Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

wie man Kinder vor sogenanntem “sexuellen Missbrauch” schützt

Bei KrachBumm gabs einen Artikel dazu – gestern tauchte es in einem Artikel der Wortmutter auch auf:
”Wie kann man Kinder denn davor schützen zu Handlungen genötigt zu werden, die von Überlegenen als “sexuell” definiert werden?”.

Mein erster Impuls auf diese Frage zu antworten ist immer: “Indem du deinem Kind keine Gewalt antust und von anderen Menschen das Gleiche verlangst.”, denn:
– die meisten Fälle von Nötigung in als “sexuell” bezeichneter Art und Weise, passieren im direkten Umfeld der Kinder – und dem seiner Bezugspersonen

– Kinder, die in der eigenen Familie weder Stimme noch Recht noch Chance auf Gehör haben, haben keinen Anlass zu glauben, das Handeln einer fremden oder weniger nahen Person könne ein Falsches sein, selbst dann, wenn es körperliche oder seelische Schmerzen empfindet

Ich finde es wichtig, dass Eltern (unsere Gesellschaft) von der Auffassung wegkommen, sogenannter “sexueller Missbrauch” sei auf Räume, Umstände, innere oder äußere Begebenheiten spezialisiert. Selbstbewusstsein, die richtige Kleidung, das richtige Verhalten, Mut, innere Kraft – all das nutzt gar nichts, wenn man unterlegen ist. Misshandelt wird kein Bewusstsein, keine Kleidung, kein Verhalten – misshandelt wird immer der Körper, der unterlegen (gemacht) ist.
Immer.

Mit Kameras überwachte Stadtteile, vom Wachschutz patrouillierte Wohnanlagen, die örtliche Polizeistation, öffentliche Räume, wie Schule, KiTa, Sportverein, Räume, in denen Schweigepflicht wichtig ist … die Liste ist so furchtbar lang – und überall dort kann es dazu kommen, miss-be-handelt und zu Handlungen genötigt zu werden, die von jemandem als “sexuell” bezeichnet werden.
Es gibt keinen Schutz, keine besondere Zauberformel, die über Zufall, Glück und Lauf der Dinge hinausgeht.
Zu vertreten, es gäbe so eine Formel – es gäbe Möglichkeiten, die über die Beeinflussung von Menschen, die diese Gewalt ausüben (könnten) hinausgehen, ist falsch.
Es ist falsch, weil es bedeutet, eine unterlegene Person hätte würde könnte eventuell vielleicht ja auch gar nicht unterlegen (gewesen) sein.

Und das ist rape culture oder auch: Gewaltkultur, die sich genau daraus entwickelt, dass Menschen sich eher dazu entscheiden Kraft in Schutz vor Gewalt zu investieren, als da hinein, Gewalt als Mittel zum Zweck jeder Art abzulehnen und zu verhindern.

Wortmutter schrieb in ihrem Artikel, dass ihre Awareness vielleicht schon mal gut ist.
Ich denke: Oh ja, das ist sie.
Gewalt hat viele Gesichter, aber wenn man sich mit allen Gewalterfahrungen, oder auch Erfahrungen der Unterlegenheit allgemein, befasst, bemerkt man ein Muster und hat man das einmal bemerkt und begriffen bzw. für sich selbst erklärt, so wird man es immer wieder finden.
Auch an anderen Menschen, wie dem eigenen Kind. Und dann kann man noch einmal anders aktiv werden, als nur dahingehend sein Kind möglichst stark, möglichst selbstbewusst, möglichst unantastbar machen zu wollen.

Ich bin davon überzeugt, dass man sich damit auseinandersetzen muss, wie Unterlegenheit aussieht und wodurch in unserer Gesellschaft Überlegenheit definiert ist, um Unterdrückungsgesten [im Sinne von Machtausübungen] wie die Nötigung zu Handlungen an, vor oder mit dem Körper eines anderen Menschen, zu verhindern.

Es ist eben nicht an den Eltern, Kinder vor sogenanntem “sexuellen Missbrauch” zu schützen, sondern an denen, die es tun.
Eltern, Lehrer_innen, Nachbar_innen, Mitschüler_innen, Kirchenmenschen, Sporttrainer_innen …  können nur versuchen, dass es in ihrem Umfeld (und somit dem ihrer Kinder) keine solche Menschen gibt. Beziehungsweise, dass die Menschen, die das Verlangen nach solchen Handlungen haben, begreifen, dass sie die von ihnen präferierten Menschen(körper) vor sich schützen müssen. Vielleicht mit Hilfe.

