Lauf der Dinge

habt ihr* ein “und dann”?

Mit kommts vor, als würde der sogenannte “erweiterte Suizid” (der meiner Ansicht nach, eine andere Bezeichnung braucht) eines weißen Mannes den Rahmen der Ignoranz und Vermeidung erweitern, je ferner sich die vermeidungswilligen Ignorant_innen wähnen.
Da schaue ich auf ein Wandtattoo, das ich mit meiner Kotze dran nicht abstoßender finden könnte – neben jedem Verständnis für die Gefühle der Trauernden, die sich von so einem Produkt tatsächlich getröstet fühlen.
Da schaue ich auf die Presse, die ich mich, nach diesem Totalausfall auf breiter Front, immer weniger als “Medien” zu bezeichnen in der Lage sehe.

Und ich schaue in meine kleine Filterbubble und bemerke Wiederholungen, statt alternativer Schritte.

Das Unglück Der massenmedial aufbereitete sogenannte “erweiterte Suizid” eines weißen Mannes ist ein aktueller Aufhänger – ich bin mir bewusst, dass es als Derailing gelesen werden kann (und wird), wenn ich jetzt nicht auch mit in das Horn “Hört auf ‘psychisch Kranke’ zu entschuldigen” oder “Die Berichterstattung ist ableistisch!!1!!1!!1” oder “KACKSCHEIßE IN DER BILD” oder “Die Gesellschaft ist…” reinpuste, weils einfach immer gut kommt und ja oft genug auch leider immer noch radikaler und politischer rüberkommt, als das, was man so von anderen Personen wahrnimmt. Meiner Ansicht nach, ist vieles von dem, was in diese Hörner gepustet wird, das eigentliche Derailing.

In dem, was ich im Moment wahrnehme, geht es darum, was als gegeben betrachtet wird und wie darüber gesprochen wird.
Nach den Protesten in Ferguson und dem Hashtag #BlackLivesMatter habe ich noch einmal viel umfassender verstanden, was internalisierter Hass bedeutet. Dort im Komplex des Rassismus.

So kommt es zum Beispiel, dass schwarze Personen, die eine Straftat begangen haben, in den meisten Fällen anders bezeichnet bzw. beschrieben werden, als weiße. So wird eine schwarze Person, die mehrere hundert Menschen in einem öffentlichen Gebäude erschossen hat zum “Massenmörder aus niederen Beweg.Gründen” oder direkt ein “Terrorist”, während eine weiße Person in der Regel als “psychisch krank” (und ergo nicht ganz bei sich/in einem Ausnahmezustand befindlich und ganz am Ende: nur bedingt verantwortlich für seine Handlungen) bezeichnet.

Ich achte inzwischen sehr aufmerksam darauf, wie viel internalisierter Rassismus, aber auch Ableismus, (Trans-)Misogynie, und nicht zuletzt etwas, dass ich für mich bis jetzt als “gesellschaftlich pseudokonsenuale Vermeidungstänze” bezeichne, in Zeitungen und anderen Medien, über die mir Informationen bereit gestellt werden, auftauchen.
So könnte ich jeden Tag einen Tweet nach dem anderen verfassen und immer wieder mit dem Finger auf etwas draufzeigen und herumpieksen. Und das würde rewarded ohne Ende. Die gefühlten tausend Watch-Accounts bei Twitter, die Sammeltumblr’s, die Blogs, in denen ein Artikel nach dem anderen nichts weiter tut, als die Beweise für perpetuierte Diskriminierungen und andere Formen von Gewalt, die Menschen ganz alltäglich anderen Menschen antun, zu sammeln, senden mir zumindest dieses Signal. Ich glaube nicht, dass sich jemand diese Arbeit macht, wenn er/sie/* keine positive Rückmeldung von irgendjemandem erhielte oder sich davon erhofft.

