Lauf der Dinge

fast zugeschlagen

Vor ein paar Tagen hätte ich oder “ich” oder ICH?! beinahe ein Kind geschlagen.
Aber von vorn.

Ich – oder wir? Sind wir das oder wer eigentlich? – bin in einem Konflikt, der, warum auch immer, via Mail passiert und eigentlich nie passieren sollte. Er ist mit einem dieser Kontakte, die weh tun, wenn sie “aus” sind und angenehm warm, wenn sie “an” sind. Es ist einer dieser Konflikte, in denen man wütend aufeinander ist, weil man sich gern hat, einander aber trotzdem nicht versteht.

Ich schrieb eine Antwort und fühlte mit dem Absenden kaum Erleichterung.
Ich versuchte loszulassen.
So gingen wir mit NakNak* in die Sonne.

Ich dachte noch flüchtig daran, wie seltsam passend die Wendung “eiskalte Wut” ist. Meine Haut war kalt und feucht. Ich zitterte, als wäre ich zu dünn angezogen. Mein Kopf war leer. Da war NakNak*, die Konzentration auf meinen Atem, das Wasser in meiner Hand und die Sonne auf der Haut.

Und dann passierte, was immer passiert, wenn wir uns am Wochenende mit dem Hund an allgemein öffentliche Plätze begeben.
Menschen, die Hunde streicheln wollen. Menschen, die fremd sind und einfach in meine unsichtbare Alienblase hineintrampeln, ohne es zu merken. Diesmal war es ein Kind, das auf NakNak* deutete. “Darf ich den mal streicheln?”.
– “Nein.”.
”Aber ich will den mal streicheln.”
– “Nein, ich möchte das bitte nicht.”. Ich fing an mich zu ärgern und ging ein, zwei Schritte weiter.
“Was kostet der Hund? Kann ich den kaufen? Ich will den haben. Darf ich den abkaufen?”
– “Du darfst mal weggehen und aufhören mich zu creepen.”.

Kinderkumpelgelächter – wer ging und die Situation verließ, war ich.
Wir gingen an eine andere Stelle und schauten ins Nirgends.

“Der beißt dich gleich – ich würd das nich machen.”. Ein Mensch aus einer vorbei gehenden Menschengruppe sprach das Kind, das sich gerade von hinten an NakNak* zu schleichen versuchte, an und verriet es so. Ich schaute es böse an. Es lief weg.
Wir packten unsere Sachen zusammen. Wollten gehen und woanders nach einem guten Ort zum Ausruhen schauen.

Plötzlich blieb NakNak* stehen und stellte sich quer hinter mich – da hatte mich die Hand des Kindes schon am Arm gepackt.
Meine Faust war schneller oben, als der Schrei “Verpiss dich” ins Gesicht des Kindes, das sich mindestens genauso über meine Reaktion erschreckt hatte, wie ich.
NakNak* stand vor meinen Füßen, das Kind anderthalb Armlängen von mir entfernt.
Ich erinnere noch so einen flüchtigen Gedanken von “weit genug, um zu gehen”. Ich drehte mich wortlos, kopflos, ichlos um und lief querfeldein irgendwo hin.

Erst als wir an einer Ampel anhalten mussten und NakNak* penetrant den Augenkontakt suchte, füllte sich mein Denken wieder auf.
Hätte ich das Kind richtig verprügelt, wenn es nicht so weit weggestanden hätte? Wenn NakNak* nicht ihre Barrierenhaltung eingenommen hätte? Wenn ich es verprügelt hätte, hätte ich dann ins Gefängnis gemusst? Was wäre gewesen, wenn es mein eigenes Kind gewesen wäre? Wieso hatte ich das gemacht? Ging es um Selbstverteidigung? Ich hab mich nicht bedroht gefühlt- oder doch? Ging es um Wut über diese grobe Missachtung meiner Grenzen? – Ich hab keine Wut gefühlt – oder doch?
Eigentlich habe ich gar nichts gefühlt oder gedacht. Da war nur Affekt oder Reflex und sonst gar nichts.

