DIS?, Innenansichten, Lauf der Dinge

Seelenflug

Ein dumpfer Aufprall auf das Fenster vor ihrem Schreibtisch.
Zarte helle Federn, die der Wind von der Scheibe in die Luft abträgt.

Ein Flattern unterm Unterkiefer und ein Moment aus Stein.

“War das..?”.
”Ja, mein Herz. Ich glaube, es war ein Vogel.”.

Vorn versuchen die Hände verzweifelt den Satz auf der Vortragsfolie zu beenden. Ein Geist stolpert, ein Denken an der Leine, hinter den Worten her und verliert sich in dem Sog aus Schrecken und Trauer um das Leben eines Tieres, das man zu Lebzeiten nicht gekannt hatte.

“Ich will es angucken.”, sagt sie und schnürt ihre Kinderstimme fester.
”Und dann?”, fragt er und hält sich ein Paket Suppengemüse an den Hals, um sich entlang der Eiskristalle in die Welt zurück zu hangeln.

“Und dann beerdigen natürlich.”.
Sie greift nach einer Stoffwindel und tritt aus dem Haus.
An der Häuserwand liegt das tote Tier mit dem Gesicht zum Himmel. Sie schaut nach oben und schmeckt das Wort “Seelenflug” auf ihrer Zunge.

Sie nimmt das kleine Vögelchen auf und wickelt es sachte in den Stoff. Streicht mit der Spitze des kleinen Fingers über seinen Kopf und fühlt das gebrochene Genick. “Wenigstens.”, denkt sie und weint ein bisschen vor Erleichterung.

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Sie schaut ihn sich an bis sie den Tod des Wesens so erfasst hat, dass sie ihn nach innen tragen kann.
Es ist wichtig für uns geworden zu begreifen, dass manches Sterben außerhalb von uns passiert.
Sie und ihre Art sich der Welt zu widmen, trägt dazu bei.

Er bettet den Vogel in einen Teekarton und wickelt ihn in den Stoff.
Wir begraben ihn unter einem Rosenbusch im Garten.
Vielleicht hat er ja mal dort gesessen.

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