Nicht mehr – nicht weniger, kann man tun.

10 thoughts on “wie man Kinder vor sogenanntem “sexuellen Missbrauch” schützt”

  1. Liebe Hannah, die Frage die Du da zitierst stammt garnicht aus meinem Text 😉

    Ich stimme Dir in allem was Du schreibst zu. Ich hoffe dass sich mein Artikel für Dich nicht so liest als glaubte ich dass irgendeine Verantwortung bei meinen Kindern oder uns als Eltern liegen, dass ich glaubte dass sie nur „das Richtige“ tragen müssten um sicher zu sein.

    Ziemlich bewusst und aktiv war es für uns als Eltern von Anfang an klar unsere Kinder zu stärken in der Wahrnehmung und Wahrung ihrer (körperlichen) Grenzen. Unseren Kindern zu vermitteln dass sie, ebenso wie wir, immer ein Recht auf „Nein“ haben.
    Was wir, als er- und gezogene Kinder unserer Eltern nun als Eltern unserer Kinder leiten können, das leisten wir auch. Da gibt es immer wieder Stolpersteine die ihren Dienst als Augenöffner erst erfüllen müssen doch die Sensibilisierung ist da und die Umsetzung recht gut.

  2. Ja, nee dein Artikel las sich gar nicht so für mich.
    Ich fasse es nur oft so auf, dass Eltern oft dazu gedrängt werden immer alles (und davon nur das Beste! mindestens!) zum Schutz ihrer Kinder zu tun – dabei können sie es nicht.
    Manche suchen dann Schwachstellen bei sich oder in ihrer Erziehung oder dem, was das Kind wann wo wie lernt und tut und und und – dabei könnte all das auch ungelernt sein und es würde evtl doch zu Gewalt am Kind kommen.

    Das fällt mir so oft auf.

  3. (Oh je, so viele Fehler in meinem ersten Kommentar und ich kanns nicht editieren
    „uns als Eltern läge….“/“…unserer Kinder leiSten können…“/…)

    Immer nur das Beste tun und leisten! Das erlebe ich in (allen?) anderen Kontexten in Bezug auf Eltern- bzw. Mutterschaft.

  4. Ich habe gelernt, dass sich Täter nicht nur bestimmte Orte oder Situationen, sondern auch bestimmte Opfer aussuchen.
    Kinder, die so wirken, als gäbe es niemanden, der verlässlich hinter ihnen stünde. Kinder, die ausstrahlen, dass ihnen niemand zuhört/sich ihnen widmet/ihnen glauben würde.

    Es ist vielleicht leider eben doch so, dass es eine bestimmte Ausstrahlung gibt – so zumindest habe ich es oft gehört und gelesen. Und auch selber erfahren. Denn meist ist man ja nicht nur einmal die unterlegene Person/das Opfer, sondern mehrmals.
    Dies endet dann, wenn man bestimmte Veränderungen und Heilung zugelassen und durchgemacht hat. Danach kommen viele nicht mehr in solche Situationen. Dies ist auch eine Erfahrung, die ich persönlich bestätigen kann.

    Selbstverständlich liegt die Aktion/Schuld beim Täter. Es mutet gefährlich an, mitzuteilen, wie man seine Kinder oder sich schützen kann. Diese „Maßnahmen“ vermitteln einen Hauch von Sicherheit und tun gut, wirken aber eben eventuell auch ein bisschen als gäbe es eine Teil-Verantwortung am möglichen gewalttätigen Geschehen.

    Bisher habe ich zu diesem Thema, wenn ich es denn mal mit anderen Müttern besprochen habe, immer gesagt, dass geliebte Kinder, denen man echte Aufmerksamkeit schenkt, immer etwas weniger in Gefahr sind.

