Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Lauf der Dinge

0:30 Uhr

IMG_20140107_090507Ich sollte schlafen.
Aber.

Manche Trigger funktionieren so in mir. Sie bohren sich in meine Seele und vergiften mir mit jedem Tag mehr die Substanz in mir drin.
Viele Menschen leben mit solchen Triggern.
Viele Motivationstrainings basieren darauf.
Für viele Menschen, und ich habe mich lange auch dazu gezählt, fühlt es sich mitunter sogar belebend an, wenn der Puls unter der Haut am Hals pocht und so viel Adrenalin durch den Körper schießt, dass man aktiv ist, wie nie zuvor.

Man ist produktiv, schnell, wuchtig, direkt. In tieferen Lagen funktioniert der Charme dann noch und man macht sich sogar richtig beliebt mit seiner “Kraft” und seinem “Willen”. Seiner “Energie” und “Entschlossenheit”.
Das ist eben das Problem: Man kann den Menschen nur vor den Kopf gucken und eben nicht auf das, was ihnen im Nacken sitzt.

Angst, Erinnern, Horror sitzen in meinem Nacken und ich kann nicht einmal vor mir selbst formulieren, was das für mich bedeutet.
Genau jetzt in diesem Moment.

Ich denke, dass ich am Besten einfach immer alles alleine mache.
Niemanden brauchen, niemanden wollen.
Meine ganze (wirklich verdammt beschissene, schmerzreiche, überanstrengende) Woche wäre besser gelaufen, wenn ich nicht auf meine Mitmenschen geachtet hätte. Wenn ich nicht auf andere Menschen warten müsste. Wenn ich nie in Zusammenarbeiten mit anderen Menschen gegangen wäre.

Und meine (WIRKLICH verdammt beschissene, schmerzreiche, überanstrengende) Woche, wäre anders gelaufen, wenn ich nicht getriggert wäre. Wenn nicht ICH an diesem Puls und diesem Drang zum (Wieder gut)Machen hängen würde, sondern ein Innen, dass sich richtig lieb und freundlich in die Umstände und Lebenswelten einfügen kann.
Vielleicht hätte man so einem Innen ein schönes Purim gewünscht und gefragt: “Nanu, wieso hast du denn deine Pläne wegzufahren und es dir schön zu machen, bevor du in die nächste dich zu Tode ängstigende Woche gehst, umgeworfen?”. Mit solchen Innens hat man gern zu tun. Dann hätte das vielleicht jemand gewusst. Und dann hätte vielleicht eventuell auch jemand gefragt.

Aber ich war da.
Ich hab getan was ich konnte und es war nicht genug. Nicht genug um fertig zu werden. Nicht genug um mich zu entlasten. Nicht genug um so zu atmen, dass ich Luft bekomme. Nicht genug, dass ich wirklich gut loslassen kann. Mich beruhigen kann. Meine Füße auf dem Boden stehen lassen kann.
Ich habe gewartet, gearbeitet, gewartet, einem brüllenden Schweigen zugehört und 3 Schachteln Ibuprofen gekauft, weil ich nicht die Zeit hatte alle 2 Tage zur Apotheke zu gehen. Ich habe Termine geschoben, gedrückt und manche sind geplatzt. Es geht eben nur Eins nach dem Anderen.
Schade, dass dieser Umstand außenstehenden Menschen meistens egal ist.

Vielleicht muss immer jemand die Person sein, auf die man herabblickt. Was weiß denn ich. Mit mir gehen die Menschen schon immer um, wie sie es wollen. Man sagt mir, ich solle es nicht persönlich nehmen, wenn das Jobcenter Arbeitgebern Geld gibt, damit die mich ausbilden. Es ist aber meine Person um die es geht. Meine persönliche Würde, mein Stolz, mein Ich. Wie soll ich das denn nicht persönlich nehmen?
Man sagt mir, mein Umgang mit schwierigen Gefühlen und Gedanken, meiner Behinderung und ihren Auswirkungen, wäre dramatisiert. Andere nennen das dann “opfermäßig” und sind wütend auf mich, weil ich ihren Vorstellungen und Bildern von mir nicht entspreche. Ich nenne das den “Zwang zum profäschenell Opfertum” und frage mich einmal wieder, wieso ich überhaupt noch mit solchen Menschen Kontakt habe.

