DIS?, Lauf der Dinge

Hannah-Heute

dieAndereIch kann mit Worten keinen Beutel machen, in den die Gefühle hineinpassen, die in mir wühlen, wenn Menschen uns mit “Hannah (C. Rosenblatt)” ansprechen.
Es ist leicht, rund, bedeckt viele von uns, die auf der Oberfläche dieses “Ich” herumschwimmen und durch dieses Leben brocken.

Aber nicht die Anderen.
Diese eine Andere. Diese eine, die seit Dezember durch meinunser dieses Leben tobt und tut, was getan werden muss. Niemand weiß, wie sie heißt, niemand weiß, was sie so bewegt, uns immer wieder so anzutreiben und vielleicht ist das auch so unwichtig, wie sie uns immer wieder zur Antwort gibt, wenn wir sie danach fragen. Sie zuckt mit dem Kinn zur Seite, hebt eine Schulter und schiebt ein zentnerschweres ES _IST_ in den Raum, der jedes Miteinander im Keim erstickt.

Sie weiß, dass wir auch da sind. Sie weiß, was eine DIS ist, aber ob sie das verstanden hat?
Ich weiß, dass im Moment mehr oder weniger Zeit des Tages von den Anderen getragen werden. Ich weiß das und es stört mich nicht. Es gibt keine Reibung mit dem Umfeld. Niemand merkt es, niemand stört sich daran. Sie können diesen Alltag leben. Sie können ihre – unsere –  Schuldenlast, unsere K.r.ämpfe, diesen spezifischen Zustand des Erinnerns und Bewusstwerdens inmitten eines 24/7 Arbeitspensums tragen, aus.halten, unter- und nebeneinander her schieben.

Und die erwachsene 28 Jahre alte Hannah C. Rosenblatt, die wir, die wir anderen “Anderen” sind, sitzt am Abend an ihrem Laptop und weiß, wieso sie dieses Arbeitspensum, dieses Maß an Ansprechbarkeit und Reagibilität, an sozialkompatibel runtergedrückter geistig-intellektueller Beteiligung nicht kann. Sie kann es nicht, weil sie es nie musste. Sie musste das bis sie 15 war und dann ist sie aus der Welt gefallen, weil es nicht erlaubt ist durch die eigene Hand zu sterben, wenn man in diesem Alter ist.

Hannah C. Rosenblatt liest und denkt und schreibt den ganzen Tag. Sie verlässt das Haus, um den Hund zu bespaßen, zu fotografieren, einzukaufen und zur Therapie zu gehen. Sie fühlt sich wie ein Alien und ist es in aller Regel auch. Ihren IQ zu verstecken schafft sie selten. Ihre Not in ein liebreizendes ätherisches Huschfluffmädchen zu verkleiden, dem man gern eine Schnabeltasse voll Herzblut zum Troste reicht, empfindet sie als Täuschung. Sie ist einsam und leidet darunter, aber Menschen machen ihr Angst und Vermeidung ist das Allheilmittel für sie.
Sie hat ihr Viele sein mitsamt aller Implikationen als Arbeitshypothese angenommen und wartet doch bis heute auf die Differenzialdiagnosen “Asperger-Autismus” und “atypische Hirnstruktur”, weil sie ein Foto von sich als Säugling auf dem Arm eines liebevoll lächelnden Elters besitzt. Weil es bis heute so schön wäre, wenn die Nische zum allumfassenden Denkfehler genau so _ist_, wie es die Andere und ihre Sicht auf die Dinge _ist_.

Und die anderen?
Diese eine andere? Geht in die Therapiestunde, geht in die Kunstschule, macht Aktionen, wühlt in jedem ruhigen Moment nach Raum um … ich weiß nicht – sich frei zu kämpfen? Luft zum Atmen zu bekommen? Um in einen Moment zu rutschen, in dem sie so einfach _ist_, wie _ist_, was sie wahrnimmt?

Vorhin im Fotokurs, war da ein Moment in dem es um unseren Namen ging.
Der Lehrer fragte, ob er “Hannah” richtig erinnerte. Ich antwortete “Ja, ich bin Hannah.” und ich merkte, wie sehr mich dieser Name mit dem erwachsenen – meinem Hannah-Heute, meinem Leben in diesem Heute, mit all diesem ganzen ES und DAS DA drin, mit all diesem Alien sein, die Komische sein, diesem aus der Welt gefallen und notdürftig wieder drangemörtelt sein, verbindet. Wie er mich hält und trägt, mir Räume zu nutzen ermöglicht, mich selbst und mein eigenes Sein ein kleines bisschen erträglicher macht.

Und diese andere eben nicht.

2 Gedanken zu „Hannah-Heute“

  1. Ich lese Deine Texte sehr gerne. Warum eigentlich?, frage ich mich gerade. Ich denke, weil ich traumatisiert bin (Ausbruch MS vor fast 24 Jahren, als 16,5 jähriger) und sich mein Leben ab diesem Zeitpunkt in etwas verwandelt hat, das ich auch nach 15 Jahren intensiver Therapie nicht fassen kann, letztlich nicht verstehe und mit diesem unfasslichen lebe.

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