Ich bin unzufrieden damit. Kann sein, dass das alles ist, was man tun kann. Ja.
Kann sein, dass diese Watch-Kultur dazu führt, dass die Sichtbarkeit dieser Gewalt zunimmt.
Kann sein – ist ganz sicher auch an vielen Stellen so – aber ich frage mich zunehmend, was dann passieren soll und fühle mich allein mit diesem Gedanken.

Was ist, wenn die Menschen erkennen, dass Menschen gefährliche Tiere sind? Was tun wir, wir alle – alle die es uns gibt und die auf diesem Planeten herumkrauchen – wenn wir in der Lage sind, anzuerkennen, dass es für manche Gewalt, die wir uns – sei es ganz alltägliche, wie der frauenfeindliche Witz oder die rassistische Karikatur, oder ganz extrem ungewöhnliche, wie ein sogenannter „erweiterter Suizid“ mit einem Flugzeug oder dem Umsichschießen in einer Schule – antun, keinen anderen Grund, als die Entscheidung einer einzelnen (dazu privilegierten) Person allein, gibt?

Ich bin die Letzte die Pathologisierungskritik ablehnt – bitte bitte immer her damit – es gibt noch viel zu wenig davon! – aber: Wisst ihr*, was ihr an Stelle dessen haben wollt? Ist klar, was mit der Auflösung von Pathologie – von am Ende immer: Hass (Ablehnung/Abgrenzung) – einhergeht?

Ich frage mich wirklich, wie Menschen, deren gesamtes Weltbild auf der Abgrenzung, der Entfremdung und Entfernung von sich selbst, wie auch seiner Umwelt basiert, sich zu verhalten und miteinander umzugehen gedenken, wenn sie sich selbst definieren müssten. Wenn sie keinen Unterschied mehr zwischen sich und anderen Personen machen können, weil ihre Handlungen unterschiedliche Bewertungen erfahren und ergo in die Ver-Wertungslogik gesellschaftlicher Privilegierung fließen.

Was wollt ihr machen, wenn ihr feststellt, dass Menschen eine Macht haben, die ihnen erst dann klar ist, wenn sie andere Menschen unterdrücken?
Wie wollt ihr diese Dynamik verhindern? Und wieso?
Was ist, wenn es sichtbar ist für alle – aber niemand verhindert die weitere Anwendung, weil sie ganz natürlich zum Menschsein dazugehört?

Was ist, wenn ihr mir glauben müsst, wenn ich euch sage, dass Menschen und ihre Entscheidungen das Gefährlichste sind, was dieser Planet für euer Leben zu bieten hat?

Ist doch viel beruhigender sich zu sagen: “Ach, die Rosenblatt ist ja krank…(nicht wie ich)”, oder etwa nicht?
Wann kommt der Punkt, an man auch anerkannt werden kann, was als Vorteil von Pathologie, von Ab- und Ausgrenzungen jeder Art für wen und wann genau wichtig und unter Umständen genauso lebensrettend, wahrgenommen wird?

Oder mag dieser Punkt vielleicht gar nicht kommen, weil er so unfassbar komplex und schwierig ist und ja eigentlich alles okay ist, wenn man vorm Fernseher sitzt mit Chips und Bionade?

Niemand muss sich persönlich von diesem Artikel angesprochen fühlen. Diese Gedanken kreiseln in mir schon seit einer Weile und haben keinen wirklichen einzelnen Ursprung in einem Posting, Tweet, Tumblr etc.
Ich bin auf der Suche nach Wegen und Möglichkeiten, anderen Menschen keine Gewalt mehr anzutun, ohne aber verleugnen oder bewerten zu müssen, dass Gewalt ein allgegenwärtiges Ding ist, das unser aller Leben definiert und strukturiert.
Vielleicht bin ich damit allein, vielleicht aber auch nicht.

Es gibt einfach diese Spitzen von Momenten wie diesem jetzt gerade, wo ich einen Artikel schreibe, statt Flashbacks zuzulassen, die mir das Bewusstsein an die Brutalität, den Sadismus, die Ignoranz, die Lust an der Ohnmacht anderer Menschen so nah sein lässt, dass es kein Entrinnen daraus gibt.

