Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?

*maunz*

“Die mauzende Katze fängt keine Mäuse”, sagt eine Stimme aus Papier in meinem Kopf und wedelt sachte raschelnd den Zeigefinger.
”Über verschüttete Milch weint man nicht.”, schiebt eine andere nach.

“Ja, aber…”, beginnt etwas über meinem Zwerchfell und verendet sofort.

Ja, ja, man muss kämpfen und Niederlagen nehmen, wie sie kommen. Ja, ja, das Leben ist kein Ponyhof und nicht mal von Ponys haben wir Ahnung.
Wir sind hier nicht bei wünsch-dir-was, sondern da, wo wünschen peinlich und dumm ist. Naiv. Irrational. Wenn man etwas will, dann muss man es sich machen. Wünschen ist was für die, die nicht anders können. Und wir sind ja niemand, der nur wünschen kann – nicht wahr?

Ja. Und: Nein. Und: Orr diese Haltung ist neoliberaler ableistischer Kackscheiß, der mit Wohlfahrtsgesellschaft, Sozialdarwinismus und Diskriminierungen jeder Art zu tun hat
[insert Zeter und Mordio – fünfhundertster Akt]

Ich erlebe uns oft in eine Position gebracht, in der die Welt als so wie sie ist, von uns nur angenommen werden müsste, damit wir uns besser fühlen.
Viele der Hilfen und Unterstützungen, die uns angeboten werden, basieren von vorne bis hinten auf diesem Ziel. Sind unpolitisch, dumpf für die Realität von Diskriminierungen und Lebensrealitäten, die dadurch entstehen.
Der Punkt, an dem das Leiden unter und an etwas beginnt, bin ich, sind wir – nicht etwa das, was den Impuls abgab, der mich und uns verletzt und leiden macht.
Denn die Welt ist ja wie sie ist. Die Welt leidet ja nicht. Die Welt hat ja kein Problem.

Denkt sie jedenfalls.
Denn ich bin, wir sind, ja da und habe_n gar nicht die Kraft, die Macht, die ganz praktischen Möglichkeiten das Gegenteil zu beweisen oder zu verdeutlichen.

In den letzten Wochen ärgere ich mich vermehrt darüber, wie einerseits an mir profitiert wird, sich erhoben bis aufgeheitert wird, weil es uns nicht gut geht und viel Unterstützung gebraucht wird und andererseits (manchmal von den gleichen Personen, manchmal aber auch von anderen) eine Kraft, Macht und viele praktische Möglichkeiten in uns hineinprojiziert werden, die gar nicht da sind.
Die, eventuell vielleicht, irgendwann, ganz am Ende, wenn wir viel Unterstützung, Förderung, ganz viele Menschen, die mit uns zusammenarbeiten möchten und können und wollen, da sind – aber jetzt noch eingefordert, gefunden, erarbeitet werden müssen – die vielleicht zu er.wünschen in uns erlaubt sein müssen – da sein oder entstehen könnten, aber jetzt einfach nichts weiter sind, als der Blick anderer Menschen auf uns und unsere Ideen drauf.

Ich, wir, verbringen viel Zeit damit, die Blicke anderer Menschen von uns runterzukratzen, damit wir wenig Anpassungsleistung aus Überlebensreflexen heraus tun. So funktioniert unser viele sein – wir überlegen uns vor einem Vorstellungsgespräch, einer Projektbesprechung, einem Bettelbesuch nicht, welches Innen dort sein könnte oder wer von uns die beste Performance leisten kann, um zu bekommen, was wir brauchen.
Wir interagieren mit den Menschen in unserem Leben in dem Bewusstsein, dass sie uns gefährlich sein können. Jeder Kontakt mit Menschen ist in uns gleichgesetzt mit Lebensgefahr und wir passen uns erlernt reflexhaft daran an.

Ja ach bu hu – ihr armen Außenstehenden, die sich nun mit den Menschen, die an uns zu Täter_Innen wurden, gleichgesetzt fühlen.
Walk in my shoes und wir sprechen uns nochmal.

Aus diesem ständigen Gefühl der Lebensbedrohung werden viele Dinge auf eine Art priorisiert, die andere Menschen nicht verstehen. Viele verstehen nicht, dass wir ein ganz bestimmtes Level von Not und Hoffen in uns bewusst haben müssen, um uns zum Beispiel dem Risiko “Psychotherapie” auszusetzen. Die Hoffnung, dass es hilfreich ist dort zu sitzen, um soweit zu erstarken, dass wir die erfahrene Gewalt verarbeiten können, muss mindestens genauso groß sein, wie die Todesangst in dem Moment, in dem die Tür des Therapieraumes hinter uns ins Schloss fällt.
Mindestens.

