Innenansichten, Lauf der Dinge

fliegende Tische

“Ich habs ihr gesagt”, sagt sie mit einer Stimme zwischen Sandelholz und Lavendel. “Ich hab ihr gesagt, dass wir zur Therapie gehen, um Dinge zu verstehen. Euch Menschen und diese Welt zu verstehen, nicht um irgendwas an uns zu verändern.”.

Ich höre ihrem Telefongespräch zu und denke, wie seltsam dieser Gedanke ist. Obwohl – vielleicht nicht wirklich seltsam – seltsam ist, dass wir Wasser aus Plastikflaschen trinken, obwohl sauberes aus der Leitung kommt. Eigentlich ist es mehr fremd für mich.
Ich denke spontan darüber nach, ob sie vielleicht doch eins dieser Innens ist, das arrogant ist. Vielleicht hält es sich ja für toller, als es ist – bzw. nach außen sein kann, mit mir Versagerin am Seelenbein. Vielleicht muss es in der Therapie verstehen, dass es durch mein Versagen in Sachen gesellschaftlicher Verwertbarkeit, zu Veränderungen an sich kommen muss. Vielleicht muss es verstehen, dass ich es hindere und hemme und dann wird es sich selbst verändern und lernen, wie es mich abstoßen kann. Oder verändern. Was weiß ich.
Am Ende ist dieses Gesellschaftskonzept “Therapie” doch nichts weiter als eine Reparaturmaßnahme, um von anderen Dingen, als denen, die in mir drin sind, zerstört zu werden.

“Oh, und was hat Frau N. dazu gesagt?”.
”Sie hats aufgeschrieben, damit wir nächste Woche darüber reden können.”.
“Und wie ist das für dich?”.

Ich werfe den ersten Tisch durchs Innen. Bin wütend, weil mich unsere Rolle der Person, die man fragen muss, wie es ihr mit irgendwas geht, so ankotzt.

“Ich find gut, dass ich jetzt nur noch dran denken muss, dass das aufgeschrieben ist. Dann kann sie ja auch alles aufschreiben und erklären und dann ist das ja fertig- also dies “Therapie machen”. Vielleicht muss ich dann nur noch einmal da hingehen, wenn ich was nachfragen will oder so.”.

Ein bisschen geschockt bin ich ja schon. Sitzt sie da und schwebt in so einer Illusion, die in sich so unschlagbar logisch ist. Denn klar ist für sie die Therapie dann zu Ende, wenn sie die Dinge erfahren hat, die sie erfahren will. Aber das ist nicht “Therapie”.
Erklär aber bitte mal jemand “Therapie”.

Was ist denn “Therapie”? Was ist denn “therapeutische Hilfe”? Eigentlich ist es nie etwas anderes als ein Prozess bzw. die Begleitung eines Prozesses in dem es darum geht zu verstehen. Vielleicht zu akzeptieren, vielleicht zu verstehen, wie wichtig es ist, dass Toleranz wichtig ist, wo Akzeptanz nicht gewollt ist, weil es schädigend bis tödlich für einen selbst sein könnte.

Ich finde, wir missbrauchen das Konzept “Therapie”. Denn eigentlich gehts nicht darum zu verstehen oder an einen Punkt zu kommen, an dem wir das, was uns angetan wurde, als Teil unseres Lebens und als Teil der gesamtgesellschaftlichen Kontexte, in die wir als Einsmensch geboren wurden. zu akzeptieren. Würden wir das tun, würden wir einen so extrem unlogischen Schritt tun, der das, was uns angetan wurde, durch Üblichkeit legitimiert – was wiederum der Bullshit ist, der diese Gewaltstrukturen und so kaputte Existenzen wie unsere überhaupt erst produziert.

BlütenkunstEigentlich ist unsere Therapeutin eine Zeugin.
Wir benutzen sie nur, damit ein äußeres Jemand weiß, was passiert ist.
Das könnten wir auch bei der Polizei tun, aber was wär das denn bitte für ein Umweg in die geschlossene Abteilung bis die Kasse nicht mehr zahlt und man sich ein ambulant arbeitendes Ohr ohne Mund suchen soll.

Es ist irgendwie einfach viel Erzählen, das #ausGründen schwer ist. Aber wenn wirs geschafft haben, dann könnten wir gehen.
Dann ist alles raus und wir müssten uns den Platz im Grab nicht mit so viel Horror, Schmerz, Angst und irgendwie ja auch “Leiden” teilen.
Ich verstehe nicht, wieso Innens wie dieses uns dabei stören*.

Um dem Ausdruck zu verleihen, schmeiße ich einen weiteren Tisch in ihre Richtung.

“Ja, dann hättest du die Therapie für dich gut genutzt.”, unsere Gemögte hmmt zustimmend, “und wie gehts dann weiter? Weißt du schon, wie du mit dem, was du verstanden hast, umgehen willst?”.

Stille.
Ein Tischbein steckt dem Innen im Hinterkopf. Ich pflücke es, wie ein Partyhäppchen, vom Vorne und schnipse es ins Inmitten zurück. “Passt schon”, denke ich. Innens können nicht sterben.

“Sie ist nicht mehr da.”
”Oh.”
”Tja. Ach. Egal.”

“Hm. Wir waren aber gerade im Gespräch.”
”Tja… sORR!y ?!”

“R.?”
”Was?”

“Irgendwas ist bei euch los.”.

Im echten Leben lassen sich Tische nicht so leicht durch die Gegend schmeißen.
Schade eigentlich.

 

*[Wobei- doch: Es merkt halt unser „Leiden“ nicht und kann deswegen auch nur denken, was es eben so denkt]