden die Bilder in schöne schwere Rahmen – sogar mit Glas drin! – gelegt und eine Ausstellung wird organisiert.

Und dann kommen Menschen und schauen sich meine Sprache über ihre Welt an. Verleben ein paar Stunden unter anderen Menschen und gehen vielleicht bereichert, inspiriert, erfreut, satt, müde wieder nach Hause.
Und ich würde lieber russischen Zupfkuchen backen. Lieber Skypen und nebenbei Zeichnen üben. Über Ideen und Gedanken reden.
Mein kleines soziales Nest besetzen und irgendwann Rücken an Bauch mit NakNak* einschlafen.

Früher bin ich schon oft allein gewesen, wenn es etwas zum Vorzeigen gab oder jemand bestimmte, es sei ein guter Moment um etwas vom Geschafften zu zeigen. Wir waren eine aktive Jugendliche und hätten wir nur en bisschen länger durchgehalten, vielleicht wären wir weniger oft allein zu einem Auftritt der Band, der Tanzgruppe, der Chöre aufgetaucht, um während der ganzen Zeit auf die Tür und ins Publikum zu schauen, ob jemand dort ist, der mit uns verbunden ist.

Wir haben seit Jahren kein Instrument angefasst, keine Tanz- oder Sportgruppe besucht. Einmal haben wir versucht wieder in einen Chor zu kommen.
Und gemerkt, dass uns heterosexistische Performances nicht mehr nur nerven und ein Gefühl aufbauen falsch zu sein, sondern auch unbemerkt bleiben.

Und heute? Heute könnten wir unsere Familie anrufen und sagen: “Hey ich bins – ja ich hab immer noch keinen Job, bin immer noch krank, bin immer noch ganz die, die man besser verschwinden lässt – aber in der Welt, wo man so tut, als wäre das kein Problem – da durfte ich Fotos machen und diese Fotos findet jemand so gut, dass er sie unter Glas legt und in einen Gang mit noch ganz vielen anderen Arbeiten von Menschen hängt und Leuten sagt, sie sollen sich das mal anschauen. Guck mal, was ich gemacht hab!” und sie würden nicht kommen.
Und selbst wenn sie doch kämen, stünde neben dem Machwerk “Hannah C. Rosenblatt”. Sie würden unsere Werke nicht uns zuordnen.
Und selbst wenn doch, würden sie etwas von mir erwarten, dass ich nicht erfüllen kann. Weil ich immer noch ohne Ausbildung, ohne Job, immer noch krank, immer noch so eine verkrachte peinliche  Existenz bin, die einfach froh um jeden erträglichen Tag ist und blind drauf los versucht etwas zu tun.

Es heißt “Teilhabe am gesellschaftlichen Leben” und meint für mich immer wieder die Erkenntnis: “Hey, du bist ohne Gesellschaft hier.”.
Es meint, dass ich lächle, meine Muskulatur einrasten lasse und zu arbeiten anfange, um mir ein Gefühl der Berechtigung zu produzieren.
Und ich bin dankbar dafür, bemerkt zu haben, dass ich Arbeitsaufträge brauche, um mir Dinge, wie die Anwesenheit bei der Ausstellung meiner eigenen Arbeiten, erlauben zu können.
Vor ein paar Jahren noch musste ich mich für sowas mit Schnitten in die Haut, Hunger über Tage, Schlafentzug bestrafen.
Heute ist diese Strafe ausgelagert an meine Armut, meine Gefühle der Nullposition in dieser Gesellschaft.
Dass ich noch lebe ist die Strafe und kaum etwas kann das überbieten.

Nach zwei belichteten Filmen fuhr ich nach Hause. Erst als die Tür hinter mir ins Schloss fiel, fühlte ich mich wieder gemeinsam. Da waren die Buchstaben im Handymessenger, da war ein Leuchtturmlicht in Emails.
Geweint habe ich natürlich wieder nicht und vielleicht ist das so, weil ich schon vor 13, 12, 11, 10 … Jahren so viel im Voraus darüber geweint habe, dass ich ein erwachsenes Waisenkind bin, das niemanden so nah an sich hat, dass es glaubt, Grund zu Stolz oder auch Zufriedenheit über sich und sein Handeln zu haben.

Unsere Gesellschaft kennt Existenzen wie meine nicht. Sie kennt mich nicht, sie will mich nicht, sie braucht mich nicht und es gibts nichts, was mich mehr entlastet, um mein eigenes Dasein zu ertragen
Und trotz dem das so ist, ist es traurig für mich nur neben ihr zu stehen und zu denken: “Wenn ich nicht ich wäre, dann könnte ich ein jemand, wie diese dort sein. Oder wenigstens überzeugend so tun, als ob.”.

4 thoughts on “Teilhabe am gesellschaftlichen Leben”

  1. „Erwachsenes Waisenkind“… so habe ich das noch nie betrachtet. Vielleicht weil mir von Außen immer wieder vermittelt wird, dass ich mich nicht so fühlen darf – weil ja Alle (ok,inzwischen nur noch fast Alle) leben.

    Ich maße mir gar nicht erst an zu behaupten, ich wüsste, wie es dir damit geht… und erst recht nicht sowas wie „Du bist damit nicht allein! Das Gefühl gibt es hier auch!“ – denn das ändert, finde ich für mich zumindest, so rein gar nichts an tief verwurzelten und verzweigten Gefühlen vom einsam sein.

    Ich möchte dir nur sagen, dass hier Jemand ist, die die Traurigkeit liest und sieht…

  2. Mich ärgert dein Kommentar.
    Es ist zu einfach mir zu sagen, ich solle mich doch nicht über die Dinge definieren, über die sich so viele andere Menschen AUCH definieren. Es ist zu einfach mir zu sagen, ich sollte doch nicht denken, alles wäre anders, wenn alles für mich anders wäre.

    Es gibt Dinge, die du für dich als in meinem Leben negativ einschätzt, obwohl hier nicht mit einem Wort drin steht, dass ich es als negativ bewerte.
    Für dich wäre es negativ – für mich ist es Realität. Ich muss nichts positiv sehen, denn mein Blic oder meine Bewertung ändert nichts an dem Stand auf dem ich bin. Es verändert sich nichts, wenn ich die Dinge, die mir fehlen, als „nicht so schlimm“ darstelle.
    Alles was sich ändern würde, wäre das Maß, in dem du denkst, du müsstest mir sowas schreiben.

    ich erwarte nicht, dass du das verstehst- aber vielleicht prüfst du in Zukunft vielleicht mal noch genauer, ob und wenn ja was ich wie bewerte.

  3. Wenn ich in deinen Augen schon so viel erreicht hab, dass ich doch darauf gucken soll und mir sagen soll, das sei was Positives, dann gehts dabei um dich. Nicht um mich. Und dann hat das auch nichts in meinen Kommentaren zu suchen.

    Ich teile meine Erfahrungen nicht ein in positiv und negativ – das sind Bewertungen. Und eigentlich reichen zwei drei Artikel hier, um das zu bemerken.

    Mir zu sagen ich würde dich einfach nur falsch lesen, ist ein Versuch deinen Grenzübertritt an mir kleiner zu machen und auch das hat mit dir zu tun und nicht mit mir.

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