Innenansichten, Lauf der Dinge

7 tage später

Sieben Tage später habe ich drei Mal gesprochen.
Mit der Therapeutin, mit der gesetzlichen Betreuung und mit der Sprechstundenhilfe des Kieferchirurgen. Am Telefon.

Es ist keine Entscheidung von mir die Lautsprache nicht zu nutzen, es passiert einfach so an mir vorbei und funktioniert.
Inzwischen sortiere ich diese Sprachlosigkeit in den Bereich “Absorption” ein und versuche meine Zeiten entsprechend mit Sollbruchstellen auszustatten.
Ich weiß, dass ich ein bestimmtes Erregungslevel brauche, um wieder sprechen können. Wenn es um Menschen geht, die ganz sicher und auf vielen (allen) Ebenen dazu verpflichtet sind, mich nicht zu verletzen und mir zu helfen oder Ähnliches, komme ich leicht in dieses Level. Auch wenn ich den Kontakt dann nicht mehr als selbst erlebt empfinde, ist er doch möglich und das ist ein Fortschritt für mich.

In der letzten Woche haben wir nicht viel geschafft, weil das Antibiotikum, das nach der Wurzelspitzenresektion eingenommen werden muss, nicht gut vertragen wird. Ich habe an uns noch nicht festgestellt, dass Medikamente bei uns ganz unterschiedlich wirken, aber ich habe herausgefunden, dass die Neben_Wirkungen von Medikamenten uns unter Umständen so sehr stressen, dass sie sich für unterschiedliche Innens unterschiedlich anfühlen und diese sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten daran anpassen.
Ich glaube, dass dieser Stress uns gerade die Lautsprache nimmt und es so verunmöglicht zur Kunstschule zu gehen. Wir müssten dort nicht sprechen können, aber letztlich dann doch, denn es kann immer sein, dass doch irgendwas ist – vielleicht ein Krampfanfall oder irgendeine andere Not – und die Menschen dort Worte von uns brauchen.

Mal abgesehen davon, dass wir auch noch immer nicht sicher wissen, ob die Anderen (also die, die dort hingehen) überhaupt wissen, dass wir Krampfanfälle, einen 28 Jahre alten Körper, einen Hund und das Jahr 2015 haben.
Ich habe darüber nachgedacht, ob wir es nicht vielleicht einfach wagen und hingehen und gucken, was passiert. Schließlich hatte es ja auch mit dem Umschalten in den Sprechmodus geklappt, nachdem ich die Telefonnummern gewählt, bzw. die Therapeutin mich angesprochen hatte.
Letztlich traue ich mich das dann doch nicht. Kann es mich nicht einfach trauen, weil es, wenn es doch schief geht, wieder von mir allein getragen werden muss, was Kraft kostet, die ich im Moment dann doch nicht habe.

Wir haben also zu Hause gekunstet und zwar mit etwas Neuem: Linoldruck
Ein Innen war (ist) kritzig, weil wir seit diesem Vorfall nicht mehr in dem Kurs “Illustration und Druckverfahren” waren (weil ein anderes Werkstück erst noch fertig gestellt werden will) und hatte ein Einsteigerset dafür auf die Wunschliste geschrieben.
Bis jetzt hat sie zwei Platten angefertigt und offenbar macht es ihr Spaß.

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Heute ist der letzte Tag mit dem Antibiotikum.
Die Operationswunden im Mund heilen gut. Schmerzmittel brauchten wir heute keine mehr.
Es könnte sein, dass wir morgen die Absorption aus eigener Kraft wegregulieren und wieder unabhängig von äußeren Faktoren sprechen können.

Dann könnten wir uns daran machen, die Liste mit niedergelassenen Kardiolog_Innen abzutelefonieren.
Und uns H. zu widmen.
Sie wenigstens abzuholen.