Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge, OEG- ein Drama in X- Akten

der Hashtag-Rant

Schlaglicht, #ThereIsNoPerfectVictim und ganz viel Wut im Bauch

In der letzten Zeit lese ich immer wieder Tweets, in denen sich Bystander und Verbündete, Unterstützer_Innen und auch Personen, die selbst zu Opfern wurden, dafür aussprechen, Personen, die zu Opfern wurden, doch bitte mehr Verständnis und Empathie entgegen zu bringen. “Bitte seid doch mal lieb zu den Opfern! Hört doch mal auf die Opfer immer noch weiter fertig zu machen.”
Ich weiß nicht, in was für einer Welt diese Menschen leben. Vielleicht liegts auch nicht daran, dass da eine andere Lebensrealität gelebt wird, sondern einfach mal die Lebensrealität von Personen, die zu Opfern wurden, zu erfassen nie als Forderung formuliert wird. Es wird immer wieder “bitte bitte” gemacht – immer wieder in eine Masse hineingebeten, die einem Bitten erst dann nachkommt, wenn sie die direkte Eigenbeteiligung begreift.

Der Hashtag dreht sich um rape culture/ Gewaltkultur bzw. das Ergebnis ebendieser, dass eine Person, die zum Opfer wurde, sich im Grunde nie “richtig” verhalten kann, um in seiner erfahrenen (von der Person so definierten) Opferschaft anerkannt zu werden. Much Erkenntnis. Guten Morgen.
Doch die Frage, warum es die Anerkennung durch andere Personen braucht, um sich als Opfer anerkannt zu sehen – warum es erneut eine Definition des eigenen Status als Opfer (zum Zeitpunkt XY) durch eine andere Person oder auch durch einen Rechtsspruch braucht, bleibt weiterhin unangetastet.

Gewalt wird erneut zu einem (einzelnen) Vorfall innerhalb eines isolierten sozialen Raumes gemacht, nämlich der persönlichen Lebenserfahrung einer Person, die einzig durch die Bewortung mit dem Begriff “Opferschaft”, als tatsächlich – als wahr-haft gelten kann.
Unter dem Hashtag wird auch perpetuiert, dass diese Bewortung alles gut machen würde. Ein Rechtsspruch, einmal Gewalterfahrung anerkannt und alles ist gut. Oder auch, dass Empathie und Verständnis für das Verhalten von Personen, die zu Opfern wurden, alles leichter oder besser oder einfacher machen würde.

Sicherlich würden sich viele Personen, die gerade vor ihren abgelehnten Opferentschädigungsanträgen sitzen, die sie vor bis zu 10 Jahren stellten und erst nach unzähligen entwürdigenden Befragungen und Begutachtungen, erhalten haben, besser fühlen, wenn auch nur eine einzige Person auf der Welt sagt: “Das ist echt scheiße und es tut mir leid, dass dir das passiert ist.”
Aber als Person, die zum Opfer wurde und eine ganz spezifische Lebensrealität hat, die von einer anderen Person ver.schuld.et wurde, wird sie damit nicht anerkannt.
Von Verständnis kann man keine Schlafstörungen, keine Depression, keine Suchtrisiken, keine verdammte posttraumatische Belastung, kein einziges soziales Stigma, das mit dem, was wir “sexualisierte Gewalt” nennen, einhergeht, los werden, überwinden, wegmachen.

Es ist scheiß egal, ob man als Opfer irgendwo anerkannt ist oder nicht – man hat immer immer immer das Recht darauf respektvoll, empathisch, verständnisvoll und achtsam behandelt zu werden. Immer. Egal, welche Lebenserfahrungen man gemacht hat, egal welche Unrechte und Gewalten in seinem Leben wüten oder gewütet haben.
Als Opferschaft ist ein Zustand zu betrachten – keine Identität, kein Sein.

Vielleicht bin ich inzwischen so sehr im emanzipatorischen Stoff und Denken drin, dass die Wichtigkeit von Anerkennung meiner Gewalterfahrungen durch andere Menschen inzwischen weniger die Relevanz hat, als sie das vor vielleicht 7/8 Jahren hatte. Vielleicht habe ich aber auch einfach das “Bitte Bitte-machen – Spiel” mit unserer Gesellschaft schon zu oft durchgespielt.

Mich macht dieser Hashtag so wütend, weil ich nicht mehr traurig sein kann.
Weil ich einfach nicht mehr darüber weinen kann, dass es keine einzige Sichtbarkeitsbemühung für die Lebensrealitäten von Personen, die zu Opfern wurden, schafft, Opferschaft zu definieren. Weil Mythen verfestigt und nicht gleichsam breit aufgeklärt werden. Weil die Frage danach, wie man einen Alltag miteinander gestalten muss, damit Personen, die zu Opfern wurden, nicht für immer auch Opfer bleiben, ungestellt bleibt. Weil Strafen, Justiz und Wahrheitsansprüche in den Vordergrund gerückt werden, als wären dies die einzig wichtigen Schritte für Personen nach Gewalterfahrungen.

Für mich gibt es keine und wird es auch nie nie nie nie
verdammt nochmal NIEMALS diese eine Gerechtigkeit geben, wie sie unter diesem Hashtag und in so vielen vergleichbaren Aktionen angestrebt wird. Ich und so viele andere Menschen, die als Kinder misshandelt wurden und erst als Erwachsene Worte dafür finden; so viele Menschen, die durch Kriegsverbrechen und alles, was diese für ihre Leben bedeuten, verletzt wurden; so viele Menschen, die gar nicht wissen (und vielleicht bis sie sterben nicht bewusst bekommen können), dass sie “die Opfer” sind von denen hier und da mal in einer Aktion gesprochen wird …
wir leben ein Leben, in dem wir unter Umständen erfahren, dass uns auch dann, wenn uns geglaubt wird, nicht geholfen, nichts entschädigt, nichts wieder gut gemacht wird.