Am Ende kroch die Angst durch mich hindurch.
Nicht einmal Angst davor ins Gefängnis zu müssen oder gestraft zu werden.
Es macht mir keine Angst zu wissen, dass ich fähig dazu bin, Dinge zu tun, die falsch sind. Ich tue eigentlich immer das Falsche – früher oder später ist so ziemlich alles, was ich tue oder getan habe, falsch.  Was mir Angst macht ist, dass es einfach so passierte.
Ohne Gefühl, ohne Gedanke, ohne Intension, die ich nachvollziehen kann.
Wenn ich meine Dinge falsch mache, dann denke ich immerhin immer, ich würde das Bestmögliche und Bestrichtigste tun. Meine Handlung sind dann fundiert. Die Faust vor einem Kind zu erheben und es anzubrüllen ist aus vielen Gründen nicht okay – aber es gibt Menschen, die tun das, weil sie denken, es wäre das Bestmögliche und Bestrichtigste, wozu sie in der Lage sind.

Ich glaube, mich würde diese Szene nicht so beunruhigen, wenn ich davon überzeugt gewesen wäre, das Beste zu tun , was ich kann.
Aber das war ich nicht.

Heute, 4 Tage später, kommt mir das Verhalten des Kindes nachwievor verwirrend und meine Grenzen missachtend vor. Aber nicht bedrohlich oder nervig oder frech. Ich kann nicht verstehen, wieso meine Worte es nicht erreicht haben. Wieso es für dieses Kind so wichtig war, NakNak* anzufassen.
Heute denke ich, dass ich den Konflikt, der in meinem Mailpostfach wohnt, eben doch nicht losgelassen hatte.

Ich hatte mich “aus” gemacht. Mich verschlossen und mich selbst losgelassen, um irgendwie einfach weiter zu machen.
Mein ganzes Üben vom Sprechen mit Menschen, um sie zu verstehen, ist für die Katz, wenn ich keinen Kontakt zu mir habe. Das ist, was in der Situation fehlte und letztlich dazu führt, dass dieses Ereignis für mich immer ein Moment haben wird, in dem ich die Stirn krause oder den Kopf schüttle.

Es ist, als wäre ich nicht in der Situation gewesen, aber nicht weil ein anderes Ich von uns dort war, sondern, weil ich innerlich “aus” war, äußerlich aber “an” im Sinne von “existent und reagibel”.

In den letzten Tagen fallen mir Schlag auf Schlag Situationen ein, in denen meine Eltern agieren, als wären sie unbeteiligt gewesen. Als hätten sie nichts mit Gefühlen von Kränkung, seelischem oder auch körperlichem Schmerz von mir und meinen Geschwistern zu tun. Ich weiß, dass beide an vielen Stellen dachten (und bis heute denken) sie hätten das Beste getan, wozu sie in der Lage waren – egal, wie andere und auch sie selbst, das heute bewerten würden. An manchen Stellen allerdings haben sie nicht darüber nachgedacht, was sie da eigentlich tun und genau das waren diese Momente, über die sie so unbeteiligt wirkten, so völlig ohne Intension hinter dem Handeln.
Ich weiß, es ist nicht richtig zu sagen: “Sie hatten den Reflex eines ihrer Kinder zu schlagen.”. Reflexe sind unwillkürlich und dem Überlebenskodex der Evolution unterworfen – die Verletzung anderer Lebewesen ist das nicht. Aber ich glaube, mir fehlt ein alternatives Wort, das den reflexartigen Charakter dieser Handlung mitbenennt.