Es gibt diese Spitzen, in denen ich denke: „Ich habe die Menschen gesehen und ich habe sie ausgehalten und ihre Taten überlebt.
Und weil ihr diese solche Taten und das Bewusstsein darum nicht aushalten wollt (weil ihr so privilegiert seid, euch darüber entscheiden zu können), entscheidet ihr euch für Pathologie, Ab- und Ausgrenzung. Weil das aber genau der Mechanismus von Gewalt, ist, den ihr bei zum Beispiel rassistisch oder (trans-) misogyn agierenden Menschen ablehnt, entscheidet ihr euch für eine Kritik daran, die kein “und dann” kennt oder Alternativen eine Grundlage gibt.“

Es gibt diese Spitzen, in denen ich mich von euch abgrenze, eure Gedanken und Kritiken bewerte, euch darin kritisiere und nicht weiß, ob die Abwesenheit eines schlechten Gewissens diesbezüglich nicht doch schon der Beginn der Gewalt ist, die ich selbst kritisiere bis ablehne.

Es gibt diese Spitzen, in denen ich gern von einem möglichen “und dann” wüsste, um mir selbst den Weg aus der Gewalt heraus ermöglichen zu können.

(* ich weiß nicht, wen ich genau mit “Ihr” meine – es steht hier als “alle außer mir” und ist als unbestimmt zu lesen)

4 thoughts on “habt ihr* ein “und dann”?”

  1. … und dann lernst du doch noch mehr menschen kennen, die ähnlich denken und fühlen wie du… die sich ähnliches fragen… und ausprobieren wollen… und dann kann man vielleicht irgendwo auch gemeinsam lernen, über „versuch und irrtum“…

  2. Also ich glaube schon dass ich ein „und dann“ habe. Das sieht so aus dass ich versuche möglichst in Strukturen zu leben in denen Hierarchien ständig hinterfragt werden können und in denen solidarisch miteinander gehandelt wird. Das ist ziemlich schwierig da all das nicht im luftleeren Raum stattfindet sondern im Kapitalismus, im Patriarchat, im Cistem. Sondern macht dass ziemlich viele Widersprüche balanciert werden müssen. All die Sachzwänge! All die Zeit die aufgewendet werden muss um den äußeren Rahmen im Bestehenden zu wahren! Nicht zuletzt der Widerspruch zwischen alldaswollen und nichtsupermenschisein. Und natürlich die bestehenden Hierarchien die sich aus Status und Selbstverständlichkeit der Raumnahme ergeben, für die die jeweils privilegierten (ich auch an meiner Stelle) oft blind sind.
    Viel davon finde ich schwierig in Onlinenetzwerken zu diskutieren, eben weil es mit der offiziellen Norm kollidiert. Hier gehe ich lieber nur Risiken ein die mich selbst betreffen, erzähle lieber nur meine Geschichten mit mir, was dann aber wieder zu einem individualisierten Politikbild führt. Es fehlt dann das „wie können wir uns miteinander organisieren um Räume zu schaffen die anders sind als das war wir kritisieren“. Und diese anderen Themen (z.B. wie solidarisch-verbindlich miteinander umgehen im Kontext von Lohnarbeit, wie tanze ich mit dem Widerspruch dass viele linke/alternative Projekte von schlecht/kaum bezahlter/prekärer Arbeit leben, wie gehe ich damit um dass mich in politischen Zusammenhängen oft dasselbe Leistungsdenken bzw. Leistungsvorraussetzungen wie in kapitalistischen Zusammenhängen ankotzt, wie gehe ich damit um dass ich so viel Zeit und Kraft in Lohnarbeit und persönliche Kämpfe stecken muss dass für anderes nicht viel übrig bleibt, wie jongliere ich gesellschaftlich geprägte Ängste die ich ja auch auf andere projiziere) fehlen mir dann leider dort, dafür habe ich sie offline ein Stück weit.
    Ich hoffe das war eine Antwort auf deine Frage und nicht zu sehr ins Off gequatscht… lieben Gruß!

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