Wir haben mit keinem Menschen in unserem Leben zu tun, ohne, dass wir ein Gegengewicht zur Todesangst in den Händen halten, weil wir das brauchen.
Und das fehlt mir im Blick auf uns.

Und im Moment sogar sehr stark.
Ich erlebe unsere Lebensrealität schon in den Punkten, die in unserer Gesellschaft vielleicht ein bisschen sichtbarer gemacht und gehalten werden, als die Art Opferschaft, die wir erleben mussten und auch als die Art der Folgen dieser Opferschaft, mit der wir jetzt leben, nicht oft so global anerkannt, wie sie sind. Das beginnt damit, dass sich scheinbar niemand fragt, wie wir unsere Projekte denn so zu realisieren, zu finanzieren gedenken, mit Hartz 4 und einer Schuldenbelastung. Wie wir unsere Projektkompetenz denn so zu beweisen gedenken, wenn die Personenkreise, um die es geht, in aller Regel nicht einmal wissen, dass sie diskriminiert und ausgebeutet werden – wenn man etwas über Professionen weiß, selbst aber keine gleichsam anerkannte Profession nachweisen kann.
Das ist die Basis und wir haben keine. Wir verstecken keine geheime Superkraft, keine Berufsstandzugehörigkeit oder ein Riesenbudget.
Wir sind wirklich so ein Irgendwas, das irgendwie so herumschwebt und eigentlich jederzeit verschwinden kann, ohne etwas zu hinterlassen, das _ist_ .
Wir haben keinen Grund anzunehmen, dass sich das durch eine einzelne symbolhafte Tat, wie das Hoffen, dass es sich verändert, auch wirklich verändert.

Die Macht der Symbolik ist die Macht der Mächtigen. Mächtige brauchen nichts Wahrhaftes mehr zu tun. Sie brauchen nur noch so zu tun als ob. Sie brauchen nur noch irgendwo sein und vielleicht noch einen Berechtigungszettel zu haben, auf dem steht, dass sie ein Jemand und/oder ein Etwas sind.

Ich bin, wir sind nicht mächtig.
Unser (Irgend)was ist, nicht gestorben zu sein und das ist kein Verdienst oder das Ergebnis harter Arbeit, die in unserer Gesellschaft so belohnt wird.
“Überleben” ist nichts weiter als ein Wort dafür, dass jemand über etwas drüber gelebt hat. Überleben ist Alltag. Die Angst davor bzw. die Drohung es nicht zu schaffen – die Abhängigkeit von anderen Menschen, Eminenzen und nicht zuletzt auch vom Zufall, dies zu schaffen – das ist die Gewalt und das ist am Ende der Stein, der die Traumatisierung anstoßen kann.

Wir erhalten inzwischen jeden Tag mindestens eine Email, eine Nachricht und eine Ansprache, die uns erzählt, wie toll wir Dinge machen und wie mutig das ist und wie stark und und und
und haben am Ende kein Gegengewicht mehr, weil zu der allgemeinen Todesangst, eine Versagensangst dazu kommt und die Angst davor sich zu wünschen, dass etwas Wahrhaftes aus einem Miteinander entsteht.

Ich weiß nicht, ob man sich vorstellen kann, wie groß die Angst vor einem Wunsch nach Miteinander mit anderen Menschen sein kann, wenn schon jedes Neben- oder Füreinander eine Todesangst bedeutet.
Und wie furchtbar das ist, wenn man eine Lebensrealität als behinderte Person, als Hartz 4 –abhängige Person lebt, die immer immer immer und zwingend ein Füreinander bedeutet, von der das Überleben ganz konkret abhängig ist. Wie das ist, wenn es gelogen ist – eine ganz ganz ganz klare Lüge bis Diskriminierungsblindheit ist – wenn uns jemand sagt, die wahrgenommene Todesangst, wäre ausschließlich im Früher begründet und das wäre unser kleines Problem. Unsere kleine Krankheit.
Unsere kleine Macke, dass wir das tss tss tss *Kopftätschel* immer wieder so verwechseln.

Wenn Menschen so toll finden, was wir machen, warum machen sie dann nicht mit?
Warum ist es so viel leichter vorstellbar, dass wir schon jemand anderen finden werden, der uns fördern und unterstützen wird, als selbst an dem Vorhaben mitzu_wirken?

Ach ja.
Keine Zeit, keine Kraft, kein Geld, keine Ahnung… keine Macht
so wie die Rosenblätter, die das schon alles schaffen werden. Sie sind ja keine von denen, die sich nicht zu helfen wissen. Die Rosenblätter sind Macher_Innen, die kriegen das schon hin. Die sind ja nicht behindert, die sind ja nicht arm und verschuldet, die wissen ja jeden Tag wofür sie aufstehen und sind ja so wahnsinnig mutig. Die wollen ja – dann können sie auch.