Ich muss zugeben, dass es mich auf eine Art beruhigt zu fühlen, wie wenig das Heben der Faust und das Brüllen, mit dem Kind oder meiner Sicht, meinem Denken und Fühlen über das Kind zu tun hatte. Es ging nicht um das Kind – es ging um etwas, das mir noch nicht – vielleicht auch nie – bewusst ist.
Ja, das Kind hat sich nicht okay verhalten mir gegenüber, aber mir ging es nicht darum es zu bestrafen, ihm Angst zu machen oder ähnliches. Ich weiß nicht, worum es mir ging und wären wir einander nicht komplett fremd, würde ich das auch kommunizieren.

Und das ist vielleicht der Unterschied zu meinen Eltern. Ich bin in der Lage das so zu sagen und damit eine Verantwortung für meine Reaktion zu übernehmen, die meine Eltern bis heute nicht übernommen haben.

Und jetzt?
In dieser Woche haben wir wieder einen Therapietermin. Ich hoffe, mich in der Stunde “an” machen zu können. Noch eine weitere Sicht auf den Konflikt zu erhalten, vielleicht ein Wort für das, was mir und dem Kind am Wochenende passiert ist, zu bekommen.

Ehrlich gesagt hoffe ich, dass ich endlich weinen kann. Oder wer auch immer da so dicht hinter mir ist, dass ich keinen Blick drauf werfen kann, und weinen möchte. Ich habe die Ahnung, dass alles damit angefangen hat, dass ich wieder einmal den Punkt verpasst habe, an dem Weinen wichtig und okay gewesen wäre.

7 thoughts on “fast zugeschlagen”

  1. „Er ist mit einem dieser Kontakte, die weh tun, wenn sie “aus” sind und angenehm warm, wenn sie “an” sind. Es ist einer dieser Konflikte, in denen man wütend aufeinander ist, weil man sich gern hat, einander aber trotzdem nicht versteht.“ Das ist granidios in ein Bild gebracht. ich habe auch so einen Kontakt und mich immer gefragt,w as da los ist. Das Lesen Deiner Zeilen hat grad eben trübes Wasser klar gemacht. Man. Danke dafür.

  2. Noch was. (Auch) Als Kind liebte ich Hunde. Wenn einer in meine Nähe kam, gab es nur ihn. Den Hund. Und nur einen Gedanken. Streicheln. Ich wollte sein Freund sein. Er sollte mein Freund sein. EGAL, was da ein Erwachsender gesagt hätte. In dem Moment, wo ein Hund in meine Nähe kam, betrat ich einen anderen Raum. Eine andere Welt. So wie Du in Deinem Raum bist und da Deine Dinge geschehen, war das Kind evtl. auch in seinem Raum. Seiner Welt. Es konnte Dich nicht hören. Mit den Ohren schon. Aber nicht im Innen. Weil es in seiner Welt nur den Wunsch nach dem Freund gab. Der da stand.

  3. Mir fällt dazu die Formulierung „situative Logik“ ein. Eine in-sich-stimmige oder erklärbare Situation: Du/Ihr mit einer reflexhaften Reaktion auf eine gefühlte Grenzüberschreitung (in einer Verfassung, wo Du/Ihr zu „aus“ gewesen bist/seid, um rechtzeitig wahrnehmen und verbal klären zu können, bzw. nicht vom Kind weggehen/flüchten zu müssen, sondern selbst-sicher auf Abstand zu bestehen- wie sollt Ihr Euch ab-grenzen, wenn Ihr gar nicht da seid?)- und das Kind mit einer Auf-dringlichkeit, so lange, bis Ihr genug „da“ seid, um deutlich agieren zu können (Drohgebärde). Und Eure großartige NakNak dazwischen, die offensichtlich die Ruhe bewahrt hat und Euch dabei geholfen hat, wieder „zurückkommen“ zu können.
    Also, irgendwie ist das alles vollkommen logisch für mich. 😉 Vor allem ist es deshalb so verständlich und „in sich klar“, wenn ich von Deiner Ahnung lese, wann „das alles so angefangen hat“- ich kenn das auch, dass weinen sehr helfen kann, sich wieder zu erden und zu sich zu kommen und dem „Ab-schalten“ entgegenwirkt.

