Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten

K.r.ämpfe

Es ist eine Autoritätsperson, die ihr etwas beibringen soll.
Sie möchte das. Fragt an dem Kloß im Hals vorbei. Wird losgeschickt. Ohne Zielangabe. Um der Erfahrung Willen. Natürlich. Wozu auch sagen, was auf sie zu kommt? Wozu auch vorbereiten – das Leben fragt auch nicht.
Die schwarze klebrige Farbe schwemmt Ekel hoch. Sie soll sie auf der Platte verteilen, mit Gaze in die Rillen drücken und vom Rest abwischen. Sie reibt und schiebt gegen das Erbrechen an. Ist still, wie die Jugendlichen um sie herum.
Es redet ein Junge im Kumpelton. Unter Kumpels ekelhaftes Zeugs anfassen, nicht wissen worum es geht – irgendwo wird nach Wörtern gejagt, um Luft gekämpft.
“Oh G’tt heute wurde so viel um irgendwas zum Festhalten, um Klarheit, um ein Später gekämpft.”. Die Welten krachen kreischend ineinander.

Es wird immer mehr ekelerregende klebrige Schwärze. Sie schaut hoch. Sieht in ein leeres Gesicht, das sie betrachtet. Erschrickt. Macht ihr verqueres Lächelgesicht. Reibt weiter. Die Autorität guckt. “Ich glaub, ich hab zu viel Farbe genommen – kann ich was tun, um…?” – “Ja ist gut, dass du zuviel genommen hast- das ist ne Erfahrung. Ohne gehts nicht.” umgeht er ihre Frage. Sie reibt. Kann sich wieder nicht durchsetzen.
Der Lehrer geht durch den Raum und redet von der Wichtigkeit von Fehlern. Alle wissen, dass es um sie geht. Niemand sagt etwas. Niemand sagt ihr etwas.

Sie steht auf. Sucht den Wasserhahn. Er steht vor ihr, breitet die Arme aus, versperrt ihr den Weg. “Nee jetzt nich Hände waschen, mach doch weiter – das ist doch…”

“Ja blöd ist das. Total blöd. So blöd. Ich bin so blöd. Ja ich bin so blöd. Ich bin so blöd, dass ich dachte, du bringst mir was bei. Ich bin so blöd. Wieso bin ich immer so blöd. Wieso gehe ich auch hier hin?”. Sie sagt: “N… kann nich.”.
Im Inmitten hat es zu schreien angefangen. Ein erster Krampf in der linken Hand bahnt sich seinen Weg.

Sie zieht sich an. Zittert, haspelt, stolpert mit ihren Lauten durch den Raum. Will was sagen und kann nur wurtscheln. Ein Kumpeljunge lacht. Ein zweiter stimmt ein. Kein Beistand. Keine Beruhigung. Kein Raum. Keine Luft. “Wieso bin ich so blöd Wieso bin ich immer so blöd Wieso bin ich hier hingegangen Wieso hab ich was gesagt”

Ein Zucken, das im Krampf endet. Lichtblitze. Rauschen im Kopf.
Wieso bin ich so blöd Ich habe vergessen, nach einem ruhigen Raum zu fragen Ich habe vergessen, mir einen Notfallkontakt unter den Lehrer_Innen zu besorgen Ich habe vergessen, mir ein Netz für solche Fälle zu machen Ich habe vergessen, nicht nur okay gefunden werden zu wollen

Ich habe vergessen, jemandem von meiner Behinderung zu erzählen
Ich habe vergessen mein Lernumfeld barrierenärmer für mich zu machen
Ich wollte hier nichts von “diesem DAS DA” haben

und liege kurze Zeit später auf dem Boden eines stinkenden Schulkos.
Hoffe, dass niemand – keines der gefühlten tausend Kinder und Jugendlichen, die im Schulgebäude herumlaufen – reinkommt und mich so sieht.