Und dann stolpere ich in die Therapiestunde und strecke die Waffen.
Manchmal denke ich, das sind die besten Therapiestunden, die ich hinkriege. Die, in denen ich irgendwo zwischen: “Wenn ich jetzt innehalte, dann ist alles aus” und “Ach, was soll’s – dann ist es eben so.” stehe und merke, dass die Therapeutin genau wie ich an einem Faden festhalten will. Und dann gibt es wieder etwas mehr Luft zum Atmen.
Die Erinnerung daran, dass es mir hilft Wasser zu trinken.

Donnerstags passt jemand auf NakNak* auf.
Wir haben die Wahl nach der Therapie nochmal für 1-2 Stunden nach Hause zu fahren und auszuruhen oder uns einen Platz zu suchen, an dem wir essen, um dann zur Kunstschule zu gehen.
Ich hab heute voll opfermäßig überdramatisiert auf einer etwa 20 Meter hohen Mauer gesessen und mein rechtes Auge zugehalten.

Ich dachte, dass ich vielleicht genau in dem Moment alles ganz klar vor mir sehe. Durch mein blindes Auge, mit dem Schmerz, dem _Schmerz_ und dem voll damit sein, auf eine Stadt in der mein Leben zerhackt und aneinandergeflickt wurde, schauend.
Ich sah den Ort an dem wir überfallen wurden. 5 Meter weiter ist heute der Eingang zur Praxis der Therapeutin.
Ich sah den Ort an dem ich monatelang immer wieder einfach so aufgetaucht bin, ohne zu wissen, wer mich warum in den Stunden davor misshandelt hatte.
Ich sah das Gebäude, das ich fast auf den Tag vor 8 Jahren als am besten geeignet zum Runterspringen eingestuft hatte.

Ich erinnere mich nicht an solche Dinge mit Cheerleaderpompons in den Händen. “Du hast so viel geschafft. Du hast so viel überlebt und bist eine Kämpferin! Nur nicht aufgeben! Das wird alles schon werden.”, sage ich mir nicht und Menschen, die mir das zu meinem Leben sagen, verletzen mich mit solchen Dingen, weil es mir die Trauer erschwert. Und die Würdigung der Folgen.

Wenn ich die Folgen der Gewalt an mir nicht würdige und als solche vertrete, dann werden alle daraus entstanden Probleme zu einem Teil des “Kampfes der Opfer um ein “neues Leben”.
Ich werde wieder zum Opfer und mein früheres Leben wird damit abgeschnitten oder zu etwas gemacht, das keinen Einfluss auf mich hat, wenn ich das nicht will. Auch mein Leben heute, verliert an Gewicht. So wird es okay, nicht auf das, was mir im Nacken sitzt, zu achten. Selbst dann, wenn ich darauf zeige und darum bitte, mich in meinem Umgang damit nicht zu behindern.

2:00 Uhr.
Ich sollte schlafen.
Es gibt nichts mehr für mich zu tun. Ich habe meine Lage benannt und erklärt. Ich habe meine Emotionen mitgeteilt und habe geäußert, was ich mir wünsche. Niemand kann etwas dafür, dass es mich ins Erinnern triggert, wenn das so wirkungslos bleibt.

2:30 Uhr.
Ja. Ich gehe jetzt schlafen.
Der Wecker klingelt um 6.

5 thoughts on “0:30 Uhr”

  1. Ich erinnere mich beim lesen des Textes an meinen Kampf, den Kampf in mir und den Kampf in einer Welt, in der ich mich oft so sehr behaupten musste, dass ich dachte, das packst Du jetzt nicht mehr, das ist mir zu viel, ich gebe auf, ich will nicht mehr.

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