  4. Ja, so betrachtet klingt das total logisch – aber ich denke immer irgenwie Logik hat auch etwas mit Antrieb zu tun oder Intension. Die fehlt mir hier aber. Ih hab nicht das Gefühl gehabt es ging um Drohung oder so. Also – was nicht heißt, dass es das nicht doch auch mit drin gewesen war – aber da war echt so ganz und gar nichts. Einfach nur zack und bäng und weg.
    Ich weiß nicht, vielleicht häng ich mich da grad an was auf? Hm.

  5. Also ich kann da Paulines Co nur zustimmen!
    Je mehr ich darüber nachdenke, desto logischer erscheint es mir irgendwie.
    Du sprichst von einem reflexartigen Verhalten und ich finde damit triffst du den Nagel doch schon auf den Kopf! Ein Reflex selber verhält sich ja schlicht nach Reiz-Reaktion-Modell. Ganz ohne großes Denken, Fühlen oder „Ah, Vorsicht“-Gefühl.
    Wenn du z.B. niest, schließen deine Lieder sich ganz automatisch – ohne irgend eine Emotion dazu. 😉
    Naja, und „reflexartiges Verhalten“ heißt ja nun auch nicht umsomst so. Wenn auch nicht angeboren, so ähnelt das dem Reflex doch einfach sehr.
    Von daher macht das, was du schreibst, für mich absolut Sinn!
    Es gab einen Reiz und es gab eine Reaktion – und weil es so reflexartig war, ist es doch auch irgendwie klar, dass da kein greifbares „Warum?“ dazwischen gibt.

    Also für mich zumindest, so von Außen betrachtet.

  6. Ich kann mir vorstellen, dass es ein Schutzmechanismus war.

    Man ist es gewohnt, dass die eigenen Grenzen so oft überschritten wurden, dass man sehr empfindlich wird gegen Grenzüberschreitungen, vor allem dort wo man sich wehren kann, oder die Macht hat sich zu wehren. Auch wenn die Grenzen nicht mehr in dem Mass überschritten werden, wie sie das früher wurden. Ich spüre meine Grenzen oft gar nicht, ich habe das Gefühl, du spürst sie recht gut, auch wenn du sie vielleicht auch manchmal selbst überschreitest. Das kann ich nicht beurteilen.
    Ich kenne das von meinem Umgang mit meinen eigenen Kindern. Es ist einfach zu sagen, man soll mit seinen Kindern respektvoll und freundlich umgehen, wenn man das selbst nie erlebt hat. Mir geht es oft so, dass ich in ein anderes Ich abrutsche. Ich sehe mir zu und höre, wie ich Sachen zu meinen Kindern sage, die ich nie so zu meinen Kindern sagen wollte, aber ich kann mich nicht bremsen. Das macht mich noch wütender, ja machtlos. Es hat wirklich nichts mit dem Kind selbst zu tun, wie bei dir mit dem Kind im Park. Es sind alte Reflexe, alte Ängste, die die Macht übernehmen. Dieser strenge Erzeiher, den man irgendwann verinnerlich hat, weil man ja immer auf der Hut sein musste und alle Reaktionen von aussen schon verinnerlicht hat und vorausberechnen kann. Man reagiert unangebracht, übermässig. Man tut sich selbst weh, indem man anderen weh tut und bestraft sich selbst.

    Ich war gerade mit meinen Kindern ein paar Tage bei meinem Vater. Meine Jüngste will nicht mehr zu ihm, ihn nie mehr besuchen. Er war halt wie immer, wie früher. Ich habe gemerkt, sie hat diese Distanz, die ich nie hatte. Ich konnte das nie sagen, das ich nicht bei meinen Eltern sein will. Wie schlimm es für mich eigentlich war, sehe ich an ihrer Reaktion heute.

    Sorry, ich komme völlig vom Thema ab, weil mich das gerade so beschäftigt. Lass es jetzt trotzdem mal stehen.

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