Die Helfer_Innen und die Hilfe

Herzensangelegenheiten #2

Nur noch ein Faden ist von der Operation vor zwei Wochen übrig.
Inzwischen weiß ich, dass der Zahn, der nun keine Wurzel mehr hat, der Herz und Milz- Zahn ist. Oh Nachtigall, ick hör dir Polka tanzen.

Neben vielen Gedanken zum Herzproblem selbst, ist da inzwischen das Bewusst.sein dafür, dass dies meine, unsere, erste ernsthafte körperliche Problematik ist, die nicht von jemandem gemacht wurde.

Es ist das erste eigene, persönliche, organisch existenziell mit mir verbundene Problem in meinem Leben.

Ich habe den Satz fett gemacht. Er gefällt mir so.
Es ist ein Monolithsatz.

Es ist einer dieser Sätze von denen ich weiß, dass sie für uns wichtig sind, weil wir uns in Bezug auf all die anderen Probleme, Konflikte, Schwierigkeiten und Nöte noch nie den Raum nehmen, wie geben konnten, so wahrzunehmen, was es ist.
Ich glaube, das kennen viele Menschen: Da ist eine Schwierigkeit und eigentlich ist man von jetzt auf gleich damit beschäftigt es zu lösen. Es weg zu machen. Die Wogen zu glätten und seinen Kopf über Wasser zu halten.
Es ist phobisches Verhalten.
Zumindest ist es das bei uns.

Dabei ist es eigentlich nie die Schwierigkeit, die schwierig ist und Angst macht.
Wir haben ständig Angst vor der Angst und kriegen manchmal sogar noch Angst, wenn wir gar keine Angst haben, gerade, weil wir keine Angst haben. Schwierigkeiten sind eigentlich immer mehr eine Art Bestätigung dafür, dass die Angst richtig ist. Manchmal auch: berechtigt.
Gleichzeitig fühlt sich Angst aber natürlich schlimm an. Genauso wie Schwierigkeiten und deshalb tanzen wir ständig herum. Sind phobisch. Vermeidend.

Aber um mein Herz kann ich nicht herum tanzen. Das trag ich immer bei mir.
Im Moment denke ich oft darüber nach, wie mein Herz so in meiner Brust befestigt ist und vor sich hin pocht. Man denkt viel zu selten darüber nach, wie absurd es ist, dass in anatomischen Zeichnungen von Organen nie die Haken und Ösen zur Organbefestigung mit dargestellt sind.
In meiner Vorstellung baumelt mein Herz fröhlich an den Venen und Arterien herum, wie ein Ohrring.
Und dann muss ich an meine Eulenohrringe denken, die ich erst zwei Mal tragen konnte. Und dann denke ich daran, dass unsere gekunsteten Eulen immer Herzschnäbel und Herzfüße haben und dann habe ich wieder eine Vogelpolka vor Augen und eine weitere Idee für eine Kindergeschichte.

Und dann erzähle ich diese Geschichte nach innen und ich fühle, wie sich meine Widmung auswirkt. Es ist nötig, dass ich das so mache. Es ist wichtig dass ich mein Problem so betrachte und nicht gleich weg gebe.

Eine unserer Gemögten ist körperlich chronisch krank und ich bin gerade dankbar dafür, dass ich in ihrem Leben sein darf. So ein bisschen.
Sie versteht den Wunsch, sich nicht gleich einfach, “weil man das so macht” in die Mühlen medizinischer Deutungs- und Definitionsmacht zu begeben. Ich fühle, wie mich ihr Verständnis dazu ermutigt mich aufzumachen und meine Angst nicht gleich sofort weg zu tanzen.

Wir haben gerade den Raum zu merken, dass unser Problem nichts mit den möglichen Ursachen oder Lösungen zu tun hat. Nichts mit uns als Sein, Selbst, Geist, Seele, wie auch immer man es nennt. Und es ist groß in vielerlei Hinsicht.
Es hat Aspekte von der Größe, die die Gewalterfahrungen früher hatten. Aspekte, die ganz global überfordern und überreizen.
Es hat aber auch Aspekte von Winzigkeit, die mit dem Leben als Spielzeug des Zufalls, G’tt, der Natur, dem Lauf der Dinge zu tun haben.

Ich merke, dass das, was mir Angst macht, meine soziale Umgebung und ihr Umgang damit ist.
Unsere Therapeutin. Unsere anderen Gemögten. Die Gemochten, Bekannten, die Mediziner_innen, die hier und da unsere Wege kreuzen.
In meinen kleinen Raum, in dem ich mein Herz in die Hände nehme und zu erfassen versuche, wollen manche von ihnen gar nicht hinein. Sie klopfen lieber höflich an und sagen uns, wie wichtig ein Termin bei einer Kardiologin ist.

Übrigens gibt es in unserer Stadt genau eine Kardiologin. Eine.
In einer Gemeinschaftspraxisklinik.
In meiner Vorstellung ist sie ein Mensch, der ohne zu Zaudern mein Herz aus den Angeln rupft und es auf eine Untersuchungsplatte segeln lässt. Und dann durch gestrenge Brillengläser darüber hinweg auf mich schaut und fragt, was der ganze Glitzerkram soll.
Weil sie ja nicht weiß, dass ich es vielleicht nur mit Glitzerflausch drumrum er-tragen kann, es dort liegen zu sehen.

Weil sie mich ja nicht kennt.
Weil sie ja mit meinem ersten eigenen, persönlichen, organisch existenziell mit mir verbundenen Problem in meinem Leben gar nichts zu tun hat.

Niemand hat damit zu tun und das ist schön. Es ist ein wirklich wunderschönes Problem, wenn kein Mensch damit zu tun hat.
Es ist nur eben auch ein sehr einsames Problem.
Denn es ist meins, unseres, ganz allein.

2 thoughts on “Herzensangelegenheiten #2”

  1. Du schreibst so bildlich (gut gefällt mir die strenge Kardiologin) und in vielen Dingen kann ich deine Gedanken so gut nachvollziehen. Irgendwie braucht es eine Legitimation, dass die Angst und die Vermeidung noch immer da sind, obwohl ja alles vorbei ist. Da braucht es imer wieder Schwierigkeiten, die gerne auch selbst gesucht sind. Es kann nicht einfach alles okay sein, denn warum kontrolliert man denn ständig alles und hält sich an seine inneren rigiden Regeln? Und was wäre ohne diese Regeln – Chaos – alle Türen und Tore offen für jeden der reintrampeln will.

    Eine Schwierigkeit einfach so stehen lassen und angucken, das will ich mal probieren.

  2. Ja.
    ich glaube auch, wenn dieses Problem nicht so ein ganz und gar Neues und Fremdes wäre, könnten wir das gar nicht so stehen lassen.
    Vielleicht ist das ein Einsteigerproblem zum Stehen-lassen-und-angucken-üben
    die Profis machen sich gleich an Zwischenmenschliches oder so 😉

    Viele Grüße

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