Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Fundstücke, Innenansichten

Fundstücke #5

Manchmal, wenn ich so auf unser Leben gucke, denke ich: “Es könnte schlimmer sein”. Und dann fällt mir ein, dass meine Idee vom “schlimmer sein” meint, tot zu sein und ich komme mir bescheuert vor. Wenn wir gestorben wären, wäre nichts schlimmer als jetzt.
Es wäre nur ohne uns.

Sie feiern bald unseren Lebenstag und ich finde das seltsam. Für sie begann ein Leben. Das Leben, unser Leben mit den ersten wirklichen Schritten in die Selbstbestimmung. Und für mich ging es um Fragen wie: “Wie oft kann ich die abgegebenen Tabletts im Mc Donalds und im Burger King auf Essensreste hin durchwühlen, bis mich da jemand rauswirft?” und “Wie lange kann man sich in einer öffentlichen Toilette einsperren, um sich zu waschen und kurz die Augen zuzumachen, bis jemand kommt und die Tür aufbricht?” und “Erfriert man, wenn es nachts noch um die 5°C hat und man im Freien schläft?”.

Es war so weit weg von einer Heldengeschichte zu der sie in den Ohren und Köpfen gerne gemacht wird, wenn man von “Befreiung aus gewaltvollen Kontexten” spricht und gleichzeitig auch so fern von angeblich üblichen Straßenkinderpunkgeschichten.
Es war ein Übertritt in einen anderen Gewaltkontext, in dem “selber schuld” eine große Rolle spielt. Eine andere große Rolle als da, wo wir herkamen.

Wenn einen ein anderer Straßenmenschkinderpunk überfällt, um an relativ heile, relativ dicke Kleidung zu kommen – dann bist du selbst schuld. Du musst ja nicht auf der Straße leben. Du musst ja nicht jedem deinen Besitz zeigen. Du musst ja nicht “Nein” sagen. Du kannst auch woanders hin. Wenn du denn weißt wohin. Wenn du denn in die Lage kommst, in Ruhe die Informationen zusammenzusuchen. Wenn du denn genug leidest, dass dir deine Scham nicht mehr im Weg stehen kann.

Wenn sich unser Lebenstag jährt, dann denke ich an meine damalige Freundin, mit der ich gerne mein erstes Mal gehabt hätte. Bis mir die Schere zwischen meinem Selbst und dem Körper auffiel. Sie und ich – wir wussten nicht, dass wir einander hätten lieben dürfen, Sex haben dürfen, gemeinsam als Paar hätten gelesen werden dürfen. Wenn man gerade 15 Jahre alt ist, dann gilt das alles nur als eine Phase.
Ich habe ihr nie von der Gewalt erzählt. Ich wusste nicht, dass ich das hätte tun können. Wusste nicht, dass mein Wunsch nach einer solidarischen Menschengemeinschaft viel mit dem Schreien in meinem Kopf, dem Kämpfen in dem Haus, das wir “Zuhause” nannten und den Momenten, in denen ich aus Schnitten in meiner Haut blutete, zu tun hat.
Ich habe sie nach dem Tag, den sie heute als Lebenstag feiern, nie wieder getroffen.

SCN_0001Wenn ich heute auf unser Leben schaue, denke ich “Es könnte schlimmer sein”, weil ich vergesse, dass ich nicht mehr der 18 jährige Kämpfer im Körper einer 15 Jahre alten Ausreißerin bin, der sie am Leben hält.
“Es könnte schlimmer sein” ist Bullshit.
“Es könnte schlimmer sein” ist eine Einbahnstraße, wenn man weiß, dass man eigentlich immer alles überleben kann. Wenn man weiß, dass es letztlich immer um etwas geht, das die Grundlage für alles ist.

“Es könnte schlimmer sein” macht das, was heute schlimm ist, unsichtbar.
Meine schlimmen Schmerzen haben nie aufgehört. Die Zeit gluckerte weiter und spuckte mich hier und da mal raus – aber zum Heilen meiner Verletzungen hat es nie gereicht.
Meine Verletzungen waren schlimm. Sind schlimm. “Es könnte schlimmer sein”, heißt: “Sie könnten auch heute noch bluten”.
Dass sie es für mich noch immer tun, innerlich, für mich sicht- und fühlbar, gilt in dieser Perspektive nicht.

Der Lebenstag der anderen Innens, ist für mich ein Schmerzengedenk- und Verletzungsversorgungstag.
Jedes Jahr um diese Zeit spüren sie meine, ihre, unsere früheren Verletzungen, schauen unwillkürlich in meine Gedanken und Erinnerungen hinein und stellen mir ein Innen an die Seite, das mich von ihnen trennt. Das ist, als würden sie jedes Jahr den Verband erneuern, indem sie einen weiteren um die alten legen.
Sie können nichts dafür, dass die Zeit mich wieder hervorwürgt und in dieses Leben reinkotzt.
Ich verstehe schon weshalb sie mich wegzudämpfen versuchen.
Ich merke ihre Dankbarkeit für mein Opfer an ihrem Leben heute.

Ich glaube, “Es könnte schlimmer sein”, war der letzte wirklich klare Gedanke von mir, als ich die Hausordnung des Kinder- und Jugendnotdienstes unterschrieb.  Ein Kompromiss, den ich eingegangen bin, um schlafen und ausruhen zu können. Um mich von der Angst zu befreien.
Danach gab es mich praktisch nur noch als Widerstandsschluckauf und Erinnerungskotze.

Ich glaube, wenn sie denken „Es könnte schlimmer sein“, dann denken sie daran, dass auch sie es hätten sein können.

1 thought on “Fundstücke #5”

  1. Danke Dir sehr – für Deinen Erinnerungsschluckauf und die Erinnerungskotze, wie Du es nennst! Mich hat es bewegt, mir standen Tränen in den Augen und es hat mir eine Gänsehaut bereitet.

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