203_4727Die sind ja nur Opfer gewesen und das ist ja jetzt vorbei.

Da kann man ja was machen.
Und manchmal gibt’s da sogar was von Ratiopharm.

[maunzend ab, um Milch nachzuweinen]

10 thoughts on “*maunz*”

  1. „Walk in my shoes und wir sprechen uns nochmal.“
    Ja!

    „Wie das ist, wenn es gelogen ist – eine ganz ganz ganz klare Lüge bis Diskriminierungsblindheit ist – wenn uns jemand sagt, die wahrgenommene Todesangst, wäre ausschließlich im Früher begründet und das wäre unser kleines Problem.“
    Und nochmal ganz klar: Ja!

    Wenn du kannst/ ihr könnt dann bewahrt euch bitte diese Klarheit!
    Ich versuche den Teilblick auf dich/euch, den du uns hier gewährst auch mit diesem Blickwinkel zu sehen, und nicht meine Vorstellung auf dich zu projezieren.
    Und ich schätze diese Klarheit in deinen Beiträgen sehr!

    Grüße,
    Rosenrot

  2. Ich habe mich in einigem wiedererkannt, was du beschreibst. In der ständigen Todesangst im Kontakt zu Mitmenschen beispielsweise. Manchmal habe ich kleine Inseln, winzigkurze Augenblicke, in denen ich der Überzeugung bin, dass mein Gegenüber mir nicht gefährlich werden möchte. Sekunden später kippe ich vielleicht schon hyperventilierend vom Stuhl. Aber es gibt sie – für mich – diese kurzen Augenblicke, in denen alles okay scheint. Ich hoffe es werden mehr davon, auch für euch!!

  3. (jetzt bin ich ein bisschen neidisch, dass ihr schon so Überzeugungsmomente haben könnt und wir nicht m) – aber daneben freu ich mich auch für euch, dass ihr die haben könnt. Ich denke mir, dass das viel verändert.)

  4. Ich wünsche euch von ganzem Herzen, dass auch ihr solche Momente erleben könnt. Ob es für uns viel verändert, darüber muss ich noch etwas nachdenken. Ganz klar geben solche Momente viel Kraft und auch Hoffnung, dass es sowas wie Sicherheit vielleicht auch für uns gibt.
    Aber ich denke um darüber hinaus etwas zu verändern, dafür sind diese Momente bei uns leider noch zu kurz. Aber ich denke es ist ein Anfang und auf jeden Fall sehr wertvoll!

  5. Hallo ihr Rosenblätter, hallo an alle, die diese Zeilen lesen mögen,

    ich hoffe zunächst mal, dass es in Ordnung ist, wenn ich hier so in dieser Form schreibe. Und, dass ihr es mir nicht übel nehmt, sollte ich es etwas falsch verstanden haben.

    Das, was ihr da erlebt und wahrnehmt, klingt wirklich kaum aushaltbar. Es ist schrecklich, wenn einem immer gesagt wird, wie „toll“, „stark“, „mutig“ usw. man ist und man selbst sich nur als den auf dem rückenliegenden Käfer sieht, der kurz vor dem Austrocknen steht. Und wenn selbst dieser Vergleich hinkt. Und vor allem können sich die Menschen da draußen wohl kaum vorstellen, was für ein Überlebens-Kampf der Alltag sein kann. Und wie schwer es ist, den Sinn im Leben zu finden. Irgendwann bleiben nur noch Wut, Hass, Verzweiflung und der Blick nach Innen. Und man ist doch immer Opfer, oder Täter_in oder was? Dann fühlen sich alle Projekte, Aufklärungsversuche, Vorträge, alles sich Öffnen wie Hohn an. Wenn es am Ende doch immer „nur anderen geschieht“. Wenn gelächelt wird und doch alles weiter läuft.

    Ich weiß nicht, ob ihr hören mögt, dass ich das sehr gut nachvollziehen kann. Sicherlich gibt es da immer ein „Ja, aber ….“, so wie bei der verschütteten Milch.

    „Walk in my shoes“, wer kann das schon, außer die Innen und da hat das „wir“ keine Wahl. Das lässt sich nicht herunterkratzen. Nichts mit „das kriegen wir schon hin.“

    Liebe Grüße von Jule & Co.

    P.s. Tretet mir bitte auf die Füße, wenn ich mich in die Reihe von emails einzuordnen drohe, die immer nur den Wunsch wecken, dass etwas Wahrhaftes im Miteinander entstehen könnte.

  6. Das war das I-Tüpfelchen, dass mich dazu gebracht hat, endlich zu machen, was schon länger in meinem Hinterkopf herumgeschwirrt ist. Fürs Miteinander bin ich zu weit weg und da ist zu viel Angst vor meiner Angst und deiner Angst. Aber du bekommst die Tage Post… 🙂

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