Lauf der Dinge

Trauma-Yoga Teil 2 oder “Wow! Es ist ja immer noch alles da!”

Ich hatte eine Epiphanie.
Die Eröffnungsübung hat mich gestresst und außer, dass ich mich angehalten habe, nicht über diesen Stress hinweg irgendwas zu üben oder zu versuchen, war jetzt monatelang gar nichts weiter drin, als zu schauen, wo das Gefühl der Unruhe herkam und wie ihm zu begegnen zu sein könnte.

Die Eröffnung beginnt damit zu spüren, wo man so aufliegt oder sitzt und verbunden ist. Da krabbeln mir schon die ersten Gänsefüße über die Haut, aber das ist okay. Ich nehme das als Zeichen dafür, dass Blicke eben doch auch Spuren machen können. Ich werde schon nicht so gern von außen angeguckt, weil es mir weh tut – vielleicht sind Blicke von sich auf sich selbst drauf da irgendwie ähnlich.
Anyway – die Übung geht dann weiter mit einem Spiel dieser Verbundenheit. In der Anleitung heißt es “Und schließlich können Sie sich darin üben, mit ihrer Verbundenheit mit dem Boden zu interagieren. […] Achten Sie, während Sie mit ihrer Verbindung zum Boden interagieren, einfach auf alles, was Ihnen auffällt.”.

Mir sind viele Dinge aufgefallen. Viel zu viele. Und keines dieser Dinge, hatte etwas mit meinem Bezug zum Boden zu tun. Weil ich ja den Fuß vom Boden genommen habe zum Beispiel, oder die Luft zwischen meiner Hand und dem Boden mit der Bewegung verwurschtelte und ja dann gar nicht mehr wusste, dass sie mich mit dem Boden verbinden sollte.
„Hui viele Staubflocken – oh ich könnt auch grad mal Staubsaugen – wieso ist das hier eigentlich so staubig – Lungenkrebs! bestimmt kriegt man hier sehr schnell Lungenkrebs – seht ihr, ich hab euch gesagt, das ist ne ungesunde Umgebung… – orr ich wollte doch diese Übung – orr argh- Stopp! Dann beende ich das jetzt. Ende – Ausatmen – Hände waschen, was trinken…“

Ich nenne solche Aufmerksamkeitssprünge und das Reinfallen in irrelevante Details “innere Vermeidungstänze” und weiß, dass die losgehen, sobald irgendwas schwierig ist. In dem Fall die Frage “Wie viel Entfernung geht für mich zusammen mit Verbindung?”.
Wie oft haben wir uns schon sehr verbunden mit Menschen, Dingen, Umgebungen gefühlt, nur um zwei, drei, vier Sekunden später für immer mehr oder weniger radikal davon getrennt zu sein? Wie oft schwankt die Wahrnehmung von Verbundenheit zu Menschen, Dingen, Umgebungen “einfach so” im Alltag? Ich habe immer noch Zeiten am Tag, an denen ich mich darüber versichern muss, dass diese mir plötzlich so fremde (entfernte) Wohnung, die ist, in der wir seit 2 Jahren wohnen.
“Verbundenheit” und “Entfernung” sind für mich Wabbelwörter mit Gummisinn. Sie bieten mir keine feste Einheit, auf die ich mich stützen kann.

Aber! ha haaa!
Blättchen2Wir haben seit jetzt ein paar Wochen eine neue alte Fotokamera.
Sie hat ein Objektiv, das wir selbst verstellen können, um uns die Objekte, die wir fotografieren möchten nahe heranholen können oder wieder “von uns zu entfernen”. Für uns eine neue Erfahrung:
a) wir brauchen nicht nah an etwas dran gehen, um über den Sucher eine Verbindung zum in etwa erwarteten Motiv herzustellen, sondern können machen, dass es nah an uns dran kommt
b) es ist regulierbar – das Objekt verschwindet nicht (aus dem Sucher), wenn es weiter weg ist
c) beides ist die gleiche Handlung von uns
d) beidem geht eine Entscheidung voraus

Ich kann mich erinnern, dass wir eine ähnliche Übung mal in der Klinik hatten und den Sinn nicht verstanden haben. Da hatten wir ein Seil und sollten damit die Therapeutin von uns entfernen bzw. näher an uns heranbringen. Heute weiß ich, dass das alles getriggert und damit in den toxischen Stressbereich gebracht haben wird – was wiederum logisch macht, dass nichts verstanden wurde. (Hey – alleine mit einem Menschen (klar: mächtiger als wir) mit einem Seil in einem Raum – würd ich heute nicht mehr einfach so reingehen “weil man das ja macht” oder “weil Therapie ja nicht leicht sein soll” oder “weil man ja nur 4-6 Wochen hier sein kann und man keine Zeit mit diesen bescheuerten unbegründeten Ängsten vertrödeln will” – aber das nur als Randnotiz)

Jedenfalls ist so mein Ort zum Üben im Wohnzimmer, wo unsere Bücherfaltengebirge umherwandern und alle Projektutensilien verteilt sind. Auch die neue alte Kamera.
Ich verband mich mit dem Boden, drehte den Kopf ein bisschen und zeitgleich mit dem Gefühl von “nicht-mehr-verbunden-weil-ich-hab-mich-bewegt”, rückte die Kamera ins Blickfeld. Und dann ruckte da irgendwie was in mir zusammen und es war okay.
Einfach irgendwie so okay. Ohne Huckel oder Ränder.

BÄNG Epiphanie!

Das Gefühl ist mir nicht weggeschwommen und als ich dann fertig war, mich darüber zu wundern – dann ging es auf einmal ganz leicht, das auf seine Eigenschaften zu testen und auch das immer gleiche Ergebnis von “es ist immer immer noch da: ich bin immer noch da – der Boden ist immer noch da” einfach so anzunehmen, ohne in Richtungen zu kommen, die mit der Sicherung oder Wahrung der Verbindung zu tun haben.

Jetzt fühlte es sich wirklich okay an, danach eine der “richtigen” Übungen anzufangen.

Nächster Schritt: “Nicht erschrecken, das ist nur Körper.” – im Moment ist der Schreck oft noch da. Wir wissen aber noch nicht, wer sich da erschreckt und warum.
Deshalb bleiben wir dran.

Ein Gedanke zu „Trauma-Yoga Teil 2 oder “Wow! Es ist ja immer noch alles da!”“

  1. das finde ich gerade hochgradig spannend, spricht es doch auch meine erfahrungen mit der selbstbeobachtung im stillem sitzen an. als erste übung, die verbundenheit mit dem boden spüren – hola die waldfee, dachte ich eben… da bin ich seit jahren dran. 😀 und wenn ich das jeden tag könnte und auch noch dieses gefühl halten könnte, dann würd ich mehr gar nicht wollen. für mich liegen da ganz zentrale erfahrungen genau an dieser stelle. ein gefühl von – ich bin hier – hier ist alles okay – hier bin ich in sicherheit – hier kann ich vertrauen/loslassen.
    ich wünsch dir noch viele spannende, bereichernde erfahrungen.

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