Ich weine ein bisschen, schaue der anderen beim Erdungstwittern zu, bemerke, wie andere überlegen, ob sie einfach in einen anderen Kurs gehen. Höre Gedanken zu einem Projekt, zu einer Gemochten, die wie ein weißes Rauschen schon den ganzen Tag begleiten. Das Inmitten ist still. Weint statt mir weiter. In meinem Innen herrscht Ebbe mit Springsinflut.
Die Erde dreht sich weiter.
Das unwillkürliche Zucken bleibt.
“Ich muss endlich einen Termin bei diesem special Neurologen machen”, raunzt es neben mir. Jemand wechselt Strumpfhose und Unterwäsche. Tastet den Kopf ab. Es ist so eine erbärmliche Krisenroutine. Oder erbarmungswürdig. So richtig weiß ich nicht, was ich dazu fühle.

Der Lehrer ist so einer, der sich vielleicht entschuldigt, aber nicht nachfragt, was schwierig ist. Er ist einer, der gesagt bekommen will und nicht begreift, was für ein Umfeld manches zu Sagendes braucht. Vielleicht lieber von Empfindlich- und Befindlichkeiten ausgeht, als von echten, komplexen Problemen, die auch irgendwie mit ihm, seiner sozialen Rolle, seinem Status zu tun haben, obwohl es mein Körper, mein Gehirn, mein einfach von Traumata schief und krumm verwurschteltes Ich ist, das quer schießt.

Als ich nach Hause gehe, höre ich Jugendliche einander “voll behindert” an den Kopf werfen.

Die Welt guckt komisch und die Erde dreht sich weiter.
Und heute nachittag werde ich ein Gespräch einleiten mit “Es tut mir leid, dass ich gestern aus dem Kontakt gegangen bin. Ich hätte dir sagen müssen, dass …”

Nichtbehinderte Menschen finden es meistens geil, wenn die Menschen, die Rücksicht auf ihre Behinderungen einfordern, so reden, als hätten sie eigentlich überhaupt nichts damit zu tun.
Als wären sie kein Teil der Barrieren.
Kein Teil des Lebens mit Behinderung eines anderen Menschen.

Sie finden es geil, wenn die Leute, die ein Problem haben, sich alleine drum kümmern. Sie finden es geil, weil sie dann denken können “Ach, dieses Inklusionsding ist ja total einfach.”. Sie findens geil, wenn sie nichts weiter wissen müssen. Sie findens geil, wenn die Behinderung etwas ist, was sie nicht stört.
Eigentlich wollen die meisten nur wissen, was sie potenziell stören könnte an meiner Behinderung.
Sie wissen ja nicht, dass ich weiß, dass ihnen das Herz einmal durchs Hosenbein rutscht, wenn ich irgendwo nahe einer der Altbautreppen hinfalle und einen Krampfanfall habe. Sie wissen ja nicht, wie das ist, kleinen Kindern zu erklären, “was die Frau da hatte”. Sie wissen ja nicht, wie mich Sanitäter_Innen und so ein Massenauflauf nach einem Anfall nur noch mehr stresst und meine Sprache ganz weg geht. Sie haben ja keine Vorstellung davon, was für eine innere Hölle Krankenhäuser in mir aufmachen. Sie wissen ja nicht, dass ich kein flexibles Notfallnetz mehr habe.

Beziehungsweise: Ich weiß, dass ich nicht davon ausgehen kann, dass sie es wissen.
Die Mehrheit der Menschen lebt eben nicht mit dissoziativen Krampfanfällen nach komplexer Traumatisierung.

Die Mehrheit kann einfach mal losziehen und ihre Erfahrungen machen.

13 thoughts on “K.r.ämpfe”

  1. Rennt bei mir gerade mehrere Türen gleichzeitig ein…

    Die ‚Mehrheit‘, die „kann“ sollte gerade deshalb „wissen“! Um ihr Privileg (das sie meist nicht mal als solches wahrnehmen) und um das Leben über ihren eigenen Tellerrand hinaus…

    Nachdenkliche Grüße von einer Ronsenrot,
    die dich sieht, liest und hört (auch wenns nur Bruchstücke sind) und dankbar dafür ist.

  2. Es tut mir leid, dass dir das passiert ist. Gib deinen Traum nicht auf. Du warst am 10. noch so euphorisch, lass dich nicht aus der Bahn werfen. Ich wünsch dir viel Kraft…

  3. Ich hoffe, ich trete Dir/Euch damit nicht zu nahe, aber ich hätte eine Frage: Wäre es vielleicht besser gewesen, wenn der Lehrer ganz sachlich/neutral erklärt hätte, was schief gelaufen ist und wie Du das in Zukunft vermeiden könntest?

