Die Helfer_Innen und die Hilfe

“fett”, “dumm”, “ungenügend”, “falsch” sind keine Gefühle

Das Video hat mich daran erinnert.
“fett” ist kein Gefühl. “dumm” ist kein Gefühl. “ungenügend” ist kein Gefühl. “falsch” ist kein Gefühl.

Das sind Zuschreibungen. Wertungen.
Und auch wenn ich sie ständig und immer, in allen möglichen Variationen im Kopf habe, sie höre, sie als Tritte, Stöße, Ziehen, Reißen, Kratzen, Brennen, Wucht und Energie in und an mir fühle, sind sie nicht von mir gemacht. Selbst wenn sie als Stimme aus mir herauskommen, meine Haut tragen und mein Leben an sich nehmen. Sie sind nicht ich.
Sie sind in mir geworden.
Weils nötig war. Weil Menschengehirne – weil Leben auf Spiegelung und Kopie beruht.

Mir ist aufgefallen, wie oft davon gesprochen wird von etwas oder jemandem getriggert zu sein. Trigger zu meiden oder einen Umgang zu finden. Immer wieder geht es um Trigger und darum bestimmte Handlungen zu unterdrücken. Zu vermeiden. Umzulenken.
Es geht nicht darum zu sagen: “Ich fühle wie damals, als eine Person, der ich mich unterlegen fühlte/von der ich abhängig war, mir sagte, ich sei fett, dumm, ungenügend, falsch, weil sie mich demütigen, abwerten, unterdrücken, brechen, verletzen, zerstören wollte.”. Es geht nicht darum zu sagen: “Ich erinnere mich an eine Gewalterfahrung.” oder “Diese Situation, unser gemeinsamer (sozialer) Kontext erinnert mich an eine Gewalterfahrung.”.
Es geht um Trigger_reize und darum das Framing dieses Begriffes zur Abstraktion von Gewalt und ihren Folgen zu miss-ge-brauchen.

Was ein Trigger ist, ist schnell erklärt und jede – wirklich jede Person versteht das Reiz-Reaktionskonzept “Trigger”.
Aber wird es auch begriffen? Wird mit der Erklärung des Begriffs – der Bewortung eines Vorganges, begriffen, dass es um die Folge eines An- und Eingriffs in das gesamte Denken und Werten bezüglich jeder Regung innerhalb eines Individuums geht?
Nein.

Oft passiert es sogar, dass eine Spaltung aufgeht, was ein “echter Trigger” sei und was “ein irgendwie anderes Dings”.
So gibt es die Idee, dass ein echter Trigger direkt zum Flashback oder zum dissoziativem Symptom führt und alles andere einfach schon immer so sei und vielleicht bei jedem sogar gleich. Denn schließlich fühlt sich ja heutzutage jede x-te Person “fett”, “dumm”, “ungenügend”, “falsch”.
Obwohl genauso jede Person wissen kann, dass das keine Gefühle sind.

Aber wie oft setzt man sich schon hin und denkt darüber nach, wie man sich eigentlich fühlt?
Wann kann man sich Gefühle eigentlich erlauben?
Wann kann man seine Gefühle ertragen oder aushalten?

Sicher nicht, wenn man glauben muss, man sei fett, dumm, ungenügend und falsch.
Ganz sicher nicht, wenn man andere Zuschreibungen nicht gleichsam wahrnehmen darf. Und ganz sicher nicht, wenn man sie sich nicht einmal zu erlauben überlegen können darf.
Weil man auf den “richtigen Trigger” warten muss, bis das zu etwas werden darf, das man als nicht von sich kommend markieren kann.
Weil es eine neue Machtinstanz* mit eigener Sprache erlaubt.
Nicht etwa man selbst.

 

*hier: die Psychotherapie/Psychologie als Wissensmacht ergo Gewalt

5 thoughts on ““fett”, “dumm”, “ungenügend”, “falsch” sind keine Gefühle”

  1. hm… ich frag mich hier, wen du eigentlich meinst, wenn du schreibst „Mir ist aufgefallen, wie oft davon gesprochen wird von etwas oder jemandem getriggert zu sein. Trigger zu meiden oder einen Umgang zu finden. Immer wieder geht es um Trigger (…)“ und „Oft passiert es sogar, dass eine Spaltung aufgeht, was ein “echter Trigger” sei und was “ein irgendwie anderes Dings”.
    So gibt es die Idee, dass ein echter Trigger (…)“-
    ist das auf euch bezogen (also dass es bei euch oft passiert), oder in welchem zusammenhang begegnet dir das?

  2. Ich erlebe das recht oft im Kontakt mit Menschen, die ihre eigene Traumatisierung sehen, aber noch nicht annehmen (sich erlauben) können (wollen).
    Da sind dann Trigger, wie Worte, Gerüche, Geräusche, die direkt zum Flashback, Switch, dissoziativen Erlebenweisen führen „echt“, aber so soziale Rollen oder Situationen, die dazu führen, dass (alte, oktroyierte) Überzeugungen (innere Wahrheiten, die mal Täter_innenwahrheiten waren), gelten dann nicht mehr als „echt“.

    In der Auseinandersetzung geht es dann oft darum „wie vermeidet man Trigger(reiz) AB ohne, dass es jemand merkt?“ oder „was kann man machen (außer sich dem Trauma zu widmen (oder Gewalt als solche zu betrachten und als wahrhaftig anzuerkennen) ) damit der Trigger(reiz) nicht mehr so greift?“

    Also ich meine keine spezielle Person damit. Eher Personengruppen, die sich zwar damit auseinandersetzen (oder auch einfach nur mit diesen Wörtern um sich werfen, um irgendwas auszudrücken, was dem was sie darunter verstehen (vermeintlich) nahe kommt) , es aber auf eine Art tun, die die Auseinandersetzung mit Gewalt und ihren Folgen als solche zu begreifen vermeidet.

  3. okay, verstehe. Trigger als Auslösereize zu analysieren und verhaltenstherapeutisch „umzukonditionieren“ kann ein erster Weg sein, mit Traumafolgen umzugehen, bzw. wieder mehr Kontrolle über das eigene Leben zu erlangen. Wenn es aber in dieser Oberfläche „stecken bleibt“, schwelt die zugrundeliegende Traumatisierung weiter, bzw. bleibt die dahinterliegende Gewalt unangesprochen und vor allem un-transformiert…

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