    Da der meiste Missbrauch innerhalb einer Familie geschieht, sind dort leider eben oft auch gegenteilige Strukturen zu finden. Und diese sind meist auch schon einige Generationen alt. Hier gibt es viele Kinder, denen man nicht glaubt und für die kein echtes Wohlwollen existiert. Es gibt neben den Müttern, die große Angst vor einem möglichen Missbrauch haben auch jene, die dabei wegsehen, verdrängen oder von denen die Gewalt sogar ausgeht.

    Schulen, Ferienfreizeiten, Sportvereine und in kleinem Prozentsatz natürlich auch die beiden Kirchen (in gleichem prozentualem Maße) sind natürlich Orte, an denen sexuelle Gewalt geschieht. Aber die größte Gefahr geht trauriger Weise vom nahen Umfeld der Familie aus.

  5. Ich finde es falsch, Menschen zu sagen eine bestimmte Art sich zu verhalten würde irgendwas anderes aussenden, als dass es sie gibt.
    Am Ende nehmen sich TÄter_innen wen sie sich nehmen können und das ist so ein viel mehr-schichtiges Komplex als das Verhalten, die Ausstrahlung und die Rezeption der später als Täter_innen auftretenden Person bzw. der zu Opfer werdenden Personen.

    Ich glaube auch, du hast recht, wenn dieses Denken viel damit zu tun hat sich glauben lassen zu können, man könnte etwas verhindern. Es geht viel um Kontrolle dabei.

    Der Punkt der mir wichtig ist, ist dabei nicht zu vergessen, dass es Personen gibt, die bereits die Kontrolle verloren haben – denen bereits etwas passiert ist. Oft wird denen mit solchen Aussagen und Haltungen weh getan und die Verarbeitung der Gewalt wird ebenfalls erschwert.

    Viele Grüße (und willkommen bei uns 🙂 )

  6. Liebe Hannah,

    meine Intentionen bei dem oben genannten Artikel von mir lagen einerseits bei dem, was Saskia und Wortmutter schon zur Sprache gebracht haben und auch deinen Artikel unterschreib ich sofort.

    Was mir noch wichtig ist, ist Menschen zu erreichen mit einem Thema, bei dem sie sich sonst gern abputzen und ihnen auch noch ein paar Infos unterzujubeln, die ihnen sonst eher wenig über den Weg laufen.

    Ich denke nicht, dass sexuelle Übergriffe komplett verhindert werden können – zumal sie eben oft von den Eltern kommen. Wenn sie aber von anderen Bekannten ausgehen, finde ich es schon wichtig die Eltern mal in die Mangel zu nehmen in puncto Aufklärung und emotionaler Kompetenz. Damit lässt sich ein erster Übergriff vl nicht verhindern, vl auch kein zweiter, aber möglicherweise der nächste.

    Und: Das was unter klassischer Prävention im Sinne von Kinder stark machen in Richtung mein Körper gehört mir verstanden wird finde ich ist auch ein wichtiger Beitrag zur TäterInnenprävention. Wenn ich schon als Elternteil mein Kind nicht vor anderen beschützen kann, dann kann ich es zumindest auf den Weg ins Leben so begleiten, dass es die Grenzen anderer wahrnimmt.

    Wenn du dich vom Wortlaut meines Artikels getroffen gefühlt hast, tut mir das total leid.

    Katja

  7. „Mein Kind gehört mir“, denken sicher viele Täter_innen – ich glaube nicht, dass Besitzanspruch oder eine Haltung von „mein Kind geht euch gar nix an – Pfoten weg!“, wirklich eine präventive Maßnahme sind.
    Es ist schwierig eine Mitte zu finden in der Diskussion bzw. allgemein der Auseinandersetzung damit. Einerseits ist da der Druck an die Eltern, alles hinzukriegen und ihre Kinder zu schützen und andererseits ist viel Schutz eben doch nicht immer viel Schutz (Kinder, die in Sekten leben sind zum Beispiel wahnsinnig gut geschützt vor Menschen außerhalb der Familie… )

    Ich hab mich von deinem Artikel nicht getroffen gefühlt Katja. Ehrlich nicht.
    Ich habe daran nichts Falsches gelesen, nur diesen Dreh, den ich jetzt gerade gemacht hab, vermisst.
    Mir wird das einfach zu selten gesagt, dass es die Täter_innen sind, die die Gewalt ausüben und alles bei ihnen liegt. Auch eben die Verantwortung Kinder vor sich zu schützen.

    Viele Grüße!

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