    Der Grund meiner Frage: In letzter Zeit gebe ich immer mehr Vertretungsstunden für eine hiesige Tanzlehrerin. Ich bin keine ausgebildete Tanzlehrerin, deshalb bin ich oft unsicher, wenn ich korrigieren und Fehler ansprechen muss. De facto habe ich Angst, Leute in ihrer Entwicklung zu blockieren.

  4. Und auch nicht will – das Gespräch mit dem Leiter des Bereichs lief ganz klar in die Richtung: „deine Behinderung = dein Problem – mach keine Sache ‚draus “
    Aber man ist ja sooo offen und weit – tja. Bis an den Rand des Tellers auf dem man sich wähnt.

  5. Ach, wegen sowas hören wir nicht auf dort hinzugehen. Aber es schmälert den Raum, dort zu sein und macht klar, dass man dort alleine ist, wenn es einem mal nicht gut geht.
    Und das ist schade.

  6. Ja, ich glaube schon, dass es auf jeden Fall etwas gebracht hätte, wenn er meine Äußerungen beachtet und beantwortet hätte. Dann hätte ich ja merken können, dass es ein Verhältnis auf Augenhöhe ist. Das hätte mir geholfen den Trigger selbstständnig zu erkennen und mich runterzuregeln. So kam ja nur eins nach dem anderen und war dann alles so blöd, dass ich nicht mal mehr um Hilfe bitten konnte.

    Um Fragegrund: Wenn du korrigieren musst (oder den Anlass dazu siehst): machs – die Lehrerin vertraut in dein Auge und dein Können – die Schüler_Innen auch.
    Wichtig finde ich bei sowas halt immer Klarheit. Auf Fehler kann man ja aufmerksam machen, auch ohne darüber gleich eine Machtkluft aufzureißen. Wenn Fehler einfach nur Fehler sind und ein Umgang damit, einfach ein möglicher Umgang, dann ist es ein gutes Lernverhältnis (zumindest für mich)
    Ich glaube, gute Entwicklung hängen nicht davon ab, dass man seine Kritiken so „gut wegsteckt“, dass niemand sieht, was sie bewirken und auch nicht davon wie viele Fehler einem wie lange passieren. Ich denke lernen ist, wie man Fehler nutzen kann. Wenn Fehler ein Gebrauchsgegenstand sind, wie jetzt bei dir das Tanzen oder hier bei uns das Kunst machen, dann sind es die richtigen Fehler.
    Wenn sie nur so ein Statusding sind, können sie weg. Solche Fehler blockieren am Ende.

    (Ich hoffe, das waren jetzt zu viele 2Cents?)

    Viele Grüße!

  7. *autsch* >.< Bei sowas rumort bei mir ja gleich so n richtiger Wutknoten im Inneren.
    Aber ja, die Erfahrung mache ich leider auch gerade – und das in einem Bereich in dem Offenheit und über den Tellerrand schauen auch noch gelehrt wird. Doppelmoral die zum Himmel schreit.

  8. Liebe Hannah C. Rosenblatt,
    Ich habe so viele Gedanken zu ihren Zeilen und doch fehlen mir die Worte. Sie haben so viele Dinge angesprochen so viele Gedanken angeregt.

    Die täglich routinierte miesere der Kontrolle nach dem „bin ich noch vollständig, ist noch alles dran an mir“ kommt mir bekannt vor…. ich kann da sehr mit ihnen fühlen… aber das ist es eigentlich nicht so direkt was ich ihnen gerne schreiben mag.