Fragt doch mal die ehemaligen Schüler_Innen der Odenwaldschule, die Menschen, die auf die Misshandlung in verschiedenen kirchlichen Gemeinden aufmerksam gemacht haben; die Menschen, die früher in Kinderheimen untergebracht wurden;, die Menschen, die uns heute als “Holocaust-Überlebende” aus den Zeitungen anschauen, die Menschen, die als “Opfer von Menschenhandel”, als Geflüchtete,
als Hartz 4 – Abhängige in neongelben Fluren von Behörden jeder Stadt auf Zettel warten – geht doch endlich mal da hin und hört zu, worum es eigentlich geht.
Die Masse dieser Menschen sitzt gar nicht da und sagt: “Wenn mir doch nur endlich jemand glaubte…” – die sagt: “Ach, wenn mir doch DIE RICHTIGEN glauben würden…” und das ist ein Unterschied. Das ist der Unterschied, der, weil er politisch ist, so selten auch wirklich gemacht wird.
Weil er so politisch ist, dass er klar macht, dass es auch bei dem was wir „Politik“ nennen, wieder um Gewalt und Opferschaft geht.

Natürlich können wir uns die grauen Wintermonate damit vertreiben einander unser Leid mitzuteilen und dabei auch laut werden. Alles echt kein Thema. Ich finde es gut, wenn Menschen, die zu Opfern wurden, laut werden, sich schwer und sichtbar machen.
Nur diese Reinszenierung der absoluten Abhängigkeit von einer äußeren Definition braucht es nicht, um mit Menschen, die zu Opfern wurden, respektvoll, achtsam, empathisch und wertschätzend umzugehen.
Es braucht eine Bewegung, die diesen Umgang als so wichtig und nötig markiert, wie er für alle Menschen von der Wiege bis zu Bahre immer immer immer – egal was auf dem Weg dazwischen passiert – wichtig und nötig ist.

4 thoughts on “der Hashtag-Rant”

  1. Ja, es stimmt, man kann sich besser fühlen, wenn mit-gefühlt wird und Menschen wider-spiegeln, was man selbst spürt (oder vielleicht noch nicht spüren kann). Politische Veränderung geschieht dadurch nicht sofort. Trotzdem bin ich froh über Solidarität, bzw. die Bereitschaft, sich eine „fremde“ Lebensrealität anzuschauen (wenn das wirklich ehrlich passiert) und den Blick über den eigenen Tellerrand zuzulassen. Anerkennung (und anschließende Konsequenzen!) braucht es trotzdem und vor allem von den zugehörigen, offiziellen Stellen (Justiz, Politik…)- und davon sind wir* noch meilenweit entfernt. Leider. Es stellt sich mir die Frage, wer wo eigentlich noch lauter (oder einprägsamer?) werden muss? Ärgerlich und dramatisch, dass sich manche Themen einfach totdiskutieren, ohne dass eine wirkliche Veränderung stattfindet.

  2. Eben.
    Ich denke, dass es die Forderung danach braucht, sich direkt mit den Menschen zu befassen und ihre Lebensrealität wahrzunehmen, statt einfach pauschal immer wieder um Verständnis und Co zu bitten bzw. das zu fordern. Das ist doch Quark und führt ja letztlich auch nur dazu, dass sich dann halt sowas herausbildet, wie der Mythos, welches Opfer wann wie wo (und womit) gehört werden darf.
    Der Hashtag hatte ja zum Anlass, das Aktivist_innen nicht geglaubt wurde, obwohl sie sehr offen mit ihrer Gewalterfahrung umgegangen sind UND es Beweise gab UND und und allles, wo man denkt: „Ja, was denn noch?!“
    und da geht für mich einfach an: „Ja- für die Stellen, auf die es an der Stelle ankommt, war es halt eben nicht offen, eben nicht auch nötig, sich zu widmen.

    Und ja sorry, diese Stellen, lesen halt auch keine Hashtags.“

    Ich denke mir, dass wir ehrlich eine Bewegung braucht in der es normal ist Tellerränder unnormal zu finden. Irgendwie jedenfalls.

    Viele Grüße an euch!

  3. Liebe Hannah C. Rosenblatt
    ihre Zeilen haben mich sehr bewegt, vielen Dank.

    Ihre Worte haben mich so tief berührt weil sie ausgesprochen haben, was zwischen Menschen, (egal wo sie leben, wer sie sind, was sie erlebten…) eigentlich im gemeinsamen Umgang da sein müsste. Meine damit das jeder vom Gegenüber diese Grundwerte (er)lebbar und fühlbar machen sollten. Doch das was eigentlich (wie) Selbstverständlich sein könnte/ sollte, ist scheinbar heutzutage so sehr verloren gegangen, das macht mich (immer wieder) sehr traurig.

  4. Hi
    Ich kann dir nur zustimmen ich kenne einige Menschen die mit mir mitgefühlt haben aber es hat mir nicht wirklich geholfen ich hatte deswegen trotzdem keine Therapie oder andere Hilfen ich finde es btaucht generell mehr Menscglichkeit und das kann mit Hashtag nicht erreicht werden
    Kg Eilanah

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