    Ihre Zeilen haben mich auch berührt weil sie so kleine Eckdetails ansprechen. Da sind sie als kleine Person, geduckt unter dem Lehrer der das A und O ist, der, der Macher der Schule ist. Der jeden unter sich sehen mag als seinen kleinen (dümmlichen) Schüler und dabei übersehen die Bildungsmenschen doch, dass nicht alle Schüler klein sind, damit meine ich. So mein empfinden, übersehen sie gerne auch, dass sie schon fertige (mehr oder weniger) erwachsene Menschen vor sich haben. Keine Heranwachsenden mehr, denen man noch so viel mehr mitgeben und anlernen müsste. Denen man aber so denke ich, anders begegnet im Schulalltag.
    Menschen die schon sich selbst finden, und ihren Weg für sich gehen, die man weniger Anleiten als Begleiten müsste, so schätze ich sie ein. Und das denke ich ist ihrem Lehrer weniger bewusst.
    Ich vermute (hoffe ich darf) dass der Lehrer da ganz viele alte Knöpfe mit gedrückt hat, so alte Sachen die da mitschwingen. Der Lehrer wird sicher weniger aus seiner Alltags Gewohnheitsrolle heraustreten können. Er steckt da vermutlich schon so lange drinnen. Aber Sie liebe Hannah C. Rosenblatt sie können aus den evtl. alten Schulrollen fallen. Ich denke das dürfen sie auch um für sich nicht mehr unter dem allwissendem Lehrer zu stehen. Sie denke ich machen da einen Kurs für sich und können Dinge mitnehmen und das allein für sie. Ich habe unter ähnliche anderen Umständen, wo auch ich klein war unter der Autorität, begonnen zu schauen, warum das so ist. Warum ich immer wieder so klein werde und dann beginne ich auch immer wieder von neuem zu begreifen, dass ich das nicht sein muss. Das ich mich nicht dazu machen lassen muss….ich habe auch beobachtet das manche Lehrer die Wissenslexika in ihrem Fach sind, aber alles andere ist ihnen Fremd, sie haben ein beschränktes Sichtfeld und sehen nur ihre, in dem Fall Kunst. Dabei ist das faszinierende am Leben doch die Verbindungen der verschiedenen Dinge, eben das weiter schauen und alles nutzen was man in die Hände bekommt.
    Das ist vielleicht etwas schwierig ausgedrückt.
    Was ich eigentlich sagen mag, in Bezug auf die Autoritäre Sache; lassen sie sich nicht in (vielleicht) alte Nischen drängen, treten sie hinaus und der Autorität gegenüber, denn auch diese Menschen können manchmal etwas von ihren Schülern lernen, aber vielleicht müssen sie dazu erkennen das auch sie Fehler machen. Tja niemand ist unfehlbar…und nur die wenigsten können mit wirklichen Fehlern umgehen. Und wenn die Menschen mit eigenen Fehlern nicht umgehen können suchen sie andere Menschen um auf sie zu zeigen. Und auf die, die dann gezeigt wird sind dann leider zu oft die, die in den Augen derer und andere irgendwas scheinbar haben, dass sie schwächer wirken lässt. Weiß auch nicht, jetzt sind mir die Gedanken abhanden gekommen- bin gerade etwas durcheinander, Vielleicht hat der Lehrer im Nachhinein für sich auch gemerkt, dass etwas nicht gut war, dass es ihnen schlecht ging. Vielleicht braucht er auch erst mal Momente um Revue passieren zu lassen und an sich und seinem Umgang zu zweifeln. Wer weiß. ja wer weiß…

    Sie sind und das ist mein Eindruck, wirklich alles anderes als „blöd“. (Nur mal nebenbeibemerkt) Sie sind Mutig, unter Menschen zu gehen, in Gruppen zu gehen und dabei zu vergessen, dass man anders ist. Ich weiß nicht mir kam der der Gedanke nach einem starken Wunsch, den anderen ebenbürtig sein, ähnlich sein, nicht aufzufallen… fast nach außen normal sein…und in der alltäglichen komplexen Normalität fällt man dann doch wieder und bemerkt, dass die Menschen verschieden sind und man selbst noch irgendwie scheinbar von einem anderen Stern zu kommen scheint….wer weiß…die Welt ist groß…

    Ich habe auch den Rest der ihren Zeilen gelesen, bin nur zu zerstreut und kann da keine Worte finden.
    Wie gesagt die ihren Worte geben mir viele Gedanken.

    Ehe ich ihnen hier noch einen Roman verfasse, möchte ich ihnen nur schreiben. Nur Mut- Keine Panik. Ein Gedanke der mir auch manchmal hilft ist…ich kenne das, es geht vorbei…es geht weiter…

    alles liebe und gute und verzeihen sie der vielen Worte…

  9. Danke Dir. Dass ich korrigieren muss, ist klar. Ich arbeite leider noch am „wie“. Aber das kriege ich hoffentlich auch noch hin.

Kommentare sind geschlossen.